Eine Frau sitzt in einer leeren Badewanne, die von Wassermassen umgeben ist.
19. November 2015 Lesezeit: ~4 Minuten

Von der Idee zum Bild mit Lauren Miller

Schon seit ich angefangen habe zu fotografieren, wurde ich immer wieder von Vintage inspiriert. Da ist etwas Magisches an diesen alten, zerfallenden Objekten oder Gebäuden. Vielleicht ist es ihre längst vergangene Geschichte, die sie in sich tragen, die Geschichten, die sie berherbergen oder das Gefühl von Zeitlosigkeit, das sie ausstrahlen. Ich liebe es, durch alte Gebäude zu spazieren, mir meine eigenen Geschichten dazu zu überlegen und diese dann mit der Kamera festzuhalten.

Mein Foto „The Inn“, also „Die Herberge“, ist durch eine ähnliche Geschichte entstanden. Als ein guter Freund von mir mich zu einer Fotosession in eine alte Herberge eingeladen hat, konnte ich natürlich nicht widerstehen. In meinem Kopf konnte ich schon alte Schlafzimmer, prunkvolle Möbel und knirschende Wände sehen. Ich war sehr gespannt.

Während ich mich zuhause auf die Session vorbereitet habe, musste ich mich für eine gute Auswahl an Equipment und Requisiten entscheiden, die ich mitnehmen wollte. Darunter waren natürlich meine Kamera, das Stativ, ein paar Kleider, etwas Schmuck und zwei Perücken. Ich arbeite mit einer Canon EOS 5D Mark II und habe für „The Inn“ das Canon EF 24 – 70 mm f/2.8L USM benutzt.

Als wir dann endlich in der Herberge ankamen, habe ich mich direkt in das florale Dekor und die hölzerne Einrichtung in der ersten Etage verliebt, also haben wir begonnen, Bilder im großen Esszimmer zu machen.

Aber erst, als ich diese kleine alte Badewanne auf der zweiten Etage entdeckt hatte, kam die richtige Inspiration. Das Badezimmer hatte ein Fenster, durch das wunderbares Licht fiel, babyblaue Wände und diese wunderschöne, aber auch etwas gespenstische weiße Badewanne.

Eine Frau sitzt in einer leeren Badewanne in einem alten Badezimmer.

Sobald ich den Raum entdeckt hatte, habe ich begonnen, mir ein Bild vorzustellen und alles vorzubereiten. Ich habe das Stativ in die Ecke des Raumes gestellt, zur Badewanne ausgerichtet und mich dazu entschlossen, ein weißes Spitzenkleid und eine lange braunhaarige Perücke zu tragen.

Indem ich die Perücke auf hatte, konnte ich während des Fotografierens eine Rolle spielen. Es hat das Bild von einem Selbstportrait in ein Portrait verwandelt und das Mädchen auf dem Foto bin nicht länger ich.

Nachdem ich mich in die Badewanne gesetzt hatte, ließ ich meinen Freund fünf Bilder von mir machen, jedes in einer anderen Pose. Ich wollte ein Gefühl von Angst und Bedrängnis erzeugen, aber irgendwie hatte ich in dem Moment noch keine Idee, wie das fertige Bild aussehen sollte.

Erst als ich wieder zuhause angekommen war und meine Bilder gesichtet hatte, begann sich eine Geschichte daraus zu entwickeln. Ich begann, mir vorzustellen wie dieses Mädchen in der Badewanne eingeschlossen war, ironischerweise von Wasser umgeben, und plötzlich wurde mir alles klar.

Indem ich drei verschiedene Wasser-Stockfotos benutzt habe, konnte ich überzeugende Wasser-Massen um die Badewanne herum basteln. Eines war für die Unterwasser-Ansicht verantwortlich, eines für die Kante und das dritte für die Oberfläche. Zum Schluss habe ich noch Wasserspritzer eingearbeitet, um Bewegung zu erzeugen.

Durch Streckung und Krümmung einiger Bildteile konnte ich letztendlich sogar einen realistischen quadratischen Ausschnitt erzeugen, denn ich arbeite am liebsten mit quadratischen Bildern. Durch Farbtönungen habe ich zum Schluss das Blau des Wassers dem Blau der Wände angepasst und damit war das Foto fertig.

Eine Frau sitzt in einer leeren Badewanne, die von Wassermassen umgeben ist.

Eine Frau sitzt in einer leeren Badewanne, die von Wassermassen umgeben ist.

Eine Frau sitzt in einer leeren Badewanne, die von Wassermassen umgeben ist.

Nachdem das Bild endlich fertig war und ich es mit „The Inn“ nach der Herberge benannt hatte, wusste ich, dass es eines meiner stärksten Fotos geworden war. Das Foto spricht von Eingesperrtsein und Einsamkeit, aber auch von Träumen und Mysterium. Es zeigt eine bestimmte Form von Angst genauso wie surreale Umstände.

Ich war immer daran interessiert, möglichst realistisch das Unwahrscheinliche und Unmögliche zu portraitieren. So entsteht eine bestimmte Magie und man hinterfragt die Realität des Bildes, während man gleichtzeitig darauf hereinfällt.

Eine Frau sitzt in einer leeren Badewanne, die von Wassermassen umgeben ist.

Genau das gibt die Fotografie mir: Die Möglichkeit, solche surrealen Welten zu erschaffen, die meine eigenen Ängste und Hirngespinste ausdrücken. Dieses Bild ist nur ein Beispiel für die unglaubliche Freiheit, die meine Kreaktivität bis heute beflügelt.

Dieser Artikel wurde von Anne Henning für Euch aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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10 Kommentare

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  1. Eine fantastische Aufnahme ist bei der Fotosession und der späteren Bearbeitung entstanden.

    Die Entstehungsgeschichte ist interessant zu lesen, der Workflow ist gut nachvollziehbar und das Endergebnis kann sich absolut sehen lassen.
    Klasse!!!

    Gruß, Andreas

  2. Am Spannendsten bleibt für mich – ohne die Mühe dieses Menschen schmälern zu wollen –, dass vor allem jüngere Menschen der Versuchung erliegen, mithilfe binärer (und damit abstrakterer) Werkzeuge eine Irrealität innerhalb einer Realität konstruieren.
    Damals (Anfang des 20. Jahrhunderts) schien der der Geist mehr gefordert, zumindest wenn Photographien den Betrachter zu einer Extraktion des Profanen zwangen. Unsere Bildsprache ist offensichtlicher worden, eben mittels komplexerer Programme. Sind unsere Symbole trivial geworden?
    Ich denke: Das Unverständliche, das Absude ist draußen, vor der Haustür. Adobe ist eine Möglichkeit. Innerhalb der eigenen vier Wände –