01. Mai 2014 Lesezeit: ~4 Minuten

Schau mich nicht an

Wir haben viele Möglichkeiten, unserem Gegenüber zu zeigen, wer wir sind und was uns wichtig ist. Anhand der Mimik und unseres Verhaltens lesen wir einander wie Bücher.

Alle paar Monate betrachte ich meine Bilder. Alle Bilder, die ich seit 2010 gemacht habe. Es sind eine Menge, aber zum Glück nicht so viele. Sie füllen lediglich drei Negativordner.

Ich versuche, in der Gesamtheit der Bilder etwas zu entdecken. Eine Botschaft oder eine Linie, der ich unbewusst folge. Ich bin ein sensibler Mensch, möchte ich behaupten, und ich denke oft erst nach, nachdem ich etwas getan habe. Das hat mir mein Vater schon als Kind vorgeworfen. Es scheint eine mich definierende Eigenschaft zu sein.

Im Alltag versuche ich natürlich angepasst erst zu denken und dann zu handeln, man möchte ja im Rudel überleben. Aber in der Fotografie läuft das anders. Mein Werkzeug ist die Kamera, die ich lernte zu beherrschen. Ich muss nicht mehr groß über sie nachdenken. Im Blindflug weiß ich, was ich einstellen muss und welche Hebel ich kurbeln und welche Knöpfchen ich drücken muss.

Aber alles andere läuft unbewusst ab. Ich fotografiere am liebsten Menschen, immer noch. Wir sind eine so spannende Spezies. Wir vereinen, was liebens- und hassenswert ist. Ich kann mich also ganz und gar auf mein Gegenüber konzentrieren, wenn wir uns treffen.

Bei der Durchsicht meiner Arbeiten fiel mir etwas auf: Das Gesicht der abgebildeten Person war oft nicht sichtbar. Es wurde verdeckt, oft natürlich absichtlich durch ein Buch, ein Bild oder lediglich mit den Händen.

Oft waren es die ersten Bilder, die ich von einem Menschen machte, manchmal handelte es sich aber auch um Menschen, die ich schon öfter traf und mit denen ich mehr verbinde als das, was auf den Bildern sichtbar ist.

© Marit Beer

© Marit Beer

Wozu diente also der Schutz des Gesichts, fragte ich mich rückblickend. Wenn wir weinen, dann schützen wir uns. Wir heben die Hände und wollen nicht zeigen, dass wir angreifbar sind. Schmerz und Trauer passieren im Verborgenen.

Wir wollen nicht schutzlos sein. Wir wollen uns nicht ausliefern. Wenn wir uns nicht als schön empfinden, dann wollen wir nicht fotografiert werden. Ein Foto ist unser Spiegel. Es zeigt uns unsere größte Angst, äußerlich zu versagen.

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich die Bilder betrachtete. Sie bekamen plötzlich eine gewaltige Aussagekraft und ich erinnerte mich an die vielen Gespräche über Schönheit und Alter, über das Zeigen und Nichtzeigen, über die Scham schlaffer Haut an den falschen Stellen oder nicht der Norm entsprechend geformter Brüste oder Oberschenkel.

Es war alles dabei und ich kannte es auch von mir. All das war mir nicht unbekannt und doch forderte ich den Menschen vor mir. Wollte, das wir gemeinsam etwas zeigen, das zeigenswert ist, auch oder gerade auf die Gefahr hin, dem Schönheitsideal nicht zu entsprechen, eben weil wir doch Schönheit darin ausmachten.

© Marit Beer

© Marit Beer

Die Fotografie ist ein oberflächliches Ding, wie mir scheint, aber wir haben die Möglichkeit, diese Oberfläche Stück für Stück abzugraben. Denn die darunter liegenden Schichten sind immer die spannensten.

Ich möchte behaupten, dass jeder, der sich der Menschenfotografie annimmt, auch Verantwortung zu tragen hat. Die Verantwortung dem Menschen gegenüber, den er abbildet genauso wie das, Bild das er zeigt und somit das Gesellschaftsbild mitformt.

Ich möchte die Menschen, die ich bisher fotografiert habe, begleiten. Ich möchte sie auch noch in 50 Jahren ablichten dürfen. Ich möchte zeigen, wie schön der Mensch sein kann, wenn man ihn lässt.

Ich möchte nicht dem ewigen Jugendwahn hinterher jagen, nicht immer nur abbilden, was jeder kennt. Die Welt ist größer als das, was wir scheinbar vor uns sehen. Wir sollten uns aufmachen, danach zu suchen – in den Gesichtern, die ein Geheimnis in sich tragen.

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