16. März 2011 Lesezeit: ~2 Minuten

Insomnia

Insomnia

Es ist kurz nach sechs am Karlsruher Hauptbahnhof. Keine Spur von Müdigkeit in den Augen der Menschen, im Gegenteil. Hellwach laufen sie durch die Hallen; in der einen Hand den Kaffee, in der anderen das mobile Gerät.

Insomnia

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Noch ist der Tag in Ordnung. Mittwoch – das Wochenende ist ein Stückchen weg, ordentlich Gas geben ist angesagt. Falls man mit den Kollegen unterwegs ist, wirft man dem Gegenüber kurze Brocken Nachrichten zu – Themen der Woche werden kurz angerissen. Japan, Libyen, Atompolitik. Doch es bleibt keine Zeit für eine tiefergehende Diskussion, die S-Bahn wartet nicht.

Insomnia

Insomnia

Um diese Uhrzeit ist noch Ü25, Kinder sind hier nicht auf den Beinen – Ausnahmen bestätigen die Regel. Krawatten, Lackschuhe, Winterjacken.

Insomnia

Insomnia

Züge spucken in kurzen Zyklen hektische Schwärme aus, die dann sofort in Richtung Ausgang schwirren. Packen von gefühlten hundert bis dreihundert Leuten durchdringen die Hallen, niemand bleibt stehen. Muss. Laufen. Schnell.

Insomnia

Insomnia

Ist so ein Menschenwirrwar vorbeigerauscht, verblüfft den Beobachter die Stille, die der tosende Schwarm zurückgelassen hat. Doch nur kurz – so scheint es, bis der nächste Zug pfeifend ruckartig alle Türen öffnet. Im Bahnhof herrscht Rauchverbot, dafür wird gleich nach dem sehnsüchtigen Erreichen der Ausgangstür schnell eine angesteckt – und zur S-Bahn gespurtet.

Insomnia

~

Heute morgen konnte ich um fünf Uhr nicht mehr schlafen und habe mich spontan zum Bahnhof aufgemacht. Ich hatte schon unterwegs die Idee, die Hektik der Menschen aufzunehmen und vor Ort wurde mir auch klar, dass ich heute keine kurzen Belichtungszeiten einsetzen würde.

Vielmehr habe ich versucht, durch Panning und Mitziehen der Kamera bei geschlossener Blende (ƒ/10+ bei ISO 50) die Schnelligkeit mit der Festbrennweite (50mm) einzufangen. In Lightroom habe ich die Fotos dann zu einem einheitlichen Format beschnitten und lokale Kontrastkorrekturen angewandt.

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26 Kommentare

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  1. Klasse Bildserie.
    Gerade durch das verwischte, die unscharfe Szenerie kommt die Hektik des Alltags hier fotografisch besonders gut zur Geltung. Eine Aufnahme die technisch gesehen knackscharf und makellos wäre, würde diese besondere Bildspannung gar nicht erst erzeugen.
    Top !

    Viele Grüße
    Björn

  2. Hier nur nochmal für’s Protokoll: Ich finde diese Serie klasse.

    Ich mag besonders die Bilder, auf denen das Gegenständliche mit dem Abstrakten verschwimmt. Da kann ich meinen eigenen Zustand bei Schlaflosigkeit sehr gut drin sehen. Mein Körper macht dann nicht mehr mit, die Augen kommen nicht mehr hinterher, Lichter ziehen Schlieren nach. Aber mein Kopf ist hellwach. Kribbelig vielleicht sogar, weil mich etwas umtreibt, hektisch. Mein Körper ist kurz davor, die Wachheit meiner Gedanken zu überwinden, indem er einfach Schluss macht, kurzerhand umkippt, die Augen und Ohren vor den Eindrücken verschließt.

  3. das hier ist es was es so wirklich macht….

    „dafür wird gleich nach dem sehnsüchtigen Erreichen der Ausgangstür schnell eine angesteckt“

    alleine der gedanke der hinter den aufnahmen steckt und der text der hastig von mir gelesen wurde zeigt mir das die art der aufnahmen mich zur eile des lesens getrieben haben und das ist es was es ausmacht….es kommt demnach sehr gut an bei mir.. es wirkt fast wie die einleitung zu einem krimi…alltagssituation vieler und dennoch spannend wie das leben selbst.

    das hat bock auf mehr gemacht…klasse idee und astreine umsetzung

    gruß vom doc aus kurzer nacht
    martin

  4. Gelungen. Sehr sogar.
    Fühle mich als ehemaliger Vielreisender sehr in diese Zeit zurück versetzt – habe damals die Welt früh morgens ähnlich verschwommen wahrgenommen.
    Kein Dank für die Erinnerung an diese Zeit – aber Danke für das Bewusstsein, dass es jetzt anders ist ;)

  5. Eine wunderbare Serie ist das, Martin. Mir geht’s wie Aileen, dieses schläfrige und zugleich hektische Gefühl der Schlaflosigkeit kommt an und nistet sich ein.

    (Nur das Bild mit der Rolltreppe fällt für mich raus, ist mir irgendwie zu konkret, glaube ich.)

  6. Hey. Möchte mich hier für Euer Feedback bedanken – freut mich sehr, dass Euch die Reihe gefallen hat. War ein nettes Experiment, das sich für mich gelohnt hat. Umso schöner, wenn es auch ein paar Leser interessant finden.

  7. Witzigerweise hab ich die letzten Tage auch etwas mit kuerzeren Belichtungszeiten rum experimentiert, auch wenn nichts verwendbares bei rum gekommen ist.
    Ich finde deinen Beitrag sehr interessant und sehr ansprechend wie du die Hektik wirklich wunderbar dargestellt hast. Deine Worte sind heute auch sehr eindrucksvoll und haben mich heute irgendwie beruehrt.

    • … was SUKI meint: Ja stimmt, der Text setzt nochmal eins ‚drauf.
      So „kenne“ ich unseren Martin auch noch nicht: So reserviert, gar verschwindend „unbeteiligt“ zwischendrin – quasi aussenstehend. Finde grade nicht die richtigen Worte vielleicht…
      Aber die Ereignisse auf diesem Planeten sind auch selten so brutal gewesen wie gerade jetzt. Zuletzt vielleicht am Tag von 9/11: Die gleichen leeren, ausdruckslosen und gelähmten Blicke auf Fernseher, Tageszeitungen und ins Nirgendwo beim Radiohören. Ich hoffe, dass das alles irgendwie noch halbwegs gut ausgeht und entsprechende Konsequenzen hat.

  8. wirklich gut die bilder,
    magst du etwas über die technik verraten? würde mich über ein paar tipps bzw. anhaltspunkte freuen wie man zu solchen fotos kommt.

    lg
    jürgen

  9. Blogartikel dazu: Lesestoff von 16. März 2011 bis 21. April 2011 › jorni.de