Eine trockene Sandstraße oder Piste mit Motorradfahrer.
06. Mai 2016 Lesezeit: ~18 Minuten

Senegambia – Ein Reise- und Erfahrungsbericht

Wie viele Winterflüchtige verschlug es mich von Mitte Januar bis Mitte März in wärmere Gefilde. Nur statt Strandurlaub im klassischen Sinne zu machen, bereiste ich in dieser Zeit, gemeinsam mit einer Freundin, die zwei Jahre im Senegal gelebt hatte, einen kleinen, kleinen Teil Westafrikas. Senegal und „The Gambia“ – kurz: Senegambia.

Vorweg sei gesagt: Selbstverständlich war klar, dass ich fotografieren würde. Doch ich hatte eine Zielsetzung: Ich wollte keine exotischen Bilder von Frauen in bunten Gewändern mit Lasten auf dem Kopf machen – davon gibt es meines Erachtens bereits genug. Mir war es wichtiger, mich generell erst einmal in der Ferne und Fremde umzusehen und mich für eine mögliche weitere Reise fotografisch zu orientieren.

Herausgekommen ist, dass fast keine Menschen auf meinen Bildern auftauchen. Da ich generell Menschen lieber mit Einverständnis und – noch wichtiger – Verständnis für die spätere Nutzung der Bilder fotografiere, habe ich mich hier zurückgehalten, auch aufgrund der Tatsache, dass mir die Sprache zur Verständigung größtenteils fehlte. Doch von Anfang an: Hier seht Ihr eine Karte, die unsere Reiseroute zeigt. Jeder Punkt markiert einen Aufenthalt, entweder für eine Erkundung oder für eine Übernachtung.

Karte mit eingetragener Reiseroute.

Schon die Ankunft in Banjul, Gambias Hauptstadt, verlief abenteuerlich: Da ich nur mit zwei analogen Kameras unterwegs war, hatte ich entsprechend viele Filme im Gepäck. Weil ich mir einen Bleisack bei einer Rucksacktour ersparen wollte (im Kopf den Satz: „Jedes Gramm zählt“), musste ich meine Filme vorzeigen, um sie vor dem Röntgenscanner zu bewahren, denn ich werde diesen Geräten nie vollends trauen.

Die gambische Politik ist kein Freund von journalistischer Berichterstattung innerhalb des eigenen Landes, demnach musste ich zuerst klarstellen, dass ich Künstlerin bin und keine Journalistin. Dann durfte ich, nachdem kurzzeitig mein Pass konfisziert worden war, offiziell einreisen.

Fische auf Bambusstangen.Wäscheleine mit bunter Kleidung, draußen.

Die Stadt Banjul hinterließ bei mir als ersten Eindruck eine Unmenge Gerüche und Geräusche, von den Marktständen mit den fremdartigen, vielfach mit Fisch oder Meerestieren zubereiteten Gerichten und Autos ohne Rußpartikelfilter. Treibende Menschenmengen, viele Kinder – der Altersdurchschnitt in Gambia liegt bei etwa 18 Jahren – und fremde Sprachen wie z. B. Wolof, Poula und Mandinka, umschwirrten mich.

Der „Banjuler Stadtteppich“ ist als flächenmäßige Ausdehnung der Stadt zu verstehen. Von dicht bebaut im Zentrum, mit offiziellen städtischen Gebäuden, die dafür sorgen, dass am Wochenende das, was wir als Innenstadt verstehen würden, wie ausgestorben wirkt, und kleineren Gassen in Wohngebieten bis hin zu großen, highway-artigen Straßen, ist dieser Ort sehr vielfältig.

An einem Tag kann man das Gewusel des Marktes in Serekunda mit all seinen Angeboten erleben, lokale Speisen probieren, die überall von Straßenimbissen angeboten werden, und unter Palmen liegend dem Wrestling- und Fußballtraining am Strand zuschauen oder sich selbst in die Wellen stürzen.

Kiste mit Mama Afrika Aufschrift vor Hütte.Freilaufende Ziege vor Blechzaun mit Haus im Hintergrund

Dies hört sich erst einmal wie eine ganz gewöhnliche Urlaubserfahrung an. Doch wenn neben einem eine Dame ganze Krebse mit Schale genießt und auf der gegenüberliegenden Straßenseite riesige Aasgeier, die sehr majestätische, wenn auch skurrile Tiere sind, Essenreste vertilgen, merkt man, dass man sich nicht in einem touristischen Ferienressort befindet, in dem die Gegebenheiten an unsere Gewohnheiten angepasst sind. Wir hatten keinen Guide, der uns Dinge erklärte, sondern wir befanden uns mitten unter ortsansässigen Menschen in ihrem Alltag.

Der Übergang von Stadt zu Natur geschieht fließend, auch wenn Banjul ein großes Ballungsgebiet ist. So kommt man von den Wohngegenden direkt an die Ränder von Erdnussfeldern, die wiederum bis an den Atlantikstrand reichen. In diesen Feldern hatte ich nach Einbruch der Dunkelheit eine meiner schönsten Erfahrungen der gesamten Reise: Wir waren auf dem Rückweg vom Strand zur Unterkunft, als wir durch einen riesigen Schwarm blinkender Glühwürmchen liefen – wahrlich ein magischer Moment. So schön, dass ich sogar vergaß, ein Foto davon zu machen. Leider gehörte jeden Abend zum Einbruch der Dämmerung nicht nur manchmal das Auftauchen von Glühwürmchen dazu, sondern auf jeden Fall das der Mücken.

Anhand der eingetragenen Reiseroute sieht man, dass wir uns fortwährend von der Küste entfernten und die meiste Zeit on the road verbrachten, wo wir in kleineren Dörfern und Orten verweilten, bei Familien nächtigten oder unser Zelt aufschlugen. Dies bedeutete für mich, dass ich meine gewohnte Komfortzone mit eigener Küche, einem Bad mit Wasserklosett und Klopapier, mit dem Verlassen meines Startpunktes hinter mir ließ.

Strandblick mit Horizont an dem Boote liegen und Fischernetzspulen aufgebaut sind.Viel Fisch ausgelegt auf Bambustischen.

Während der Weiterreise begriff ich schleichend, was Trockenzeit mit permanenter Sonne und Savanne bedeutet, wie viele verschiedenartige Rot- und Brauntöne existieren, wie der Unterschied zwischen Saharasandwolken und Regenwolken aussieht und dass man Fisch doch Essen kann. Viele Dinge, die mir vorher schlicht mit reiner Vorstellungskraft, trotz TV-Berichten, Büchern, Bildern und verbalen Erzählungen nie ganz klar geworden waren.

Das alltägliche Leben von Land und Leuten, wenn auch nur fragmentarisch, kennenzulernen war vom ersten Moment an bereichernd. Wir saßen an kleinen Feuern und aßen unter freiem Himmel, tranken das Teegetränk Ataya und lachten viel. Wir führten während der gesamten Reise immer wieder längere, angenehme Gespräche darüber, woher wir kommen, wie Deutschland so ist. Wie wir das machen mit den Geflüchteten – Deutschland sei doch so klein.

Der Wunsch, sich auszutauschen war von beiden Seiten groß. Die Themen Terror und Gewalt wurden häufig angeschnitten. Die Menschen auf unserer Reise distanzierten sich davon und sagten uns, sie würden sich wünschen, dass mehr Menschen nach Gambia oder in den Senegal kommen würden, um sich selbst ein Bild zu machen vom friedlichen, muslimischen Glauben, den sie dort leben.

Straßenschild an einer Straße.Frau mit Last auf dem Kopf von hinten auf der Straße.

In Gambia sprechen aufgrund der Kolonialgeschichte viele Menschen mit Bildungshintergrund Englisch und im Senegal Französisch. Beides Sprachen, die in den jeweiligen Schulen bis heute gelehrt werden. Dazu kommen viele regionale Landessprachen. Im Allgemeinen kommt man mit Fremden sehr viel schneller ins Gespräch als bei uns. Dies war in unserem Falle sicher auch durch unsere Auffälligkeit bedingt.

Innerhalb der gesamten Reisezeit bewegten wir uns mit lokalen Transportmitteln vorwärts. Zum Beispiel mit den sogenannten „sept-places“ (frz.: sieben Plätze). Autos, die so heißen, weil mindestens sieben Menschen auf den fünf Plätzen sitzen. Eventuell kommen dazu noch Ziegen auf dem Dach, Kinder auf dem Schoß… und natürlich das Gepäck. Wir reisten zudem mit Minibussen, trampend, auf Pferdewagen, einer Fähre sowie anderen Booten, zu dritt auf einem Motorrad, zu Fuß sowie mit einem Fernbus.

Bushaltestelle an einer ramponierten Hauswand mit 4 Sitzplätzen.Wasserkanister vor einer Hauswand an einer Wasserstelle.

Das Transportwesen in Gambia sowie im Senegal ist viel strukturierter, als ich es vor meiner Ankunft erwartet hatte. Es gibt ganz einfache Regeln: In jedem Ort gibt es einen Startpunkt, die sogenannte „garage“, an der sich Autos und Kleinbusse sammeln, die jeweils ein bestimmtes Ziel ansteuern. Man fragt zum Beispiel nach dem Auto Richtung Georgetown, bezahlt seinen Platz für umgerechnet ungefähr einen Euro pro Fahrtstunde und wenn das Auto „afrikanisch-voll“ ist (mit Fracht und Mitfahrern), geht es los.

Einen festen Zeitplan gibt es nicht. Umso kleiner der Ort ist, zu dem man möchte, umso später es ist oder wenn man versucht, während der Gebetszeiten von A nach B zu kommen, desto länger dauert es bis zur Abfahrt. Selbst dort, wo wir aus westlicher Perspektive vielleicht keine Straße mehr sehen würden, fahren noch Autos. Und fährt kein Auto auf der Strecke, fährt ein Pferdewagen oder ein Motorrad. Das heißt, irgendwie kommt man immer an sein Ziel.

Der Spritpreis ist verhältnismäßig hoch, umgerechnet liegt er meist bei circa 1–1,5 €/l bei einem Durchschnittseinkommen von 540 € in Gambia und im Senegal ein wenig mehr mit 950 € (Stand: 2011). Tanken kann man übrigens bei Shell, Total und wenigen einheimischen Tankstellen, die Benzin zum Beispiel in Literflaschen verkaufen.

Menschen in der Ferne auf einer Sandstraße mit Telegrafenmasten.Müllcontainer mit Müllsäcken am Straßenrand.

Beim Busfahren in den lokalen Linienbussen kommt es immer mal wieder vor, dass man ziemlich junge Säuglinge auf den Schoß gesetzt bekommt. Generell ist das Vertrauen in jedermann, ob schwarz oder weiß, im Bezug auf Kinder riesig! Jederzeit lacht man mit Kindern, sie kommen neugierig herbei und schauen einen einfach lange an oder sie fragen häufig nach Geschenken oder Geld.

Eine, wie ich finde, negative Entwicklung, die erst durch die durchreisenden Europäer so geformt wurde, dass sie heute, wenn man dort als Weiße*r reist, teils sehr nervtötend sein kann. Zudem ist ein kleines Geschenk keine Hilfe, sondern generiert Abhängigkeiten oder Wünsche, die meist nicht umsetzbar sind. Manche, vor allem sehr junge Kinder, hatten jedoch auch Angst vor unserer hellen Haut und fremdartigen Erscheinung. Meist wurden sie von den Erwachsenen dafür ausgelacht, aber auf eine herzliche Art.

Überall machte ich die, wie ich finde, sehr schöne Erfahrung, dass grundsätzlich davon ausgegangen wird, dass niemand einem Kind Schaden zufügen möchte. Immer und zu jeder Zeit, ganz ohne Ampeln und markierte Fußwege, gibt jeder auf jedes Kind acht. Durch die gewohnten, größeren Familienverbände kann jedoch auch jeder und jede absolut unbefangen und natürlich mit Kindern interagieren. Die älteren Kinder helfen den jüngeren oder aber den Eltern und der Familie bei Haus- und Hofarbeit. Und die jüngeren versuchen, die älteren nachzuahmen. Wie ich vermute die liebste Beschäftigung aller Kinder weltweit.

Eine Wand wird rot gestrichen.Blechwand mit Büschen dahinter.

Während der Reise nächtigten wir unter anderem im Zelt direkt am Fluss Gambia, badeten abends dort, wo wir einige Stunden später tags darauf Krokodile sahen und wurden immer wieder von Familien eingeladen, bei ihnen zu übernachten. In größeren Orten im Senegal sowie in Gambia schliefen wir dann in kleinen, günstigen Hostelzimmern, aßen lokales Fast Food mit frischem Fleisch und Salat und sahen uns einfach schlendernd um.

Unsere „tragbare Hütte“ wurde gar nicht so oft gebraucht wie gedacht. Obwohl so ein Moskitozelt mit freier Sicht gen Himmel in einer Umgebung weitestgehend ohne dauerhafte Straßenbeleuchtung und außerhalb der Großstädte einen unfassbaren Blick auf einen Sternenhimmel bietet, den ich in Deutschland schon gar nicht mehr in all seiner Schönheit kannte!

Staubwolke aufgewirbelt von einem Laster auf Sandpiste.

Habe ich früher Naturdokus im Fernsehen gesehen und es gab einen unglaublich lauten Klangteppich aus Tiergeräuschen, habe ich immer gedacht, der sei verstärkt und extra laut eingespielt worden, um das Exotische zu betonen. In den ersten Nächten musste ich auf dieser Reise lernen, dass diese Lautstärke real ist und sich erst nachts jedes Tier lautstark zu unterhalten wollen scheint.

Unzählige Fledermäuse, riesige Motten und Mücken, Zikaden sowie Käfer umsummten unser Zelt des nachts. Und da auch die Hütten, in denen wir übernachteten, keine verglasten Fenster hatten, war es dort auch nicht viel ruhiger. Eine Fledermaus piepte in unregelmäßigen Abständen wie ein Wecker – pieeep, pieeep, pieeeep – entlang des Flusses Gambia hat mich das schier in den Wahnsinn getrieben.

Pferdewagen in der Fahrt mit schwarzem Fahrer.Weißes Auto angeschnitten in der Fahrt fotografiert.

Wenn Familien uns eingeladen hatten, bei ihnen zu übernachten, hieß dies, dass eine Hütte oder ein Raum in ihrem Compound für uns geräumt wurde und die Familienmitglieder sich ein Bett in einer anderen Hütte geteilt haben, um für uns Platz zu schaffen. Ein Compound ist wie ein Hof aufgebaut, auf dem die ganze Familie gemeinsam wohnt. Jede Familie hat unterschiedlich viel Platz und je nach Größe und finanzieller Situation unterschiedlich viele Räume bzw. Hütten zur Verfügung.

Die Hütten sind immer Eigentum, teils kann der Bau einer Hütte Jahre dauern. Denn ein Kreditsystem wie bei uns gibt es dort nicht. Meist ist eine Hütte 8–30 qm groß, besteht aus ein bis zwei Räumen, schlicht gebaut aus selbst gemachten Betonsteinen, mit einem Dach aus Blech oder Stroh. Als Mobiliar gibt es vielleicht einen Stuhl, eine Kommode und ein Bett. Tapeten oder Teppiche – abgesehen von Gebetsteppichen – sucht man vergebens.

Landschaftsanblick mit Palmwedel im Vordergrund, Berg im Hintergrund.

Waldansicht mit Palmenestamm mittig.Dschungelansicht mit Lianen.

Generell spielt sich das meiste Leben im Hof oder auf der Straße ab. Die Hütten dienen mehr als Schlaf-, denn als Lebensraum. Compounds sind häufig von Mauern oder Sichtzäunen aus Ästen umgeben. Ziegen, Pferde und Esel laufen frei herum oder die jüngeren Kinder fungieren als Hirten. Jeder weiß, wem welches Tier gehört, sie sind häufig auch durch Brandzeichen markiert.

Durch die Trockenzeit hindurch kommen sie immer zu den Besitzern zurück, denn sie geben ihnen Wasser. Die Versorgung durch Wasserpumpen wird Stück für Stück besser: Wir sahen auf der Strecke unserer Reise trotz kleinster Dörfer, in denen wir waren, nur relativ wenige klassische Ziehbrunnen. Natürlich ist selbst der Senegal so groß, dass wir dies nicht mit Gewissheit für jede Region sagen können.

Ein Betonhaus mit Satelittenschüsseln auf dem Dach und offener Tür.Drei Rundhütten mit Strohdach.

Immer, wenn wir bei einer Familie schliefen, war es wie selbstverständlich, dass die Mahlzeiten einfach mit zwei weiteren Menschen geteilt wurden. Zudem freuten sie sich darüber, dass wir beinahe ausnahmslos ihr lokales Wasser tranken, wohl nicht unbedingt typisch für europäische Reisende. Und entweder hatten wir Glück (auch meine Freundin über die ganzen zwei Jahre hinweg) oder ein gutes Immunsystem, denn wir hatten fast keine Probleme durch Wasser oder lokales Essen.

Innerhalb der Familien habe ich nicht immer sofort verstanden, wer zu wem gehörte und wie die Familienbande gestrickt waren. Teils waren auch Kindern anderer Familien, zum Beispiel für den Schulbesuch, bei Tanten oder Onkeln einquartiert, da sie selbst zu weit von der nächsten Schule entfernt wohnten. Und teilweise wusste ich auch nicht, ob das junge Mädchen Mutter oder Schwester des Kindes war, das es trug.

Für tiefere Erkenntnisse dazu bedarf es wohl einer längeren Zeit an einem Ort. Was mich zudem zuerst irritierte, war die Mimik der Menschen: Sie ist in der Öffentlichkeit oder vor Fremden meist sehr verschlossen. Doch abends, wenn die Männer- und Frauenrunden beisammen sitzen, wird viel gescherzt und gelacht, geredet und sich ausgetauscht. Wegen mangelnder Sprachkenntnisse kann ich an diesem Punkt leider noch nicht viel mehr berichten.

Ein orientalisch anmutendes Gebäude mit Schatten des Fotografen.Rundhütte mit Strohdach. Berg im Hintergrund.

Fazit

Die Idee dieser Reise war, eine Kultur aus eigener, direkter Erfahrung kennenzulernen – eventuell auch über persönliche Grenzen hinweg. In den Austausch mit Einheimischen zu kommen und gegebenenfalls die eigene Komfortzone verlassen zu müssen, um ein Stückchen mehr Verständnis für ein Leben in einer anderen Klimazone, Tausende Kilometer entfernt und mit einer völlig anders gewachsenen Kultur- und Religionsgeschichte zu entwickeln.

Es war meine erste, längere Reise in eine Region, in der der überwiegende Teil der Menschen muslimisch ist. Ehrlich gesagt haben wir das jedoch selbst kaum als Veränderung oder Einschränkung gesehen. Oder besser gesagt nicht in den, vielleicht heutzutage teils negativ beeinflussten, Zügen, die aufgrund von Vermischung unterschiedlicher Religionsauffassungen entstanden sind. Was auch an unserem Touristenstatus gelegen haben mag.

Bäume mit dahinterliegende Rauchwolke.Unscharfer Mond mit Gebäuden, Nachtansicht.

Natürlich hört man den Muezzin zum Gebet rufen, sieht, dass Männer und Frauen vor allem im ländlicheren Bereich die vielleicht eher klassischere Arbeitsteilung der Geschlechter leben. Man sieht einige sehr junge Mütter mit verhältnismäßig älteren Männern. Dinge, die ich jedoch auch aus Deutschland kenne – wenn auch in geringerem Maße.

Oft wurde ich auch gefragt, ob ich Angst gehabt hätte. Meistens war dies die erste Frage nach meiner Rückkehr. Doch da konnte ich nur verneinen. Wir wurden überall mit sehr viel Herzlichkeit aufgenommen. Zwar gab es Passkontrollen von Militärs, die vielleicht kurz einschüchternd waren, jedoch nie bedrohlich. Und, um noch eine der häufigen Fragen vorweg zu beantworten: Wir mussten uns nicht verschleiern. Verschleierung ist keine generelle Pflicht, weder für Reisende noch für einheimische Frauen.

Tisch mit Karte, Wasserkaraffe und weiteren Gegenständen.

Sicher ist, dass Afrika ist ein riesiger Kontinent ist. Sicher gilt nicht alles, was wir erlebt haben überall gleichermaßen. Ich denke es ist nur gut, wenn wir lernen, nicht nur von Afrika im Ganzen zu sprechen, sondern wenn man sich auf die jeweiligen einzelnen Regionen konzentriert, bevor man in die Falle der Verallgemeinerung tappt. Schon die politischen, strukturellen und sprachlichen Unterschiede zwischen Senegal und Gambia sind enorm.

Im Bezug auf Religion habe ich im Senegal eines gemerkt: Dort fand man Christen, wo man Schweine sah. Klingt plump, ist aber wahr. Ich besuchte christlich-muslimische Friedhöfe und eine katholische Kirche in Joal Fadiouth, einem Ort mit sehr großer Christendichte. Die friedliche Koexistenz der Religionen auf meiner Reise war eine schöne Erfahrung. Es gäbe noch unendlich viele weitere kleine Anekdoten und detailliertere Ortsberichte, in die ich nun verfallen könnte, doch als erster Eindruck einer langen Reise möchte ich hier nun schließen.

Verschwommener Landschaftsanblick mit großem Baum links und Wiesenfläche mit Einzäunung darauf.

Um den fotografischen Aspekt nicht zu vernachlässigen: Meine Kameras haben übrigens ihre Komfortzone definitiv auch verlassen, es war für ihren Geschmack viel zu staubig. Daraus resultierte wohl auch der Fokusdefekt einer meiner Kameras. Meine Yashica T3 hat einen interessanten Nostalgie-Effekt durch Unschärfe erzeugt. Für mich erst ein Moment der Trauer um die Bilder, im nächsten Moment die Bestätigung von meinem erneuten Senegambia-Besuch in baldiger Zukunft.

Zu den Höhepunkten zählte auch, dass ich nach sieben Tagen feststellte, tatsächlich vor lauter Aufregung und Begeisterung einige Tage ohne Film mit meiner Nikon f3 fotografiert zu haben, aber das passiert wohl jedem irgendwann einmal. Daher muss ich Euch die Bilder von unserer Nilpferd-Flusstour leider vorenthalten. Darauf zu sehen wären gewesen: Affen, Weißkopfseeadler, Paradiesvögel und natürlich Nilpferde.

Somit entlasse ich die eifrigen Leser und Leserinnen nun in die eigene Gedankenwelt. Vielleicht geht es ja auf Reisen…

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10 Kommentare

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  1. Tolle Geschichte und interessanter Reisebericht. Und ein schöner Beweis, dass es sich lohnt seine Komfortzone zu verlassen um Neues zu entdecken, andere Kulturen und Menschen kennenzulernen. Welche Filme hast du denn benutzt? Ich nehme an, dass es verschiedene waren, da sie sich farblich ja teilweise stark unterscheiden.

    • Hallo Michael, danke dir. Ich habe fast nur den Kodak Portra 160 und 400 benutzt. Sowie Tmax 100. Farbliche Unterschiede sind tatsächlich auch vor Ort stark gewesen – vor allem was den Himmel und den Sand betrifft…

  2. Witzigerweise habe ich gerade heute noch gedacht: „Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau und Guinea-Conakry, das sind bestimmt sehenswerte Gegenden … mal googeln“.
    Und finde doch wohl echt diesen „Senegambia“-Bericht hier.
    Schade finde ich, dass kaum Personen auf den Fotos sind.
    Das fiel mir auf, als ich „… dem Wrestling- und Fußballtraining am Strand zuschauen …“ las.
    Bin etwas neidisch … eine offenbar sehr interessante Reise.

  3. Ich habe den Artikel mit großem Interesse gelesen . Und bin echt beeindruckt , so zu reisen ,dazu gehört einiges an Geduld und Gelassenheit. Super!
    Die Fotos sind ganz toll, sie vermitteln genau das was beschrieben wurde und das weglassen auf die plakativen Motiven , regt das Kopfkino viel mehr an. Danke !
    Nicola

  4. Ein schöner Bericht einer spannenden Reise! Und obwohl die Menschen „fehlen“ geben die Bilder die Orte und das Gefühl für Westafrika doch irgendwie sehr gut wieder. Der Mut zum Verlassen der Komfortzone hat sich bezahlt gemacht, das merkt man.

  5. Danke für den Bericht. Der Islam kommt in Gambia verhältnismäßig friedliebend daher, weil er mouridisch-sufistisch geprägt ist, was eben genau der Richtung entspricht, die die IS-Terroristen dazu brachte, in Mali Büchereien zu zerstören und – bis zum Eingreifen der Franzosen – die lokale Musikkultur zu verbieten. Im Übrigen gibt es, wie du auch schon festgestellt hast, starke animistische Einflüsse, beispielsweise von den Diolas. Diese Einflüsse werden dadurch, dass Gambia im Vergleich zu Guinea Bissau durchaus wirtschaftliche Anreize bietet und sich viele aus südlichen Nachbarländern als Dienstmädchen (unter durchaus sklavenähnlichen Bedingungen) verdingen, befeuert. Leider gewinnt aber auch der arabisch finanzierte Islam zunehmend an Einfluss, was allein daran zu erkennen ist, dass in den vergangenen zwanzig Jahren beständig die Zahl der „Kopftuchmädchen“ in Gambia zugenommen hat. Hier müsste man mal die Rolle der Koranschulen untersuchen. Glücklicherweise musste der Scharia-Präsident mit seinem Hang zu wundersamen Aidsheilungen und Hexenverfolgungen nach der letzten Wahl in das befreundete afrikanische Ausland fliehen, nicht ohne vorher die Staatskasse mitgenommen zu haben, sodass Gambia mittlerweile keine „Islamische Republik“ mehr ist. Falls dann Barrow, der amtierende Präsident, das von Jammeh eingeführte Homosexuellen-Gesetz endlich kippen würde, dann gäbe es im gutmenschelnden Deutschland endlich auch keinerlei vertretbaren Grund mehr, Gambia nicht als sicheres Herkunftsland einzuschätzen und dies, obwohl zeitgleich, ja der Tourismus mit Sonderangeboten an die Vor-Jammeh-Zeit anknüpfen möchte. Man erinnert sich: the Smiling Coast of The Gambia. Übrigens: Nur die ländlichen Familien müssen mit den wenigen von dir angegebenen Geld auskommen, verfügen dann aber auch noch über die Subsistenzwirtschaft. Der mittelständische Rest hängt am Tropf von Western Union, also Auslandsüberweisungen. Auch schon vor der diktatorischen Regentschaft, die Asylgründe mit Unterdrückung der einheimischen Presse bis hin zu Foltergefängnissen lieferte, verstand man es, seine Söhne nach den USA und nach Europa zu verheiraten. Für die Senegalesen, als ehemalige Kolonie, standen die Pforten Frankreichs sowieso immer offen. Youssou N-Dour hat es in „Immigrés“ besorgen, bevor er sich entschlossen hat, nun hauptsächlich nur noch religiöse Lieder zu singen. Ich merke, dass ich über Gambia auch so einiges zu berichten hätte, hatte aber, nachdem ich ein Jahr dort gelebt hatte, erst einmal die Nase voll. Überhaupt war dieses Land, mit Jammeh als Präsident, ein NO-GO. Dies hat sich jetzt ja glücklicherweise geändert.