David weint und schaut nach oben.
17. November 2015

Der Geflüchtete David lebt auf der Straße

Oktober in Sizilien. Sein fester Blick ist entschlossen auf die Ausgangstür des Supermarktes gerichtet. In Minutenabständen verlassen Italiener*innen den Laden und der Mann, der auf einem alten Hocker sitzt, verabschiedet die vorbeiziehenden Menschen. Er ist die Freundlichkeit in Person.

Blick durch eine Fensterscheibe, am Ende David.

David schaut mich lächelnd an, als ich ihm die Hand reiche und mich zu ihm setze. Ich krame mein Handy aus der Tasche und tippe ein paar Wortfetzen in meine Übersetzungsapp, denn David kommt aus Mali und spricht Französisch.

Zwischen dem langsamen Wortaustausch gestikuliere ich mit Mimik und Händen und auch David zeigt mir mit Gesichtsausdrücken und Malbewegungen, dass er mir wohlgesonnen ist. Wir verstehen uns auf Anhieb.

David sitzt vor der Treppe und schaut in die Kamera.

David lebt seit sieben Monaten auf der Straße – derzeit eben hier, unter dieser Treppe. Er bekam in Italien kein Asyl und fällt somit durch das Raster der hiesigen Gesellschaft. Keine Sozialleistungen, kein Anspruch auf Mindestversorgung, keine Zukunft. David ist nicht erwünscht und hat keine Identität.

Dass er nicht erwünscht ist, hat er längst verstanden und akzeptiert. Auch Zuhause in seiner Heimat hatte David ein schweres Leben: Beide Eltern wurden erschossen. Ich nehme an, dass David um sein Leben rannte, als er sein Mali verließ.

Ich unterbreche kurz das Gespräch und spreche mich mit den anderen vom Projekt Seehilfe, mit denen ich auf Sizilien bin, ab. Elli nickt, Philipp gibt mir die Karte des Vereins, ich reiche David die Hand und wir machen einen Einkauf im Supermarkt. Früchte, Wasser, ein leckeres Gebäckstück, Creme für die Haut. Und ein Rucksack.

David steht im Einkaufsladen.

Als wir uns vor dem Supermarkt wieder setzen und ich David sage, dass wir von nun an Freunde sind, fängt er an, zu weinen. Ich setze mich neben David und lege meinen Arm um seine Schulter. In diesen Momenten bricht im obdachlosen Geflüchteten etwas auf, das in unbegrenzter Trauer überquillt.

David läuft eine Träne die Wange hinab.

In diesem Moment verlässt ein gut betuchter Mann im Polohemd den Supermarkt und stellt sich zu uns. Er betrachtet David genau und stellt eine Frage auf Italienisch, die ich nicht verstehe. Ich bitte ihn: „Do you want to give some money to this poor man?“

Doch der Mann winkt mit wedelndem Zeigefinger ab, sagt „No, no, no.“ und läuft zu seinem fetten Mercedes Benz. Irritiert und wütend laufe ich dem Mann hinterher und frage ihn erneut, ob er David nicht helfen möchte. Keine Chance. Der Reiche düst ab. Für mich ist dieses Verhalten unfassbar. David wird es täglich erleben.

David schaut zum Ladenausgang.

Ich setze mich noch einmal zu David. Schaue mit ihm in Richtung Supermarkt. Trotz verweintem Gesicht grüßt er die Italiener*innen, manche werfen ihm ihr Restgeld in den kleinen Plastikbecher. Und langsam beginne ich, zu verstehen:

David wird in diesem System keine Chance haben. Er warf sich schutzsuchend in die Arme Europas, wurde fallengelassen und fällt seither jeden Tag weiter. Niemand wird ihm Arbeit geben und David hat kein Recht auf ein Dach über dem Kopf. Kein Recht auf Nahrung, kein Recht auf medizinische Versorgung.

Die kaputten Schuhe von David.

Zudem ist David ein Mensch von Tausenden, die sowohl von der europäischen Gesellschaft als auch von Politiker*innen wohlfeil ignoriert werden. Menschen wie David dürfen nach den „westlichen Werten“ hier nicht existieren.

Mein lieber Freund David. Angesichts Deines Leides fehlen mir die Worte und ich wünsche Dir von tiefstem Herzen, dass Du eines Tages frei, sicher und behütet sein wirst. Friede mit Dir.

P.S. Zwei Tage später fuhren Elli, Philip und ich noch einmal zum Supermarkt und trafen David dort wieder an. Wir versorgten ihn mit einer Isomatte und einem Schlafsack. David strahlte über beide Wangen. Wenigstens wird er nun nicht auf dem nackten Boden schlafen müssen.

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16 Kommentare

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  1. Lieber Martin!

    Ich bleibe leider etwas kopfschüttelnd nach diesem Artikel zurück.
    Ich versteh deinen Wunsch, dass der „gut betuchte Mann“ spenden sollte. Doch: Du kannst sowas nicht erzwingen! Nur weil er einen „fetten Mercedes Benz“ fährt, muss er kein Mensch ohne Gefühle sein. Du zeigst hier klischeehaft auf, was viele eh schon über „Bonzen“ denken, ohne zu wissen, ob der Mann nicht vielleicht sowieso große Summen an Hilfsorganisationen spendet oder anderweitig Gutes tut. Du unterstellst ihm Geiz und fehlendes Mitgefühl, ohne ihn zu kennen.
    Und ihm nachzulaufen bringt natürlich gar nichts. Zum einen überschreitest du damit ganz gewaltig eine Grenze, zum anderen hast du ihn damit, falls er bisher wirklich Vorbehalte gegen Flüchtlinge hat, endgültig vertrieben. Dein Engagement in allen Ehren, aber du kannst solches nicht von allen Menschen fordern. Wenn du Pluralität in der Gesellschaft forderst, gehört es genauso dazu Menschen zu akzeptieren, die sich nicht engagieren (oder nur andere Dinge im Fokus haben … vielleicht fördert er Nachwuchstalente oder spendet für PETA? Vielleicht ist er politisch unterwegs um die Ursachen dieser fehlgeschlagenen Politik zu ändern, anstatt sich mit den schier endlosen Einzelschicksalen zu beschäftigen? Du weißt es nicht, verurteile ihn nicht!) Eine Gesellschaft in der jeder teilhaben soll, muss sowas aushalten können!

    Leider habe ich in den letzten Woche verstärkt das Gefühl, dass das Fotomagazin Kwerfeldein sich zu einem Sprachrohr für politische und soziale Thematiken entwickelt hat, und die Fotografie nur noch der „Deckmantel“ des Ganzen ist. Versteh mich nicht falsch, ich lese viel und gerne über diese Themen und bin selber politisch und ehrenamtlich aktiv, aber diese Themen haben in der Intensität, wie sie hier verbreitet werden, einfach nicht mehr viel mit Fotografie zu tun. Abgesehen davon dass es in meinen Augen auch nicht funktioniert, Einzelschicksale zu instrumentalisieren, um den Lesern auf die Pro-Flüchtlinge-Seite zu bringen, denn wer ein menschliches Herz hat, spürt dass einiges in Europa gewaltig verkehrt läuft, und wer das eben nicht merkt und sich als „besorgter Bürger“ allein gelassen fühlt, den kannst du mit solchen herzerweichenden Artikeln auch nicht erreichen, weil es dort um Aufklärung von falschen Ängsten und nicht ums Aufzeigen von traurigen Geschichten geht.

    Ich weiß nicht ob ich mich verständlich ausgedrückt habe, ich finde es wichtig und gut was du tust, aber im Kontext Fotomagazin ist es für mich leider nur Mittel zum Zweck, da es eigentlich in eine andere Sparte gehört und zB. in einem Amnesty-Heft besser aufgehoben wäre. Deine persönlichen Themen solltest du einfach nicht so oft in den Vordergrund stellen, das ist meiner Meinung nach dem Magazin und den Lesersn gegenüber nicht fair.

    Alles Gute,
    Lena

    • Liebe Lena,

      ich finde Sie sollten den Text schon genauer lesen, bevor Sie eine so heftige Kritik formulieren. Anders als von Ihnen dargestellt finden sich dort nämlich keine Unterstellungen, sondern nur eine Beschreibung von dem was passiert ist. Und warum sollte man die Dinge nicht beim Namen nennen dürfen, wenn das was in der konkreten Situation passiert ist nicht gerade besonders sozial gewesen ist. Mag ja sein, dass diese Person ansonsten durch ausergewöhnliche Mildtätigkeit glänzt, in diesem Moment jedoch nicht. Wenn man anfängt – wie Sie es vorschlagen – die Dinge gegeneinander aufzurechenen, führt das schnell zu häßlichen Fragestellungen der Art: Wie viele Kätzchen darf ich denn ersäufen, wenn ich 100€ an PETA spende? (Keine Angst, nur ein provokantes Beispiel.)
      Welche Inhalte Kwerfeldein bringt ist ja wohl Sache der Macher*innen der Seite und nicht von irgendwelchen Labels abhängig die man dieser Seite anheften kann oder auch nicht. Und warum sollten sich die Schwerpunkte nicht auch verändern dürfen? Warum sollte ein „Fotomagazin“ nicht Stellung beziehen und sozial engagiert sein? Fotografie die als Kunst um ihrer selbst Willen gemacht wird und nichts mehr über die sozialen Bedingungen in denen sie stattfindet aussagt (falls das überhaupt möglich ist), wird irrelvant, eben weil sie nichts mehr zu sagen hat.
      Woran es tatsächlich etwas fehlt – auch wenn das das Format Fotoreportage schlecht leisten kann – wäre eine Analyse der systemischen Ursachen. Die Situation von Menschen wie David ist schließlich nicht zufällig oder naturgegeben, sondern Ergebnis eines menschengemachten Systems in dem die Subalternität (Einiger) auch gewollt und nicht nur Nebeneffekt ist.

    • „…einem Sprachrohr für politische und soziale Thematiken…“

      Ich persönlich finde es wunderbar wenn Fotografie das schafft. Ich würde es fast als einen Idealzustand beschreiben – jedenfalls innerhalb eines bestimmt Genres der Fotografie.

      Artikel über tolle Reisen und Fotos von Sonnenuntergängen, Blumen und Hipstern auf nebeligen Hügeln gibt es genug auf tumblr, instagram etc. Das alles schaue ich mir übrigens auch sehr gerne an – nicht falsch verstehen :)

      Ich finde es aber toll wenn Fotografie Geschichten erzählt. Erst recht wenn diese dann auch noch relevant sind und Tiefgang haben.

      • So ist das halt bei Zaungästen. Zaungäste sind Zaungäste und bleiben damit nur Unbeteiligte, die eine Situation vielleicht sehen, aber überhaupt nicht beurteilen können. Da kann man Emphatie heucheln, aber mehr auch nicht. Ich verstehe Martin ganz und gar, dass diese Geschichten raus müssen. Und ich bin dankbar dafür, denn es gibt nicht soviele FotografInnen, die sich diesem Thema so sensibel annähern. Ihm dabei eine Instrumentalisierung für die Fotografie vorzuwerfen ist eine Frechheit!

        In Anbetracht des Zustandes dieser Welt, findet man hier und überall sogar sehr wenig ernsthafte Auseinandersetzung mit einer der größten Krisen unserer Zeit. Wir verschließen halt gerne die Augen (auch wenn wir immer ganz anteilsvoll tun) vor der Realität. Welche Rolle kann die Fotografie in dieser Zeit spielen? In einer Zeit in der jeden Tag Millionen von belanglosen Bildern in den digitalen Äther geschossen werden, wenn gleichzeitig Menschen (die in den meisten Fällen einfach nur Zahlen oder eine unbestimmte Masse, ohne Rücksichtnahme auf Einzelschicksale, auf Geschichten, Wünsche und Träume eines jeden einzelnen) an den EU Außengrenzen sterben, jeden Tag Angst haben müssen wieder abgeschoben zu werden und so weiter. Ist eine Fotografie, die die Augen verschließt und weiter „bunte Blümchenbilder“ verbreitet überhaupt noch ernstzunehmen? Fragen über Fragen.

        Ganz ehrlich, wenn dir das nicht passt, geh halt weiter auf flickr und schau dir bunte Blümchen an, da reicht dann die Zaungastrolle auch.

        Ansonsten: Danke für die Reportage Martin. Weiter so.

  2. Lieber Martin,

    es ist schön, daß David Dich nun zu seinen Freunden zählen kann. Nun hat er sicherlich jemanden mit dem er regelmäßig über seine Sorgen und Probleme reden kann. Dafür sind Freunde ja da.
    Aber anstatt den Mann mit seinem Auto (ungerechtfertigter weise !?!?) zu stigmatisieren, weil er auf Deine Aufforderung hin nicht sofort die Geldbörse gezückt hat, solltest Du vielleicht überlegen, ob Du nicht selber das Geld, das Deine Reisen zu den Hilfsbedürftigen dieser Welt so kosten, an eine Hilfsorganisation spendest. Das ist bestimmt Zielführender. Denn übertrieben pathetische Fotostorys kannst Du auch hier in Deutschland machen.

  3. Liebe Lena, malum rana, Lucia,

    wenn ich mir die Artikel in kwerfeldein so ansehe, dann sehe ich nicht, dass Martins Reportagen überhand nehmen. Bei dem, was sich derzeit in der Welt so abspielt, würde ich mir persönlich sogar mehr solcher Reportagen wünschen. Gute Fotografie ist ein mächtiges Werkzeug, um soziale und politische Fragestellungen zu kommunizieren und bei aller Begeisterung für Landschaft, Architektur etc. sind politische Themen genau die, die unser Menschsein sehr stark berühren. Man sieht, wie die Auswirkungen der Pariser Anschläge schon jetzt das öffentliche Leben verändern.

    Dann zu dem reichen Mann, der nicht helfen wollte: Nein, der hilft garantiert nirgendwo sonst. Wer wirklich emphatisch ist, hilft nicht nur mit einer großen Einmalspende irgendwo. Entweder man hilft und versteht die Not, oder man hilft nicht.

    Und natürlich hätte man das Geld für eine Reise nach Sizilien auch anders ausgeben können. Aber irgendwer muß nunmal an solche Orte fahren, speziell wenn die Einheimischen solche Aufgaben wie die des Projekt Seehilfe nicht leisten können oder wollen. Läßt sich nicht vermeiden. Und wenn sich mehrere Menschen in ein Auto setzen, reduzieren sich die Reisekosten pro Person enorm.

    Und ja, es geht um Einzelschicksale. Über die Not des Einzelnen wird das Ausmaß der Not der Vielen klar. Es bleibt nicht nicht abstrakt, sondern wird sehr konkret. Und wir als Einzelpersonen können uns effektiv auch nur um Einzelschicksale, um einzelne Menschen oder Familien kümmern. Wenn wir verstehen, was die durchmachen, ist es schon fast „alternativlos“ zu helfen. Und Einzelne können anderen sehr gut helfen.

    Hinter den hunderttausenden, die derzeit nach Mitteleuropa flüchten, stehen lauter solche Einzelschicksale. Und wer sie erstmal kennenlernt, bleibt davon nicht mehr unberührt. Menschen aus Syrien, Afghanistan, aber gerade auch aus Mali kommen aus Gegenden, wo fast jeden Tag ein Attentat wie das in Paris stattfindet. Wir haben es nur sehr gut gelernt, das zu ignorieren. Weil es ja „zum Glück“ so weit weg ist.

    Ich bin auch ein besorgter Bürger. Ich habe Sorge, dass in unserem Land irgendwann die Menschenrechte nur noch für eine Gruppe von Menschen Geltung haben, die aus einer Laune des Zufalls heraus hier geboren wurden. Das treibt mich persönlich um. Das macht mir große Sorge.

    Und wieso haben sie ihn nicht mitgenommen? Im Zweifelsfall gilt Dublin III für den jungen Mann, dann wird er aus D wieder nach Italien abgeschoben. Und wenn sie mit ihm erwischt worden wären, wären sie als Schleuser ins Gefängnis gekommen. Nur Staaten wie Kroatien oder Slowenien oder Österreich dürfen ungestraft Dinge tun, die ihre Bürger nicht tun dürfen.

    Herzlich,
    Tilman