11. April 2012 Lesezeit: ~12 Minuten

Fokussieren auf Haaresbreite

Auf dem Display den Ausschnitt gewählt, Auslöser gedrückt und schon ist es fertig – das Foto – knackscharf von oben bis unten und von vorn bis hinten. So werden heute zweifellos die allermeisten Fotos geschossen, sei es mit der Kompaktkamera oder dem Handy.

Ein klein wenig anspruchsvoller wird es, wenn man die Tiefe des Raumes mit Hilfe einer entsprechend weit geöffneten Optik in die Bildgestaltung einbezieht. Die Schärfeebene sollte ja schließlich da liegen, wo man sie haben möchte. Gesichtserkennung, 3D-Motivverfolgung, Touch Autofokus – es ist heute leichter als je zuvor, dieses „Problem“ von der Kameraelektronik meistern zu lassen. Warum also im Autofokus-Zeitalter manuell fokussieren?

Und ich meine damit nicht die rein technischen Aspekte, also die Situationen, in denen der Autofokus gerade versagt, weil es sehr dunkel ist oder Glasscheiben und Gitter im Weg sind. Ich spreche vom bewussten Griff zum System ohne Autofokus, wie zum Beispiel der Leica M9, einer Messsucherkamera, die bis heute auf den Einsatz eines Autofokus verzichtet.

Fotografen besitzen sicherlich aus ganz unterschiedlichen Gründen ein Leica M-System: Geringes Gewicht, kompakte Baugröße, leiser Verschluss, Prestige des roten Punktes und so weiter. Der fehlende Autofokus mag für den einen oder anderen nebensächlich oder sogar hinderlich sein und auch für mich war das nicht ausschlaggebend, mich für das M-System zu interessieren – nein, meine Faszination galt einem bestimmten Objektiv, dem Noctilux-M 1:0,95/50 mm ASPH.

Einerseits verfügt es über eine exzellente Schärfe, aber anderseits ist diese, aufgrund des enorm großen Blendendurchmessers, extrem rar. Oder anders ausgedrückt: Das Noctilux ist ein Meister darin, Unschärfe in ein scharfes Bild zu zaubern.

Ich möchte hier aber keinen Testbericht über das Noctilux schreiben oder über den Sinn und Unsinn eines solchen Objektivs philosophieren – beides kann man in diversen Foren und Blogs zur Genüge finden. Ich möchte Euch viel mehr einige meiner Bilder vorstellen, ein paar Worte zu deren Entstehung verlieren und Euch an meiner Begeisterung für ein Objektiv teilhaben lassen, dass man sicherlich nicht jeden Tag in den Händen hält – auch ich nicht.

Ein eigenes Noctilux besitze ich nämlich (noch) nicht. Und so sind die folgenden Bilder mit einem Objektiv entstanden, das ich mir für ein paar Tage ausgeliehen hatte.

Bevor ich mich aber der Unschärfe des Noctilux zuwende, noch ein paar Worte zum Thema Schärfe bei f/0,95. Denn ein intensives Bokeh finde ich nur dann spannend, wenn es mit einem akzentuierten, scharfen Hauptmotiv interagiert. Gerade der Kontrast zwischen Schärfe und Unschärfe verleiht letzterer eine besondere Rolle in der Fotografie.

Das folgende Bild zeigt den 100%-Ausschnitt eines Portraits, aufgenommen aus etwa einem Meter Entfernung bei voller Blendenöffnung. Der Ausschnitt ist etwa 0,5MP groß, das Originalbild somit 36 mal größer (der Kamerasensor hat 18MP). Neben der, wie ich finde, exzellenten Abbildungsleistung, kann man an diesem Bild auch die enorm geringe Schärfentiefe erahnen, mit der man es beim Noctilux zu tun hat. Wie gesagt, es handelt sich um einen Bruchteil des eigentlichen Bildes, nicht um eine formatfüllende Aufnahme.

Die Schärfentiefe würde ich anhand dieses Bildes auf etwa ein bis zwei Zentimeter schätzen. Und da haben wir auch schon das erste Problem, denn hätten das Modell oder ich mich während der Aufnahme um nur wenige Millimeter nach vorn oder hinten bewegt, dann wäre die Schärfeebene irgendwo gelandet, aber sicherlich nicht auf dem Augenlid – was auch das eine oder andere Mal der Fall war.

Bei dieser Serie zeigte sich nämlich, dass es für mein Modell gar nicht so einfach war, mit geschlossenen Augen regungslos zu verharren, denn ohne ein visuelles Feedback geriet sie schon ein bisschen ins Schwanken. Mein Modell bei allen hier gezeigten Noctilux-Aufnahmen war übrigens Julia, meine Fotografenkollegin und Assistentin, die während meiner ersten Noctilux-Gehversuche doch einiges an Geduld aufbringen musste, bis ich zum Beispiel endlich mal den richtigen Ausschnitt gefunden hatte.

Denn das ist bei einer Messsucherkamera gar nicht mal so trivial und benötigt schon ein wenig Übung. Grund dafür ist das Phänomen der Parallaxe. Messsucher und Objektiv liegen ja nicht auf derselben optischen Achse und schauen daher aus unterschiedlichen Winkeln auf das Motiv. Dies führte z.B. bei dem ersten Bild am Anfang des Artikels dazu, dass Julias Kopf auf den Fotos zunächst nie genau in der Mitte und damit im Schnittpunkt der stürzenden Linien lag.

Es brauchte schon ein paar Schüsse, bis ich endlich mit dem Ergebnis zufrieden war. Doch ich finde, es hat sich gelohnt. Die Bildwirkung, die aufgrund der enormen Freistellung in Kombination mit den sich auflösenden Linien entstanden ist, finde ich einfach großartig.

Was mir ebenfalls sehr gefällt, aber weniger mit dem Objektiv zu tun hat, ist Julias Pose. Die Handbewegung ist nicht zufällig entstanden, sondern wurde von uns gezielt eingesetzt, um die Bildsymmetrie zu brechen. Ich bin ein großer Fan davon, Symmetrien aufzubauen, um diese dann bewusst zu brechen, sei es auch nur mit einer beiläufigen Handbewegung. Ohne Symmetrien, dafür aber mit ebenfalls einer ganzen Menge Linien geht es im nächsten Bild weiter.

Der Zug, die Übergänge der Baumreihen zum wolkenverhangenem Himmel und natürlich die Schienen sind hier durch die massive Unschärfe des Noctilux in ihrem Wesen aufgelöst und in diagonale Linien verwandelt worden. Wie im vorherigen Bild habe ich Julia auch in diesem Beispiel im Schnittpunkt der Linien platziert, um das Auge des Betrachters unweigerlich auf sie zu lenken.

Durch die größere Distanz zum Hintergrund erscheint sie aber noch intensiver freigestellt als im Anfangsbild. Das kann für den einen oder anderen auch schon mal zu viel werden. Mit den Worten „das Modell sieht ja aus wie aufgeklebt“ wurde das letzte Bild mal kommentiert. Nun ja, so ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Das Auge ist diese geringe Schärfentiefe nicht gewohnt, schon gar nicht bei einem Blickwinkel, der seinem eigenen sehr nahe kommt. Alle, denen das zu viel wird, können das Noctilux ja immer noch abblenden – welch ein Jammer, wenn ich nur daran denke.

An den beiden vorherigen Beispielen möchte ich verdeutlichen, dass man das Bokeh nicht sich selbst überlassen sollte. Selbst noch so unscharfe Strukturen können als gestalterische Elemente dienen oder erfüllen erst durch die Unschärfe ihren Zweck innerhalb der Bildkomposition. Beim folgenden Bild war es eine Kette, die meine fotografische Neugier weckte.

Eine massive Stahlkette, aber dennoch im Vergleich zur Eintrittspupille des Noctilux eher klein. Mir war klar, dass, wenn ich mit dem Objektiv nahe genug an die Kette herankomme, sie sich im Bild komplett auflösen würde. Und tatsächlich hat das Noctilux die ersten paar Glieder einfach verschluckt. Wie aus dem Nichts scheint die Kette plötzlich im Bild aufzutauchen und an Julias Arm vorbeizulaufen.

Viel interessanter als die Kette sind in diesem Bild natürlich Julias Augen, die das weiche, aber dennoch sehr gerichtete Licht perfekt einfangen und dadurch in einem wundervollen Blau erstrahlen. Der Raum, in dem die Aufnahme entstand, war auf der rechten Seite komplett offen. Diese Öffnung diente uns quasi als überdimensionale Softbox, um dieses sehr schöne Portraitlicht zu erzeugen.

Auch das nächste Bild profitiert von einer ähnlichen Lichtsituation. Hier habe ich Julia durch eine grobe Struktur hindurch fotografiert, um ihr Gesicht zu rahmen.

Bei diesem Stilelement führt der große Blendendurchmesser dazu, dass ein sehr weicher Übergang zum Hauptmotiv entsteht. Insbesondere bei Portraits finde ich diese Form des Einrahmens sehr angenehm.

Von einem zumindest angedeuteten Rahmen profitiert auch das nächste Bild. Hier spielt das Noctilux aber eine noch ganz andere Stärke aus, nämlich seine Lichtstärke. Lediglich ein paar Kerzen beleuchten Julias Gesicht in dieser Szene und dennoch kam ich mit einer Verschlusszeit von 1/30s bei ISO 250 aus – einer Zeit, die man mit einem spiegellosen Kamerasystem noch gemütlich aus der Hand fotografieren kann.

Um ihre Silhouette besser vom Hintergrund zu trennen, habe ich noch ein Striplight hinter ihr positioniert. Das Einstelllicht von 100W reichte für diesen Zweck vollkommen aus. Auch das nächste Bild entstand nur mit Hilfe des erwähnten Striplights. Da ich die Kamera auf das Ende der Couch abstützen konnte, gönnte ich mir hierbei 1/15s bei ISO 160.

In beiden Fällen hatte ich Julia die absolute Freiheit bezüglich der Pose gelassen und ich finde, sie hat eine prima Wahl getroffen. Ich überlasse gern mal den Modellen die Posenwahl. Sie überraschen mich oft mit recht guten Ideen.

Beim folgenden Bild gab es meinerseits aber klare Vorgaben. Es ist übrigens nur wenige Minuten vor dem Bild zuvor entstanden. Wieder mit derselben Lichtquelle. Diese stand dieses Mal aber auf der linken Seite. Zusätzlich war zu meiner Rechten ein Reflektor und hinter Julia ein weißer Hintergrund aufgestellt. Wie schnell doch drei kleine Änderungen die Stimmung eines Bildes komplett ändern.

Bei Betrachtung des Bildes fällt früher oder später auf, dass Julias rechte Hand im Vergleich zu ihrem Gesicht recht groß erscheint. Man sollte bei dieser Perspektive vielleicht doch eine etwas größere Brennweite wählen. Andererseits ist die Hand bereits so weit außerhalb des Fokus, dass sie kaum noch als störend wahrgenommen wird. Der eine oder andere von Euch mag direkt darüber gestolpert sein, aber ich muss zugeben, dass mir diese perspektivische Verzerrung zunächst gar nicht aufgefallen ist.

Bisher habe ich hier ausschließlich statische Bilder gezeigt – und das mit gutem Grund. Man verfällt mit einer manuell zu fokussierenden Kamera nämlich kaum dem Bedürfnis, sich schnell bewegende Objekte fotografieren zu wollen, schon gar nicht bei f/0,95. Aber gemütlich daherschreitende Modelle bekommt man schon noch in den Griff. In den beiden folgenden Beispielen habe ich Julia gebeten, sich langsam, aber kontinuierlich von der Kamera wegzubewegen.

Den Fokus habe ich im Vorfeld dort platziert, wo ich sie fotografieren wollte, um dann über ein paar Serienaufnahmen ein scharfes und „dynamisches“ Bild zu erhalten. Ich bin nämlich kein Fan davon, das Modell innerhalb einer Bewegung erstarren zu lassen. Denn oft habe ich das Gefühl, das Bild sieht dann nicht mehr ganz so authentisch und irgendwie etwas statischer aus.

Während meines kurzen Ausflugs in die Welt des Noctilux bin ich Euch jedoch bisher die Antwort auf meine einleitende Frage schuldig geblieben: Warum manuell fokussieren?

Nun, möchte man mit dem Noctilux arbeiten, so hat man einfach keine andere Wahl, denn einen Autofokus gibt es nicht. Das hätte ich vor ein paar Wochen noch als alleiniges Argument so stehen lassen. Heute, ein paar Dutzend Bilder später, gesellt sich ein weiterer Aspekt hinzu.

Den kompletten Prozess der Bildgestaltung vollständig in eigener Hand zu halten, ist für jemanden wie mich, der mit Vollautomatik und Autofokus groß geworden ist, ein ganz neues Fotografieerlebnis. Das Fotografieren mit einem manuellen Messsuchersystem wie der Leica M9 ist aus meiner Sicht nicht besser oder schlechter als mit einer Spiegelreflexkamera – natürlich gibt es Vor- und Nachteile – aber in erster Linie ist es anders.

Man muss sich die Bilder noch ein klein wenig intensiver und bewusster erarbeiten und daher ertappe ich mich auch manchmal dabei, dass ich meine manuell fokussierten Bilder mit ein klein wenig mehr Stolz betrachte als Bilder, bei denen ich diese Aufgabe dem Autofokus-Modul der Kamera überlassen habe.

A. d. R.: Hoppla, da waren uns tatsächlich zwei Bilder abhanden gekommen. Jetzt sind sie am Ende des Artikels wieder zu sehen. Danke für Eure Hinweise!

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