23. August 2012 Lesezeit: ~4 Minuten

Essay: Alles darf, nichts muss

Als ich anfing, zu fotografieren, verbrachte ich oft die Zeit damit, mich in Zeitschriften oder Foren über Fotografie zu informieren. Um es gleich vorwegzunehmen: Heute weiß ich, dass ich bessere Zeitschriften hätte lesen sollen und dass es in Foren ungewöhnlich viele Experten gibt. Wortsammlungen wie „knackige Schärfe“, „super Autofokus“ oder „tolle Haptik“ schienen damals so etwas wie eine Art Elfmeter für gute Fotos zu sein.

Dem ist natürlich mitnichten so. Irgendwann ist mir klar geworden, dass ein guter Autofokus und eine hervorragende Schärfenabbildung für viele Fotos meines Geschmackes eher unbedeutend sind.

Hätte ich dieses Foto mit einer kürzeren Belichtungszeit aufgenommen, so dass alles scharf gewesen wäre, hätte das gleiche Objekt möglicherweise eine ganz andere Wirkung auf den Betrachter gehabt. Achtung, nun folgen Mutmaßungen: Vermutlich hätte es Leute gegeben, die darauf geachtet hätten, ob der Bart vernünftig geschnitten ist, die Augenbrauen gezupft wurden, wie die Haare liegen oder welche Form mein Kopf hat.

Da der Betrachter durch die Unschärfe jedoch weniger Informationen zur Verfügung hat, lässt er das Bild anders auf sich wirken. Man könnte auch sagen: Unschärfe betrachtet man im Ganzen, Schärfe im Detail.

Zweifellos braucht es auch Fotos, bei denen Schärfe zwingend notwendig ist, so kann man mit einem unscharfen Fliegen-Makro nur wenige Leute begeistern. Jedoch möchte ich hiermit so manchen Leser auch zum Nachdenken anregen. Muss immer alles perfekt sein? Ist es nicht manchmal viel wichtiger für ein Foto, was es transportieren kann?

Nur, weil die Werbung für eine Kamera oder ein Objektiv meint, dass es von höchster Güte sei und ganz besonders tolle Abbildungsleistungen aufbieten kann, müssen wir noch lange nicht solche scheinbar perfekten Fotos machen. Alles andere als perfekt ist das folgendes Foto. Licht fällt in den Rücken, Gesicht dunkel, die Heizung mag auch stören.

Es gefällt mir trotzdem. Geschmacksache? Ja, bestimmt! Aber was ist nun wieder Geschmack, kann jemand ohne Geschmack behaupten, dass es nicht sein Geschmack ist? Geschmack hin oder her, wichtig ist, was man selbst mag, ob mit oder ohne ich schreib das Wort jetzt nicht noch einmal ist dann am Ende egal.

Sicherlich ist es sinnvoll und auch wichtig, über Fotos zu sprechen, aber warum muss zusätzlich immer soviel über die Technik diskutiert werden? Die Frage nach der Ausrüstung ist an sich noch nicht zu verteufeln, die Gewichtung darauf jedoch schon. Bemerkenswert finde ich, wie oft Objektive empfohlen werden, obwohl man selbst noch kein anderes Objektiv der gleichen Brennweite in der Hand hatte. Getreu dem Motto: „Das habe ich auch und kann es daher nur empfehlen.“

Stattdessen sollten wir uns mehr über Bildaufbau, Perspektive und Lichteinsatz unterhalten. Das hilft gerade Anfängern oftmals viel mehr, als ihnen mit Tech-Talks Kopfschmerzen zu bereiten, weil sie nicht wissen, ob sie sich jetzt das Nikon 50mm 1.4. L Planar oder doch lieber die Canon D700 von ihrem Ersparten kaufen sollen.

Was ist richtig, was ist falsch?

Auf diese Frage kann es keine Antwort geben. Es wird Betrachter geben, die es stört, dass die Person auf dem Foto nicht scharf abgebildet ist und andere werden sagen, dass es dadurch erst interessant wird. Ein Dogma, das aussagt, dass ein unscharfes Foto in Tonne gehört, wird es bei mir jedenfalls nicht geben.

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