13. März 2017 Lesezeit: ~ 4 Minuten

Deutschland. Ein Wintermärchen.

Der Winter neigt sich dem Ende entgegen. Während im Flachland der Frühling bei Dauerregen eher schlecht als recht Einzug hält, versteckt sich die Natur in den höchsten Lagen der Mittelgebirge und in den Alpen noch unter einer geschlossenen Schneedecke. Zeit, die Wintersaison 2016/2017 Revue passieren zu lassen.

Grundsätzlich bin ich ein Freund des Winters, was vermutlich nicht zuletzt an meiner Herkunft aus den Bergen an der bayerischen-tschechischen Grenze liegt, die auch heute noch für den einen oder anderen „richtigen“ Winter gut sind. Ich würde mich sogar als winterlichen Extremereignisfanatiker bezeichnen, seit Jahren warte ich auf die Wiederkehr der Schneemengen von 2006 oder die fast -40 °C aus dem Jahr 2012.

Kapelle zwischen zwei Bäumen

Straße im Winterwald

Aber nun gut, wir schreiben 2017. Der Winter war okay, aber nicht außergewöhnlich. In Erinnerung bleiben werden die Trockenheit und die lange Kältephase im Süden der Republik. Wo Anfang Januar ein wenig Schnee gefallen war, blieb dieser teils über Wochen liegen. Als Fotograf bevorzuge ich dagegen regelmäßige Schneefälle, denn es geht nichts über schneebedeckte Bäume vor der Linse.

Dann erscheint die Landschaft monochrom, fast wie eine Tuschezeichnung. Muster und Strukturen dominieren die Szenerie, Farben spielen eine geringere Rolle als im restlichen Jahr. Diese reduzierte Anmutung der „stillen Zeit“ passt, wie ich finde, sehr gut zum quadratischen Bildformat. Das Quadrat ist generell en vogue.

Winterwald

Hochsitz im Winter

Meine Alltagsaussicht ist ebenfalls geprägt von Kuben und Rechtecken. Denn heute lebe ich in Köln, graue Straßenschluchten statt Partnachklamm. Hier endet der Winter bereits am frühen Vormittag. Hier erzähle ich mit meinen Bildern von der anderen Welt da draußen. Visuelle Geschichten, Wunschträume, vielleicht auch Erinnerungen. Während die wirkliche Welt sich Woche um Woche windet und verwandelt, erzählen meine Fotos von Reisen zwischen Ostsee und Alpen. Unberührte Natur, einsame Straßen. Die Kulisse für einen tschechischen Märchenfilm mit modernen Requisiten.

Abenteuer in der bezwungenen Wildnis befriedigen den Eskapismus der Gegenwart. Auch wenn hinter der Entstehung der Bilder kein wirkliches Abenteuer steht – die Inszenierung zählt, der Bildeindruck, der für einige Momente genau dieses Gefühl der Unberührtheit und Freiheit vermittelt. Die Formel „Wildnis = Authentizität“ gilt auch noch heute. Aber bereits Caspar David Friedrich zeigte mit seinen Gemälden im Atelier konstruierte Idealwelten, die es so zu seinen Lebzeiten nicht mehr gab oder die im Begriff waren, zu verschwinden.

See mit schneebedeckten Bäumen

Fluss im Schnee

Auch wir bedienen uns heute der Stilmittel der Romantik und kreieren visuelle Alltagsfluchten – Rückzugsorte, an denen Blicke und Gedanken zumindest für ein paar Augenblicke der Realität entfliehen können. Dankbar greift die Werbung diesen visuellen Code auf und untergräbt somit gleichzeitig die herbeigesehnte Authentizität.

Die Welt dreht sich indes weiter. Dem kurzfristigen Konsum romantisch verklärter Idealwelten für das Erlebnis positiver Emotionen steht eine für den Einzelnen scheinbar unkontrollierbar gewordene Realität gegenüber. Dass diese Unsicherheit den Menschen zu einer fast biedermeierlich anmutenden Flucht ins Idyll verleitet, ist nicht überraschend. Die virtuelle Welt ist geradezu prädestiniert dafür.

verschneites Auto

Straße mit Spuren im Schnee

Vielleicht fragt Ihr Euch, in welchem Zusammenhang dieser Text mit den Bildern steht. Aber ich denke, schon oft genug wurden die Fragen geklärt, wie jemand beim Fotografieren vorgeht, warum dann und dort Aufnahmen gemacht werden und so weiter. Spannender finde ich, warum die Landschaftsfotografie generell in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt hat.

Plattformen wie Instagram sind dabei sicherlich nicht völlig unbeteiligt. Die Anzahl der Bilder steigt und steigt, so dass die Aufmerksamkeitsspanne für das einzelne Bild immer geringer wird und immer wiederkehrende Motive sich visuell erschöpfen. Zu den einzelnen Bildern möchte ich nicht groß etwas sagen, der Zusammenklang der aus einzelnen Szenen und der Rhythmik der Serie steht im Vordergrund – die visuelle Geschichte eben.

Daneben bot es sich für mich an, die Möglichkeit zu nutzen ein paar reflektierende Gedanken in Worte zu fassen, die mich als fotografischen Akteur beschäftigen. Daher angelehnt an Heinrich Heines Original: Deutschland. Ein Wintermärchen.

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8 Kommentare

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  1. Romantische Landschaftsfotografie scheint zwar stark entpolitisiert und klingt sehr nach “Biedermeier”, aber “visuelle Alltagsfluchten – Rückzugsorte, an denen Blicke und Gedanken zumindest für ein paar Augenblicke der Realität entfliehen können” sind andererseits vielleicht auch wichtige und wertvolle Anreize, eine schöne, lebenswerte Welt zu schaffen und zu erhalten. Analog dem bekannten Hölderlin-Zitat: “Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch”. Hat man kein Vorbild (Vor-Bild), hat man auch keine Vision, keine Utopie.

  2. Ein breites Spektrum an Winterbildern, vom fast kitschig romantischen Wintermotiv bis hin zu Reifenspuren im Schnee. Ohne künstliche Bedeutungsschwere erzählen diese Bilder mehr, als manche vordergründig problematisierenden Bildserien.

  3. Großartige Bilder. Die Motivation, aber auch die teilweise kritische Auseinandersetzung mit seinen Motiven, finde ich absolut glaubwürdig. In eine Ausstellung damit, aber schnellstens !!