28. September 2011 Lesezeit: ~5 Minuten

Ich freue mich auf Herbst & Winter

Ich fotografiere gern – egal, bei welchem Wetter. Ob brechend heiß, schwül oder bei Regen – egal. Doch auf eines freue ich mich immer ganz besonders: Die kalten Monate des Jahres. Eine Ode an Herbst und Winter.

Seitdem ich mir angewöhnt habe, jeden Tag ein wenig zu fotografieren, drängt es mich auch täglich nach draußen. Mir fehlt direkt etwas, wenn ich morgens den nicht Auslöser gedrückt und mindestens eine halbe Stunde in Lightroom an den Bildern rumgefrickelt habe. Seither weiß ich auch die Vor- und Nachteile unterschiedlichen Wetters zu schätzen.

Bei knalligem, direktem Sonnenlicht bekommen die Karlsruher Straßen einen ganz besonderen Reiz, ich spiele gern mit Schatten und harten Kontrasten. Wenn es regnet, hüpfe ich ins Auto und integriere die an der Frontscheibe herunterkullernden Wasserkugeln ins Bild.

Bei Gegenlicht bin ich sowieso voller Freude, da ich dann mit Silhouetten die Menschen von der Sonne umzeichnen lassen kann. Zu später oder früher Stunde belichte ich bis zu einer achtel Sekunde aus der Hand und so versinken Menschen in der Bewegungsunschärfe, während die Architektur scharf bleibt.

Und so weiter und so fort.

Doch meine Freude am Fotografieren bekommt ein extra Sahnehäubchen, wenn es draußen kühler wird, die Menschen mit Schals und schwarzen Mänteln zur Arbeit laufen. Dann, wenn eigentlich niemand raus will, aber einem drinnen die Decke auf den Kopf fällt. Dann – und ich kann gar nicht begründen, warum – geht es mir innerlich richtig gut.

Ich freue mich auf Wälder voller Nebel, den Schnee auf den Straßen (wenn er denn liegen bleibt) und auf die Farben des Herbstes. Da ich nur schwarzweiß fotografiere, werde ich das Herbstrot ganz ohne Kamera genießen, was der Sache meines Erachtens keinen Abbruch tut.

Ich freue mich darauf, jeden Tag ein bisschen davon festzuhalten, wie sich die Menschen frierend und bibbernd an ihren Schirmen festhalten und ihr Atem als Rauch gen Himmel steigt. Glühwein, Einkaufen, Mützen tragen – das volle Programm. Das eigentlich Schaurig-Düstere nehme ich oft gar nicht als solches wahr, sondern entwickle da eine Freude dran, die mir (zugegeben) teilweise selbst etwas suspekt ist.

Doch so bin ich nunmal, die heißen Monate haben mich schon von der Kindheit her nie so interessiert, wie der kalte November, in dem auch mein Geburtstag liegt. Meine sonnenempfindliche Haut, der Hang zu melancholischer Musik, all das hängt eng verwoben zusammen.

Dass ich mit meiner Vorliebe für Herbst und Winter nicht ins Klischee eines strandverliebten Deutschen passe, ist mir schon klar. Das ist mir aber herzlich egal. Ich werde wieder viele neue Fotos machen und den Auslöser genau so oft drücken wie im Sommer.

Da ich mich innerlich zu den kalten Monaten hingezogen fühle, ist auch das Fotografieren im Winter für mich eine Freude. Ich weiß, das klingt widersprüchlich, ist es aber in meinen Augen (durch meinen Sucher) nicht. Dazu ein paar Beispiele:

Bei Regen tragen viele Menschen Schirme. Und Menschen mit Schirmen finde ich zeitlos und interessant. Außerdem addiert dieses Element Aufmerksamkeit. Auf einem Foto mit Schirm schaue (ich zumindest) erst zum Schirm, denn es ist eine vertraute, schöne Form.

Regen auf dem Boden ist eine perfekte Vorlage für ein Spiegel-Bild. Jetzt muss nur noch eine Person durchs Bild laufen und der Hintergrund einigermaßen passen. Perfekt.

Nebel ist am frühen Morgen, wenn die Studenten in Karlsruhe zur Uni radeln (oder rennen) für mich Gold wert. Wenn andere sagen „och nö, alles grau und neblig draussen“, denke ich: „Geil.“ Insbesondere mit schwarzweiß bringt Nebel immer eine ganz eigene Stimmung mit sich, die ich häufig in einem Foto nochmal verstärken kann, wenn ich die Farbdimension herausnehme. Selbiges gilt auch für reine Landschaftsaufnahmen, beispielsweise, wenn eine sich schlängelnde Straße im Nichts verschwindet.

Bei Schnee kann ich (ähnlich wie bei Regen) mich einfach in ein Auto oder eine Bahn setzen und die Schneeflocken als natürliche „Dust & Scratches“ benutzen, um die Bilder etwas trashiger zu gestalten.

Weiter ergibt sich durch das viele Weiß ein natürlicher Kontrast zu den herumwuselnden Menschen, die oft in dunklen Kleidern durch den Schnee stapfen.

In der Landschaft kann ich Bäume mittels Schnee von der Umgebung etwas „isolieren“ (siehe Bild ganz oben) und auch so kann ein und die selbe Landschaft mit Schnee bedeckt einen komplett anderen Charakter haben als im Sommer.

Das sind nun ein paar wild herausgegriffene Aspekte, die das Fotografieren im Herbst und Winter für mich so verlockend machen. Ich werde die kommende Zeit dazu nutzen, möglichst viele Fotos zu machen. Und ich freue mich drauf. Ich freue mich auf Herbst und Winter.

Ähnliche Artikel

50 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Wenn meine analoge MF denn endlich hier wär, würde ich deine Freude wohl so teilen. Im Moment mag ich dem digitalen mal wieder nicht all zu viel abgewinnen. Klar es hat viele Vorteile, aber analog + diese beiden Jahreszeiten – das macht für mich nochmal einmal einen besonderen Reiz aus.

    Trotzdem ein sehr schöner Artikel der mir gerade zu aus der Seele spricht.

  2. Ja ich verstehe dich völlig, Herbst und Winter sind meine Lieblingsjahreszeiten. Im Sommer leide ich ;) Bisher verstand das keiner – aber hier sehe ich, es gibt noch mehr so „unnormale Deutsche“ ;)
    Ich freue mich drauf, ganz allgemein.

  3. Zwei Jahreszeiten die fotografisch echt viel bieten.
    Das bringt der Artikel genau auf den Punkt.
    Ich freu mich immer auf tiefstehende Sonne deren Strahlen sich in den bunt gefärbten Blättern der Bäume fangen. Das bescheert sehr feine Grauwerte :)

  4. Ich freue mich auch schon sehr auf den Winter – nicht nur fotografisch. Und ich hoffe auf Schnee, denn dann wird selbst die kargste Landschaft mit einer besonderes Stimmung überzogen.

  5. Ich kenne die schiefen Blicke wenn man sagt „Juchuuu endlich Herbst“ oder „endlich Regen“. Da wird man angefeindet als hätte man ein Gesetz des „guten“ Wetters gebrochen. Der Herbst ist mein Favorit. Die Nebelfelder am morgen und wenn sich Kaltluft voll Feuchtigkeit und Niederschlag in ein Tal schwemmt. Die Schatten, die Tiefe ist enorm. Aber wem erzähle ich das.
    Ich finde es auch erstaunlich das viele Menschen dann täglich angejammert kommen, das es ihnen schlecht gehe weil Winter ist! Da würde ich mit zum Arzt gehen. Wenn man sonst kein Probleme hat.
    Lange Belichtungen sind meine Freunde. Verwischte Wesen in weißer Landschaft. BTW: Herbst da gibt es den neuen Wein, Esskastanien und die Bäume voller Früchte. Die ersten heulsusen sitzen hinterm Ofen und der Wald ist ruhig und leer. Mein Wanderer- und MTB Herz schlägt dann höher. :-) Danke für diesen Beitrag.

    • Bitte, bitte. Aber ich muss schon auch zugeben, dass mir persönlich (und auch den Menschen in meiner Umgebung) der Frühling dieses Jahr sehr gut getan hat. Ich erinnere mich noch gut dran, das wirkt sich schon aufs Gemütsleben aus…

    • Ach, ich bin ja auch so verforen. Und ich genieße es durchaus, auf der Couch mit heißer Schokolade bewaffnet und in’ne Decke eingewickelt einen interessanten Film zu kucken, während es draußen stürmt und schmuddelt.
      Aaaber – es geht nichts über ein morgendliches, unberührtes Schneefeld, wenn nichts zu hören ist als das charakteristische Knirschen unter den Schuhsohlen. Und das am liebsten noch im Dunkeln. Winter und Schnee bedeuten für mich Stille und Besinnlichkeit…

  6. Da geht es mir ganz genauso. Ich liebe es, im Winter zu fotografieren, besonders zu zweit, und es macht mir einfach hundertmal mehr Spaß als im Sommer. Vielleicht, weil der Winter und der Herbst etwas Abgeschiedenes, etwas Abstraktes haben. Sie tauchen die Welt in ein ganz anderes „Licht“, und auf einmal sind die Orte, die man doch so gut kennt, ganz anders. Jeder fotografiert im Sommer – im Winter eher weniger bis gar nicht. Aber genau hier zieht’s mich hin. Ist halt was anderes!

  7. Und nun sehe ich es……
    Ach, wie viele, viele Menschen lieben die kälteren Zeiten, mir aus der Seele, ach, ich meine Linse gesprochen, mit Pinsel, Palette in der Hand ( da ich ja nur Malerin bin und auch „nur“ ein bisschen fotografiere!) sehe ich die Welt genau so schön wie du sie zeigst.
    Genau das ist der Grund, warum ich mich tausendmal am Tag, zurücksehne in den Norden, denn ich lebe in der Gegend von Kapstadt und freue mich überhaupt nicht auf die kommenden überheißen Sommermonate mit dem ewig gleichen und langweiligen blauen Himmel.
    Liebe Herbst-und-Wintermenschen genießt die schöne ‚Sicht‘!

  8. Du hast Recht.
    Ich finde den Herbst, egal bei welchem Wetter, immer die schönste Jahreszeit. Einerseits ist das Wetter wenn es regnet klassisch herbstlich, andererseits wenn die Sonne scheint, gibt es einen goldenen Herbst. Nichts negatives, man kann nicht enttäuscht werden:-)
    Die vielen Details im Herbst und die wenigen im (guten) Winter machen das Fotografieren natürlich umso interessanter…

  9. Im Sommer auf der Terrasse frühstücken können, abends mit den Kindern draußen umhertollen, mit Freunden bei einem Glas Wein am Feuer sitzen; das alles ist Lebensqualität. Sturm, Kälte, Regen, Matsch sind es nicht.

    Karlsruhe gehört zu den sonnenreichsten Gegenden Deutschlands. Da kann man vielleicht auch den Winter aushalten. Hier im Norden – konkret in einer der sonnenärmsten Gegenden Deutschlands – empfinde ich den Winter einfach als grauenhaft. Teilweise 6 Wochen am Stück keine einzige Stunde Sonne. Das geht auf’s Gemüt.

    Da reißt das eine oder andere interessante Motiv mich auch nicht aus der Missstimmung. Man braucht hier im Winter die Fotos gar nicht in Schwarzweiß konvertieren. Es ist dann hier sowieso alles grau.

    Guido – bekennendes Winter-Weichei und Schönwetterfotograf

  10. Zwar macht der Artikel wirklich viel Lust auf Herbst und Winter – dennoch kann ich diesen kalten Monaten fotografisch wenig abgewinnen. Die Hände sind klammkalt, mit Handschuhen fotografieren ist nicht so der Brüller. Das alles ist zweifellos eine Typ-Frage: wer leicht friert, bleibt eben lieber zuhause und das Interieur gibt irgendwann kein Motiv mehr her. Aber vielleicht liegts auch daran, dass ich im Herbst/Winter einfach durch die eintönige, auf dunkle Farben reduzierte Umwelt keine Foto-Ideen habe. Leider.

  11. Winter ist super. Nachdem dieses Jahr schon wieder deutlich zu warm war (bis auf einen Monat, der 0,8° C zu kalt war), haben wir uns die Abkühlung des Winters auch verdient (und wir haben auch endlich wieder eine korrekte Zeit, und nicht eine Stunde verschoben!)

  12. Für mich symbolisieren Deine Bilder immer mehr die Suche nach dem ästhetisch Abstrakten. Und das gefällt mir, genauso wie die Ergebnisse mittlerweile. Anfangs tat ich mir schwer diese Abstraktion zuzulassen, vielleicht traue ich mich vor allem selber nicht heran, weil die erste Experimentierphase oft gewöhnungsbedürftig aussieht.

    Ich fand in diesem Artikel auch viele praktische Tipps für Herbst/Winter/Schlechtwetter-Fotografie.

    Super mal wieder sowas vom „Meister“ zu lesen.

  13. Ich diskutiierte neulich erst mit einem Freund darüber, ob es absolute Kunst geben kann, parallel zur absoluten Musik ( deren Gegenstück ja die Programmmusik ist). Er meinte, dass Kunst fast immer auch soziokulturelle Aspekte wiederspiegelt, immer eine Inspirationsquelle hat. Ich warf das Argument der Ästhetik ein, und meinte, dass man Kunst auch machen könnte (und kann) weil etwas „nur“ schön aussieht. Und das auch unabhängig von Design geht. Will man das nun mal auf die Fotografie übertragen. Herr Gommel, ihre Fotos sind für mich inzwischen teilweise ein inbegriff absoluter Ästhetik. In diesem Artikel vor allem das letzte. Unglaublich!

  14. hach ja, auch ich spüre gerade die Vorfreude auf die karge Jahreszeit. Habe schon oft versucht, für mich zu formulieren, warum ich, wenn der Sommer sich verabschiedet, den Eindruck habe, aus einem kreativen Tief wieder zu erwachen:

    Im Sommer ist mir – fotografisch gesehen – alles irgendwi sehr voll, prall und bunt – im Herbst Winter ist alles reduzierter – Wenn die Bäume dann ihre Blätter abgeworfen haben und alles in den Winterschlaf versinkt, habe ich (in der Natur) den Eindruck, dass sich nun die echte, pure, „nackte“ Natur zeigt…

    Die Krönung ist dann tatsächlich, wenn der weiße Schnee seinen Mantel über vieles legt – dann bleibt nur Wesentliches übrig, irgendwie – kann´s gar nicht richtig in Worte fassen…

  15. Hach, das erinnert mich an eine tolle Geschichte, die ich mal erlebt habe – ich bin an einem nebeligen Tag in den Wald gezogen, um ein paar Bilder zu machen und hatte mich dann irgendwann verlaufen. Neben etwas Angst war es aber einfach ein tolles Gefühl, da der Nebel einen komplett isoliert hat; Es ist, als könnte man nur einen Ausschnitt der Welt sehen. Ich könnte viel zu diesem Erlebnis erzählen, aber ich will ja jetzt nicht von deinem schönen Eintrag ablenken ;-)
    An dem Tag habe ich auch einige meiner besten Bilder gemacht.

  16. ” Wenn andere sagen “och nö, alles grau und neblig draussen”, denke ich: “Geil.”

    Ja, das ist bei mir genau so.
    Es war richtig schön nebelig gestern Morgen und ich liebe das! Also nix wie raus und ein paar Fotos machen.

  17. Ich mag ja die Herbsttage, die noch etwas Sommer in sich haben, am liebsten. Bin halt ein Herbstkind.

    Wobei ich diesmal mit der kalten Jahreszeit vor allem eins verbinde: Hoffnung. Nächste Woche geht mein Designstudium los, und die Vorfreude, endlich das zu lernen, was ich am liebsten mache und noch mehr machen möchte, die überdeckt alles. Eigentlich ideale Ausgangslage, um gutgelaunt durch die Kälte zu stapfen und noch geile Bilder zu machen.

    Echt, du machst jeden Tag Bilder? Stimmt, 10 pro Tag (mindestens), da war doch was, oder? Respekt, ich weiß net, ob ich das könnte. Aber es ändert sich grad so viel, vllt ja auch das ;)

  18. Du sprichst mir aus der Seele! Schon als Kind hatte ich im Herbst immer das Gefühl „aufzuwachen“. Sommer ist ja ganz nett, aber erst der Herbst fühlt sich richtig an. Wenn es kühler wird und die ersten Blätter fallen kommt auch dieser typische Geruch, den man leider nicht mit Fotos einfangen kann! Und das Licht ist soo geil, da kommen tolle Fotos von ganz alleine :] Aus fotografischer Sicht kann ich nicht nachvollziehen, warum manche nur bei schönem Wetter Bilder machen.
    Der Winter ist eine ganz andere Herausforderung, besonders wenn es nicht schneit. Dafür macht es umso mehr Spaß, wenn man von einer erfolgreichen Tour zurückkommt und sich mit einem heißen Tee an Lightroom setzen kann.
    Ich finde es gut, dass du in deinem Artikel ein paar Motivtips gegeben hast. Das gibt einigen vielleicht einen Anreiz, sich trotz der Kälte mal aus dem Haus zu bewegen =)