Hände zwischen einem Feuerball
16. April 2016 Lesezeit: ~3 Minuten

Das Trauma

Fotografie bedeutet für mich weit mehr als nur die bloße Darstellung einer uns vertrauten Wirklichkeit. Die Kamera ist nicht einfach ein Werkzeug, sondern ein Wunderkasten, der es mir erlaubt, Träume und Gefühle in fertige Bilder zu gießen.

Es ist meine Überzeugung, dass alle Wahrnehmung subjektiv ist. Es gibt keine Objektivität, höchstens eine teilweise Übereinstimmung mehrerer subjektiver Ansichten. Somit ist meine Aufgabe als Fotograf die Vermittlung von Stimmungen.

Doch wie entstehen Stimmungen? Wie aktiviert man die Gefühlswelt der Betrachter? Ich glaube, dass es einer Mischung aus visueller, akustischer und taktiler Stimulation bedarf. Anregend ist, was Atmosphäre schafft – das gilt sowohl für den Künstler als auch für das Publikum.

Ein Haus auf einem Berg mit dunklen WolkenEine Festung im Wasser mit Lichtspielen

Das erste und wichtigste Element dieser Atmosphäre sind somit die visuellen Eindrücke, also meine Bilder. Dazu braucht es Inspiration, um den kreativen Quell sprudeln zu lassen und eine anschließende Selektion, damit man seine Energie auf die Umsetzung der „richtigen“ Ideen beschränkt.

Meine Inspiration ziehe ich aus der Natur, namentlich aus Streifzügen durch dichte Wälder und Berglandschaften. Wenn mir danach ist, setze ich mich hin und betrachte die Szenerie so lange, bis mein Kopf damit zu spielen beginnt.

Die anschließende Selektion überlasse ich meinem Unterbewusstsein, genau genommen meinen Träumen. Der Schlaf ist für mich ein besonderes Mysterium, zu dem ich lange Zeit ein sehr eigenartiges Verhältnis hatte. Denn das, was ich lange als intensives Träumen deutete, stellte sich bei einer späteren Untersuchung als Schlafparalyse heraus.

Bei dieser Störung ist man in einem Zustand zwischen Wachsein und Schlaf gefangen; das Gehirn ist hochaktiv, der Körper jedoch gelähmt. Die Folge daraus sind Halluzinationen sowie ein Gefühl der Atemnot, das in einer Panik resultieren kann.

Ein Mensch aus dessem Kopf ein Baum wächst

Surreales Gebilde aus Mauern und Bäumen

Diesen eigentlich unangenehmen Zustand habe ich im Lauf der Zeit als kreatives Werkzeug zu nutzen gelernt. Die wichtigsten der tagsüber gesammelten Eindrücke verschmelzen im Traum zu einer Synthese, aus der ich meine Bildideen beziehe.

Habe ich eine solche Idee in einem Bild umgesetzt, so bereite ich es für den UV-Direktdruck auf Verbundplatten aus Aluminium vor, indem ich die oberen Helligkeitsstufen auf bestimmte Ausschnitte (etwa Fenster oder Horizonte) begrenze. Das erlaubt mir die gezielte Steuerung der spiegelnden Eigenschaften dieses Materials und die damit verbundene Reflexion von Umgebungslicht.

Die Bilder beginnen zu leben, sie werden plastischer und der Betrachter kann sie je nach Perspektive, Ort, Beleuchtung und eigener Fantasie frei interpretieren. Dabei ist diese Plastizität auf Strukturen (zum Beispiel Mauerwerk) auch spürbar, wenn man mit dem Finger über die bedruckte Platte fährt.

Ausstellungseinblick

Ein Foto in einer Ausstellung

Nun gilt es, die anfangs erwähnte, umfassende Atmosphäre zu schaffen. Dazu dienen mir Ausstellungen, in denen ich die fertig gerahmten Bilder in bevorzugt schwebender Lage an Polyamidfäden installiere, um mit Hilfe der Beleuchtung einen schwebenden Effekt zu erzielen. Die visuellen Eindrücke runde ich mit eigens gemischten Musiksets ab.

Häufig beobachte ich in den Ausstellungen Besucher, die mit gebanntem Blick auf ein Bild schauen, leicht zur Musik wippen und dabei alles um sich herum vergessen; sie scheinen zu träumen. Jedes Mal, wenn mir das gelingt, bin ich für einen Moment zufrieden mit meiner Arbeit.

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