15. März 2017 Lesezeit: ~ 7 Minuten

Ich bin farbenblind. Und Fotograf.

Ich habe noch nie versucht, dies in Worte zu fassen, aber jetzt ist es soweit: Ich bin farbenblind. Und ich bin Fotograf. In meinem speziellen Fall und bei der Mehrheit derer, die „farblich herausgefordert“ sind, bedeutet farbenblind eigentlich nicht, dass wir Farben nicht sehen können. Ohne Deine Augen und Dein Gehirn für eine Weile zu übernehmen und zu vergleichen, was wir jeweils sehen, denke ich zumindest nicht, dass dies der Fall ist.

Technisch gesehen habe ich eine Farbschwäche, was bedeutet, dass meine Augen und mein Gehirn Dinge anders interpretieren als bei „normalen“ Menschen. Mir fehlt die Fähigkeit, das volle Spektrum der Farben zu interpretieren und ganz oft verwirren mich Farbtöne, die sehr eng beieinander liegen. Meine besondere Art von Farbblindheit wurde als „starke Protanopie“ diagnostiziert und anscheinend kann ich nur 5 bis 10 % der Farbnuancen unterscheiden, die Menschen ohne Farbschwäche sehen.

Der einfachste Weg für mich, das zu erklären, ist, es damit zu vergleichen, dass mir einfach die Namen vieler Farbschattierungen nicht beigebracht wurden. Ich kann leicht Himmelblau darstellen, wenn es eine feste Farbe ist. Ich kann Grüntöne auswählen, die dem Gras sehr ähnlich sind, wenn sie kein Mischmasch anderer Grüntöne sind (oder Gelbtöne, die technisch eigentlich Grüntöne sind, wie ich jedes Mal feststelle, wenn ich in Photoshop oder Lightroom die Sättigung in bestimmten Bereichen ändere.) Ich kann auch leicht Schattierungen von Gelb ausmachen, wie Kanariengelb oder Töne, die der Sonne ähnlich sind. Und ich weiß, dass Feuerwehrautos rot sind.

Aber dann kommt der Punkt, an dem die Sache wirklich kompliziert wird: Wenn sich viele dieser Farben in einer Szene vermischen, wenn Variationen dieser Farben dazu kommen und verschiedene Schattierungen erzeugen, wenn etwas Cyan, Magenta oder Pink (welche Farben das auch immer sind und warum die Welt sie braucht) auftauchen, dann haben wir einfach nur Verwirrung, die für mich keinen Sinn ergibt.

Hafenstadt

Fragt mich bitte gar nicht erst, welche Farben welche in diesem Bild sind. Alles was ich weiß, ist, dass es bunt und schön ist. Und das reicht mir völlig.

Als ich in der Grundschule war, schnitt meine Mutter die Enden meiner Buntstifte und schrieb die Namen der Farben auf alle zwölf Stifte. Danach kam das Aquarellstifte-Set von Derwent mit 256 verschiedenen Stiften, mit den Farbnamen (oder irgendwelche farbigen Namen) an den Enden. Welcher Siebenjährige braucht um Himmelswillen 256 individuelle Farben und Schattierungen von Stiften? Als Gelb nicht mehr Gelb war, wurde die Welt einfach nur ein komplizierter Ort für mich.

Ich kann Euch sagen, wenn während der Schulzeit irgendeine Form von Kunst an der Reihe war, wollte ich nur noch nach draußen rennen und Basketball oder Cricket oder irgendetwas spielen, das nichts mit Farben zu tun hatte! Das war vielleicht auch der Grund, warum die Tafeln in der Kunstklasse ständig mit bunten Spuckbällen bedeckt waren…

Als Fotograf finde ich es daher extrem herausfordernd, wenn es um Farbänderungen durch die Farbtonregler, Farbkurven oder manchmal auch einfach nur den Weißabgleich geht. Es kam gelegentlich vor, dass mein Himmel wohl zu „bonbonfarben“ wurde, weil ich ihn übersättigt und die Farb- und Luminanzregler zu weit geschoben hatte. Oder dass dunkle Stellen in meinen Wasserfallaufnahmen einen grünen Farbton hatten, der da nicht hingehörte.

Ich habe anscheinend auch einen starken Mangel an Rosa in meinen Bildern. Meine Partnerin meint, das Schönste am Sonnenuntergang sei das Nachglühen, das den Himmel wohl in Rosa taucht. „Was ist Rosa?“, ist dann meine Frage, immer wenn sie wieder so begeistert davon ist. Ich sehe dann einen Himmel, der frei von jeglichen erkennbaren Farben ist.

Leutturm im Sonnenuntergang

Okay, ist das Rosa genug für Euch? Die Farben in diesem Bild berühren mich nicht und ich glaube, ich konnte nicht weniger begeistert sein, als ich diese Aufnahme machte.

Ich denke, die besten Fotos, die ich mache, sind Wasserfälle im Wald. Ich denke auch, dass die Einfachheit der Schattierungen von Grün (und Gelb) in diesen Szenerien ein wichtiger Grund ist, warum ich diese Arten von Bildern so gern mache. Da gibt es kein Blau, Rot, Orange, Pink, Lila und was auch immer für Farbnamen ihr nicht farbblinden Menschen in diesen Mix werfen möchtet, um mein einfaches Hirn zu verwirren. Nur einfaches Grün mit einem guten Mix aus Gelb, schönes weißes Wasser und hoffentlich ein paar schöne gelbe Lichtstrahlen, die dem Ganzen einen schöne Note verleihen. Damit kann ich gut umgehen. Da brauche ich niemanden zu fragen, ob meine Farben korrekt sind.

Neben meiner Arbeit als Fotograf bin ich auch noch in der Webentwicklung tätig. Und das kann sehr interessant sein, wenn es darum geht, der Kundschaft erste Entwürfe zu präsentieren. Die tolle Sache an Webbrowsern ist, dass Farben über Hexadezimalcodes interpretiert werden! Wenn ich durch das Mischen aus sechs Zeichen aus Zahlen und Buchstaben einen Farbcode erhalte, kann ich garantieren, dass ich jedes Mal richtig liege. Deshalb nutze ich so oft ich kann in Photoshop die Hex-Codes, anstatt auf die Farbtabelle zu sehen und ausversehen ein verbranntes Orange zu erwischen, obwohl ich eigentlich Gelb wollte.

Wasserfall im Wald

Das ist eine Szene für mich! Die Einfachheit der Farben und Schattierungen macht es mir leicht. Ich fühlte mich schon immer zu dieser Art von Landschaftsaufnahmen hingezogen und ich denke, meine Farbenblindheit hat etwas damit zu tun.

Warum ich nicht einfach in Schwarzweiß fotografiere, werden sich einige sicher fragen. Gute Schwarzweißaufnahmen sind nicht einfach nur Farbbilder, die entsättigt oder im Bearbeitungsprogramm Eurer Wahl monochrom gemacht wurden. Gute Schwarzweißbilder sind genauso schwer zu erstellen wie gute Farbfotos, da es eine eigenständige Fähigkeit ist, sich auf so eine begrenzte Palette von Farbtönen in seinen Bildern zu verlassen. Und wo wäre der Spaß, wenn ich nur versuchen würde, Bilder zu erstellen, denen die Farben fehlen?

Offensichtlich ist die Welt ein sehr bunter Ort und das möchte ich in meinen Bildern auch zeigen. Manchmal dauert das für mich nur etwas länger als für andere. Und wenn ich ein Bild mit einem Haufen Farbvariationen wie zum Beispiel einen verrückten bunten Sonnenunter- oder -aufgang richtig bearbeite, fühlt es sich jedes Mal wie eine kleine Leistung an, die ich feiern sollte.

Wir alle haben unsere Herausforderungen im Leben und es gibt weitaus schlimmere Dinge, die auf Menschen Einfluss ausüben können, als nicht so viele Farben zu sehen wie andere Menschen. Ich habe es nie als Handicap gesehen.

Ich bin auch immer noch nicht davon überzeugt, dass Du nicht derjenige mit dem Problem bist, mit dem, was auch immer Du da siehst. Ich und die anderen 8 % der Erwachsenen, die anscheinend irgendeine Form von Farbvisionsmangel haben, könnten diejenigen sein, die die Welt so sehen, wie sie wirklich ist. Oder zumindest ist es das, was wir 8 % uns weiterhin einreden, das nächste Mal, wenn wir Dir sagen, einige Formen der Lilatonung sind eigentlich Blau.

Dieser Artikel erschien erstmals in englischer Sprache auf Project RawCast und wurde für Euch von Katja Kemnitz ins Deutsche übersetzt.

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14 Kommentare

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  1. Könnte von mir sein :D
    Habe ebenfalls eine Farbsehschwäche und bin “trotzdem” Fotograf und Webdesigner.
    Die meisten merken es gar nicht, da ich über die Jahre gelernt habe, es zu “vertuschen” bzw. es so zu kommunizieren, dass beispielsweise Kunden keine “Angst” davor haben.

  2. Wow, ich finde das ist ein sehr interessanter Artikel, der sich auch super lesen lässt.
    Manchmal frage ich mich auch, ob die Farben, die ich sehe “die richtigen” sind. Ich meine, wer weiß das schon?

    • Das weiß man wenn alle anderen da rot sehen wo Du zum Beispiel grün siehst. Ich habe einen Kollegen der eine rot/grün schwäche hat. Somit haben wir die Netzwerkkabel in den Farben aus dem Sortiment gestrichen.

  3. Ein sehr interessanter Artikel der mich mal wieder darüber nachdenken lässt ob wir wirklich alle das gleiche sehen.
    Physikalisch natürlich, denn das Licht welches das Auge trifft ist für alle gleich, aber was unser Kopf daraus macht anscheinend nicht.

    Muss ich noch mal drüber nachdenken…..🤔

  4. Spannender Artikel, danke dafür. Ich würde wahnsinnig gerne deinen Fotostream mit deinen Augen betrachten können, ich denke dass deine Bilder dann nochmal ganz anders aussehen könnten.
    Ich habe auch einen Bekannten mit einer starken Farbschwäche, welcher nun auch Designer wird und lustiger weise seine damalige Abschlussarbeit über Farbwirkung schrieb. Ich find das toll, dass ihr euch von der vermeintlichen Schwäche nicht aufhalten lasst. Wie du schon selbst geschrieben hast, vielleicht sehr ihr ja die Welt in den richtigen Farben und wir haben verschobene Synapsen, wer weiß das schon.

  5. Interessant wäre für mich, ob das Gehirn solch ein Handicap kompensiert.
    Den Blinden sagt man ein feiner trainiertes gehör nach, den gehörlosen eine Schnelle Auffassungsgabe beim Sehen etc.
    Auf Photographie gemünzt wäre es bei entsättigten oder schwarz/weißen Aufnahmen interessant zu sehen, ob in der Bildkomposition die Form im Hell-Dunkel Kontrast umso stärker beachtet wird, wenn ein Handycap beim Sehen der Farben vorhanden ist.
    Ich habe meine (elektronischen) Sucher deshalb z.B. meistens auf Schwarz/Weiß eingestellt. Das macht mir die Bildkomposition einfacher.

  6. Genau, es ist überhaupt gar keine Schwäche. Die Frage ist doch, wie Du selbst damit umgehst und was Du daraus machst. Für die Musikerin Evelyn Glennie ist es die Chance, die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung nicht nur auszuloten, sondern auch zu erweitern. Extrem spannend beschreibt sie das in dem Film “Touch the Sound”; es gibt aber auch tolle Videos darüber im Netz. Diese Herangehensweise der tauben Profi-Percussionistin war für mich eine Offenbarung und beständige Inspirationsquelle, die sich wunderbar auf den Prozess des Bildermachens übertragen lässt.

  7. Wir sind nicht alleine, werden aber gerne dafür aus Unkenntnis bestraft!

    Ich selbst kann dunkle Grün und Brauntöne nicht unterscheiden. Das bedeutete an der Schule und im Fotokurs bei der Ausbelichtung auf Fotopapier Frust pur. Erklärt und Ausgemessen wurde die Schwäche erst bei der Armee. Trotzdem liebe ich die Landschaftsfotografie. Der hohe Norden mit Schnee, Eis und Wasser sind mir am liebsten. Ansonsten lasse ich die Finger von den Farbreglern bei der digitalen Nachbearbeitung. Im Zweifel frage ich meine Schwester. Es sind wesentlich mehr Männer davon betroffen als Frauen.
    Selbsttest gefällig:https://de.wikipedia.org/wiki/Ishihara-Farbtafel

  8. Blogartikel dazu: Kleinigkeiten - Gegen Langeweile am 19.03.2017 | LangweileDich.net

  9. Blogartikel dazu: Links zum Wochenende 65 | Johannes Mairhofer