Eine Übersicht über viele Fotobände von Martin Parr
20. März 2015 Lesezeit: ~6 Minuten

Ein Beifallsorkan auf Martin Parr in Fotobänden 2

Nun folgt der zweite Teil meines Beifallsorkans, der den englischen Magnum-Fotgrafen Martin Parr nicht mit eigenen, sondern fremden Federn schmückt. Denn Parr ist ein besessener Sammler von Postkarten und Gegenständen. Aus diesem Hobby hat er großen Nutzen gezogen, indem er Bildbände mit den gesammelten Dingen produzierte.

 

Beispielseite des Buches The Photobook: A History Volume 1 © Martin Parr & Garry Badger

Titelseite des Buches The Photobook: A History Volume 1 © Martin Parr & Garry Badger

Beispielseite des Buches The Photobook: A History Volume 1 © Martin Parr & Garry Badger

The Photobook: A History Volume 1*

Direkt nach seinem Fotografie-Studium begann Martin Parr, Fotobände für sich zu entdecken. Die darauffolgenden Jahre reiste er in der Welt herum, um sich historisch signifikante Werke zu beschaffen – und wenn möglich Originale.

Heute ist Parr neben seiner Fotografie die Autorität im Bereich der Fotobände geworden, umfassende Expertise setzt er insbesondere in der Trilogie „The Photobook: A History“ ein.

Volume 1 enthält beispielhaft Originale der ersten Fotobücher, die jemals erstellt wurden (wie z. B. „Cyanotype Impressions“ von Anna Atkins) von Bänden, die zu Propagandazwecken eingesetzt wurden bis hin zu japanischen Nachkriegs-Fotobüchern.

Ich habe über fast jedes der 200 aufgeführten Fotobücher recherchiert, um an eine günstige, gebrauchte Originalfassung zu kommen. Ergebnis: Es ist (bis auf wenige Ausnahmen) unmöglich.

 

Titelseite des Bandes Bliss von Martin Parr

Beispielseite des Bandes Bliss von Martin Parr

Beispielseite des Bandes Bliss von Martin Parr

Bliss*

Martin Parr fing in den 80ern an, Postkarten aus den 60er Jahren (und aufwärts) zu akkumulieren, die sich mit den Themen Liebesbeziehung und Ehe beschäftigten. Ihm fiel auf, wie furchtbar kitschig und welch Ausdruck übertriebener Sehnsucht nach einer heilen Welt sie doch waren.

2003 publizierte Parr mit „Bliss“ eine Auswahl, die ich persönlich zum Schießen finde. Jedes Mal, wenn ich das Büchlein durchblättere, kann ich nicht anders, als lauthals zu lachen und wie ein aufgescheuchtes Huhn meinen Bürokollegen ein Bild unter die Nase zu halten.

 

Titelseite des Buches From Our House To Your von Martin Parr

Beispielseite des Buches From Our House To Your von Martin Parr

Beispielseite des Buches From Our House To Your von Martin Parr

From Our House To Your House*

Auch „From Our House To Your House“ beschäftigt sich mit Postkarten und zwar mit Weihnachts-Grußkarten, auf denen amerikanische Familien (stellenweise verkrampft) versuchen, sich von ihrer Schokoladenseite zu zeigen. Die Karten stammen aus einer Zeit, die ich nicht erlebt habe, umso befremdlicher wirken sie auch.

So ist es aus meiner Sicht sehr verwunderlich, was Eltern mit ihren Kindern anstellten, um sie möglichst hübsch, ordentlich oder anständig zu präsentieren. Der Versuch, die perfekte Familie darzustellen, ist zum Scheitern verurteilt.

 

Titelseite des Bandes Boring Postcards von Martin Parr

Beispielseite des Bandes Boring Postcards von Martin Parr

Beispielseite des Bandes Boring Postcards von Martin Parr

Boring Postcards*

Martin Parr ist auch nach 30 Jahren Kartensammeln alles andere als Status-Quo-konform, sondern steht dem so sehr entgegen, dass er sich einem Thema widmet, um das die meisten Menschen einen großen Bogen machen: Langeweile.

Der komplette Titel des Buches ist: „Boring Postcards. Commentary on British architecture, social life and identity“ und lässt Rückschlüsse auf die Absichten hinter der Sammlung zu. Denn ein Vorwort, eine Erklärung oder gar einen Kommentar zu den Fotos gibt es – nicht.

Viel mehr sind die Postkarten selbst Kommentar und Parr überlässt es den Betrachtern, sich ein Urteil zu bilden. Eines kann ich sicher versprechen: Die postulierte Langeweile hat Qualität. Denn es handelt sich bei den Karten mitnichten um vorsätzlich bieder gestaltete Karten.

Nein, die Karten zeigen Autobahnen, Raststätten, Hotels und die dreckigsten Industriegebiete, die man sich vorstellen kann. Denn das war damals gesellschaftlich relevant, so sehr man sich heute auch darüber wundert.

 

Titelseite des Buches Boring Postcards USA von Martin Parr

Beispielseite des Buches Boring Postcards USA von Martin Parr

Beispielseite des Buches Boring Postcards USA von Martin Parr

Boring Postcards USA*

Gefühlt setzt Martin Parr bei der amerikanischen Ausgabe der „Boring Postcards“ noch einen drauf. Die Dichte an Unmöglichkeiten der amerikanischen Postkartengestaltung ist höher, als bei der britischen Version, was kulturell bedingt sein kann.

Spätestens bei genauerem Betrachten der Boring-Bände fällt auf, dass die Gestaltung der Bücher den Inhalt sehr gut widerspiegelt: So minimal wie möglich gehalten, nur nicht zu viel Aufmerksamkeit. Das ist dem Phaidon-Verlag wahrlich gelungen.

 

Titelseite des Buches Langweilige Postkarten von Martin Parr

Beispielseiten des Buches Langweilige Postkarten von Martin Parr

Beispielseiten des Buches Langweilige Postkarten von Martin Parr

Langweilie Postkarten*

Irgendwie freut es mich, dass Martin Parr als drittes Land Deutschland ausgesucht hat, um es in die Postkarten-Trilogie aufzunehmen. Eine hässliche Autobahn-Raststätten-Karten reiht sich an die nächste und furztrockene Plattenbau-Ansichten sind über jeden Zweifel erhaben, dass auch Deutschland es verdient hat, ein „langweiliges“ Büchlein zu bekommen.

Insbesondere fallen Urlaubskarten auf, die aus heutiger Sicht als missratene Versuche gelten dürften, einladend zu wirken. „Langweilige Postkarten“ ist eine treffende Studie des Nachkriegsdeutschlands, das auch über dieses Medium versuchte, mit der Welt zu kommunizieren.

 

Beispielseite des Bandes Parr World von Martin Parr

Beispeilseite des Bandes Parr World von Martin Parr

Vorderseite des Bandes Parr World von Martin Parr

Parr World*

„Parr World“ kommt in einem Schuber daher, der zwei Bände beinhaltet. Der erste Band hat den Titel „Postcards“. Wer jetzt seufzend „nicht schon wieder“ denkt: Nein, es sind keine langweiligen Postkarten und die Sammelwut des Herrn Parr geht über die Grenzen des Humors weit hinaus.

„Postcards“ enthält Karten, die heute von historischer Bedeutung sind. Denn in den 20ern des vergangenen Jahrhunderts wurden Postkarten erstmals zur Verbreitung von Nachrichten verschickt. Fotografie und Karten waren somit voneinander untrennbar. Weiter zeigt der Band epochenweise sämtliche Verwendungszwecke, denen Postkarten dienten:

Von der Nachrichtenübermittlung über Ansichten von Arbeitern, Kriegsdokumentationen bis hin zu Fotomontagen ist alles dabei. Langweilig? Kaum.

Der zweite Band, „Objects“, bespricht eine bisher nicht erwähnte Leidenschaft Martin Parrs, die rein fotografisch gesehen irrelevant, im Lichte des Archivierens aber äußerst ersprießlich ist. Parr hortet nämlich alles, was ungewöhnlich, komisch oder im gesellschaftlichen Rahmen beinahe undenkbar ist.

Ein paar Beispiele? Osama-Bin-Laden-Böller, Saddam-Hussein-Uhren, Teppiche „Made in Afghanistan“ (auf denen zwei Flugzeuge in die Twin Towers fliegend abgebildet sind). Es ist nicht möglich, diesen Band durchzublättern, ohne schallend das altbekannte „WTF!?“ auszurufen.

Parr World ist etwas für alle, die über den Horizont der Fotografie hinwegblicken können und jeden Cent wert. Wärmste Empfehlung meinerseits.

Obwohl meine Zeiten als Parr-Fanboy (so neckt man mich in der Redaktion) so langsam gezählt sind, werde ich mir auch in Zukunft hin und wieder ein Buch des grandiosen Fotografen zulegen. Ich hoffe, dass ich Euch durch diesen Zweiteiler ein wenig Lust gemacht habe, es mir gleichzutun.

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