09. März 2011 Lesezeit: ~4 Minuten

Steve McCurry – The Unguarded Moment

Hinten eine grellblaue Hauswand, links im Vordergrund dominiert eine graue Wand die Szene. Purpurne Handabdrücke und eine bräunlich speckige Patina in Hüfthöhe zeugen von Berührungen durch zahlreiche Hände. Der Blick schweift in eine kleine Gasse, die zwischen den Häusern verschwindet.

Ganz unvermittelt flitzt ein kleiner Junge vorbei. Sein Schatten trifft diffus auf den sandigen Boden, während seine Füße in der Luft schweben. Das Bild zeigt die Schönheit eines sehr einfachen und alltäglichen, aber einzigartigen Augenblicks.

The Unguarded Moment

Es ist das Cover des großformatigen Bildbandes The Unguarded Moment* mit zahlreichen weiteren so poetischen Momenten, der uns auf eine Reise in die Beobachtungswelt von Steve McCurry einlädt. Der Titel des Buches bezieht sich auf einen Ausdruck, den der Fotograf selbst gern verwendet, wenn er über seine Bilder spricht. Er sagt, er sei immer auf der Suche nach den „unbedachten Momenten“, in denen Menschen natürlich und unbefangen sind.

The Unguarded Moment

Steve McCurry (*1950) ist einer der bekanntesten Fotojournalisten unserer Zeit. Vor über zwei Jahrzehnten reiste er heimlich über Pakistan nach Afghanistan ein. Dort erstellte er einen fotografischen Fundus, der mit der Robert Capa Gold Medal ausgezeichnet wurde – eine Würdigung für Fotografen mit außergewöhnlicher Courage und Unternehmungsgeist.

Wer kennt es nicht, das Portrait des paschtunischen Flüchtlingsmädchens mit den durchdringenden grünen Augen; es zierte 1985 die Juni-Ausgabe des National Geographic Magazins. Seite für Seite stoßen wir unentwegt auf jene Orte, Farben und Formen, die der Fotograf in Jemen, Mali, Niger und Tschad, in Indien, Afghanistan, Sri Lanka, Kambodscha sowie Birma, in Frankreich und dem ehemaligen Jugoslawien auf- und für uns mitgenommen hat.

Die ausnahmslos querformatigen Fotografien in „The Unguarded Moment“ sind gedruckt auf schwerem gestrichenen Papier. Sie zeigen Menschen, die ihren alltäglichen Geschäftigkeiten, ihren kleinen Ritualen nachgehen. Die Menschen auf den Fotos tun dies unter außergewöhnlichen Umständen, etwa so wie ein durch die hüfthohe Monsunflut watender Teeverkäufer oder ein Junge, der in einer Süßwarenfabrik in Kabul arbeitet. In satten, üppigen Kodachrome-Farben zeigen die Szenen auch das markante Portrait einer Tuareg-Frau in Mali und das eindringliche Bildnis eines Roma-Jungen in Marseille.

Wir begleiten Schulkinder in Sri Lanka und Afghanistan, die aufmerksam dem Unterricht folgen, aber auch fünf buddhistische Novizen in Indien, die fröhlich Computerspielen nachgehen.

Eins der berührendsten Bilder des Buches ist das spontane Portrait eines kleinen Kindes aus Kambodscha. Das Foto besticht durch seine Symmetrie. Die Hände der Mutter am Fahrradlenker und der improvisierte Kindersitz, ein Stück karierter Stoff, bilden einen schützenden Rahmen, während das Pausbäckchen mit seinen fragenden Augen dem Betachter das Fenster zu seiner Welt öffnet.

The Unguarded Moment The Unguarded Moment

Ein weiteres fantastisches Werk ist das Foto einer Geisha in Tokyo. Im fahlen Weißlicht der Neonlampen steigt sie die Treppe aus einer U-Bahn-Station in Tokyo hinauf. Während ihr weiß geschminktes Gesicht die Umgebung zu zitieren scheint, bildet ihr rotes Gewand einen starken Kontrast zu den kalten, gefliesten Wänden, die sie umgeben. Auf den ersten Blick ist es ein ungewöhnliches Bild. Lässt man es länger wirken, offenbart es sich als eine weitere alltägliche Szene aus jenem fernen Teil der Welt.

Insgesamt gestaltet sich das Buch als eine lebhafte Zusammenstellung der besten Werke McCurrys. Mit seinem subtilen Sinn für zarte, eindringliche, aber auch schalkhafte Momente räumt der Fotograf elegant die Befremdlichkeit beiseite, die fernen Orten und fremden Kulturen mitunter anhaftet. Auch zeigt sich hier einmal mehr seine Größe – nämlich die Fähigkeit, mit Bildern eine emotionale Brücke vom Motiv zum Betrachter zu schlagen.

The Unguarded Moment“ ist ein Buch fürs Herz.

Im deutschen Buchhandel bekommt man es für knapp 60,- Euro, gebraucht und online auch schon mal zehn, fünfzehn Euro günstiger. Jeder einzelne Euro davon ist meiner Meinung nach eine gute Investition in ein exklusives Stück in der eigenen fotografischen Referenzbibliothek.

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6 Kommentare

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  1. Phänomenale Bilder – bei solch einer Art von Street-Fotografie stellt sich mir immer die Frage wie solch fantastischen Aufnahmen entstehen – vor allem weil diese nicht durch durch ihre Motive, sondern zugleich durch eine perfekte Inszenierung überzeugen…

    • Ich glaube, dass gerade die Abwesenheit von Inszenierung hier eine große Rolle spielt. Das ist ja eine Auswahl der besten Bilder aus vielen Jahren – da sind die beeindruckendsten Bilder wohl die, bei denen der Zufall so wunderbar mitgespielt hat, dass der Fotograf einen Moment erwischt hat, in dem einfach alles gestimmt hat. Ohne, dass etwas arrangiert werden muss.

      • Aileen mit Inszenierung meine ich die Präsentation durch die Bildbearbeitung. Dass alle Fotos nicht gestellt sind, unterstelle ich dabei mal schlichtweg als selbstverständlich…

        Bei der Präsentation hingegen wird dann gekonnt auf Stilmittel wie Ecken bedienen und alles was das Bildmaterial her gibt geachtet!
        Da kann man sich sicher sein, dass die Grossmeister alle Stilmittel im FF beherrschen… :-)

        Arrangement spielt somit also immer eine Rolle. ;-)

        Viele Grüße
        Sascha