Lawinenschutzbauten im Schnee an einem Berghang.
22. Februar 2016 Lesezeit: ~7 Minuten

Rezension: „Oder das Tal aufgeben“

St. Antönien ist* eine Gemeinde in den Schweizer Alpen an der Grenze zu Österreich, die in den letzten Jahrhunderten mehrfach von schweren Lawinenabgängen getroffen wurde. Nach der vorletzten Katastrophe im Jahr 1951 begann man, Lawinenschutzbauten auf den Berghängen zu installieren, um die Talbewohner zu schützen.

Vor der Lektüre des Bandes war mir die Ortschaft und ihr verzweifelter Kampf gegen die Naturgewalten unbekannt. Allerdings birgt es eine gewisse Faszination, als Unbeteiligte*r in die geschichtlichen Anekdoten eines speziellen Themas einzutauchen, durch die Bebilderung auch optisch Zugang zu finden und in den Fotos spannende Details zu erkunden.

Im vorliegenden Bildband aus dem Verlag Scheidegger & Spiess mit dem bereits vielsagenden Titel „Oder das Tal aufgeben“ präsentiert uns der Fotograf (sowie Gestalter und Architekt) Kaspar Thalmann mittels 49 ganz- und doppelseitigen Fotografien den Lawinenschutz von St. Antönien aus vielen Perspektiven und umrahmt von den wechselnden Jahreszeiten.

Lawinenschutzbauten im Schnee an einem Berghang.

Besonders spannend sind die Schwarzweißaufnahmen der Lawinenschutzbauten aus Beton und Stahl im Winter, wenn sich die Struktur, die im Detail streng geometrisch angelegt ist, organisch den Formen der Hänge angepasst durch den Schnee schlängelt, sodass die geraden Linien und die strenge Ordnung durch die sanften Schwünge aufgebrochen werden.

Vom ausdifferenzierten Nuancen des Grau in Grau einer Detailaufnahme von Betonpfeilern bis zum harten schwarz auf weiß der Luftaufnahmen, die wunderbar grafisch, beinahe wie mit einer feinen Tintenfeder gezeichnet wirken, sind alle Zwischenstufen vertreten. Darüber ein stahlgrauer Himmel und schwarze Büschel von Gras, die aus dem Schnee aufragen.

Bild für Bild setzt sich eine Welt zusammen. Nach und nach habe ich bestimmte Abschnitte auf einem Foto von einem anderen wiedererkannt. Der gleiche Hang lässt sich so aus mehreren Perspektiven betrachten, die auf dem Bild zweidimensional abgebildete Topografie wird im Kopf wieder dreidimensional. Die aus der Vogelperspektive gewundenen Linien wurden – von vorn betrachtet – schnurgerade an den Berg gebaut.

Lawinenschutzbauten an einem kahlen Berghang, dahinter weitere Berge.

Auch die Farbaufnahmen haben ihren Charakter: Vom hoffnungsvoll blauen Himmel, in dem Vögel über dem Gebirge tanzen über saftige Frühlingswiesen zwischen weißgrauen Betonrechen bis hin zur gräulich-bunten Tristesse spärlich bewachsener Herbsthänge finden sich auch hier viele Spielarten. Und Details zum Darinverlieren wie rostbraune Flechten, wuchernd auf Beton, die erst erkennen lassen, dass es sich um eine Farbfotografie handelt.

Überhaupt: Strukturen und Texturen sind überall zu entdecken. Vom Kleinen wie dem Gras auf dem Hang und den fleckigen Betonporen bis zu den Bergwipfeln der Alpen, die sich in den Horizont recken. Feine Schattierungen von Schnee in Abstufungen von Grau. Geröll, Wolkenfetzen, Sträucher, asphaltierte Straßen und Trampelpfade, die sich durch die Landschaft winden.

Auf ein paar der Farbfotos wird auch der sogenannte „Bannwald“ portraitiert, der zwischen den meisten Gebäuden der Siedlung im Tal und den darüber aufragenden Bergen als natürlicher Lawinenschutz steht. Dieser war durch Rodung für Brennholz und Gewinnung von Weideland allerdings so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dass er der Lawine im Jahr 1951 nicht mehr standhielt – und größtenteils schlicht vom Schnee mit ins Tal gerissen wurde.

Ein grüner Nadelwald im Nebel.

Zwischen den Fotografien eingestreut finden sich dreieinhalb Texte: Die Einleitung stammt von Nadine Olonetzky, die den Bogen von der Maschine Fotokamera gekonnt zur Baumaschine zur Errichtung der Schutzbauten spannt. Sie gibt zum Auftakt Denkanstöße darüber, wie sich der Mensch in der von ihm so geliebten, aber auch von ihr bedrohten Natur zurechtfindet und sie wie hier entscheidend umgestaltet, um überleben zu können. Um das Tal nicht aufgeben zu müssen.

Stefan Hotz berichtet im Mittelteil ausführlich über die Geschichte der Lawinenschutzbauten in St. Antönien: Von den ersten Spenden der verschonten Schweizer über (lokal-)politische Hürden und Abwägungen bis zum tatsächlichen Bau. Erstaunliche Zahlen der verbauten Elemente und ihrer Kosten, die in den folgenden Jahrzehnten durch Erweiterungen und Instandhaltung in ungeahnte Höhen klettern sollten.

Köbi Gantenbein schließlich portraitiert mit dem Blick des Architekten die Pioniere und Vordenker beginnend am Anfang des 19. Jahrhundert, die sich als Ingenieure und Kinder eines Landes, dessen „Ursprung in den Bergen liegt“, Gedanken um verschiedene Arten der Lawinenabwehr machten. Er schließt mit dem Bericht über den abgelehnten Plan, auf den Lawinenschutzbauten das größte Solarkraftwerk der Schweiz zu installieren.

Lawinenschutzbauten an einem Berghang.

Das zusammenfassende Schlusswort stammt wieder vom Fotografen. Dem gegenüber steht eine Grafik, die die Lage der Schutzbauten auf den Berghängen, das Gebiet des Bannwalds und die verstreuten Gebäude der Ortschaft im Tal darunter zeigt. Der Mensch in der Natur. Gegen die Natur. Um weiter mit der Natur sein zu können.

Die Texte sind schwarz mittig und ringsherum mit gutem Abstand zum Rand auf die weißen Seiten gesetzt. Wenn man so möchte, lehnen sie sich also optisch an die Linien der Schutzbauten an den Hängen an. Auch sonst ist die Gestaltung im besten Sinne zurückhaltend:

Das verwendete Papier verhält sich angenehm gegenüber der Wiedergabe von Texten und Fotografien, Format und Gewicht liegen irgendwo im üblichen Format von etwa A4, eine angenehme Menge Bilder und Informationen auf überschaubaren 128 Seiten. Alles nicht zu klein, leicht oder knapp, aber eben auch nicht zu groß, schwer oder viel – gerade wohldosiert.

Lawinenschutzbauten an einem grünen Berghang.

Der einzige Kritikpunkt, den ich zum Bildband anzubringen habe, bezieht sich auf einige der doppelseitigen Fotografien: Optisch zuerst verwirrend, entpuppen diese sich bei genauer Betrachtung als zwei ganzseitige Bilder, die im Falz sozusagen auf Stoß gedruckt wurden, also ganz ohne Abstand zueinander.

Diese Doppelbilder lenken einfach sehr gegenseitig voneinander ab, beeinflussen die Wirkung des jeweils anderen für meinen Geschmack zu stark. Eine engere Auswahl der Bilder oder Vergrößerung des Buchblocks um einen weiteren Bogen, um die Bilder einzeln mit einer weißen Seite gegenüber zu zeigen (wie andere im Band) wäre hier angenehmer gewesen.

Nichtsdestotrotz war es ein visuelles und informatives Erlebnis, sich mit diesem Bildband in die mir bisher unbekannte Bergwelt zu versetzen und wie ein Kinobesucher gebannt der Geschichte zu folgen, die in den Texten und Fotografien spannend vor mir entfaltet wurde. Für Liebhaber der alpinen Natur, grafisch-fotografisch Interessierte oder alle, die sich für die Interaktion von Mensch und Natur begeistern.

 

Buchcover: Lawinenschutzbauten im Schnee an einem Berghang.Informationen zum Buch

Titel: „Oder das Tal aufgeben“
Fotograf/Autor: Kaspar Thalmann
Seiten: 128
Sprachen: Schweizer Deutsch
Erscheinungsdatum: 18. September 2015
Verlag: Scheidegger & Spiess
Ausgabe: Gebunden
ISBN: 978-3858814784
Größe: 22,5 x 27,7 x 2 cm
Preis: 48 €

* Korrekt wäre eigentlich „war“, da der Ort zum Jahresbeginn 2016 mit der Nachbargemeinde Luzein fusioniert ist und nun einen Ortsteil dessen bildet.

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