24. März 2014 Lesezeit: ~2 Minuten

Muskuläre Elektrophysiologie

Die wohl seltsamsten Bilder, die ich bisher bei meiner Recherche zur Geschichte der Fotografie gesehen habe, sind ohne Zweifel diese Aufnahmen des französischen Physiologen Duchenne de Boulogne. Auf ihnen ist ein alter Mann zu sehen, an dem experimentiert wird. Mit zwei Drähten werden Muskeln des Probanden mit Strom stimuliert, um Mimiken nachzustellen.

Wirklich absurd machen die Bilder aber nicht nur die geschockten Gesichtsausdrücke des scheinbar wehrlosen Mannes, sondern vor allem die Experimentierenden um ihn herum. Die Bilder wirken teilweise wie aus einem Frankensteinfilm und man kann nur schwer glauben, dass es sich bei ihnen um ein wissenschaftliches Experiment handelt.

 © Guillaume Duchenne de Boulogne

Aus heutiger Sicht ist das auch mehr als fraglich, denn der Mann ist ein alter Schuster, den Duchenne selbst als „alt und hässlich“ bezeichnete und der laut ihm auch etwas zurückgeblieben sei. Seine Hagerkeit und die vielen durch sein Alter bedingten Falten hielt Duchenne für besonders geeignet für sein Experiment. Neben dem Schuster gab es noch vier weitere Versuchspersonen, unter ihnen auch zwei Frauen. Insgesamt entstanden bei diesen Experimenten etwa 100 Aufnahmen.

Für die Geschichte der Fotografie sind die Bilder interessant, da sie einige der ersten sind, bei denen die Fotografie für medizinische Studien genutzt wurde. Gängig waren bis dahin vor allem Illustrationen bei der Dokumentation der Ergebnisse.

 © Guillaume Duchenne de Boulogne

Die Bilder entstanden in den 1850er Jahren und wurden zusammen mit Duchennes Forschungsergebnissen im Buch „Mécanisme de la physionomie humaine“ 1862 veröffentlicht. Im Buch selbst werden nur die als Oval ausgeschnittenen Gesichtszüge der Probanden gezeigt, wodurch die Bilder vielleich weniger verstörend wirken. Große Beachtung erhielt Duchenne für diese Forschung jedoch nicht.

 © Guillaume Duchenne de Boulogne

Duchenne lernte die Fotografie von Adrien Tournachon, dem Bruder von Nadar. Bei den Bildern handelt es sich um Aufnahmen, die mit Hilfe des Kollodium-Nassplatten-Verfahrens entstanden sind.

Quellen:
• Koetzle, Hans-Michael: 50 Photo Icons. Die Geschichte hinter den Bildern. Köln.
• Stiegler, Bernd / Thürlemann, Felix: Meisterwerke der Fotografie. Stuttgart 2011.

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3 Kommentare

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  1. Es ist doch immer wieder schrecklich mit anzusehen, wozu einige Menschen fähig sind, bzw was an Perversionen gebillig wird- sei es unter dem Deckmantel der Wissenschaft der Kirche oder gar im Namen des Volkes.
    Mal abgesehen von diesem Hintergrund, finde ich die Qualität der Bilder durchaus bemerkenswert. Auch wenn diese Bilder keine große Beachtung in der Wissenschaft fanden, so kann ich mir durchaus vorstellen das Diese oder ähnliche für Künstler/Filmemacher wie Luis Bunuel oder Robert Wiene, durchaus inspirerend gewesesn sind.