Eine Frau betet.
30. Oktober 2014 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Von der Seltsamkeit des Augenblicks

In den Anfangsjahren der Fotografie konnten sich nur wenige Menschen die technische Ausrüstung zur Produktion von Fotografien leisten. Umso Erstaunlicheres findet man, wenn man Bilderarchive aus dem 19. Jahrhundert durchforstet. Nicht wenige Fotografien regen zum Schmunzeln, Grübeln oder Verstörtsein an. Einige fotografische Seltsamkeiten und Seltenheiten sowie deren Hintergrund sollen hier vorgestellt werden.

Seit der Erfindung der Fotografie stand ihre Beziehung zur Kunst im Vordergrund. Manche Zeitgenossen fanden jedoch die Vorstellung, dass Fotografie Kunst sein könne, absurd. Sie forderten, dass die Fotografie auf die Darstellung realer Gegebenheiten beschränkt bleiben sollte. Es scheinen sich nicht alle Fotografen daran gehalten zu haben, denn eine Vielzahl an Bildern belegt, dass unsere Vorfahren dieser Kritik durchaus mit Humor begegneten.

Kopflose Portraits

Die Entwicklung der Technik lud dazu ein, die Grenzen der Fotografie in humoristischer Art zu erproben. Wunderbare Beispiele sind die kopflosen Portraits, insbesondere dann, wenn liebevoll mit der Hand nachretuschiert wurde.

Ein Mann trägt seinen Kopf auf einem Tablett.

Versteckte Mütter

Zum Gruseln regt eine andere fotografische Reihe an, die Kinder portraitiert. Manchmal erkennt man erst auf den zweiten Blick, dass sich hinter den Kindern eine vermeintlich mystische Gestalt versteckt. Es handelt sich jedoch nicht um Geister, sondern um Mütter und Kindermädchen, die mit einem beherzten Griff die Haltung der lebhaften Kinder fixierten, sodass diese trotz der langen Belichtungszeit scharf im Bild erscheinen. Linda Nagler hat Bilder der versteckten Mütter in einem wunderbaren Bildband* zusammengetragen.

Zwei Zwillinge werden fotografiert.

Versteckte Portraits

Ein relativ unerklärtes Phänomen ist auch die Vielzahl der Fotografien, die den Rücken oder den Hinterkopf von Personen zeigen. Gerhard Richter war demnach nicht der erste, den die Rückseite einer Person besonders entzückte. In einigen theoretischen Abhandlungen wird davon ausgegangen, dass die Frisuren der jeweiligen Personen zur Schau gestellt werden sollten.

Frauen sitzen vor einer Wand.

Vergleichbar verstörend wirken Fotografien, auf denen die Portraitierten das Gesicht verhüllen. Auf manchen Bildern wird das Gesicht durch Taschentücher verdeckt. Man mag einen kollektiven Schnupfenanfall vermuten.

Auf manch anderen Bildern verdecken Damen ihr Gesicht mit einem Papier. Es wird in den kunsthistorischen Schriften gemutmaßt, dass es sich um Prostituierte handelt, die nicht erkannt werden sollten. Wahrscheinlicher ist jedoch die Darstellung trauernder Damen.

Drei Frauen verstecken ihr Gesicht.

Fotografie und Wissenschaft

Doch nicht hinter allen seltsam wirkenden Fotografien verbirgt sich ein humoristischer Hintergrund. Der Aufstieg der kommerziellen Portraitfotografie ab Mitte des 19. Jahrhunderts führte auch dazu, dass das Portrait als künstlerisches Mittel zur Erkundung der menschlichen Psyche eingesetzt wurde.

Man war damals der Ansicht, dass eine Fotografie ein Hilfsmittel darstellte, um den Charakter eines Menschen abzubilden. Darüber hinaus wurden medizinische Prozeduren dargestellt, die Medizinern das Nachvollziehen der Durchführung (vermeintlich) therapeutischer Prozeduren erleichtern sollte.

Eine Frau betet.

Hugh Welch Diamond hat im Rahmen seiner Tätigkeit in der Nervenheilanstalt in Surrey Patienten portraitiert, die zur wissenschaftlichen Illustration psychischer Störungen dienten. Den Hintergrund zu den jeweiligen psychiatrischen Phänomenen kann man heute nur noch mit dem beiliegenden medizinischen Text verstehen.

Die diagnostische Güte der Fotografien, wie beispielsweise das nachfolgende Bild mit dem Titel „Melancholie im Übergang zur Manie“ war auch zum damaligen Zeitpunkt bereits fraglich. In einer Aufsatzreihe von John Conolly wird erklärt, dass das Stirnrunzeln der dargestellten Patientin den depressiven Zustand verdeutlicht, „als ob sie begönne, die Verschwörung zu verstehen und einige ihrer Feinde zu identifizieren“.

Conolly war demnach ein Vertreter der Ansicht, dass die Fotografie einen Beitrag zur Behandlung der Patienten leistet. Nichtsdestotrotz stellt die Fotografie, ähnlich wie Texte aus der Medizingeschichte, einen Beleg für die Entwicklung der Wissenschaft über die Zeit hinweg dar.

Eine Frau sitzt vor einem Vorhang.

Medizin-historische Fotografien

Die Fotografie diente auch dazu, Menschen mit angeborenen Körperdeformationen abzubilden. Diese Fotografien wurden jedoch als Kabinettkarten in Umlauf gebracht und vermarktet.

Auf der folgenden Fotografie ist Myrtle Corbin abgebildet, die mit vier Beinen geboren wurde. Bereits im Alter von einem Jahr gewährte ihr Vater gegen einen Geldbetrag schaulustigen Nachbarn einen Blick auf die junge Myrtle. Später trat sie im Zirkus auf und gewann zunehmend an Popularität, die ihr auch finanzielle Unabhängigkeit in jungem Alter sicherte.

Ein Mädchen mit vier Beinen.

Viktorianische Post-Mortem-Fotografie

Verstörend wirken auch die heutzutage eher unüblichen Post-Mortem-Fotografien der viktorianischen Epoche, die als Andenken dienten. Eher selten fotografierte man den Verstorbenen im Sarg. Man versuchte eher, eine natürliche Szene zu kreieren, damit die Erinnerung an den Lebenden ungetrübt erhalten blieb.

Auf manchen Fotografien, wie der unten stehenden, ist die Illusion so echt, dass man nicht glauben kann, dass die links sitzende junge Frau kürzlich verstarb. Was uns heute seltsam erscheint, war zur damaligen Zeit ein wichtiges Werkzeug zur Begleitung des Trauerprozesses.

Über den wahren Hintergrund zu diesen Fotografien wird teilweise spekuliert, denn nicht jede Fotografie, die Merkmale einer Post-Mortem-Fotografie trägt, bildet tatsächlich Verstorbene ab. Als klassisches Indiz für eine Post-Mortem-Fotografie wird eine hölzerne Standhilfe erachtet. Vorstellbar ist jedoch auch, dass diese den lebenden Portraitierten dabei half, die lange Belichtungszeit ohne Verwacklen zu überstehen.

Wer sich weiter über Post-Mortem-Fotografie informieren möchte, kann gern das online verfügbare Thanatos-Archiv oder eine kürzlich erschienene Publikation* des Archivs studieren.

Zwei Frauen sitzen am See.

Als diese Fotos entstanden, steckte die Fotografie noch in der Entwicklung. Die Vielfältigkeit der fotografischen Ziele und verwendeten Mittel regt in jedem Fall zum Staunen und Nachdenken an. Wer ein bisschen neugierig geworden ist, kann in einem Sammelalbum alter Fotografien bei Pinterest nachforschen.

Lesefreudige werden in einem Buch* von Jennifer Tucker interessante Informationen über Fotografie in der viktorianischen Epoche finden.

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