Ein Junge mit Behinderung wird von seiner Mutter in den Rollstuhl gesetzt.
27. Juli 2015

Kosovo: Mit 9 Monaten Hirnhautentzündung

Als ich im Dezember letzten Jahres begann, Flüchtlinge zu fotografieren, veränderte sich mein Leben radikal. Noch radikaler veränderte es sich, als ich im Mai in den Kosovo flog, um herauszufinden, warum Menschen aus diesem Land nach Deutschland fliehen.

Über Twitter wurde ich eingeladen, doch mal „mitzukommen“, um mir vor Ort ein Bild von den Zuständen zu machen, in denen die Ärmsten der Armen versuchen, zu existieren. Ich sagte sofort zu und ein paar Wochen später landete ich in Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo.

Eine Woche verbrachte ich in einem Kinderheim der Caritas, von dem aus ich mit Helfern und einer Übersetzerin Familien und Einzelpersonen im ganzen Land besuchte. Die Fotos und Berichte darüber habe ich gesammelt und werde hier im Magazin in den kommenden Wochen darüber schreiben. Heute beginne ich mit der ersten Geschichte über eine Familie, die mich trotz des Leides sehr ins Staunen versetzt hat.

Zu Beginn meiner Zeit im Kosovo besuchen wir in der Nähe von Klina eine muslimische Familie, die für mich in der Retrospektive an ein Wunder grenzt. Nachdem wir über eine wackelige Brücke über einen Fluss gefahren und den Jeep durch enge Wege gezwängt haben, kommen wir vor dem Haus der Familie an und werden sofort herzlich begrüßt.

Die Mutter serviert uns schwarzen Tee mit Zucker, der mir vorzüglich schmeckt.

Eine Frau gießt Wasser in kleine Gläser.

Auf der Couch liegt ein Sohn mit Behinderung. Ich setze mich zu ihm und versuche, mit ihm zu lächeln und mache ein paar Fotos, die ich ihm zeige.

Ein Junge mit Behinderung liegt auf einer Couch und schaut zur Seite.

Dieser Junge kam jedoch „normal“ (was auch immer das ist) auf die Welt. Aber im Alter von neun Monaten wurde er krank und bekam hohes Fieber, das über lange Zeit nicht zurückging.

Weil die Familie kein Geld hatte, zum Arzt zu fahren (geschweige denn, ihn zu bezahlen), blieben beim Kind dauerhafte Schäden – und wir mutmaßen, dass es sich um eine Hirnhautentzündung handelte. Dieser Mensch kann nicht laufen und nicht sprechen, weil die Familie arm ist.

Drei Geschwister eng beieinander.

In Kosovo gibt es keine Versicherung, die im Falle eines Krankenhausbesuches zahlen kann. Wer kein Geld hat, muss leiden. Und wer kein Geld hat und ein krankes Kind, muss zusehen, wie das Kind leidet – und, wie in diesem Fall, behindert wird.

Dazu kommt, dass der Junge heute Medikamente braucht, die nicht günstig sind. Ohne die Unterstützung der Caritas, die auch beim Hausbau geholfen hat, würde das Leben dieser Familie wesentlich düsterer aussehen.

Medikamente neben einem Kaffeeglas.

Die Geschwister des Jungen (der übrigens viel lachte) machen auf mich aber überhaupt keinen düsteren Eindruck.

Ein Junge schaut durch das Glas einer Tür.

Ein lachendes Mädchen strahlt über das ganze Gesicht.

Drei Geschwister sitzen nebeneinander und die Jüngsten flüstern sich gegenseitig etwas zu.

Sie spielen mit mir fangen, verstecken sich, während ich ihnen mit der Kamera unauffällig folge, kichern und: Strahlen über’s ganze Gesicht.

Ein Mädchen versteckt sich hinter einem Auto.

Ein Junge fährt auf dem Fahrrad umher.

Ein Junge schaut auf seinem Fahrrad in die Kamera.

Auch die Eltern machen auf mich einen lebendigen und klaren Eindruck. Immer wieder wird mir schwarzer Tee angeboten.

Eine Frau sieht zur Seite.

Zwei Männer unterhalten sich.

Ich hatte mit allem gerechnet, doch nicht damit. Diese Familie schien ihre Armut akzeptiert und die Lust am Leben, die Freude an kleinen Dingen und somit auch die Würde ihrer selbst bewahrt zu haben. Es war, als ob ich die glücklichste Familie im Kosovo kennengelernt hätte.

Ich erinnere mich gut, wie ich noch tagelang über diese Begegnung rätselte und mich darüber wunderte. Auch heute denke ich noch oft an diese Familie, die leuchtenden Augen der Kinder und den Sohn, der nicht laufen kann.

Blick auf den Hof der Familie mit dem Jungen im Vordergrund.

Zwei Geschwister am Fenster.

Blick auf den Jungen, seine Mutter hält ihm die Hand vor die Stirn.

Allein die Vorstellung, eine meiner beiden Töchter würde krank werden und ich müsste dabei zusehen, wie sie sich eine Meningitis zuzieht, lässt mich erschaudern. Ich würde wohl meines Lebens nicht mehr glücklich werden.

Liebe Familie auf der anderen Seite des Flusses. Ihr habt mir so viel gegeben, dass ich Euch für immer dankbar sein werde. Inmitten der Not habt Ihr mich mit Freude und Gastfreundschaft überschüttet. Ich wünsche Euch eine Zukunft, in der Krankheit kein Grund zur Sorge sein muss. Eine Zukunft ohne Armut.

Ähnliche Artikel


17 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Für mich persönlich der beste/bewegendste Artikel seit langem, vielen Dank dafür!! Die Fotografie einfach mal völlig nebensächlich als völkerverständigendes Werkzeug eingesetzt … großes Tennis. Ich habe schon seit langem das perverse Gefühl, dass wir in Deutschland (mich eingeschlossen) gar nicht realisieren, wie gut es uns eigentlich geht. Vielen Dank also auch für den großen Schub Motivation, bei jeder sich bietenden Gelegenheit etwas Gutes zu tun und tun zu wollen – unabhängig von Situation, Geld, Religion und so weiter.

  2. Ich finde, dieser Text ist mißbrauchbar für irgendjemandes Plädoyer, solche Zustände doch zu akzeptieren. Mir fehlt nach der ersten „Überraschung“ eine Rückkehr zu der Realität, die herrscht, wenn grade keiner zu Besuch ist, der den Familienalltag mit etwas spannendem durchbricht.

  3. schöne worte und wunderschöne schwarz-weiß bilder, danke! ich war demletzt ziemlich lang krank und dachte auch, was würde ich ohne krankenkasse machen? ich bin so dankbar, dass ich in deutschland leben darf, gerade einen leckeren kaffee schlürfe und nachher mit 44 lenzen noch zur uni gehen darf, die vom staat finanziert wird…. wahnsinn eigentlich…

  4. Und die Leute reden von Wirtschaftsflüchtlingen und Asylmissbrauch. Sie demonstrieren gegen „Flüchtlingsströme“. Die Leute auf der Straße behaupten man könne ja nicht alle aufnehmen und fragen zynisch ob man selbst denn schon das Wohnzimmer angeboten hätte. Gleichzeitig verschärfen SPD und CDU weiter das Asylrecht. Milliarden fließen in die Grenzschutzagentur Frontex. Tausende ertrinken im Mittelmeer. Und in Deutschland brennen wieder die Geflüchtetenunterkünfte.
    Es ist Deutsch in Kaltland.

  5. Einfach ein sehr berührender Beitrag! Danke. Ich denke, dass wir in der schnelllebigen Welt von heute viel von solchen Menschen lernen könnten. Reich ist man nur dann, wenn man Dinge besitzt die man nicht kaufen kann.

  6. JEDER, der gegen Flüchtlinge protestiert, sollte diesen Artikel lesen. Er macht auf frappierende Art und Weise deutlich, wie gut, vielleicht zu gut, es uns doch geht.
    Eine großartige Geschichte, getragen von der Emotion des Autors. Tolle Bilder dazu!
    Hut ab!

  7. Hallo Martin, tolle Arbeit. Du scheinst hier wirklich dein Thema gefunden zu haben. Schon die Flüchtlingsfotos vom letzten Jahr waren spitze. Das ist wirklich zwei Klassen besser als deine Straßenfotografie, die mir nie so recht gefallen hat. Hut ab!

  8. „Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Erde leben am Rande des Existenzminimums; rund 30.000 Menschen sterben täglich an Ursachen, die mit Armut und Hunger in Verbindung gebracht werden.“ (Quelle) Das im Artikel beschriebene und gezeigte Beispiel ist somit eines von sehr vielen (was es aber keineswegs abmildert). Nur zu verständlich ist, wenn Menschen diesen katastrophalen Umständen entfliehen wollen, aber wahrscheinlich würden sie es vorziehen, in ihrer Heimat zu bleiben und dort unter menschenwürdigen Lebensumständen zu leben. An der Schaffung dieser menschenwürdigen Lebensumstände in allen Ländern sollte gearbeitet werden, damit auch die, die sich nicht die Flucht kaufen können (den diese Flucht kostet sehr viel Geld), aus der Armut herauskommen.

  9. Schöne Bilder und guter Artikel. Gefällt mir!
    ABER (auch, wenn ich mir jetzt den Unmut und Kopfschütteln von möglicherweise 99,99% der anderen Leser hier zuziehe): da gäbe es natürlich einen Haufen Argumente, die einiges relativieren.
    In unserer Bekanntschaft gibt es auch 2 Familien mit mit hochgradig Geschädigten Kindern. So schwer das auch immer wieder für die Eltern ist, natürlich spielen auch dort die Geschwister „völlig normal“, blödeln rum, auch mit dem behinderten Kind (das eine Kind ist hochgradig autistisch und auf volle Pflege angewiesene); aber für die anderen eben schon immer so, also „Normalität“. Weshalb sollten sie deswegen Trübsal blasen? Ist für uns Außenstehende oft schwer zu verstehen.
    Zum 2.: natürlich sind wir in Westeuropa ziemlich verwöhnt, was die Krankenversicherung betrifft. Oder besser gesagt, nur wir hier in Deutschland. Das sieht sogar in GB schon wieder ganz anders aus! Auch dort gibt es eine Krankenversicherung! Aber die zählt nur Basismedizin!
    Wenn da einer Krebs hat, kann es sein (ich kenne einen Patienten), da gibt es KEINE Medikamente. Zu teuer! also selber zahlen, oder beten, dass man überlebt.
    In den USA… Ohne entsprechende Kreditkarte keine Klinik! Auch schon erlebt. Man wird freundlich aber bestimmt abgewiesen, weil die Deckungssumme nicht ausreicht!
    UNS ist das ein Greuel, weil wir hier (zum Glück) verwöhnt sind. Aber in 90% der Welt ist das von Martin geschilderte die Realität!
    Ich habe längere Zeit in Afrika gearbeitet; da interessiert es die reichen Landsleute einen feuchten Kehricht, dass es 90% der Bevölkerung dreckig geht. HIER liegt in meinen Augen das Problem!
    Klar können und müssen wir helfen. Aber wir müssen den Leuten so helfen, dass es ihnen in IHREM Land besser geht!
    Just my 2cts

    • Sorry für die vielen Rechtschreibfehler, aber ich sitze gerade sehr weit weg im Ausland und kann nur mit dem Tablet schreiben, und das korrigiert so, wie es will…

  10. Ich habe das Glück und darf viel durch Europa reisen. Das Beispiel welches Du mit Deinen Fotos und Worten beschreibst ist überall in Europa anzutreffen sobald wir aus Deutschland heraus sind. Jeder von uns kann dazu beitragen das es diesen Menschen etwas besser geht und sie ein glückliches Leben führen können und damit meine ich nicht das jeder von uns an irgendwelche Organisationen spendet. Es gibt viele Möglichkeiten und auch unsere Einstellung zu ändern könnte schon viel beitragen. Wir als in Deutschland Lebende bekommen täglich viel geschenkt, und könnten einfach ein wenig davon weitergeben. An den Nachbarn im nächsten Haus, im nächsten Dorf oder eben im nächsten Land. Vielen Dank für Deine Fotos und Worte. Hat mich sehr beeindruckt.

  11. Sehr bewegender Artikel mit dazu passenden Schwarzweißbildern.

    Leider ist es nicht so, dass hierzulande die Krankenkasse alle Menschen vor bösen Schicksalsschlägen bewahren kann, aber wenigstens manche Menschen. Dies ist viel wertvoller, als wir es zu schätzen wissen… wegen der vielen Kleinigkeiten, die in einem großen System nicht ganz rund laufen.

  12. grossartig!!!
    Ich bin vor lauter Heimweh nach Kosovo auf deine Seite gestossen :)
    einfach nur herzlichen dank, ich war auch bei Massimo und Christina und habe mit ihnen diese Familie besucht…habe im Internet nach Fotos gesucht, weil ich keinen Fotoapparat dabei hatte, dann bin ich auf deine Seite gestossen!
    wunderbar allerherzlichsten Dank, es sind wunderschöne Bilder und zeigen genau diese Welt!
    Nächstes Projekt: Wasserpumpe und das neue Haus geht auch voran!
    Persönlich dazu muss ich einfach sagen, dass ich viele westeuropäische Schicksale, bspw. von meinen Klienten, welche verlassen, einsam psychophamakavollgepumt im grössten Reichtum ihre Lebenszeit „absitzen“ weitaus tragischer empfinde, als die diese Armut, welche ich dort erlebt habe. Zudem finde ich, weisst Fanny in ihrem Text auf ganz wesentliche und sehr wichtige Aspekte hin, denen ich völlig zustimme und die ich genau so erlebt habe

    Alles Liebe seid herzlich gegrüsst und gebt das Beste wo immer ihr auch seid euren Nächsten ;)
    d.h vielleicht auch grad euer Nachbar in der U- Bahn…