Eine Frau zeigt in ein grünes Tal, in dem Pferde auf einer Wiese weiden.
18. August 2016 Lesezeit: ~ 10 Minuten

Abseits der Wege

Meine Kindheit war behütet. Viel zu behütet. Meine alleinerziehende Mutter gab sich die größte Mühe, mich vor allen Gefahren und vor allem Unbekannten in der Welt zu schützen. So war mein Alltag geprägt von Warnungen, Verboten und dem Wechseln der Straßenseite, wenn uns nachts fremde Personen entgegenkamen. Man kann Niemandem trauen.

Statt meine Grenzen in der Welt selbst auszuloten und meinen Platz zu finden, sollte ich mich auf die Warnungen anderer verlassen, um nicht meine eigenen Erfahrungen machen zu müssen. Ich erinnere mich daran, wie ich sehnsüchtig vor dem Fernseher saß, mir Abenteuerfilme aus fremden Ländern ansah und die Protagonisten und Schauspieler um die Orte beneidete, die sie furchtlos besuchten und um die Erfahrungen, die sie sammelten.

Ein Paar in einem Boot.

Ein Mann in einem Fluss.

Ich wuchs zu einem Erwachsenen heran, der seine Grenzen zu kennen glaubte. Der stets vor jedem Zaun Halt machte und wusste: Dort, wo es keinen Fußweg gibt, soll man auch nicht hingehen. Eine Einstellung, die sich nur schwerlich mit meiner Fotografie vereinbaren ließ. Die Welt, die jeder kennt, bietet zwar unendlich viele wunderschöne Motive, doch ich wollte im Betrachter meiner Bilder die gleiche Sehnsucht erwecken, die ich aus den Abenteuerfilmen kannte.

Mit einer Kamera in der Hand hatte ich die Motivation, die Welt von Grund auf neu zu entdecken. Dieser kleine Apparat gab mir einen Grund, ohne konkretes Ziel durch Wälder zu schlendern, über Felder zu Wandern und Straßen in meiner Heimatstadt zu besuchen, in die ich sonst nie einen Fuß setzen würde. Mit jedem Ausflug wurden meine Grenzen ausgeweitet und ich traute mich, immer weiter von Waldpfaden und vordefinierten Wege abzuwandern und die Welt außerhalb des Bekannten zu entdecken.

Die Beine einer Frau, die über Steine im Wasser balanciert.

Ein Mensch in Regenjacke und mit Rucksack auf dem Rücken vor einer weiten, wilden Landschaft.

Schon bald musste ich jeden, der mich auf den Wanderungen begleitete, warnen, sich festes Schuhwerk und genügend Verpflegung einzupacken, weil man nie vorhersehen kann, wie lang man unterwegs ist. Belohnt wurde ich zusammen mit meinen Wandergefährten praktisch immer mit besonderen Orten, außergewöhnlichen Bildern und dem Gefühl des Abenteuers, das in der Luft liegt und einem durch die Haare weht.

Als ich zusammen mit einem Musiker Bilder in den Alpen machte und es eher schleppend lief, entschieden wir uns dazu, neben einer kleinen Brücke in das Flussbett hinabzusteigen und den flachen Fluss entlang zu laufen. Obwohl seitdem zwei Jahre vergangen sind, erinnere ich mich noch heute daran, wie das kalte Wasser sich an meinen Füßen anfühlte. Es war, als würde ich auf tausend Nadeln laufen. Ich war kurz davor, umzudrehen und aufzugeben, als wir in einem offenen Gebiet landeten, das uns freien Blick auf ein Bergpanorama bot, das später das Albumcover zieren sollte.

Ein Mann in einem flachen Tal umgeben von hohen Bergen.

Es war genau dieser Ausflug, der mich endgültig davon überzeugte, dass die Welt viel zu viel zu bieten hat, um nicht hin und wieder mal seinem Instinkt zu folgen und die schwereren Wege auf sich zu nehmen. Als ich meine Heimat verließ, um nach Stuttgart zu ziehen, fand ich eine wundervolle Herausforderung im Schwarzwald.

Der Nationalpark steckt voller Überraschungen, sieht zu jeder Jahreszeit vollkommen anders aus und ist aufgrund seiner vielen verwinkelten Gebiete der perfekte Ort, um die Wanderlust zu befriedigen. Viele der Wege sind ohnehin nur kleine Trampelpfade und begibt man sich etwas tiefer in die Wälder oder ein wenig weiter auf die Berge hinauf, wird man mit unberührter Natur und oft einem wundervollen Ausblick über die Wälder und Gipfel des Schwarzwaldes belohnt.

Eine Frau nimmt die Aussicht in ein Tal zwischen Bergen mit ihrem Handy auf.

Werde ich von anderen Fotografen gefragt, welche Plätze ich im Schwarzwald empfehlen kann, dann sage ich ihnen meistens: „Fahr einfach drauf los, ich bin noch nie in den Schwarzwald gefahren und enttäuscht wieder nach Hause gekommen.“

Ich fand mich dort mitten im Winter schon vollkommen verschwitzt vor, weil ich mich minutenlang durch Tiefschnee gekämpft hatte, nur um einen umgefallenen Baum zu erreichen, den ich von Weitem ausmachen konnte. Wenn man dann noch so viel Glück hat, jemanden dabei zu haben, der nach der ganzen Action auch noch auf den Erdhaufen klettert, den der Baum zurück gelassen hat, dann wird man mit ganz besonderen Bildern belohnt.

Ein Mann sitzt auf den herausgerissenen Wurzeln eines umgestürtzen Baumes.

Ein absoluter Höhepunkt dieser Abenteuer war mein letzter Neuseeland-Besuch. Ich bin mit einer Freundin gesegnet, deren Abenteuerlust der meinen in nichts nachsteht. Sie verbrachte 25 Jahre ihres Lebens in diesem wundervollen Land und wollte, dass ich es auch besser kennenlerne. Wir verbrachten drei Wochen auf der Straße, lebten in einem Auto und fanden uns täglich an neuen Orten.

Neuseeland ist kein Land, das einem viele Grenzen vorgibt. Es will entdeckt werden. Inmitten der subtropischen Nordinsel, die von grünen Wiesen und dichtem Dschungel geprägt ist, fanden wir „Te Paki“, ein Gebiet mit riesigen Sanddünen. Es war schon surreal genug, aus dem Wald herauszufahren und direkt vor den Dünen zu stehen und doch wollten wir noch weiter gehen. Wir nahmen uns vor, einen der Sandhügel zu erklimmen.

Was erstmal sehr leicht klang, wurde schnell zu einer herausfordernden Unternehmung. Um nicht mit jedem Schritt wieder nach unten zu rutschen, mussten wir unsere Füße tief in den Sand graben und uns langsam nach oben arbeiten. Ein weiteres Mal erreichte ich mein Ziel komplett nassgeschwitzt und außer Atem und wieder war ich froh um jede Sekunde der Anstrengung, die ich auf mich genommen hatte.

Ich war noch nie in einer Wüste gewesen, aber genauso hatte ich es mir vorgestellt. Ich hatte praktisch einen Rundumausblick, der nur aus Sand bestand. Und das mitten auf Neuseelands Nordinsel. Wir konnten in keinem Reiseführer von diesem Ort lesen und niemand hatte uns davon erzählt. Wir folgten einfach nur unserer Nase und Neuseeland belohnte uns mit einem Anblick, den ich niemals erwartet hätte.

Eine Frau vor einer Dünenlandschaft unter blauem Himmel.

Eine Freu unter ausladenden Bäumen.

An einem anderen Punkt unseres Roadtrips, als wir uns gerade Tipps für die weitere Reise holten, sagte man uns, dass wir unser nächstes Reiseziel entweder über eine gut befestigte Straße erreichen oder über einen eher abenteuerlichen Serpentinenweg, der direkt über einen Berg führt. Für meine Freundin und mich war klar, dass wir den schwierigen Weg wählen. Wir hatten bereits so viel erlebt und waren einfach zu gespannt darauf, was das Land uns noch bieten kann.

Nach vielen Kurven und matschigen Abschnitten passierten wir ein Schild mit der Warnung „Careful: Pigs Crossing“. Wenige Meter danach mussten wir anhalten, weil unser Auto tatsächlich von Dutzenden kleinen Schweinen umzingelt war. Wir stiegen aus dem Fahrzeug und wussten nicht so recht, was mit der Situation anzufangen war, als aus einer nahen Hütte ein Mann kam, der hier als Einsiedler lebt.

Er war begeistert von unserer Anwesenheit, meiner Kamera und der Tatsache, dass wir uns über die Schweine freuten, statt uns über sie aufzuregen. Er stellte uns seinem persönlichen Lieblingsschwein „Nadja“ vor und plauderte von seinem Leben und dem Pferd, das er mal besessen hatte. Wir verbrachten eine Stunde mit ihm, mitten in den Bergen, in der Gesellschaft von (laut seiner Aussage) über 80 Schweinen, bevor wir unseren Weg fortsetzten.

Ein Mann hält ein Schweinchen in den Händen.

Und dann war da noch dieses Erlebnis mit dem Zaun, bei dem mich meine Freundin auslachte, als ich mit meiner deutschen Naivität davor stehen blieb und es ablehnte, darüber zu klettern. Auf der anderen Seite des Zaunes grasten Pferde am Fuß eines Berges, der direkt am Meer lag. Unser Plan war eigentlich, den Sonnenuntergang zwischen diesen Pferden zu genießen.

Meine Freundin erklärte mir, dass sich in Neuseeland niemand darüber ärgert, wenn man sein Land betritt. Vor allem dann nicht, wenn man nichts kaputt macht und nur Fotos machen möchte. Der Zaun dient eher dazu, die Pferde drinnen zu halten, statt die Menschen draußen.

Dieses Mal stand ich also vor einer geistigen Grenze, die ich überwinden musste und als meine Freundin mich an die Hand nahm, mit mir über den Zaun kletterte und wir uns in die Wiese zu den Pferden legten, die hier ihr Leben genossen, erlebte ich einen der schönsten und friedlichsten Sonnenuntergänge meines Lebens.

Blick in ein grünes Tal, in dem Pferde weiden, beobachtet von einer Frau.

Eine Frau steht neben einem Pferd auf einer grünen weiten Wiese.

Der gleiche Musiker, mit dem vor ein paar Jahren in den Alpen meine Wanderlust zum ersten Mal so richtig entfachte, bat mich vor einiger Zeit, mit ihm nach Mallorca zu fliegen und auch sein zweites Album zu bebildern. Er bat mich außerdem konkret darum, dass wir uns auch dieses Mal weiter in die Natur begeben, wandern gehen und versuchen, möglichst unentdeckte Orte zu finden.

Auch dieses Mal fanden wir durch unsere Abenteuerlust ein perfektes Albumcover. Unser Weg trieb uns entlang einer Klippe, bis zu einem Punkt, an dem wir zum Meer hinabsteigen konnten. Wir arbeiteten uns vorsichtig entlang rutschiger Steine bis zum Rand eines Felsens, an dem die Brandung das Meer nach oben spritzen ließ.

Der starke Wind peitschte mir das Salzwasser ins Gesicht und meine Kleidung war durchnässt, aber es war ein so außergewöhnliches Gefühl, auf diesem Felsen zu stehen, dass ich an keinem anderen Ort der Welt lieber gewesen wäre.

Ein Mann steht vor dem offenen Meer, das hinter ihm hochspritzt.

Ein abgewandter Mann vor offenem Meer.

Ich versuche, während meiner Wanderungen stets darauf zu achten, meine Sicherheit nicht zu gefährden und keine Dummheiten zu machen. Trotzdem ist es faszinierend, wie weit man kommen kann und wie viel man von der Welt sieht, wenn man mit gesundem Menschenverstand und etwas Ausdauer seinem Instinkt folgt.

Ich liebe es, dieses Gefühl der Wanderlust durch Bilder und Erfahrungen auch in meinen Freunden und bekannten Fotografen zu wecken und habe unglaubliches Glück, dass ich mit einer Frau verlobt bin, die im richtigen Moment darauf aufpasst, dass ich nicht zu weit gehe, mich aber ständig auch dazu auffordert, meine Grenzen nicht zu ernst zu nehmen und immer wieder auszuweiten.

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8 Kommentare

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  1. Vollkommen allein auf ein Kind zu achten, ist wohl die größte Herausforderung, die man sich vermutlich erst vorstellen kann, wenn man es selbst erlebt hat.
    Was sich zu Beginn des Artikel ein wenig vorwurfsvoll liest, erscheint mir im Verlauf das Beste, was Dir passieren konnte. Wie sonst konntest Du wissen, dass man sich vorsichtig an Abgründe wagt, oder sich zumindest dafür interessiert, ob es überhaupt in Ordnung ist, in einem Land, dessen Gepflogenheiten man nicht kennt, eine Pferdeweide zu betreten?
    Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, hätte es da sieben Geschwister und zwei Eltern gegeben und vielleicht wäre Deine Wanderlust schon im Keim erstickt worden, oder Du hättest genug damit, auf der Couch zu sitzen, weil Du Dich als Kind schon dauernd draußen “rumgetrieben” hast…
    So spürst Du den Hunger, all das, was Du noch nicht ausprobieren konntest, zu entdecken und tust es mit Verstand, Bedacht und Abenteuerlust – und einer Kamera.
    Es erfüllt Dich und zack – da hast Du auch noch jemanden an Deiner Seite, der wieder ein wenig auf Duch aufpasst – in alle Richtungen. So ein Zufall.😊

    Tolle Bilder, bitte mehr davon und DANKE an Deine Mutter, die Dir ermöglicht hat, all diese Erfahrungen zu machen, die Dich dorthin gebracht haben.

    Susanna – alleinerziehende Mutter einer sehr selbstbewussten jungen Dame, die weiß, wann sie besser die Straße wechselt und wann sie mir Schmackes in ein Abenteuer hüpft – so wie Du 😊

    • Vielen Dank Susanna!
      Wahrscheinlich liest sich der Anfang vorwurfsvoller, als er Gedacht ist ;-).
      Du hast vermutlich recht mit dem was du gesagt hast und die Zahnräder hätten vielleicht nicht so ineinander gegriffen, wenn meine Kindheit anders verlaufen wäre. Danke dafür :-)
      Chris

  2. Als ich heute auf Kwerfeldein vorbeischaute und das Titelbild zu diesem Beitrag sah, wusste ich sofort, dass es sich um dich handeln musste. Und das, obwohl ich dieses Foto von dir noch nie gesehen habe. Wahrscheinlich liegt das an deinem prägnanten Bild Stil was Farben und Kompositionen angeht.
    Mit deinen Worten und Bildern hast du in mir das Fernweh von neuen entfacht. Vor ein paar Jahren besuchte ich Schottland und ging ähnlich vor wie du. Statt mit dem Navi von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu düsen, irrte ich mit Hilfe einer miserablen Karte für Touris durch die Landschaft und entdeckte dabei so viele kleine geheimnisvolle Ort, die in keinem Reiseführer zu finden sind.
    Dieses Jahr bestehen das Ziel und zugleich der Plan lediglich aus „Irland“. Wie ich mich auf das Land, die Iren und das Umherirren freue…

    Mehr davon Christopher!

    • VIelen Dank Daniel! Es ist wohl eines der größten Komplimente, die du einem Fotografen machen kannst, wenn du sagst, dass der Bildstil absolut authentisch ist.
      Ich freue mich, dass ich ein bisschen was von dem Spirit wieder an dich übertragen konnte und bin mir sicher, das wird Dich auf deiner Islandreise an wunderschöne Orte bringen. Ich wünsch Dir viel Spaß und bleibe neidisch Zuhause ;-)

  3. Ganz toller Bereicht. Ich erkenne mich darin irgenwie wieder. Wohlbehütet und auch nie gelernt andere Wege zu gehen. Der Bericht hat mich bewegt, doch einfach mal das unbekannte zu suchen und auszuprobieren und nicht immer auf dem geraden Weg zu bleiben. Auch die Bilder, die du zeigst sprechen für sich. Es hat sich einfach gelohnt die Hürden zu überwinden.

    Danke, dass du mich mit auf deine Reise genommen hast.

    Gruß

    Markus