23. Januar 2011 Lesezeit: ~7 Minuten

Making-of: Mirrors von David Kretschmer

Die Idee zu einer Bilderserie, bei der ich Menschen vor dem Spiegel aus ihrer eigenen Perspektive zeige, hatte ich schon vor einigen Jahren, als ich ein ähnliches Foto als Teil einer anderen Serie aufnahm. Bei dieser Serie experimentierte ich mit ungewöhnlichen und eigentlich nur mit Bildbearbeitung erzeugbaren Blickwinkeln. Dabei stach diese Aufnahme mit dem Spiegel sehr heraus. Ich bekam eine Menge Feedback und aufgrund der ungewöhnlichen Perspektive, auch viele Fragen gestellt. Diese Idee wollte ich später einmal zu einer komplett eigenen Fotostrecke verwirklichen.

Nach einigen anderen Projekten war ich zwischenzeitlich Assistent bei Erwin Olaf in Amsterdam. Dort hatte ich die Gelegenheit, eine eigene freie Serie bei ihm im Studio zu produzieren, wobei ich diese Idee mit den Spiegeln aufgriff und endlich realisieren konnte.

Am Anfang jeder meiner Serien schreibe ich immer ein Konzept. Ich arbeite zu 90% im Studio, produziere ein Projekt über Wochen oder Monate hinweg. Um dabei nicht den Überblick zu verlieren, schaffe ich mir eine Art Fundament, auf dem die spätere Fotostrecke basiert und alle Aufnahmen inhaltlich und auch optisch homogen hält.

In diesem Konzept halte ich das Grundthema fest und schreibe quasi eine Inhaltsangabe zu der späteren Serie. Hier definiere ich auch schon früh den gewollten Look sowie Formate und Farben. Ich versuche mich immer möglichst genau daran zu halten, da dies einer Serie ihren einheitlichen Charakter gibt und sie wie aus einem Guss erscheinen lässt.

Diese Konzeption traf bei Erwin Olaf und meinen Kollegen im Studio durchweg auf positive Resonanz und Unterstützung. Kurzfristig entschloss ich mich, mit dieser Serie auch beim Canon Profifoto Förderpreis teilzunehmen, bei dem zufällig in dieser Woche die Deadline war. Ich übersetzte also meinen in englisch verfassten Text auf deutsch und sendete ihn zusammen mit der ursprünglichen Testaufnahme zu der Jury, doch dazu später mehr.

Ich konnte nun also mit den Vorbereitungen und Planungen zu den ersten Aufnahmen beginnen. Dieser Teil ist immer der Zeitaufwendigste und auch der Wichtigste jeder meiner Fotoserien. Vor allem das Modelcasting betrieb ich bei diesem Projekt sehr sorgfältig denn mir war äußerst wichtig, dass ich trotz minimalem Budgets interessante und spezielle Typen für die Aufnahmen gewinne. Da die komplette Serie im Studio in Amsterdam entstehen sollte und ich die Szenerie möglichst zeitlos bzw. ein wenig old-school darstellen wollte, war auch das Set und die benötigten Probs eine Herausforderung. Hierbei erwies sich der regelmäßige Flohmarkt in Amsterdam als Goldgrube.

Man findet hier auf über 700 Ständen von einem gebrauchten Gebiss über Flugzeugsitzbänke bis hin zu riesigen Schiffsankern, wirklich alles! Zum Glück auch alte Badezimmermöbel sowie, was ich total schräg fand, uralte Hygieneartikel, teilweise original verpackt aus den 50er Jahren, teilweise aber auch benutzte Cremes und Haarfärbemittel. Absolut abgefahren! Auch gebrauchte alte Fliesen zu bekommen war entgegen meiner Erwartung, dank eBay und diverser Bauteilbörsen, kein sonderliches Problem. Es war alles nur sehr Zeitaufwendig und auch ziemlich kostenintensiv.

Zwischenzeitlich bekam ich einen erfreulichen Anruf aus Deutschland von Thomas Gerwers, dem Chefredakteur der Profifoto, der mir zum Gewinn des Canon Profifoto Förderpreises gratulierte. Super! Die Sache hatte nur einen Haken, für die Ausstellung bei der Visual Gallery auf der Photokina hatte ich für meine ersten drei Aufnahmen der neuen Serie noch genau 12 Tage Zeit.

Verdammt, jetzt hieß es ranhalten. Ich war mit meinen Vorbereitungen noch gar nicht ganz fertig und hatte auch erst eines von drei Modellen. Zudem produzierten wir gerade mit Erwin Olaf eine Kampagne für Louis Vuitton, bei der wir durch halb Europa reisten, was echt toll aber für uns Assistenten auch unglaublich zeitintensiv war. Doch mit der Aussicht auf eine Ausstellung sowie eine Veröffentlichung in Deutschland klappte das mit den Modellen recht schnell und dank der super Unterstützung aus dem Studio passte es letztendlich auch zeitlich.

Ich hatte also zwei Tage zum Bau der Sets und zwei Tage zum Fotografieren. Die Aufnahmen an sich realisierte ich immer in zwei Steps. Einmal die Person vor dem gefliesten Hintergrund und zum zweiten den Spiegel an der gefliesten Wand. Diese zwei Einzelbilder wurden dann in der Postproduction zusammen gefügt und mit Staub, Fingerabdrücke oder Wasserspritzer auf der Spiegeloberfläche verfeinert. Da ich mich mit der Visagistin auf ein sehr reduziertes Make-up einigte, musste ich auch die Haut der Mädchen sehr aufwendig und exakt retuschieren.

Ich wollte ein sehr ebenmäßiges Hautbild, jedoch ohne Details und die Struktur zu verlieren. Deshalb entschied ich mich, eine sehr exakte Beautyretusche durch zu führen, bei der man jede Hautpore einzeln bearbeitet, was äußerst aufwendig ist und sehr lange dauert, aber unglaublich gute Ergebnisse bringt.

Zudem setzte ich in Photoshop noch Highlights sowie Schatten, um die Gesichtsform zu betonen und hob den Kontrast ganz leicht an. Bei der Colorierung entschied ich mich für einen sehr warmen Ton, der dem Bild ein gewisses Alter aber auch eine Zeitlosigkeit verschafft.

Am zwölften Tag war alles doch noch rechtzeitig fertig geworden und ich schaffte es, pünktlich die Bilder zum Printer zu senden. Für die nächsten fünf Bilder hatte ich zum Glück mehr Zeit und durch den Support von Canon auch mehr Budget. Dadurch konnte ich mehr in die Setgestalltung sowie in Probs investieren, was dem authentischen Look sehr gut tat.

Auch bei der Auswahl der Modelle konnte ich nun noch wählerischer sein und ohne Kompromisse nur meine absoluten Favoriten für die Serie ablichten. Ich hatte diesmal eine Woche zum Setbau und drei Shootingtage, an denen ich vier Modelle fotografierte sowie ein Selbstportrait aufnahm.

Die Postproduction, bei der ich wieder nach schon beschriebener Methode vorging, nahm auch noch einmal eineinhalb Wochen in Anspruch. Alles in allem habe ich von den ersten Planungen und der Erstellung des Konzeptes bis zur fertigen Fotoserie zwei Monate an diesen acht Aufnahmen gearbeitet. Die Ergebnisse waren aber für mich diese lange Produktionszeit wirklich wert.

Mirrors ist meine bis jetzt erfolgreichste Fotoserie, hatte zwischenzeitlich schon einige Veröffentlichung und ist auch komplett in der aktuellen Profifoto zu sehen. Zur Zeit plane ich eine Soloausstellung, die alle acht Aufnahmen zeigt.

Ich hoffe, ich konnte einen Einblick in die Entstehung von Mirrors geben und dazu ermutigen, auch eine etwas komplexere Fotoserie in Angriff zu nehmen.

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12 Kommentare

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  1. Großartig! Projekte in dem Stil habe ich noch nicht geschafft – allerdings wird der Anreiz immer größer – und so eine Geschichte gibt natürlich gleich noch ein wenig mehr Antrieb so etwas mal in Angriff zu nehmen. Danke für diesen motivierenden Artikel und die großartigen Fotos.

  2. Hallo

    Tolle Bilder – super einmal etwas mehr darüber zu erfahren wie solche Serien entstehen. Da steckt ja wirklich eine unglaubliche Arbeit drin. Für mich persönlich wär das nix mit der Studioarbeit – da bin ich doch lieber draußen in der freien Natur.

    Noch viel Erfolg wünsch ich.

    Martin

  3. Mich hatten die Bilder auf der Photokina schon begeistert und ich finde es genial hier etwas zur Entstehungsgeschichte zu erfahren. Was für ein Aufwand… Hat sich absolut gelohnt, ich bin echt gespannt auf die nächsten Projekte.

  4. Einige der Fotos haben mich bereits auf der Photokina begeistert. Dabei lag die Faszination für mich nicht in der handwerklich hervorragenden Arbeit, sondern der frappierenden Einfachheit dieser Bildidee. Tolle Eingebung, ein Foto in einem Stil zu kreieren, wie man ihn eigentlich täglich selbst ‚erzeugt‘, Denn das tun wir offenbar mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass es niemandem (den ich kenne) bisher eingefallen ist, so etwas fotografisch umzusetzen.

    Um so erfreulicher, hier nun etwas über den Entstehungsprozess dieser besonderen Serie zu erfahren. Und sich wieder mal daran zu erinnern, dass es keiner exotischen Motive bedarf, um interessante Fotografie zu betreiben. Danke dafür!

    Dirk

  5. Toller Beitrag!
    Wie hast du die Spiegel Bilder dann so ‚direkt‘ darstellen koennen – man sieht dich ja nicht im Spiegel? Ein wenig mehr ueber post production waere sicher lesenswert.
    Vielen Dank fuer deinen interessanten Artikel!

  6. Hi David!

    Gratulation zu der Platzierung und vor allem für diese leidenschaftliche Fotoserie! Ich danke Dir auch insbesondere für Deine ausführliche Schilderung und die Ermunterung zu ähnlichen Engagements!

    Viele Grüße
    Sascha

  7. Hi David!

    Gratulation, saubere Arbeit. Gefällt mir sehr gut. Ich habe nur bei dem ein oder anderen das Gefühl als würde das Model aus dem Spiegel rausschauen. Also, dass es nicht das Spiegelbild ist, sondern die Person selbst. Bin mir aber noch nicht sicher woran das liegt. Staub, Fingerabdrücke etc sind ja zur Genüge vorhanden.
    Kann es daran liegen, dass das Spiegelbild schärfer ist als das „Außenrum“?
    Trotzdem – geile Arbeit!

    Gruß aus München,
    Dominik

  8. Also, wenn ich mal eine Aufnahme aus der Serie herauspicken darf, dann ist das Titelbild der aktuellen ProfiFoto, was Aktfotografie anbelangt, der absolute Umklopper. War wirklich selten so geflasht. Lichtführung, Farbharmonie, Requisiten, Modell – der totale Wahnsinn. Ich verneige mich!!!

    Andre Kurenbach