16. Juli 2015 Lesezeit: ~3 Minuten

Das Ghetto-Tarot

Die „Ghetto Biennale“ ist eine Kunstbiennale in Haiti. Die haitianische Künstlergemeinschaft „Atis Rezistans“ lädt alle zwei Jahre Künstler weltweit nach Haiti ein, um gemeinsam Kunst zu schaffen. Die Ausstellung findet mitten im Slum statt.

Atis Rezistans verwenden Müll, um Kunst zu schaffen, indem sie die Schönheit inmitten des Abfalls erkennen und verwerten, schreibt mir die junge belgische Fotografin Alice Smeets. Sie besucht Haiti seit acht Jahren regelmäßig und hat zwei Jahre lang selbst im Land gelebt. Kennengelernt hat sie die haitianische Künstlergruppe 2011 und begann, mit ihr gemeinsam am Projekt „The Ghetto Tarot“ zu arbeiten.

Eine Frau auf einem Bett mit 9 Schwetern an der Wand.

Ein Mann in dunklem Anzug mit 5 Kelchen auf dem Boden.

In dem Projekt interpretiert sie traditionelle Tarotkarten fotografisch neu. Wie die Künstlertruppe nutzt sie dafür auch nur Dinge, die sie im Slum findet. Das Wort „Ghetto“ fällt bei dem Projekt ins Auge: Ghetto Bienale, Ghetto Tarot. Es ist ganz bewusst gewählt. Ein Großteil der Künstler der Atis Rezistans sind im Slum geboren und sehen das Ghetto als ihr zu Hause. Sie nutzen den negativ behafteten Begriff und formen ihn um.

Atis Rezistans fordern das Wort „Ghetto“ zurück, sie befreien sich von seinem abwertenden Unterton und wandeln es um in etwas Großartiges. Der Akt der Aneignung eines mit negativen Konnotationen geladenen Wortes, durch die Umwandlung seiner Bedeutung, ist ein Akt der Inspiration.

Diese Tat der Haitianer hat mir geholfen zu verstehen, dass es unsere eigene Entscheidung ist, welche Bewertung oder welches Urteil wir einer materiellen oder immateriellen Sache beimessen. Wir können Zerstörung betrachten und darin Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit erkennen oder wir können uns entscheiden, den Anfang eines Neubeginns zu sehen und so haben wir die Macht, die Bedeutung eines jeden Wortes, jeder Emotion und jeder Handlung zu ändern.

Eine Frau mit Krone und Fackel auf einem Stuhl

Ein mann mit weißem Umhand und Laterne in einer Tür.

Hier zieht Alice auch die Verbindung zu ihren Tarotkarten. Tarot möchte uns mit unseren inneren Gefühlen und Emotionen konfrontieren. Tarot-Karten helfen dabei, sich seiner Selbst bzw. einer bestimmten Situation bewusster zu werden, innere Blockaden und Verhaltensmuster aufzuspüren und zu verändern.

Ich bin davon überzeugt, dass unsere moderne Welt den Nutzen der Karten (und den anderer spiritueller Wege) mehr denn je gebrauchen kann. Ich treffe so viele Menschen, die sich alles kaufen können, was sie nur möchten, doch hilflos nach einem Sinn oder Halt im Leben suchen.

Wir werden in unseren Schulen dazu erzogen, vor allem unseren Kopf einzusetzen und das Herz (unsere Intuition) bleibt auf der Strecke. Wir fügen uns in gesellschaftliche Strukturen und Glaubensmuster und verlieren dabei uns selbst. Tarot hat das Potential, den Kontakt zu seinem Inneren wieder herzustellen.

Ein Mann mit zwei runden Kreisen mit einem Pentagram bemalt.

Eine nackte Frau hockt an einer Wand. Über ihr sind 5 gebastelte Pappsterne.

Zum Thema Tarot kam Alice bei einer anderen Fotodokumentation über Hexen in Europa und den USA. Sie hatte dafür 2008 viele Versammlungen, Rituale und Workshops mit ihrer Kamera begleitet und eines Tages schenkte man ihr ein Tarot-Deck. Sie blieben eine Weile liegen, bis sich die Fotografin näher mit ihnen auseinandersetzte.

Die Karten möchte die Fotografin auch drucken lassen. Dafür hat sie eine erfolgreiche Crowdfundingkampagne bei Indigogo gestartet. Dort kann man auch weiterhin vergünstigt Tarotdecks vorbestellen, die bis zum Ende des Jahres gedruckt und verschickt werden.

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11 Kommentare

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  1. Letztens „Heiler“-Reklamefotos, heute Werbung für Tarot-Karten. Geht’s noch???
    Ich meine , die Fotos mögen ja noch ganz spaßig sein und mit eine wenig guten Willen kann man da bestimmt auch ein wenig Sozialkritik hineininterpretieren.

    Aber warum man schon wieder hochtrabendes Geschwafel über billigen Hokuspokus zum besten geben muss bleibt mir ein Rätsel. „Tarot-Karten helfen ….innere Blockaden und Verhaltensmuster aufzuspüren und zu verändern.“ “ Tarot hat das Potential, den Kontakt zu seinem Inneren wieder herzustellen.“ „Tarot möchte uns mit unseren inneren Gefühlen und Emotionen Konfrontieren. “ Wie das und was da genau von statten gehen soll wird natürlich nicht erklärt. Warum auch? Wichtig ist doch man kann ein schönes Heil(s)versprechen verkünden Und die Fotos sind doch so Toll! Und man will ja nicht immer so kritisch sein.
    Und weil´s so schön ist „Die Karten möchte die Fotografin auch drucken lassen. Dafür hat sie eine erfolgreiche Crowdfundingkampagne bei Indigogo gestartet. Dort kann man auch weiterhin vergünstigt Tarotdecks vorbestellen, die bis zum Ende des Jahres gedruckt und verschickt werden.“
    Jetzt fehlt wirklich nur noch ein Artikel über den praktizierenden alternativ-medizinischen Aura-Fotografen mit Kontaktadresse.

    • Ich kann mich dem nur anschliessen …

      Bei einigen Artikeln der letzten Zeit, so auch bei diesem, kommt in mir nur noch der Impuls, das bald „Bild-Niveau“ hier erreicht wird.

      Ich kann mich des Eindrucks somit nicht mehr erwehren, dass hier kritik- und reflektionslos Berichte inflationär an den Leser gebracht werden – Quantität statt Qualiät – was ist dann unterstützenswert?!

    • „Jetzt fehlt wirklich nur noch ein Artikel über den praktizierenden alternativ-medizinischen Aura-Fotografen mit Kontaktadresse.“

      Sehr gute Idee, werde ich mich mal drum kümmern. Hast Du da eventuell Kontakte? :-)

      Ansonsten kann man kwer- nicht nur mit Geld unterstützen, sondern auch mit Gastartikeln. Wenn Du also mehr aus deinen Kommentaren machen möchtest und mal über ein Thema das dir auf den Nägel brennt unbedingt schreiben möchtest, dann bewirb dich. Allerdings müsstest du dafür aus deiner Komfortzone und Gesicht zeigen. Spannend fände ich es aber allemal.

      • Naja das ist doch mal ein Vorschlag. Ich bezweifle zwar das Ihr euer Magazin mit noch mehr drittklassigen Fotografien zieren möchtet aber warum nicht. Allerdings müsstest Ihr dafür aus eurer Komfortzone und mehr redaktionelle Arbeit zeigen. Und nicht zu 90% Fotos mit belanglosen (im Falle der „Alternativ-Medizinischen “ Artikel eher grenzwertigen) Texten versehen. Eine Auseinandersetzung mit den hier vorgestellten Künstlern findet überhaupt nicht statt. Das fände ich mal spannend.

  2. Mir geht es so, dass die Karten selber etwas in mir auslösen. Das Look&Feel ist bei mir gelernt und erinnert mich immer an Angel Heart und andere mystische Geschichten. Gerade durch ihre scheinbar banale und naive Darstellung werden sie irgendwie bedrohlich.

    Die Fotos hingegen wirken auf mich null. Sie sehen aus, wie aus der Zeit gefallene Kopien die auf mich mehr unfreiwillig komisch als modern interpretiert wirken.

    Daniel

  3. Alice Smeets Fotos wurden auch schon in GEO abgedruckt…

    Sein Herz öffnen zu können und offen zu sein für alles, was es auf dieser Welt gibt, finde ich viel spannender, als in den starren Glaubenssätzen unserer Vorfahren zu verharren und uns selber zu beschränken.

    Für mich sind solche Artikel immer sehr lesenswert!

  4. Ach, sieh einer an. Da hätte man doch eher Voodoo erwartet und nicht das abendländische Tarot. Auch wenn die Umsetzung an einigen Stellen den roten Faden verliert, so ist doch die Idee interessant.

    Ob nun jemand den biblischen Sündenfall nachbaut, dass Tarot oder atheistische Intoleranz. So lange es sich dabei um Bilder handelt, besteht immer die Möglichkeit sich selbst oder einer bestimmten Situation bewusst zu werden und inneren Blockaden etc. nachzuspüren. Das es jedoch so gut funktioniert, wie es einige der Kommentare hier beweisen, überrascht man dann schon etwas.
    Etwas eigenartig jedoch, dass ausgerechnet Leser eines Fotografiemagazins so offensichtliche Probleme mit einer Bildsprache haben die beim Betrachter etwas auslösen könnte. Es sei denn man fotografiert am liebsten Bauzeichnungen oder diese Schmierzettel die IKEA ihren Bausätzen beilegt.