Ein seltsames Wesen im Dunkeln.
17. Juli 2015 Lesezeit: ~8 Minuten

Transzendenz oder der Blick nach innen

Der Begriff „Transzendenz“ tauchte schon sehr früh in meinem Wortschatz auf. Ich glaube mich zu erinnern, ihn aus dem Mund meines Großvaters gehört zu haben, als ich mit ihm und meiner Großmutter wieder einmal in der Messe saß. Was meine Eltern als versierte Wissenschaftler übrigens gar nicht so toll fanden, mich aber mitgehen ließen, weil die Atmosphäre des alten Kirchenschiffs und der Duft nach Weihrauch eine zu große Fasziniation auf mich ausübten.

Überhaupt erinnere mich sehr gerne an diese Zeit; ich muss etwa fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Die Welt war ein Geheimnis und ich seine auserkorene Erforscherin. Es war eine Zeit des Glaubens, Fühlens und letztendlich auch Verstehens.

Aber kommen wir zur Erklärung des Begriffs:

Das Wort „Transzendenz“ leitet sich vom lateinischen Begriff „transcendentia“ ab und bedeutet „das Übersteigen“. Man meint damit das Überschreiten einer (gedachten) Grenze, also unserer endlichen Erfahrungswelt. Im religiös-philosophischen Sinne steht es im direkten Gegensatz zur Immanenz.

Einfacher ausgedrückt wird damit ein Bereich bezeichnet, der der empirischen Erforschung verschlossen ist und nur durch Glauben bzw. unseren subjektiven Eindruck erfahren werden kann (hierzu auch Kant: „Kritik der reinen Vernunft“*). In der Romantik-Epoche nimmt der Transzendenz-Begriff einen hohen Stellenwert ein, da er sich mit den Innenansichten des Menschen (seiner Seele) beschäftigte und in Sprache und Bild Ausdruck fand.

Auch in der Psychologie wird der Transzendenz-Begriff immer wieder behandelt (C. G. Jung, Abraham Maslow, Roberto Assagioli). Cornelius von Collande sieht den Begriff „Transzendenz“ als eine Fähigkeit des Menschen, „ein beliebiges Problem quasi durch einen Bewusstseinssprung zu transzendieren“. Er versucht, den Begriff „von dem elitären, rein spirituellen Nimbus zu befreien“ (Collande, Zusammenfassung).

Was hat das Ganze nun aber mit Fotografie zu tun? Während meiner Recherchen für kwerfeldein bin ich immer wieder über Fotografen gestolpert, die in ihrem Portfolio Bilder zeigen, die sich mit übersinnlichen, unerklärlichen und außerkörperlichen Erfahrungen beschäftigten. Bilder, die sich eher poetisch-religiös anfühlten, in einer virtuellen Welt aus Nullen und Einsen. Ich hatte bis dato nie eine Bezeichnung dafür, möchte diese Bilder aber nun unter dem Begriff „transzendente Fotografie“ weiterführen.

Die Herangehensweise zur Erstellung dieser Fotos kann sehr unterschiedlich sein. Mal mit festem Konzept, mal zufällig entstanden, bietet das Thema Variationen und lässt Spielraum für die eigene Fantasie. Doppel- oder Mehrfachbelichtungen werden hierfür sehr gern genutzt. Vorbilder finden wir in der viktorianischen Zeit, in der Fotografen großen Gefallen an dieser Art des Sichtbarmachens fanden, allerdings eher, um Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Aber auch abgelaufenes Filmmaterial, bewusst zerstörte Negative, falsch entwickelter Film oder auch die Verbindung von Fotografie und Malerei sind Möglichkeiten, das Thema kreativ auszuloten. Also: Genauso, wie der Begriff eine Grenze überschreitet, überschreiten auch Fotografen und Künstler diese in ihren Arbeitsweisen.

Als erstes möchte ich zwei Arbeiten von Lisa-Marie Kaspar vorstellen. Sie benutzte die Mehrfachbelichtung eher zufällig in zweien ihrer Bilder, als sie Testaufnahmen für ihr Jane-Eyre-Projekt machte, bei dem sie ausschließlich analog arbeiten wollte. Erst, als sie die Bilder in den Händen hielt, entstand eine Geschichte zu den Bildern.

Eine sitzende Frau in Mehrfachbelichtung.

Eine Person taucht mehrfach hintereinander auf.

Sie selbst sagt dazu:

Auf dem ersten Bild handelt es sich ja schon fast um eine Art Auferstehung. Mich fasziniert die Bewegung und ihr Blick hier besonders. Der Ausdruck ist ruhig, fast schon von stoischer Gelassenheit, so als hätte sie ihr Schicksal akzeptiert, sich ihm hingegeben.

Das Bild, auf dem Maria schreitet, stellt für mich ein Zugehen auf etwas Helles, nicht Greifbares dar. Die Bewegung endet in der Auflösung der Person. Der Titel „so darkness i became“ klingt vielleicht auf den ersten Blick widersprüchlich, aber wenn man darkness unter dem Gesichtspunkt des Seelischen, Schmerzvollen betrachtet, löst sich die Person vielleicht deshalb auf.

Es handelt sich bei den Bildern also vielleicht um die Akzeptanz des eigenen Schicksals. Das Hinübergehen in einen anderen Bereich, sei es von der Realität ins Träumen oder vom Leben in den Tod. Ich sage vielleicht, weil es selbst für mich nicht 100 % greifbar ist.

Spannend an Lisa-Maries Ausführungen ist die Zufälligkeit des Entstehens. Bilder, die lediglich Testaufnahmen sind, liefern einen Bildinhalt, der es wert ist, mit anderen geteilt zu werden, um zu verstehen, was sie zeigen. Fragen über Existenz und Nichtexistenz, über Grenzen, die wir zumindest auf Filmaterial überschreiten können.

Die zweite Fotografin, die ich vorstellen möchte, ist Colette Saint Yves. Sie ist eine junge, freischaffende Künstlerin aus Frankreich, die an der Universität Lille Filmwissenschaften studiert. Sie ist eine große Bildersammlerin und eine große Kinogängerin.

Sie nutzt alte, abgelaufende Schwarzweißfilme und Doppelbelichtungen, um bestimmte Stimmungen zu erzeugen. Aber auch Collagen und Malerei verbindet sie auf alten Fotografien, die sie sammelt, zu etwas Neuem, wie auf dem zweiten Bild zu sehen ist.

Ein Mädchen steht in einem Maisfehld und schließt die Augen.

Eine Collage, ein Mädchen mit einem Hund und eine alte Frau.

Das Bild mit dem Portrait meiner Nichte im Kornfeld ist in der Nähe vom Haus meiner Mutter aufgenommen. Ich war froh, zu sehen, dass der abgelaufende Film dem Bild eine weitere Dimension gibt.

Ich sammle alte Fotografien, weil ich mich beruhigt fühle, wenn ich von ihnen umgeben bin. Ich liebe es, unangenehme, seltsame und schöne Details auf ihnen zu finden. Sie inspirieren mich.

Meine Motivation zu Beginn war ein bisschen egoistisch, denke ich. Meistens, wenn ich eine Collage erstelle, ist das ein Weg, etwas auszudrücken, wie ich es nicht mit Worten kann. Ich denke, in der Fotografie ist es das Gleiche. Es ist mir eine große Erleichterung und es erlaubt mir, ich selbst zu sein. Und natürlich bin ich sehr gerührt, wenn meine Kunst im Gespräch mit anderen ist.

Wo Sprache nicht mehr ausreicht, wo Worte zu wenig sind, ist ein Bild Mittel zur Kommunikation. Colette Saint Yves’ Arbeiten sind daher sehr persönlich. Ihre Bilder dröseln Grenzen auf, zwischen Fiktion und Realität und zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Kathleen Mercado ist die dritte Fotografin, deren Arbeiten mich sofort ansprachen und die ich mit dem Begriff Transzendenz verbinden konnte. Geboren in Texas, ist sie erst sehr spät zur Fotografie gekommen. Auf meine Fragen zur Transzendenz in Bezug zu ihren Arbeiten hat sie Folgendes geantwortet:

Meine Arbeit ist von meinen eigenen Gefühlen der Einsamkeit inspiriert und dem Schwanken zwischen Realität und Traum. Meine Selbstportraits sind oft mit der Idee gemacht, nicht wirklich in die Gegenwart zu gehören. Ich fühle so, seit ich ein kleines Mädchen bin. Die Fotografien bringen mein inneres Gefühl von Isolation und Getrenntsein zum Ausdruck. Anderssein ist, was ich im Inneren fühle, aber nicht in Worte fassen kann.

Gegenlicht, eine Frau im Türrahmen.

Ein seltsames Wesen im dunklen Wald.

Was alle drei vorgestellten Fotografinnen verbindet, ist zum einen der sehr persönliche Bezug zu den Bildern, als auch die immer wiederkehrenden Begriffe Traum bzw. Tod. Ebenfalls verbindet sie das intuitive Arbeiten, das zur Erstehung der Bilder führt. In den Bildern von Kathleen Mercado kommt noch die Fremdheit ihrer selbst zur Welt hinzu. In den Bildern ist es möglich, die uns auferlegten weltlichen Grenzen zu überschreiten, um dahinter zu schauen.

Ich denke, dass die Fotografie eine wunderbare Möglichkeit ist, Dinge, die wir fühlen und erfahren, aber nicht greifen können, zu verbildlichen. Denn egal, welche Sprache jemand spricht, ein Bild kann intuitiv erfasst werden und bedarf oft keiner weiteren Erklärungen. Ich bin meinen Eltern jedenfalls dankbar, dass sie mir eine Welt ermöglichten, in der Wissenschaft und Glaube Hand in Hand gehen.

Weiterführende Lektüre:

– Alfred Gierer: Wissenschaftliche Rationalität und religöses Weltverständnis – Zweifel und Harmonie (PDF)

– Cornelius von Mitschke-Collande: Die Kompetenz der Transzendenzfähigkeit – Eine Studie zur Bewusstseinserforschung (Doktorarbeit, PDF)

– Filmtipp: Transcendence (2014) von Wally Pfister

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23 Kommentare

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    • Freut mich. Dann unbedingt mal die Seiten der Fotografinnen besuchen. Da gibt es noch mehr, auch weit ab vom hier kurz angerissenen Thema. Und spirituell sollte es nicht unbedingt werden, ich hoffe das die vielschichtigkeit des Themas kurz durchflackert :-)

  1. Eine, wie ich finde, etwas überzogene Aufladung von, wie ich auch finde, sehr schönen vielschichtigen Bildern. Die individuelle Interpretation der Geschichte hinter dem Abbild, das der Bildautor durch Konturauflösung, Unschärfen oder Überlagerungen intensivieren kann, deutet mir nichts Transzendales. Aber es inspiriert in jedem Fall.

    • Da hast du Recht. Es ist auch eine sehr subjektive Sichtweise meinerseits und hat keine Allgemeingültigkeit. Aber ich fand es interessant die Fotografinnen danach zu befragen und sehe den Begriff auch eher, wie oben kurz beschrieben, als ein Positionswechsel. Die vielschichtigkeit der Bilder bleibt erhalten und du hast deinen ganz eigenen Zugang dazu. Das ist doch gut.

  2. „Denn egal, welche Sprache jemand spricht, ein Bild kann intuitiv erfasst werden und bedarf oft keiner weiteren Erklärungen.“

    Wie ein Bild erfasst wird hängt u.a. von der Kultur, Vorerfahrung und Bildung des Betrachters ab. Deutungen von Bildern sind deshalb immer entsprechend individuell. Will man tatsächlich ein bestimmtes Gefühl oder eine konkrete Aussage vermitteln macht man entweder ziemlich plakative Bilder für eine möglichst homogene Zielgruppe oder es geht eben gerade nicht ohne Erklärungen. Für die hier gezeigten Bilder gilt in meinem Fall zumindest Letzteres.

  3. Als ich die Überschrift gelesen habe, war mir sofort klar, dass „transzendent“ und „transzendental“ durcheinandergeworfen wird. Es scheint so unsäglich schwer zu sein, auch die simpelsten terminologischen Grundbegriffe des Themas, über welches man spricht, auseinanderzuhalten. Es hätte sogar ein oberflächliches Überfliegen des Wikipediaeintrags gereicht, um auf diese Unterscheidung zu stoßen. Also in die Tonne mit dem Begriff der „Transzendentalen Photographie“; und nochmal an die Recherche gemacht, um die Verständnisprobleme zu überwinden. Im Hinblick auf das, was nicht etwa der transzendentale, sondern der transzendente Begriffsinhalt eigentlich impliziert, würde ich dann doch eher bei Spookypics bleiben.

    • Hallo ec, entschuldige die Verwirrung, Marit hat korrekt „transzendente Fotografie“ geschrieben, ich habe das im Lektorat geändert, da ich das Wort nicht gefunden habe und es für eine Verwechslung bzw. einen Tippfehler hielt. Nochmal nachgeschaut, jetzt gefunden und wieder zur ursprünglichen Version korrigiert.

      • Nichtsdestotrotz bleibt das kontradiktorische Moment erhalten. Zwei von drei der vorgestellten Photographinnen sprechen davon, durch Bildinhalte zu vermitteln, was sich in Worten nicht sagen lässt. Jedoch sind Bildinhalte notwendigerweise immanent, sonst ließen sie sich nicht darstellen. Die einzige denkbare Möglichkeit wäre, die Immanenz derart zu induzieren, dass durch den Umweg über die Grenzen transzendentaler Inhalte auf das Transzendente verwiesen werden könnte – eine große Aufgabe. Jedoch sind einige der hier gezeigten Bilder höchstens auf anachronistische Weise surreal, aber das hat mit Transzendenz nichts zu tun. Gerade hier wäre Präzision gefragt gewesen – so bleibt’s bei Spookypics wie bei Provand.

  4. „In den Bildern ist es möglich, die uns auferlegten weltlichen Grenzen zu überschreiten, um dahinter zu schauen.“
    ich bin ehrlich gesagt ein wenig peinlich berührt, wenn ich die versuche betrachte, den eigenen fotografien fast schon religiösen mehrwert zu unterstellen.düstere motive, doppelbelichtung und verschiebung des kontrastreglers nach links füllen nicht automatisch fläche mit sinn!

    • Das Schöne an der Fotografie ist dass man Dinge zeigen kann wie man sie sehen oder zeigen möchte, und nicht wie sie in natura eh schon sind. Mir gefällt diese verträumt verwunschene Anmutung in den Bildern sehr gut. Über Sinn oder Unsinn muss man, denke ich, nicht diskutieren wenn so eine Art Traumstimmung dargestellt wird. Im Traum geht Sinn und Unsinn ständig Hand in Hand…

      • Hallo Reinhard – das sehe ich ganz genauso und wenn ich über Deine Worte etwas grüble, dann kommt es mir so vor, als läge das immer wiederkehrende Problem von Kwerfeldein (ich finde : es gibt eines) eigentlich weniger in den Bildern, sondern immer im Text, der die Bilder nicht besser und nicht schlechter aber immer angreifbar macht, indem er oft das „Blatt überreizt“.
        Ich habe schon X-mal vorgeschlagen, eine Bildbesprechung einmal ganz konsequent durchzuführen oder von einem Kunstwissenschaftler einmal exemplarisch durchführen zu lassen und das nicht immer nach ein paar Stunden halbfertig, strittig und ungelöst im Archiv zu versenken und weiterzuhetzen und nun komme ich auf die Alternative: Warum werden hier nicht einmal ein paar Bilder oder Serien ohne jeden, meist weihrauchhaltigen Redaktions-Kommentar gezeigt ?
        Frage ich mich….
        (Wird wahrscheinlich genauso weggeballert wie Vorschlag Nr. 1)

      • Sachen gibt´s. N´en lieben Frosch??? (kopschüttel)

        @Andreas V.
        Ein anderer Ansatzpunkt wäre vieleicht auch, nicht jeden Tag einen (oder wie in diesem Falle drei) Fotografen oberflächlich vorzustellen sondern vieleicht die Artikelzahl auf zwei oder drei wirklich ausführliche die Woche zu reduzieren.

    • @resa rot
      Warum bist Du peinlich berührt?
      Fotografie, zumal als Hobby, IST etwas sehr Persönliches. Heutzutage versuchen viele, teils unbewusst, ihre Bilder an den Geschmack der Betrachter anzupassen, um viele Likes, Sternchen, positive Kommentare etc. zu bekommen.
      Ein Hoch auf den, der es versteht, nur für sich zu fotografieren und seinen Bildern tatsächlich ganz eigene Bedeutungen abseits vom Mainstream und von gerade angesagten Motiven und Strömungen zu geben!
      Einen „fast religiösen Mehrwert“ braucht man immer mal wieder in seinem Leben; einigen Menschen ist das bewusst, anderen nicht. Wer nicht an Religion oder etwas Selbstdefiniertes (Engel, „Energien“, was auch immer) glaubt, findet doch meist irgendwann im Leben etwas Tröstliches in bestimmten, für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Wertschätzungen von Sachen, Erinnerungen oder Ritualen. Man trinkt immer aus der Teetasse, die einem die Lieblingsoma vererbt hat. Man trägt zu besonderen Anlässen die Kette der verstorbenen Mutter. Man repariert das Fahrrad immer genau so, wie der Vater einem das beigebracht hat.

      Gerade, wenn geliebte Menschen, die eine große Rolle in unserem Leben spielten, gestorben sind, erlangen ihre Fotos – Fotos, die sie zeigen oder Fotos, die sie selbst fotografiert haben – eine große Bedeutung für die meisten Hinterbliebenen. Manchmal versucht man auch „hinter das Foto“ zu schauen – und manchmal sieht man dort ganz rational etwas, das man zu Lebzeiten der Person übersehen hatte, z.B. Krankheitssymptome, oder Gefühle, die man zu Lebzeiten in dieser Situation bei dieser Person nicht wahrgenommen hat. Manche heben Geschriebenes des Verstorbenen auf und hüten es wie einen Schatz – Briefe, Tagebücher, Gedichte, vielleicht nur Einkaufslisten oder Geburtstagskarten.
      Warum soll man nicht ein Foto in die Reihe dieser Gegenstände mit aufnehmen?
      Immerhin sind es lediglich Sachen, die einem helfen, mit dem Verlust fertig zu werden, die eigenen Erinnerungen aufrecht zu erhalten, sich mit Gedanken an den Verstorbenen zu beschäftigen.
      Selbst wenn man weiß, dass der Körper des Verstorbenen schon komplett verwest sein muss, kann es nach Jahren tröstlich sein, sich vorzustellen, er würde neben einem sitzen, oder sich nur vorzustellen, was er in dieser Situation sagen oder tun würde. Wenn einem solche „Geisterfotos“ dabei helfen, haben sie nicht nur ihren Zweck erfüllt, sondern auch eine größere Bedeutung für diese eine Person – den Hinterbliebenen – als die große Menge der nach Vorgaben und Vorbildern erstellten Fotos, die in der Hoffnung auf Anerkennung durch völlig Fremde oder Bekannte (User im Internet, Fotoclubmitglieder, Freunde, Verwandte, Kunden) erstellt wurden.
      Denn diese Fotos zeigen neben aller „Esoterik“ auch die Sehnsüchte, Gedanken, Gefühle und Hoffnungen des Fotografen. Insofern haben sie nicht nur einen sehr hohen persönlichen Wert, sondern auch einen Wert für den Betrachter, der aus solchen Fotos weit mehr als aus weniger esoterisch angehauchten Fotos etwas über den Fotografen und seine Gefühls- und Gedankenwelt erfährt.
      Sie zeigen also weit mehr als ihr eigentliches Motiv.

      Ist es nicht das, was sich viele Fotografen von ihren sorgfältig nach Kriterien erfüllten, größtenteils unpersönlichen Fotos wünschen würden?

      • Es geht bei Resas Kommentar keineswegs darum, ob einem Geisterphotos helfen können, irgendwelche Verlusttraumata zu überwinden, sondern ob die Umsetzung der vermeintlichen Thematik gerecht wird. Aber schöner Geschenkbuchtext, besonders die Stelle mit dem Trostfinden trotz des kompletten Verwesens des Leichnams finde ich super.

      • Hallo Fidi,
        das finde ich alles sehr nachvollziehbar und menschlich, aber Intimität und persönliche Berührtheit können meines Erachtens dadurch verderben oder pervertieren, dass sie in die Öffentlichkeit gestellt und präsentiert / exibitioniert werden. Das darf ich nicht jedem als Masche zur Erringung von Aufmerksamkeit und Anerkennung unterstellen, aber in meinem fortgeschrittenen Alter kann ich mich an einen von Herzen kommenden, jugendlichen öffentlichen Bekennerdrang nicht erinnern und „web“ war damals Spinnengewebe.
        Ich persönlich würde es sehr bevorzugen, wenn das Internet oder solche Foren wie dieses nicht wie ein Poesiealbum oder ein Kummerkasten benutzt werden sondern wie ein höflicher, netter, kluger, witziger Gedankenbahnhof.

        Verstand und Geist : „ja immer“

        Seele: „lieber nicht“

      • Und weil sich alle ja so dolle Grenzen auferlegen, wurde die den Hummelflug erklärende Theorie ja auch in der selben Zeit entwickelt aus der auch dieser müde Witz stammt.

      • Das Hummelparadoxon war nie eines, sondern ein Witz von Studenten über einen Dozenten, der zu blöd ist, das Offensichtliche zu erkennen. Derartige Probleme sollen sich ja bis in die heutige Zeit halten, selbst in manchen Photomagazinen soll es soetwas schon gegeben haben.