22. Oktober 2012 Lesezeit: ~9 Minuten

Das Unerklärliche. Fotografien von Alison Scarpulla

Taucht ein in die surreale Bildwelt von Alison Scarpulla, einer meiner Lieblingskünstlerinnen. Dort öffnet sich ein eigener Kosmos aus verzauberten Farbwelten, in der Menschen durch unfassbare Landschaften streifen und wo man seltsam anmutende Dinge beobachten kann.

Die Fenster in Alisons Welt lassen uns fast immer auf Schauplätze in der Natur blicken. Weitläufige Ebenen, mürrische Strände, undurchdringliche Dickichte, kahle Wälder mit Klauenästen wie direkt der Vorstellung eines Kindes entsprungen, dem gerade ein Märchen vorgelesen wird.

Der eigentliche Fokus, auch wenn man den Blick lange über Pflanzen, Wasser und Himmel streifen lassen kann, liegt doch auf einem Menschen. Ich würde Alisons Arbeiten als „surreale Portraits“ bezeichnen. Auch wenn die Gesichter oft nicht erkennbar oder abgewandt sind – es geht nicht um den konkreten Menschen, der dort abgebildet ist.

Es geht um das Gefühl, das entsteht, wenn wir uns in diesen Platzhalter projizieren. Seine Rolle einnehmen, plötzlich in diesem Wald stehen, der nach uns greift, durch eine bloße Handbewegung mit einem wabernden Riss in der Wahrnehmung spielen oder das majestätische Gefühl genießen, in einen Umhang gehüllt den morgendlich leeren Strand nur mit einem einzelnen, schneeweißen Schwan zu teilen.

Kleine, schicksalsträchtige Geschenke des Zufalls, der in diesem unvorstellbar großen Universum zu alltäglichen oder auch magischen Momenten führt. Alison hält letztere fest oder malt sie sich für uns aus, damit wir sie durch ihre Bilder erleben können.

Neben Menschen sind sie auch von scheinbar übernatürlichen Elementen, Nebeln oder in ihrer Form ausfransenden Wesen bevölkert, die außerhalb der Bildwelt die Frage aufwerfen, wie sie entstehen. Alison sagt, dass der Ausgangspunkt ihrer Kreationen immer ein Bild auf Film ist, sie sich aber nicht begrenzt: „Ich setze alle nötigen Mittel ein, um mein fertiges Bild zu produzieren.“

Meine Inspiration ist letztlich der menschliche Wille, zu kreieren. Fragen, die ich mir selbst stelle und die ich anderen durch meine Arbeit stellen möchte, sind: Was ist real? Was ist eine Illusion? Was ist unsere instinktive Natur als irdische Lebewesen? Was sind wir an der Wurzel? In wen und was können wir uns entwickeln? Was ist der nächste Schritt? Was ist das Unbekannte? Warum sind wir hier? Was ist unsere Bestimmung? Woher kommen wir?

Das Unerklärliche.

Ich bin unglaublich eingenommen von der Idee, Geschichten zu gestalten durch Bilder, die unser Verständnis davon, was real ist und was nicht, aufbrechen. Die Idee, allem beraubt zu sein, was uns beigebracht wurde. Im Chaos des Universums zu leben. Zersplitterte Realität. Alternative Dimensionen. Alles, was wir als Realität wahrnehmen, ist einfach nur: Eine Wahrnehmung. Welten durch Gedanken erschaffen. Bewusstsein verschiebt sich. Der Gott in jedem einzelnen von uns.

Ich liebe Farbe ebenso wie Strukturen und Geräusche. Meine Arbeit ist inspiriert von und reflektiert außerweltliche Naturphänomene, die sich mit unserer Realität verflechten.

Vieles von dem, was in Alisons Ideen, Inspirationen, ihrer Philosophie anklingt, steht meinen persönlichen, vor allem naturwissenschaftlich geprägten Überzeugungen diametral gegenüber. Meinen eigenen Verbindungspunkt zu dem, was sie schreibt und was ich in ihren Bildern schon vorher auch ohne ihre Worte gesehen habe, finde ich über das Gefühl, das sich beim Betrachten in mir entwickelt.

Naturwissenschaft, Rationalität, die Überzeugung, dass alles erklärbar – nur vielleicht beliebig komplex – ist, hin oder her: Der Tod, Vanitas, Schwermut, Melancholie beschäftigen auch mich, diese Themen sprechen mich auf einer emotionalen, vom bloßen Verstand getrennten Ebene an.

Und dann entsteht auch ein Kribbeln im Bauch. Das ist meine kindlich-angstfreie Neugier auf die Geheimnisse, die sich hinter den Kulissen unserer Welt verbergen, mit der ich früher durch die Natur gestreift bin, gleichzeitig Wunder und Erklärungen finden wollte. Ich musste nicht alles verstehen oder erforschen, sondern konnte dem großen, überwältigenden Ganzen auch einfach nur begegnen.

Diese Gefühle und Erinnerungen werden in mir sehr deutlich durch die so stark betonten Effekte, die von ihr nicht einfach subtil eingesetzt werden, um die vorhandene Bildstimmung zu unterstützen, sondern die nicht selten zu den Hauptakteuren der Bilder werden.

In Form von Leuchten, Glitzern, Nebelschwaden oder fremden Wesen manifestiert sich so der übernatürliche Einfluss, den Alison ineinandergreifenden alternativen Dimensionen zuschreiben mag und in denen ich selbst die Verbildlichung der Dinge sehe, die ich heute vielleicht noch nicht verstehe, aber kennenlernen und erforschen möchte.

Ich war sehr neugierig, was für ein Mensch sich hinter den Bildern verbirgt, die mich so faszinieren. Ich war sogar kurz davor, die Bilder überzuinterpretieren, was den Fotografen dahinter angeht. Natürlich verraten Fotos immer etwas über den, der sie macht – aber hätte ich richtig gelegen? Vermutlich nicht.

Alison Scarpulla ist gerade einmal 22 Jahre alt. Sie wuchs am Stadtrand von New York auf, hat nun einige Zeit in Cleveland gelebt und versucht im Moment, in den pazifischen Nordwesten umzuziehen. Zur Fotografie kam sie wie natürlich, als sie ein junger Teenager war. In der Highschool hat sie ein paar Kurse belegt, die ihr grundlegende fotografische Techniken beigebracht haben, mit denen sie dann experimentiert hat, bis sie daraus ihren eigenen Arbeitsprozess entwickelt hatte.

Ich habe es immer genossen, meine Realität so zu manipulieren, dass sie zu einer Welt wird, die ich mir ausgemalt habe – und Fotografie erlaubt mir, genau das zu tun. Es war und ist eine Tür raus aus dieser Welt und hinein in meine.

Die Fotos dieser Welt entstehen fast immer in Alisons Alltag, zusammen mit ihren engsten Freunden. Man könnte sagen, sie wartet einfach darauf, dass das Universum sich vor ihr entfaltet. Ihr Prozess beinhaltet, dass sie sich von ihrer Umgebung und Umwelt „einhüllen und verschlingen lässt, ihnen erlaubt, ihr Bewusstsein zu übernehmen.“ Ihre Bilder sind eine Einheit aus ihr und ihrer Umgebung.

Vor drei Wochen las ich in Alisons Flickrstream dann Folgendes:

[…] Ich kann gar nicht ausdrücken, wie nervenaufreibend und unvorhergesehen mein Leben sich in den letzten paar Monaten entwickelt hat. Im Moment versuche ich, meine zwei Füße wieder auf den Boden zu bekommen, werde aber im November mein Zuhause verlieren. Ich habe kein Geld und schulde meinem Vermieter 300 Dollar, weil ich einen Hund gerettet habe und ihn eine Woche bei mir wohnen ließ, bevor ich ein neues Zuhause für ihn gefunden hatte. […]

Meine fotografische Arbeit ist meine einzige Flucht. Meine wahre Leidenschaft und meine rettende Gnade. Den ganzen Tag lang tagträume ich davon, neue Fotos aufzunehmen und ich will nichts mehr, als neue Arbeiten für Euch alle zu produzieren. Ich hoffe, dass die nächsten Monate mir ein paar Möglichkeiten dafür bieten und dass ich imstande dazu sein werde, mich irgendwo niederzulassen und an vielen neuen Bildern zu arbeiten.

Endlich verlasse ich auch meine Behaglichkeitszone und arbeite an Interviews, Veröffentlichungen und hoffe, dass ich noch in diesem Jahr ein schönes Hardcover-Buch machen kann, um es Anfang 2013 zu veröffentlichen. Es gibt also viele Ideen, an denen ich arbeite und die nur ein bisschen Treibstoff brauchen. […]

Ich hatte Alison schon einmal geschrieben, ob sie nicht Lust auf ein Interview hätte, damals aber leider keine Antwort erhalten. Diese Worte von ihr ließen es mich erneut versuchen, weil mir damit auch klar wurde, warum sie wahrscheinlich keine Zeit für meine Anfrage hatte. Nun konnte ich ihr erneut ein Angebot machen, denn dieser Artikel hier soll ihr auch helfen.

Wenn Dich ihre Bilder also auch begeistern und Du Dir gern Arbeiten von großartigen Künstlern an die eigenen vier Wände hängst, ist jetzt genau der richtige Moment, Alison Scarpullas Shop bei Etsy zu besuchen. Mit dem Couponcode „VISIONS“ (im letzten Bestellschritt) gibt es dort derzeit noch einmal 20% Rabatt auf ihre ohnehin schon erschwinglichen Prints.

Alisons Dankbarkeit für alle, die ihre Bilder lieben oder sie erwerben, gibt es kostenlos dazu. Ihre Antwort auf meine Bestellung und das nochmalige Angebot – eigentlich fast eine Bitte – sie hier präsentieren zu dürfen, haben mein Herz in einen warmen Mantel gehüllt und auf flickr schreibt sie für alle:

Dankeschön. Ungemein. Unendlich.

Die Zitate von Alison habe ich aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

Update: Wer auf Facebook heimisch ist, kann Alison nun auch dort auf ihrer offiziellen Seite folgen.

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17 Kommentare

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  1. @ S. Wickenkamp: wir leben doch in einem freien Land-solange nicht irgendeine Meinung zur allgemein gültigen Doktrin erhoben wird (aber diese kleine Portion Eitelkeit…) Sonst ist für mich jeder kreative Ansatz positiv – und nicht der nte Strand mit Sonnenuntergang bei Vollmond.

  2. Die wirklich zum Teil sehr surrealistischen Bilderwelten erinnern im weitesten Sinne an die Gefühle, Stimmungen und Ängste mit denen in vielen Genres (auch der Malerei und der Literatur) gearbeitet wird.Spontan musste ich an Edgar Ellen Poe denken.
    Sicherlich nicht jedermanns Sache, aber interessant.

  3. Ich bin wirklich begeistert, muss ich sagen! Die Bilder sind recht abgefahren, aber in einer Richtung, die mir sehr gut gefällt – eine andere, leicht verträumt-verschrobene Sicht der Dinge!

    Wirklich gute Arbeit und ein sehr schöner Artikel, Daumen hoch! :)

  4. Seit längerem mal wieder ein Post, der meines Erachtens sehr heraussticht!
    Die Bilder sind einfach der Wahnsinn (obwohl sie nicht immer meinen Geschmack/Stil treffen). Aber auch der Artikel dazu ist beneidenswert toll geschrieben. Chapeau!
    Den Anreiz, sie zu unterstützen habe ich allzu gerne angenommen und freue mich schon auf die Prints :)