Gebeugt gehende Frau vor einer Schneelandschaft.
12. Februar 2016 Lesezeit: ~13 Minuten

Fotografie heute: Geschenk und Bürde

Schon seit ich sehr jung war, fotografiere ich: Zu allererst habe ich Wegwerfkameras benutzt, um Bilder von meinen Freunden und den Orten, die ich erkundet habe, zu machen. Erst später in der High School begann ich zu verstehen, wie man die Kamera als künstlerisches Medium benutzen kann – zu dieser Zeit wurde ich in die Dunkelkammerarbeit eingeführt. Im Alter von 14 Jahren war ich fasziniert und verwirrt von der Kamera.

Es war herausfordernd für mich, die theoretischen Grundlagen der Fotografie zu verstehen und unzählige Versuche, einfache technische Aufgabenstellungen zu erfüllen, endeten in Sackgassen. Wenn es mir aber gelang, war ich zufrieden damit, viele Stunden in der Dunkelkammer zu verbringen, um Drucke zu entwickeln; der Anblick des sich vor meinen Augen entwickelnden Bildes war eine so bewegende und lohnende Erfahrung.

Ich erinnere mich noch klar daran, dass ich selbst dann nicht immer dem Standardprotokoll zum Entwickeln folgte. Oft waren mein Ergebnis sehr seltsam aussehende Drucke, die zu dieser Zeit schlichtweg als falsch angesehen wurden.

Arme langen von einem Bett zum Boden, wo einzelne Laubblätter liegen.

Eine meiner lebhaftesten Erinnerungen an den Dunkelkammer-Unterricht ist die Aufgabe, bei der die Studenten gebeten wurden, eine Fotografie der eigenen Wahl nachzustellen. Dafür suchte ich mir das Standbild #53 von Cindy Sherman aus. Es war das erste Mal, dass ich die Gelegenheit hatte, richtig mit der Technik des Selbstportraits zu experimentieren.

Es war etwas Betörendes dabei, die Fähigkeit zu besitzen, mich selbst in eine Figur zu verwandeln, die von meiner eigenen Existenz getrennt war – mich selbst auf jede vorstellbare Art zu portraitieren. Es war ein kathartisches Erlebnis: Die Wiederholung, jedes Mal die Kamera wieder einzustellen, den Auslöser zu drücken, wenn ich das Gefühl hatte, dass ich am richtigen Punkt perfekt positioniert war.

Pilze und Flechten auf der Schnittfläche eines Baumstumpfs.

Zu meinem 16. Geburtstag bekam ich von meinen Eltern eine DSLR geschenkt und erst mit dieser Kamera war ich in der Lage, die theoretischen Grundlagen der Fototheorie verstehen zu beginnen, mit denen ich früher meine Probleme hatte. Interessanterweise machte es das für mich wiederum leichter, die analogen Schulaufgaben zu erfüllen. Für viele Menschen war es üblich, mit analoger Technik geschult zu werden und später digitale Technik zum Arbeiten zu wählen – ich bin den umgekehrten Weg gegangen.

Meine Arbeiten wurden das erste Mal ausgestellt, als ich 16 Jahre alt war. Das Thema der Ausstellung war etwas mit sozialem Bewusstsein für Belange wie Rasse, Armut, Krankheit und Sexismus. Die Fotografien, die ich eingereicht hatte, sollten auf geistige Krankheiten aufmerksam machen und waren digital aufgenommene Selbstportraits.

Arme und Beine einer stehenden Frau mit zotteligem, übergroßem Pullover.

Nach der High School setzte ich meine Ausbildung fort und studierte Fotografie, womit ich die nächsten zwei Jahre meines Lebens verbrachte. Der Lehrplan bestand darin, die Komplexitäten manueller und technischer Funktionen von DSLRs und Kameras mit Phase-One-Rückteilen zu lernen. Es gab auch einen Kurs für alternative Entwicklungstechniken, in dem ich Cyanotypien, Daguerrotypien, Albumin- und Salz-Drucke machen konnte.

Es war während dieser Zeit, dass ich begann, meine Kunstfotografie weiterzuentwickeln, indem ich jeden Tag ein Foto machte. Die Sammlung dieser Versuche teilte ich auf meinem Blog, das dadurch wohl zu einem 365-Tage-Projekt-Blog wurde – oder einfach einer einjährigen Ausstellung sich entwickelnder Werke. Jeden Tag, wenn ich nach den Kursen nach Hause kam, machte ich mehrere Fotos, meistens Selbstportraits oder Objektstudien.

Verwischte Aufnahme eines bunten Kirchenfensters.

Als ich 18 wurde, begann ich, öffentliche Aufmerksamkeit von Kunstblogs und -Magazinen zu bekommen sowie meine Arbeiten lokal und international auszustellen. Seitdem habe ich in Deutschland, Montreal und – jetzt – London gelebt.

Die Fotografie hat mir zahlreiche Türen geöffnet, sodass ich an Dingen teilhaben und teilnehmen konnte, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte. Ich hatte das Glück und die Chancen, Künstler und Fotografen zu treffen und mit solchen zusammenzuarbeiten, die mich selbst grenzenlos inspirieren und motivieren.

Für mich ist Fotografie die einzige Kunstform, die sich gleichzeitig so angenehm und herausfordernd angefühlt hat. Es ist das einzige Medium, das ich gut genug beherrsche, um meine Gedanken und Gefühle auf eine greifbare Oberfläche zu projizieren.

Analoges Frauenportrait mit Bildfehlern.

Meine fotografischen Prozesse und Techniken haben sich in den letzten Jahren verändert. 2011 habe ich mich wieder von meiner digitalen Kamera getrennt und nur noch analog fotografiert. Nachdem ich den Umgang mit der digitalen Kamera „gemeistert“ hatte, war ich schließlich in der Lage, zum Analogen mit mehr Selbstvertrauen zurückzukehren.

Ich begann zu dieser Zeit, meine Filme selbst zu entwickeln und hatte mir eine Dunkelkammer im Keller eingerichtet. Mein Vater gab mir seine alte Kleinbild-Kamera (eine Fujica) und nun nutze ich außerdem eine sehr alte deutsche 4×5-Kamera, die nicht vollständig funktioniert sowie eine Pentax Spotmatic, eine Yashica, eine Agfa Isolette und sporadisch auch Spielzeug- und Polaroidkameras.

Ein Schlüssel liegt in einer offenen Handfläche mit Bildfehlern.

Persönlich denke ich nicht, dass die fotografische Ausstattung regelmäßig aktualisiert oder in sie investiert werden müsste: Offensichtlich hilft einem der jeweils eingesetzte Kameratyp dabei, zu bestimmen, wie das finale Foto aussehen wird, das man kreiert, aber ich glaube daran, dass man ein schönes und komplexes Bild mit jedweder Kamera aufnehmen kann. Und dieses Ergebnis hängt mehr von der Absicht und Vision des Fotografen oder der Fotografin ab als von der Kamera.

Die meisten meiner Kameras habe ich aus Gebrauchtwaren- oder Antiquitätenläden. Ich fühle, dass jede Kamera ihren eigenen Charakter hat und genieße es, sie abwechselnd zu benutzen, statt mich auf eine einzige für jedes meiner Projekte verlassen zu müssen. Ich mag es auch sehr, all diese nicht voll funktionstüchtigen Kameras zu benutzen, weil sie interessante Ergebnisse mit Lichtlecken und Kratzern liefern.

Eine Frau mit nacktem Oberkörper liegt neben einem Ast im Laub.

Außerhalb der Kamera bemühe ich mich darum, so viel Fotomanipulation wie möglich zu vermeiden. In meinen frühen digitalen Werken habe ich mich jedoch stark auf Photoshop verlassen. Irgendwann begann ich aber, Szenen selbst zu konstruieren, sodass ich nicht länger digital Fotos aufeinander stapeln musste.

Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich einmal Birnen an einem unter der Decke hängenden Fischernetz befestigte, anstatt Bildbearbeitungsprogramme zu benutzen, um den gleichen Effekt zu erzielen – was rückblickend betrachtet vielleicht sogar einfacher gewesen wäre. Diese Programme sind extrem hilfreich für kleine Bearbeitungsaufgaben und bevor ich meine Fotos online veröffentliche, nutze ich sie auch, um die Kontraste und Farben der Negative und Scans anzupassen.

Eine Person versteckt sich auf einem Friedhof hinter einem Ast.

Mein Arbeitsablauf ist ein bisschen chaotisch. Es gibt Monate, in denen ich unglaublich organisiert und motiviert arbeite, während andere sehr ruhig sind und ich oft für Wochen keine Kamera in die Hand nehme. In diesen arbeitsamen Phasen versuche ich, so viel wie möglich zu schaffen und sprühe nur so vor Ideen für Sessions und Langzeitprojekte. Dann versuche ich, alles in Listen und kleinen Skizzen in meinem Notizbuch festzuhalten.

Meine bevorzugten fotografischen Themen umfassen Selbstportraits, Landschaften, viktorianische und gotische Architektur sowie religiöse Symbole. Ich erforsche auch gern die kulturell unterschiedlichen Interpretationen von Tod, Ritualen und Anbetung. Ich fotografiere Architektur und ikonische Darstellungen vergangener Zeiten, weil ich eine generelle Entfremdung von der städtischen Umgebung fühle zwischen all diesen zeitgenössischen Wohnblöcken und Bürogebäuden.

Doppelbelichtung weiblicher Akt und Blüten.

Ich fotografiere gern an Orten, die unverfänglich oder vergessen sind, weil sie sich zeitlos anfühlen. Trotz der Unbrauchbarkeit oder verminderten Funktionalität dieser alten Gebäude glaube ich doch, dass man in ihnen noch Schönheit finden kann. Meine Arbeiten sehe ich in diesem Kontext als eine Dokumentation des Zeitverstreichens.

Die Orte, an denen ich fotografiere, betrachte ich sehr genau und sehe sie als Zufluchtsorte, an denen ich Unterschlupf finden kann – wo ich den Raum und die Zeit habe, still zu sein. Oft sehe ich meine Arbeiten eher als eine Dokumentation meines eigenen Lebens, möchte aber, dass meine Fotos als Transportmittel für andere fungieren, die Trost, Stille oder Erleichterung suchen. Es bedeutet mir viel, von denen zu hören, die tatsächlich so etwas in meinen Bildern finden.

Eine Frau sitzt auf einen Hocker gestützt vor einer Wand.

Wie die meisten habe ich sowohl positive als auch negative Rückmeldungen zu meinen Arbeiten bekommen. Ich erwäge beiderlei gleichermaßen und versuche, mir das Negative nicht immer zu sehr zu Herzen zu nehmen. Ich habe gelernt, Kritiken vernünftig zu beurteilen und daraus Schlüsse zum Beispiel darüber zu ziehen, was ich möglicherweise ändern oder ganz lassen sollte.

Mir wurde oft gesagt, dass ich zu viele Schwarzweißfotos mache und dass ich aufhören sollte, Selbstportraits zu machen, weil sie zu einschränkend und repetitiv sind; ich glaube allerdings daran, die Grenzen eines Mediums zu erweitern und fühle, dass es einfacher ist, dabei mit mehr einschränkenden Bedingungen zu arbeiten.

Eine Person sitzt in einer Zimmerecke und verschränkt die Arme vorm Gesicht.

Ich habe versucht, meinen fotografischen Gegenstand zu verändern und auch das Gefühl, das mit der Zeit geschafft zu haben. Inzwischen genieße ich es auch, andere Menschen zu fotografieren und das an unterschiedlichen Orten. Ebenso habe ich Farbfotografie in meine Arbeit aufgenommen, sodass ich nicht länger ausschließlich eine Schwarzweiß-Fotografin bin.

Was die Selbstportraits angeht, fühle ich mich auch wohl damit, nicht mich selbst bzw. meinen eigenen Körper in jedem Foto einzubeziehen, da ich zu der Erkenntnis gekommen bin, dass jedes Bild, was jemand macht, bereits die Projektion des eigenen Selbst ist, egal ob man im Bildausschnitt zu sehen ist oder nicht. Ich sehe mich selbst oft in meinen Bildern und brauche nicht länger einen Körper, um diese Präsenz auch zu demonstrieren.

Kürzlich habe ich damit begonnen, experimentelle Kurzfilme zu drehen. Das ist immer noch ein sehr neues Medium für mich und ich versuche, den vernünftigen Umgang mit einem Nachbearbeitungsprogramm zu erlernen, um meine Bilder zu einem Film zusammenzusetzen. Ich filme genauso wie ich fotografiere: Die Inhalte, die ich kürzlich aufgenommen habe, waren ungeplant und spontan – gänzlich offen für Makel durch Änderungen des Lichts und der Umgebung.

An jetzigen Punkt meines Lebens versuche ich vor allem, eine Stabilität in meinem Alltag herzustellen, während ich eine Teilzeitstelle mit meiner kreativen Arbeit ausgleiche. Außerdem bemühe ich mich, meinen Abschluss zu machen und strebe einen Master-Studiengang in Museologie oder Kuratorische Studien an. Das wäre für mich die ideale Beschäftigung, da ich nichts mehr genieße als die künstlerischen Arbeiten anderer Leute zu erleben, kleine Artefakte oder Kuriositäten zu entdecken und ihre Geschichten zu erfahren.

Frau in einem überwucherten Innenhof, umgeben von mit Efeu bewachsenen Hauswänden.

Die Fotografie ist in diesem Jahrhundert gleichzeitig ein Geschenk und eine Bürde. Einerseits hat es das digitale Zeitalter für so viele von uns erst möglich gemacht, Zugang zu einem größeren, öffentlichen Publikum zu haben, mit sozialen Medien, die uns eine globale Plattform mit buchstäblich Tausenden Menschen zur Verfügung stellen, die unsere Bilder erleben können.

Jedoch werden wir täglich mit so vielen Fotografien bombardiert, dass ich fürchte, dass jedes Kunstwerk und jede dafür unternommene Anstrengung meistens in der Ansammlung von vielen Tausenden anderer Fotografien schlicht untergeht. Wir fühlen Dankbarkeit und eine Art von Selbstwert, wenn jemand unsere Arbeiten online „liket“, mir bietet das aber nicht immer auch Erfüllung.

Aufgepeitschtes Wasser.

Ich denke, dass Fotograf*innen danach streben sollten, auszustellen und ihre Arbeiten in einem physischen Raum zu zeigen, wo sowohl Künstler*in als auch Betrachter*innen etwas Greifbares erleben und sehen können, wie viele Anstrengungen nötig waren, um das endgültige Produkt herzustellen. Ich glaube, dass soziale Medien vor allem als Reklamewerkzeuge benutzt werden sollten und nicht so sehr als primäre Ausstellungsplattform für Fotograf*innen, um ihre Bilder zu zeigen.

Am wichtigsten ist, wie jemand selbst seine fotografischen Arbeiten erlebt. Es ist sehr wichtig, dass man wirklich glücklich ist, mit dem, was man tut (solange diese Arbeit politisch und ethisch korrekt bzw. moralisch ist, möchte ich sagen). Wenn man talentiert ist und die Arbeiten einem größeren Publikum würdig sind, glaube ich daran, dass es ganz natürlich mit der Zeit auch erreicht werden wird.

Eine dunkle Person versteckt sich zwischen vielen dicken Ästen.

Ich räume ein, dass ich in der unglaublich glücklichen Lage bin, in dieser Zeit aufgewachsen zu sein – so verbittert ich ihr gegenüber oft auch rüberkommen mag – und ich begreife auch, dass ich aufgrund der sozialen Medien, von denen ich so schlecht spreche, überhaupt die Gelegenheit hatte, meine Arbeiten Menschen zu zeigen und zu verkaufen, die an allen Enden dieser Erde leben.

Dafür bin ich so dankbar und zeitweise auch sehr verblüfft darüber, welchen Einfluss meine Arbeiten auf andere haben. Offensichtlich habe ich einen seltsamen Komplex, was die Benutzung des Internetz’ als Kunstplattform angeht, aber am Ende des Tages glaube ich doch, dass Fotografien als Druck präsentiert werden sollten – oder zumindest, dass jede*r Künstler*in im Leben erleben sollte, Drucke der eigenen Fotos zu machen.

Dieser Artikel wurde für Euch von Aileen Wessely aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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