14. August 2015 Lesezeit: ~9 Minuten

Auf der Straße zwischen Film und Sensor

Als ich angefragt wurde, ob ich meine Bilder bei kwerfeldein vorstellen möchte, war ich sehr erfreut. Gleichzeitig war ich jedoch auch verunsichert. Sind doch die Fotos, die Ihr hier seht, noch aus der Zeit, in der ich glaubte, dass sich meine mir selbst gesetzten Standards niemals ändern würden. Die Fotos sind aus meiner analogen Zeit und als Würdigung an meine geliebte Contax T2 zu verstehen.

Eine Person hebt einen Hund hoch.

Eines meiner ersten Bilder mit der Contax. Damals machte ich noch sehr häufig den Fehler, dass ich wegen des Suchers einen nicht korrekten Ausschnitt wählte und somit auch mal Beine abschnitt. Zu sehen ist der Hund eines Freundes, der ab und zu, gewollt oder nicht, mein Modell spielte. Hier fand ich die Symbiose aus Mensch und Tier interessant.

Der Auslöser meines Interesses für die Fotografie ist mir nicht mehr bekannt, doch als ich mit 21 Jahren meine erste Digitalkamera bekam, hat sich meine Leidenschaft für die Fotografie gesteigert und hält unvermindert an.

Zwei Jahre durchschritt ich mit meiner Digitalkamera sämtliche fotografische Sphären von Schwarzweiß- über Makro- zu HDR-Aufnahmen, bis ich mich entschloss, mir eine kleine kompakte Contax T2 mit 35 mm Brennweite zuzulegen, um Momente meines Alltags festzuhalten.

So entdeckte ich die analoge Fotografie für mich und war sofort fasziniert vom dynamischen Farbumfang, dem Korn, der Schärfe sowie Unschärfe und der Ästhetik, die diese analogen Bilder mit sich brachten.

Eine Person steigt durch eine Luke auf ein Dach

Durch eine kleine Luke gelangte man auf das Dach einer alten Brauerei in Dortmund. Mir gefiel die Urbanität des Motivs und des Augenblicks, weswegen ich dieses Foto schoss.

Gedrehtes Bild eines verlassenen Raumes

Im Keller einer verlassenen Fabrik in Dortmund. An der Decke hing der Putz herunter, was beinahe etwas Natürliches hatte. Ich wählte eine längere Belichtungszeit und ein Freund belichtete die Decke mit einer Taschenlampe. Späte drehte ich das Bild um, wodurch der surreale Effekt noch verstärkt wurde.

Jedes belichtete Bild war schon beim Auslösen etwas sehr Besonderes und löste beim Betrachten einen nostalgischen Effekt in mir aus. Auch wenn jedes der Fotos einen eigenen Farbstich hatte, gab dieser den Bildern Charakter und eine Farbästhetik, die mich fesselte.

Vor allem gefiel mir der komplette Arbeitsprozess des analogen Fotografierens sehr gut. Vom entschleunigten Fotografieren übers Entwickeln bis zum Einscannen.

Jedes Mal, wenn ich einen fertig entwickelten Film abholte, war es so, als ob ich mich mit meinen eigenen Erinnerungen, gebannt als Bild auf Papier, überraschte und belohnte. Auch, weil oftmals Wochen, wenn nicht Monate, zwischen dem Fotografieren und dem Entwickeln lagen.

Bierkästen im Wasser

Zu sehen ist der Blick von einer Rheinbrücke runter zum Ufer. Dort entdeckte ich die Bierkästen und fand den farblichen Übergang von den Steinen zum Wasser sehr interessant.

Digital fotografierte ich kaum noch und wenn, dann nur noch für eine Fotostrecke, für die ich später Photoshop benutzte, um die Bilder dem Konzept anzupassen. Dieser Prozess wurde mir mehr und mehr ein Dorn im Auge und ich konnte immer weniger mit der digitalen Fotografie anfangen.

Mir kam es vor, als wären meine digitalen Bilder im Rohzustand charakterlos und langweilig. Erst Photoshop schaffte es, ihnen mit Hilfe von Filtern und erhöhten Kontrasten Leben einzuhauchen. Und genau diese Vorgehensweise habe ich zu diesem Zeitpunkt als „nicht echt“ empfunden. Heute sehe ich das durchaus anders.

Plastikfolie im Wind.

Es waren etwa zehn Bilder, die ich von diesem Motiv schoss. Der Wind ließ die Plastikfolie im Wind in scheinbar koordiniertem Chaos herumtanzen, was mich faszinierte. Ich wählte eine Perspektive von weiter unten, um den Kontrast vom blauen Himmel zum weißen Plastikmaterial zu verdeutlichen.

Meine analogen Bilder hingegen waren nicht perfekt. Öfter als gewollt waren sie unscharf, hatten Fussel auf den Negativstreifen und waren mit extremen Farbstichen versehen.

Doch gerade diese Unperfektheit löste in mir eine starke Sympathie für die Bilder aus. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Familienbildern von früher, die alle analog sind, und dem Gefühl, das ich bekam, als ich meine selbstgeschossenen, analogen Bilder betrachtete.

Kurz gesagt: Die analoge Fotografie war für mich die einzig wahre. Diese Haltung behielt ich fünf Jahre lang bei, bis ich nach und nach merkte, dass die sogenannte entschleunigte Fotografie mein eigenes Fotografier-Verhalten veränderte, verringerte und beinahe fast völlig zum Erliegen brachte. Eine Sinnkrise bezüglich der Fotografie stand kurz bevor.

Beine zweier Personen, die von einem Balken verdeckt sind.

Ich suche eigentlich immer nach Überlagerungen. Mal hat man Glück – aber meistens eher nicht. Hier hatte ich Glück, als ich dieses „siamesische“ Paar auf einem Spielplatz entdeckte. Durch den Balken im Vordergrund entsteht diese verwirrt wirkende Perspektive.

Schatten einer Person

Schatten sind immer wieder eine nette Möglichkeit, um mit dem Surrealen zu spielen. Zu später Stunde, als die Sonne tief stand, entdeckte ich diesen Lichtfleck. Es scheint, als ob eine Person in dieses Lichtportal wandelt.

Doch als ich mir dann vor etwa einem Jahr die Bilder der Straßenfotografen Matt Stuart, Alex Webb, Pau Buscato und anderen anschaute, war ich sehr verblüfft über ihre Ansichten auf die Welt.

Nicht nur verblüfft, sondern sogar komplett neu inspiriert und vor allem motiviert. Diese Fotografen, die es schafften, die absurden Alltäglichkeiten in einer derart humoristischen Einfachheit darzustellen, gaben mir einen gewaltigen Schub in Richtung Straßenfotografie.

Person hinter Glasscheibe

Da ich die Kamera immer in der Hand habe, wenn ich raus gehe, entstehen auch solche Bilder. Ich wollte gerade in den Hausflur gehen, als hinter der Türfensterscheibe eine Person mir entgegen kam. Schnell habe ich ein Foto geschossen und dabei heraus kam dieses surreale Bild.

Jedoch hatte ich nach wie vor das Problem, dass ich wegen des entschleunigten Prozess des Analogen kaum noch Lust hatte, auf diese Art und Weise zu fotografieren.

Also beschloss ich, dass es höchste Zeit für eine Veränderung war und ich der digitalen Fotografie eine neue Chance geben wollte. In dieser Zeit kam mir auch der Spruch unter: „Nicht die Kamera macht das Bild, sondern der Fotograf.“

Ich verkaufte mein gesamtes analoges Equipment, um mir eine kleine handliche Ricoh GR* zu besorgen. Für die Straßenfotografie ist sie perfekt geeignet, unauffällig und leise, so dass ich mir auch heute noch vorkomme wie ein Tourist, der mit seiner kleinen „Knipse“ durch die Stadt läuft und unbemerkt fotografiert, was seinem Auge gefällt.

Hund hinte einer Säule

Schon von Weitem sah ich, dass der Hund der Besitzerin immer um den Pfeiler lief. Also suchte ich mir eine Perspektive, aus der Hund nur zu Hälfte zu sehen war. Glücklicherweise spannte die Besitzerin in diesem Moment auch noch das Halsband an. Dabei habe ich versucht, das Bild so minimalistisch wie möglich zu gestalten.

Dadurch, dass ich die Bilder noch am gleichen Tag betrachten konnte und ich somit sofort Fehler fand, wurden die eigenen Bilder zur enormen Motivation, diese wiederum am nächsten Tag zu übertrumpfen. Der Zufall musste es nur gut mit mir meinen. Und das ist das Schöne an der Straßenfotografie: Hinter jeder Ecke kann genau das Bild warten, von dem ich nicht wusste, dass ich es gesucht habe.

Generell versuche ich dabei, auf die alltäglichen Banalitäten des Lebens zu achten. Dabei sind Humor und Extreme beiläufige und stets wiederkehrende Elemente.

Eine Person vor einem Bus

Ich war schon fünf Stunden unterwegs und hatte eigentlich kein brauchbares Fotos geschossen, als ich auf dem Weg noch schnell diesen Schnappschuss mitnahm. Ich war auf dem Weg zur Bahn, als ich den Bus mit der Feder darauf an mir vorbeifahren sah. Sofort dachte ich an eine Überlagerungs-Möglichkeit und hier hatte ich Glück, dass zwei Schritte weiter dieser Junge mit den blauen Haaren stand. Und wie so oft, wurde das letzte Bild des Tages eines der besten.

Meine analoge Bilder zeigen die Momente meines damaligen persönlichen Alltags, die digitalen Bilder den Alltag meiner Mitmenschen.

So wie ich mich als Mensch über die Jahre verändert habe, so hat sich auch meine Sicht auf die Fotografie verändert und wird sich bestimmt auch weiterhin verändern. In diesem fortlaufenden Prozess werde ich jedoch immer eine Kamera dabei haben, um diesen für mich und Interessierte zu dokumentieren – analog oder digital.

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