Verlassenes Dorf
20. Dezember 2014 Lesezeit: ~8 Minuten

Lost Place: Ein verlassenes Dorf

Auf der Karte ist es eingezeichnet, der Weg führt von der Hauptstraße weg auf die Nebenstraße einer Nebenstraße. Eine kilometerlange Sackgasse, die am Meer endet. Eine hauptsächlich von Ziegen genutzte Straße führt zu einem in ein winziges Tal gebettetes Dorf, das nur noch wenig Leben beherbergt. Umgeben von idyllischer Natur, Bergen und dem Blick auf das offene Meer in der Ferne strahlt es eine verstörende Ruhe aus.

Bereits von der Abzweigung der Hauptstraße aus ist es zu sehen, schon auf Entfernung wirkt es befremdlich. Fährt man die einzige befahrbare Straße entlang durch das Dorf, begegnet man noch etwas Leben in Form von ein, zwei geparkten Autos und einem noch bewohnten Haus, umgeben von Pflanzenkübeln.

Häuserdächer im Grünen

Foto: Chris Hieronimus

Wir hatten davon gehört, dass es ein komplett verlassenes Dorf auf der anderen Seite dieser griechischen Insel geben soll. Der Mitarbeiter der Mietwagenfirma konnte uns vor der Abfahrt nichts darüber sagen, obwohl er aus der Gegend stammt, in der das Dorf liegt. Der Punkt auf der Karte deutet nicht auf eine verlassene Siedlung hin, es ist einfach ein Punkt wie alle anderen.

Aber gut, wir waren entschlossen, es selbst herauszufinden. Nach einigen Stunden Fahrt an malerischer Küste und gemütlichen kleinen Dörfern vorbei, einige Kilometer hinter der letzten größeren Stadt und nach einigen unbeabsichtigt gefahrenen Schleifen biegen wir an der richtigen Abzweigung ab und fahren einmal durch den kurzen Straßenabschnitt, der durch das Dorf führt. Begeisterung macht sich breit.

Am Ortsausgang führt ein Weg ins eigentliche Dorf hinein, dort lassen wir unser Auto nach wenigen Metern stehen. Die Wege im Dorf sind nicht für Fahrzeuge gemacht. Das erste Haus ist verschlossen, eine rostige Treppe führt hoch aufs Dach, so wie bei vielen anderen Häusern im Dorf. Wir gehen hinauf. Vom Dach aus bietet sich uns ein großartiger Blick über das ganze Dorf und das kleine Tal, in dem wir uns befinden.

Es müssen um die 150 Häuser sein, die teilweise offen stehen, teils fest verschlossen sind. Manche sind eingestürzt, andere gut erhalten. Die Kirche im Dorf ist seltsamerweise frisch renoviert, glänzt mit neuen Fenstern und macht einen gepflegten Eindruck.

Ein verlassenes Dorf

Foto: Chris Hieronimus

Auf dem weiteren Weg ins Dorf stoßen wir schnell an eine Absperrung, hinter der sich ein Bewässerungssystem von Gartenschläuchen ausbreitet, das eine Vielzahl an Pflanzen, Blumen und kleinen Beeten versorgt. Die wenigen Menschen, die hier noch leben, haben sich inmitten der Ruinen kleine Oasen einrichtet. Dieses erste bewohnte Haus ist recht weit oben, mit Zugang zur Straße. Ein weiteres bewohntes Haus entdecken wir mitten im Kern des Dorfes, nachdem wir an vielen verlassenen Häusern und Ruinen vorbei gegangen sind.

Die Bewohner sehen wir nicht, wir hören sie nur ab und zu, zwischen Ziegen und Hundegebell. Unweigerlich fragen wir uns, wer hier noch lebt und warum. Weshalb lebt man in einem großen, nahezu menschenleeren Dorf, das zum Großteil der Verwitterung preisgegeben ist? Teilweise geht die Fantasie mit uns durch, als wären wir Jugendliche in einem Abenteuer-Roman.

Wurden die Häuser vielleicht überhaupt nicht verlassen, sondern ihre Bewohner verstarben nach und nach? Auf der Insel gibt es sicher Schwierigkeiten damit, den Nachwuchs zu halten. Vermutlich zieht es die Jugend in die wenigen Städte oder aufs Festland. Es ist nachvollziehbar, dass dieses kleine Dorf zwar dank malerischer Umgebung in völliger Ruhe liegt, aber als dauerhafter Wohnort wenig attraktiv ist und kaum Chancen bietet, mit seinem Leben etwas anzufangen.

Zwei Menschen auf einem Dach

Foto: Chris Hieronimus

Wir finden einige Dokumente, Briefe und Zeitungen, die auf 1995 datiert sind und schließen daraus, dass das Dorf bis dahin bewohnt war. Das wiederum spricht eher dafür, dass es doch einen Zeitpunkt gab, an dem die verbliebenen Dorfbewohner sich entschlossen haben, wegzuziehen. Sind die wenigen Menschen, die heute hier leben, übrig geblieben oder haben sie sich später in dem verlassenen Dorf nieder gelassen? Wir möchten als Besucher nicht stören und machen daher einen Bogen um die Grünanlagen der Leute. Es wird recht früh dunkel, daher entschließen wir uns dazu, die Nacht im Dorf zu verbringen.

Es gibt einfach viel zu viel zu entdecken, als dass wir nach wenigen Stunden schon wieder fahren könnten. Wir wandern also durch das Dorf, untersuchen Häuser nach offenen Türen und Fenstern. Leider sind die offenen Häuser nicht in einem Zustand, der es erlauben würde, darin ein Lager aufzuschlagen. Da das Tal aber völlig windstill ist, gehen wir zurück auf das Dach des ersten Hauses und stellen unser Zelt auf. Die Dämmerung macht das Dorf nicht unbedingt freundlicher.

Die Geräusche der Ziegen, Katzen, Hunde und der Menschen lassen sich nicht genau zuordnen, wir sitzen also auf dem Dach und haben ein mulmiges Gefühl im Bauch. Der Entdeckergeist und das rationale Denken ergeben sich schließlich der Paranoia, spätestens als irgendein lautes Geräusch durch das Tal schallt, zu dem jeder von uns dreien eine andere Assoziation hat.

Ein Hochzeitsfoto auf einer Keksdose

Foto: Chris Hieronimus

Wir entscheiden uns dennoch für einen Nachtspaziergang durch das Dorf. Das Licht der wenigen Laternen ist ausreichend und wir wollen uns die Kirche gern näher anschauen. Der einzige Weg zur Kirche führt an einem der noch bewohnten Häuser vorbei, aus dem Stimmen und klapperndes Geschirr zu hören sind. Ein Mann füttert die Katzen. Auf dem Rückweg machen wir dennoch einen Bogen um das Haus und klettern über eine Ruine. Die Paranoia gewinnt.

Den entspannten Abend auf dem Häuserdach hätte nur ein Lagerfeuer noch aufwerten können. Wir sind versorgt mit lokalen Früchten und blicken in die Ferne, wo im Dunkeln der Übergang von Meer zu Horizont verschwimmt. Unsere Stimmung wird getragen von der Bewunderung für die Schönheit dieses Ortes und zugleich der Verwunderung über die Paradoxien, die sich uns nicht erschließen.

Am nächsten Morgen weicht die Paranoia der warmen Morgensonne. Das zuvor an der Straße geparkte Auto steht mit laufendem Motor neben unserem Mietwagen. Von unserem Dach aus beobachten wir und fragen uns, was vor sich geht. Haben wir jemanden mit unserer Anwesenheit verärgert? Ein Mädchen steigt mit ihrem rosa Rucksack aus dem Wagen, läuft vor zur Straße und steigt in den Schulbus ein, der sie die Hügel hinauf mitnimmt.

Verlassene Küche

Ein Fernseher auf einem Herd

Fotos: Chris Hieronimus

Wir spazieren erneut durch das Dorf, dieses Mal im Hellen. Über Dächer, Balkone und durch offene Fenster kletternd finden wir in vielen Häusern Spuren der Menschen, die sie einst bewohnten. Fotos, Briefe, Tagebücher und persönliche Gegenstände, teilweise vollständig eingerichtete Zimmer mit Schränken samt kompletter Garderobe. Warum wurden so viele persönliche Gegenstände zurückgelassen? Wer würde sein Haus verlassen, aber Tagebücher und Hochzeitsfotos nicht mitnehmen?

Auf einem Balkon weiter oben steht ein Mann und raucht eine morgendlich Zigarette. Wir grüßen und spazieren weiter. Ein weißer Bus fährt durch das Dorf, den wir später einige Kilometer weiter wiedertreffen. Zwischen zwei halb eingestürzten Gebäuden pflücken wir einige reife Granatäpfel vom Baum und essen sie in der warmen Sonne auf „unserem“ Dach. Dann verabschieden wir uns von diesem seltsamen Ort, unsere offenen Fragen nehmen wir mit.

Ein verlassenes Zimmer

Der Besitzer des weißen Busses ist Obsthändler im nächsten Dorf. Er hat uns auf dem Dach zelten sehen, sagt er lachend. Über die Geschichte des Dorfes kann er uns auch nicht viel sagen, was zum Teil auch der Sprachbarriere geschuldet ist. Die Menschen sind einfach irgendwann gegangen, sagt er. Er lässt uns von dem köstlichen, lokalen Honig probieren, wir kaufen Obst und Gemüse und machen uns wieder auf den Weg.

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21 Kommentare

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  1. Wie es wohl wäre, dahin auszuwandern … Ich hätte gern noch mehr Bilder von dem Ort gesehen, von der Kirche, den Ziegen und Katzen und von den Granatäpfelbäumen, falls es überhaupt Bäume sind, vom Ausblick auf das Meer und überhaupt.

  2. Schöner Artikel, mich würde Interessieren um welche Insel es sich handelt. Ich war im Sommer auch auf einer der grichischen Inseln auf der es eine Geisterstadt geben soll. Leider habe ich es nicht geschafft diese zu besuchen. Werde ich aber 2015 nachholen.

    • Hallo Tristan!
      Ich habe länger darüber nachgedacht und mich dazu entschlossen nichts näheres über die Lage des Dorfes zu sagen. Zum einen sind einige der Häuser jetzt schon mutwillig beschädigt worden und zum anderen ist es ja kein ganz verlassenes Dorf, Respekt vor den Bewohnern spielt also auch eine Rolle.
      Es gibt scheinbar einige solcher Dörfer, aber auch verlassene Hotesl etc. in Griechenland. Viel Spaß beim erkunden!

  3. Das hört sich wirklich spannend an! Und die Bilder sehen auch toll zu der Geschichte aus. Aber warum habt Ihr denn niemanden dieser Übriggebliebenen angesprochen? Die Griechen sind doch unglaublich gastfreundlich und bestimmt hätte man sich einem Gespräch mit interessierten Gästen nicht verschlossen? … ich wäre so gespannt, was es damit auf sich hat…

    Vielen Dank für die tolle Geschichte!

    • Da hast du Recht, wir haben die Leute in Griechenland als sehr gastfreundlich und offen erlebt. In dem Dorf wollten wir allerdings nicht weiter stören. Natürlich hätten wir einfach klopfen können, aber als Touristen wollten wir niemanden belästigen, der bewusst in der Einsamkeit lebt.

    • Hallo, wir waren am 15.10.17 da. Wir haben noch drei Einwohner gesehen. Zwei Frauen und einen Mann. Dieser schien eher verwirrt. Eine Frau haben wir freundlich mit Kalimera begrüßt. Keine Reaktion. Leider.
      Augenscheinlich ist das Problem des Dorfes das des Handlings. Die Strassen sind nur für Esel gemacht. Schwere Sachen reintragen eher unmöglich in fortgeschrittenem Alter. So hat es ein Einheimischer aus Myrtos es berichtet hat.
      Auf dem oberhalb gelegenen Friedhof ist schon eine neue Grabstelle ausgehoben. Es werden weniger…

  4. Mh natürlich will ich nun mehr wissen.Wie heisst die Insel? Wo liegt das Dorf? Was hat es mit der Kirche auf sich? BItte sagt es nicht, eine gute Geschichte braucht ihre Geheimnisse.

  5. Die Geschichte hat mich neugierig gemacht … All zu gern würde ich dort hingehen. Vor ein paar Jahre habe ich auch ein verlassenes Dorf auf Kreta angetroffen. Ich bin damals von Loutro über die Aradena Schlucht nach Livaniana gewandert. Dort oben wohnte ganz bescheiden nur noch eine Frau.

  6. Sehr interessant beschrieben. Ich war fasziniert. Schade , ich würde auch gerne noch mehr Bilder sehen. Aber, trotzdem toller Bericht und ein großes DANKE dafür . LG Peter

  7. Vielen Dank für den Link zu den Bildern auf stampsy. In das Katzenfoto (oder in die Katze?), das erste Foto mit schwarzer Katze + Frau, wenn man von oben nach unten scrollt, in das habe ich mich sofort verliebt. Das Fotografieren in dem verwinkelten Ort muss irre viel Spaß machen. Danke fürs Teilen!

  8. Gerade sehe ich eine Dokumentation auf pro sieben (galileo) über dieses Dorf.
    Grund für die Auswanderung der Bewohner war wohl der geplante Bau eines Staudammes. Genau dort, wo das Dorf lag. Fast alle Bewohner sind damals weggezogen. Irgendwann in den Neunzigern. Doch dann wurde der Plan zum Bau des Staudammes wieder verworfen….
    Ich finde es irgendwie traurig aber auch ein bisschen romantisch, allein dort zu leben… aber nicht für immer!!!
    Liebe Grüße
    Euer Bierchen

  9. Ja, diesen Bericht habe ich auch gerade gesehen und wollte auch kundtun, warum der Ort fluchtartig verlassen wurde.
    Ein anderes Dorf ereilte dieses Schicksal.
    Dennoch verstehe ich nicht, warum man alles zurückläßt, vorallem Persönliches.
    Der Stausee wäre doch nicht von einem Tag auf den anderen entstanden, das Dorf nicht im nächsten Augenblick geflutet worden.

    Danke für den tollen Bericht mit ebenso tollen Fotos!

  10. Waren gestern dort – 3 Jahre später. Vieles sieht aus wie auf euren Bildern – jedoch noch heruntergekommener und verwilderter. Die Menschen dort sind nicht so gut auf Backpacker zu sprechen… aber wahnsinnig interessante Erfahrung und Stimmung

  11. Leider leider haben wir es nicht gefunden…. Ich habe im urlaub extra meine kamera dabei und bin sehr enttäuscht
    Wir sind fast über die komplette insel
    Agios dimitrios haben wir gefunden aber ist nicht dieser lost place das sind nur alte mauern von Häusern und nicht komplette häuser samt einrichtung…
    Ich weiß dass es nicht gewünscht ist den genauen ort freizugeben aber ich würde mich sehr über einen tipp freuen
    Wir waren an zwei Sackgassen aber dort war nichts (südwesten und in der mitte der insel südlich und um ganz dikeos herum)
    Wir sind der Wegbeschreibung oben gefolgt ohne erfolg
    Können wir die nächstgelegene stadt erfahren oder zumindest in welcher himmelsrichtung das städtchen liegt und ob das tal am fuße des Berges ist oder so…?

  12. Hallo zusammen.
    Ich war vorgestern in diesem Ort und ich bin total fasziniert davon. Wir sind am Ortseingangsschild gehalten und haben erstmal von weitem geschaut. Da fiel schon lautes Gebell der inzwischen vermehrt auftretenden streunenden Hunde auf , welche nicht ungefährlich sind.
    Wir sind ins Auto und erst mal komplett durch das Dorf durchgefahren. Im Ort trafen eine alte Frau und sind direkt angehalten. Sie versteht nur griechisch was sehr schade ist aber vielleicht auch ganz gut so war… Sind schnell weiter gefahren und haben Fotos von der anderen Seite gemacht , wo man einen schönen Überblick über das Dorf erhält. Es gab noch 2 geparkte recht neu aussehende Autos im Ort, eine Wäscheleine vor einem Haus. Die Kirche leuchtet von weitem aus allem hervor, sie wurde neu gekalkt und das Dach scheint auch neu zu sein. Und ein zweites Haus im Ort was in weißem Glanz erstrahlt und bewohnt zu sein scheint. Der Rest zerfällt langsam und bei einigen Gebäuden besteht Einsturzgefahr. Wir fuhren nur wenige Minuten später zurück durch das Dorf, da saßen 2 Frauen und ein Mann vor einem Haus am Tisch und eine 3. Frau kam gerade dahin gelaufen, alle im hohen Alter.
    Ich habe jetzt 2 Tage lang viel recherchiert was hier passiert sein muss , aber komme zu keiner logischen Erklärung, warum die Leute ihr Dorf verlassen haben sollen.
    In anderen Foren und Galileo sagen sie, angeblich sollte das Dorf mal geflutet werden und deshalb sind die Leute weg , was aber absolut keinen Sinn macht , da es oben in den Bergen liegt und so eine hohe Staumauer gar nicht gebaut werden kann. Woanders steht, dass die Leute in die küstennahen Orte gezogen sind. Aber wenn ich wegziehe, lasse ich nicht meine ganzen persönlichen Sachen da zurück. Schränke voller Kleider, Geschirr, Fotos und als gläubiger Mensch ein Bild von Mutter Theresa oder ein Kreuz. Auch Waschmaschinen oder TV-Geräte kosten viel Geld und das haben die Menschen bestimmt nicht einfach so zu verschenken. Die Wohnungen sahen aus wie nur kurz mal aus dem Haus gegangen und gleich wiederzukommen.
    Wir waren dann noch essen in einer nahegelegenen Taverne und wie schon im Internet gelesen, weichen alle Menschen die man nach dem Dorf fragt, total aus oder tun so als kennen sie es nicht oder als würden sie nicht verstehen, was man fragt. Aber wer da 5 km entfernt wohnt, muss das kennen und die Leute in der Taverne sprachen fließend englisch ;) Sehr mysteriös das Ganze.