13. Mai 2014 Lesezeit: ~3 Minuten

Glücksmaschinen

Karusselle sind exponierte und exzentrische Körper. Sie implizieren Sensation und Wagnis, Geschwindigkeit und Wirbel, Eingebundenheit und Vergnügen. Kurzum: Sie sind affektbehaftet und auf das Spektakel fixiert.

Architekturen mit prinzipiell gleicher Funktion treten in einer Vielzahl an Formen und Oberflächen auf. Individuelle Profile stehen zueinander in Konkurrenz und generieren Aufmerksamkeit.

Das fotografische Bild ermöglicht es, die Karusselle an einem Ort zu versammeln und zueinander in Beziehung zu setzen. Die Trias aus Kapital (Kasse), Zirkulation (Drehscheibe) und Inklusion (Kulisse) stiftet den notwendigen Raum für das Spiel der Simulation.

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Artifizielle Räume ziehen mich an. In diesen halte ich mich äußerst gern auf. Es sind Orte mit einer hohen Konzentration und Intensität. Zu ihnen vermag ich eine tiefe Bindung aufzubauen.

Das fotografische Bild ist eine Kooperation aus einem Autor, einem optischen System und einer Situation. Seine Struktur folgt dem dialogischen Prinzip. Dialoge stiften Raum. Sie sind konstitutiv, um eine Begegnung mit dem ganz Anderen zu ermöglichen.

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Das Dargestellte im Bild markiert einen Bruch mit der realen Situation. Das fotografische Bild ist wie ein Riss, der die Flachheit und Eindeutigkeit einer Sache unterläuft. Die Kamera bringt so das optisch Unbewusste zum Ausdruck.

Das Medium Fotografie ist unserem gewohnten Sehen sehr nah. Seine Präzision und Konkretheit führt zu permanenten Verwechslungen zwischen realen Orten und fotografischen Bildern.

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Fotografie ist Abstraktion und Konzentration – sie bildet ein Extrakt mit eigenen Ordnungsprinzipien. Folglich entstehen neue Objekte, unabhängig vom eigentlichen Ort. Das fotografische Resultat ist die Sichtbarwerdung und Vergegenständlichung der Beziehung von Autor und Ort.

Tod, Kapital, Transparenz und Simulation spiegeln sich in all meinen Arbeiten. Nur die digitale Fotografie löst in mir den Impuls aus, zu fotografieren. Es ist eine Form der Fotografie, die prospektive Bilder hervorzubringen vermag.

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Die Frage nach dem realen Referenten einer Fotografie ist zweitrangig. Die Frage danach ist in Anbetracht des Digitalen geradezu belanglos geworden. Das digitale Medium strebt nach Optimierung und Idealisierung – es ist dem Geistigen wesentlich näher als jedes Medium zuvor, das macht seine Faszination und das Begehren nach ihm aus.

Ich würde nie über eines meiner Bilder sagen: Das ist authentisch; ich würde immer sagen: Das ist die Simulation. Jean Baudrillard schreibt in „Die fatalen Strategien“*:

Reales verschwindet nicht zugunsten des Imaginären, sondern zugunsten dessen, was realer als das Reale ist: Das ist das Hyperreale. Wahrer als das Wahre: Das ist die Simulation.

Die Übersetzung der Karussells zu fotografischen Bildern zeichnet sich durch Zurückhaltung und Nüchternheit aus. Die Simulationswelten der jeweiligen Karusselle können hierdurch stärker in ihrer Wesenhaftigkeit hervortreten.

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Glücksmaschinen © Daniel Sebastian Schaub

Ich habe sie in gleichem Abstand frontal und sachlich mit hoher Tiefenschärfe fotografiert. Die Aufnahmen kamen bei diffusem Licht zustande. Das Objekt ist immer angeschnitten. Folglich geht die Einbettung in seine Umgebung verloren – es wird auf natürliche Weise vom übrigen Ort isoliert.

Der Zugriff erfolgte früh am Morgen, wenn die Maschinen stillstanden und das Publikum abwesend war. Über einen Zeitraum von zwei Jahren war ich hierfür auf großen deutschen Volksfesten unterwegs.

* Das ist ein Affiliate-Link zu Amazon. Wenn Ihr darüber etwas bestellt, erhält kwerfeldein eine kleine Provision, Ihr zahlt aber keinen Cent mehr.

Ähnliche Artikel

14 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. „Tod, Kapital, Transparenz und Simulation spiegeln sich in all meinen Arbeiten. Nur die digitale Fotografie löst in mir den Impuls aus, zu fotografieren. Es ist eine Form der Fotografie, die prospektive Bilder hervorzubringen vermag. “

    Versteh Deine Texte zu den Bildern nicht, aber die Serie ist sehenswert ;-)

    Grüße
    Stefan

  2. Die Nebeneinanderstellung im immer gleichen Format schafft tatsächlich eine neue Ebene der Betrachtung. Die „Kunstobjekte“ treten aus ihrer eigenen Kulisse. Sehr sehenswert und auch sehr diszipliniert fotografiert.

    Okay, der Text ist -wie soll ich sagen- sehr „anspruchsvoll“ (formuliert).

  3. Zum Glück hat das Soziologiestudium das fotografische Talent nicht beeinträchtigt – vom Text wären die beiden Absätze nach dem letzten Photo völlig ausreichend gewesen.

  4. die fotos sind bestimmt super, aber schnell hab ich nur noch zum nächsten absatz gescrollt, um zu erfahren, ob das tatsächlich so weitergeht. mit dem eigenen hintern also die eigene arbeit eingerissen. ein text frisch aus der uni. der dient bestimmt der distinktion, und um das hohe kulturelle kapital zu unterstreichen. liest sich aber wie zusammenhangsloses durchdeklinieren von begrifflichkeiten. dabei vermag der sich hier darstellende fotograf doch eine kohärente serie vorzulegen, jedoch scheint er kein guter autor in eigener sache zu sein.

  5. Ich erkenne das hier geleistete und den Aufwand, aber für mich kommt nach dem 4ten Bild die Langeweile, weil die doch alle sehr ähnlich sind. Außerdem mag ich das freigestellte Weiße hier gar nicht so sehr.

  6. Die Fotos finde ich super und sehr spannend! Der Text…naja, nicht für jedermann. Ich fände es schöner, wenn weniger allgemein über Fotografie und mehr über deine Fotos, das was in dir dabei vorgeht, deine Intention usw. beschrieben wäre! Manche Sätze wirken so extra kompliziert gemacht, aber einfach in den Raum gestellt ohne persönlichen Bezug; da denke ich mir dann: „Und nun?“ oder „ja und?“. Ich hab nichts gegen komplizierte Texte oder Gedankenvorgänge, aber das hier war mir einfach zu flach und unpersönlich. Trotzdem würde ich gerne noch weitere Fotos sehen! Leider ist keine Website angegeben…

  7. Die Fotos finde ich vom Thema und seiner Umsetzung her sehr gelungen. Erinnert mich ein wenig an die Becher’s – nur halt statt S/W im Stile der „New Colour Photography“.

    Was den Text betrifft, kann ich mich den Kommentaren nur anschliessen. Das kommt mir sehr „schwülstig“ daher. Manchmal ist weniger eben doch mehr und wirklich gute Bilder (so wie diese hier) bedürfen keines theoretischen Überbaus. Sie sprechen für sich und den Betrachter an. Ein wenig Hintergrundwissen für uns „Konsumenten“ und gut ist.

  8. Die Ruhe vor dem Rummel!

    Eine klasse Bilderserie.

    Hier ist der Fokus auf das Wesentliche gerichtet und das gefällt mir hier sehr sehr gut!

    Wir sind in HH immer am Vorabend vor der Dom Eröffnung zur Dämmerung losgezogen um auch ähnliche Bilder zu machen, ohne störende Besucher.

    Jahrmärkte haben doch eine gewisse Anziehungskraft.

  9. Blogartikel dazu: Stationary fairground rides by Daniel Sebastian Schaub | dailybri