Schuber und Cover von „The End of the Game“ von Peter Beard
02. Mai 2016 Lesezeit: ~6 Minuten

Rezension: „The End of the Game“ von Peter Beard

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums hat der Verlag Taschen „The End of the Game“ des US-amerikanischen Fotografen Peter H. Beard in einer aktualisierten Auflage neu aufgelegt. Der auf 5.000 Exemplare limitierte Band wartet mit einer Eindringlichkeit in Bild und Text auf, die einen direkt in der Magengrube trifft.

Zwei Jahrzehnte lang arbeitete Beard an seiner Darstellung der vielschichtigen und schrecklichen Folgen für die Menschen, Flora und Fauna, ausgelöst durch das Eindringen der westlichen Zivilisation in den afrikanischen Kontinent. 1965 wurde seine Arbeit unter dem deutschen Titel „Die letzte Jagd“ zuerst veröffentlicht, es folgten Aktualisierungen in den Jahren 1977, 1988 und 2008.

Schuber von „The End of the Game“ von Peter Beard

Buchrücken von „The End of the Game“ von Peter Beard

Peter Beard stammt aus einer reichen Familie und studierte in Yale. Als sich Reisen nach Afrika ergaben, wurde er schnell auf die Probleme dort aufmerksam, denen er sich fortan schwerpunktmäßig fotografisch widmete. Unweit der Farm seiner Freundin und Inspiration Karen Blixen kaufte er die Hog Ranch, auf der er zeitweise (sonst in New York) lebt.

Seit seiner Jugend führt er ausschweifende Tagebücher, in denen er seine schriftlichen Aufzeichnungen durch allerlei getrocknete Pflanzen, Zeichnungen, Zeitungsausschnitte, alte Fotos, Zitate, Insekten usw. ergänzt und sie zu einem Gesamtkunstwerk verbindet. Dieses Collageartige sieht man auch in „The End of the Game“, auch wenn bei einem Blick in seine Tagebücher klar wird, dass es sich im vorliegenden Band um eine stark reduzierte Form handelt und er zum Beispiel auf den Einsatz von Blut verzichtet hat, womit er sonst auch gern arbeitet.

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Die Fotografien von Wild und Menschen in „The End of the Game“ wirken gerade durch das große Format sehr beeindruckend. An seinen menschlichen und tierischen Protagonisten ist Beard meistens optisch unmittelbar nah dran, es gibt hohen Kontrast, tiefes Schwarz, angenehmes Filmkorn. Und so manches Bild, das unscharf oder verwackelt ist, weil es sich zum Beispiel um einen Löwen handelt, der auf den Fotografen zuhält – die Wirkung, die so eine Doppelseite hat, wenn man sie während der Lektüre über für Menschen tödliche Jagden aufschlägt, ist wuchtig.

Die sechs Hauptkapitel sind von einem neuen Vorwort von Paul Theroux von 2015, Einleitungen von Peter Beard von 1965 und 1977 mit Zitaten von Karen Blixen und Tertullian sowie auf der anderen Seite einem Epilog von Dr. Richard M. Laws, einem Nachwort von Peter Beard von 1988 und einem E-Mail-Hilferuf aus Kenia von 2007 eingerahmt. Jeder dieser Texte stellt die ursprünglichen Fotografien in einen jeweils aktuellen Bezug und macht auf die weitere Entwicklung der Probleme aufmerksam.

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Das erste Kapitel namens „The White Mountain“ erzählt von der Faszination, die das Mount-Kenya-Massiv auf die europäischen Besucher ausübte. Der erste von ihnen, der es erblickte, war der deutsche Missionar und Afrikaforscher Dr. Johann Ludwig Krapf und 50 Jahre später gelang die Erstbesteigung dem Briten Sir Halford Mackinder. Dessen beschwerliche Unternehmung lässt sich hier nachlesen.

Kapitel zwei, „A Snake from the Coast“, gibt einen Einblick in das Unterfangen der Briten, eine Eisenbahnlinie von der Küste aus ins Landesinnere zu bauen. Dabei wurden unglaubliche Mengen Baumaterial bewegt und beachtlich viele Arbeiter (vor allem Inder) eingesetzt, die mit den Widrigkeiten vor Ort, zum Beispiel menschenfressenden Löwen, zu kämpfen hatten.

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

In den drei folgenden Kapiteln namens „In the Glare of the Game’s Eye“, „Game Control“ und „Beside the Carcass of a Beast“ wird deutlich, wie die Dinge sich immer absurder entwickeln, umso mehr Europäer und Amerikaner (wie der US-Präsident Roosevelt) nach Afrika kommen, um für Trophäen zu jagen oder Vieh zu halten – was dann wiederum durch Jagd vor der einheimischen Tierwelt geschützt wird.

Die Texte der Kapitel begleiten Abenteurer auf ihren verschlungenen Pfaden quer durchs Land, „Game Control officers“ eines Landstücks beim „Kontrollieren“ von Wild zum Schutz des gehaltenen Viehs und Hobby- und Sportjäger bei besonders gefährlichen Jagden auf zum Beispiel Löwen mit teilweise tödlichem Ausgang für einige Beteiligte.

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

So sehr die Bilder und vor allem Texte, die sehr nah am Geschehen dran sind und vor vielen Informationen und Anekdoten nur so strotzen, einen bis hierhin schon berührt, den Magen umgedreht und die Kehle zugeschnürt haben – all das lässt sich nicht vergleichen mit dem sechsten Kapitel „Nor Dread nor Hope Attend“, in dem seitenweise Fotos von sterbenden und toten Elefanten völlig komentarlos zu sehen sind.

Laut Beard ist dies das Ergebnis einer aus dem feinen Gleichgewicht geratenen Selbstregulation aus frei lebendem Wild, einer vormals üppigen Pflanzenwelt und in gesundem Maße jagenden Einheimischen, die durch die Kolonialisierung gestört wurde und zu einer Elefanten-Überbevölkerung geführt hat, die die ausgedörrte Landschaft nicht ernähren kann. Mit diesem trostlosen Ausklang schließt sich der Kreis zur ersten Seite im Buch, auf der ein frisch geborenes Elefantenjunges zu sehen ist.

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Doppelseite in „The End of the Game“ von Peter Beard

Wie so oft bei Taschen ist auch „The End of the Game“ großformatig angelegt, sodass die Fotos ihre volle Wirkung und Wucht entfalten können. Die Aufmachung ist detailreich und passend zum Inhalt: Ein Leineneinband in braun und blaugrün mit golgenen, geprägten Titeln und altertümlicher Aufmachung, Vorsatzpapier mit Zebramuster aus Fotos von Peter Beard und ein Pappschuber, der vorn und hinten mit fast formatfüllenden Bildern eines Afrikaners mit einem gigantischen Stoßzahn versehen ist.

„The End of the Game“ ist auch 50 Jahre nach seinem Erscheinen noch hochaktuell, auch wenn uns im Moment wohl stärker das Schicksal der menschlichen statt der tierischen Bewohner Afrikas präsent ist. Beide leiden und man muss sich sowohl als Nachfahre des kolonialistischen Europa sowie als Teil eines globalen Systems, das Afrika als Müllhalde benutzt, diesen Zustand vor Augen führen und sich fragen, was man selbst tun kann.

nbsp;

Informationen zum Buch

Titel: The End of the Game
Fotograf/Autor: Peter Beard, Paul Theroux u. a.
Seiten: 288
Sprache: Englisch
Erscheinungsdatum: 30. Oktober 2015
Verlag: Taschen
Ausgabe: Gebunden
ISBN: 978-3836555470
Größe: 28,2 x 32 x 4,3 cm
Gewicht: 2,4 kg
Preis: 74,99 €

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