21. Oktober 2010 Lesezeit: ~6 Minuten

Sabine Fischer: Selbstportrait

Dieser Artikel ist kein Tutorial und enthält zumindest oberflächlich gesehen keine Tipps für Fotografen und Fotodesigner oder die, die es werden möchten. Dies ist ein Erfahrungsbericht oder vielleicht noch besser ausgedrückt: ein kleiner Teil meiner Biografie. Ein kleiner, jedoch für mich wichtiger Teil, der die Schwelle zwischen Versuch (wollen) und Ausführung (tun) beschreibt. Ich erzähle euch von meinen Selbstportraits, einem Teilbereich meiner Fotografie. Wie ich dazu gekommen bin und wieso ich das überhaupt mache.

Der Anfang

Als ich vor ungefähr 2 Jahren diese Kamera das erste Mal in meinen Händen hielt, kamen mir die Tränen, sowie den umstehenden Menschen um mich herum, meinen Freunden. Sie schenkten mir zu meinem 22. Geburtstag eine Canon EOS 350d. Vorerst ohne Objektiv, aber dieses Problem war schnell beseitigt, denn ich hatte noch zwei alte Analogobjektive bei mir zuhause „herumliegen“.

Damit waren aber noch keine Selbstportraits möglich, denn ich musste die Objektive ohne Adapter lose vor die Kamera halten, damit kein Licht zwischen Objektiv und Gehäuse gelangt. Ein paar Wochen später kam dann nun endlich das bestellte Objektiv von Tokina mit Lichtstärke 2.8 und einer Brennweite von 24-40mm – optimal. Los ging’s.


Die Erfahrungen

Viele Menschen haben mich in der Vergangenheit gefragt, ob ich mich „so toll“ oder „so hübsch“ finde, da ich bisher so viele Portraits von mir selbst gemacht habe. Ich antworte daraufhin immer dasselbe und diese Antwort möchte ich euch ebenfalls nicht vorenthalten und möchte damit auch gewisse Vorurteile beseitigen:

Nein, ich finde mich nicht toll oder dergleichen, jedoch versuche ich mit jedem weiteren Selbstportrait unter anderem mein Ich zu finden, es zu akzeptieren und vielleicht sogar zu mögen.

Etwas Schönes aus etwas Unschönem oder leerem, wie beispielsweise einer Leinwand, zu erschaffen: das ist es, was mich dazu brachte immer wieder den Selbstauslöser zu betätigen. Auch die Nachbearbeitung war und ist für mich essentiell, um das hervorzuheben, was ich anfangs nur mir selbst versucht habe zu zeigen.

Ich versuchte meine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen anstatt auf ein Blatt Papier (Tagebuch) durch ein Portrait zu ordnen und auch zu vereinigen. Da kommt mir dieser Spruch gerade recht: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Genau so war das für mich. Ich konnte und kann viel mehr durch Selbstportraits los werden als durch Geschriebenes, das in einem alten Buch in der Ecke vor sich hin schlummert.

Ich schrieb meine Gedanken bis vor drei Jahren regelmäßig auf. Seit zwei Jahren mache ich das nicht mehr. Das ist für mich der beste Beweis dafür, dass die Fotografie für mich in diesem Bereich wie eine Art Therapie ist. Und diese Therapie teile ich.


Die Veränderung

Da erhält „Link teilen“ mit einem Mal eine etwas andere Bedeutung. Als ich die ersten Selbstportraits in einem Abstand von zwei bis drei Wochen auf DeviantArt veröffentlichte, erfuhr ich zunächst nur reges Interesse von den Mitgliedern dieser Community. Jedoch war das nebensächlich.

Allein das Gefühl diese Bilder veröffentlicht zu haben, sozusagen „etwas los geworden bin“, hat mich erleichtert und war natürlich ein Stück mehr Selbsttherapie. Inspiriert von ein paar Fotografen dieser Community ging ich meinen Weg weiter und experimentierte viel mit Licht, Schatten, Körperbemalung und bei der Nachbearbeitung mit Texturen, Kontrasten und Retuschierung. Ich erhielt mehr Klicks, mehr Kommentare, mehr Kritik und mehr Aufmerksamkeit. Das war für mich eine Art Bestätigung von außen – natürlich.

Aber das war nicht das ausschlaggebende, warum ich weiter gemacht habe. Die Selbstportraits erfüllten einige Menschen ebenfalls mit gewissen Gefühlen. Ein paar von ihnen schrieben und sagten mir, was die Bilder in ihnen auslösten und das gab mir etwas, nein, machte mich glücklich:

Andere Menschen durch meine ursprünglich negativen Gedanken und Gefühle durch Betrachten meiner Portraits zu positiven Emotionen bewegen zu können. Davon wollte ich nach und nach immer mehr, so wie es für Menschen wahrscheinlich typisch ist: Aus Schlechtem etwas Gutes zu machen. Zu reparieren. Freude zu schenken und zu bekommen. Jawohl.

Die Zukunft

Andere Menschen zu fotografieren – das gehört inzwischen fest zu einem Teil meiner Selbständigkeit. Die Vorarbeit war das Portraitieren von mir selbst, durch das ich einiges über Bildbearbeitung und Möglichkeiten der Fotografie gelernt habe (und nie auslernen werde). Ich mache das nicht, weil ich damit Geld verdiene – das ist natürlich ein positiver Nebeneffekt. Ich mache das primär, weil es mein Leben ist. Vielleicht das, wofür ich hier bin: Den Menschen eine etwas andere Seite von sich selbst zu zeigen. Ihr Selbst.

Ich werde weiter machen, denn für mich gibt es fast nichts erfüllenderes, als die positive Reaktion und das Lächeln im Gesicht meiner Kunden, wenn sie sich selbst sehen – sich wahrhaftig sehen.

Jetzt und hier

… lebe ich mich aus und tu nicht das, was andere von mir erwartet haben, sondern was ich wirklich selbst will. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit ergriffen habe und wünsche allen, die ähnliches tun oder tun werden viel Erfolg und Kreativität.

Ich möchte mich noch herzlichst bei Martin Gommel bedanken, der es mir ermöglicht hat, hier auf seinem Fotografie Blog einen leisen Schrei los zu werden :)

Ähnliche Artikel


36 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Liebe Sabine, wow! Und Respekt für deine Offenheit in deinen Selbstporträts und diesem Beitrag! Ich bin beeindruckt – und inspiriert! Herzlichen Dank – und du hast auch mir ein Lächeln geschenkt, ich liebe das Foto von dir mit den Federn.

  2. Ein super Artikel! Man kann diesen Werdegang total verstehen und sich in die Situationen hineinversetzen! Wenn man angefangen hat ihn zu lesen, hört man nicht mehr auf und liest aufmerksam Zeile für Zeile!
    Ist mal etwas anderes, dass nicht all zu viel mit Fotografie an sich zu tun hat und das ist gut so! Gefällt mir total! =)

  3. Hallo Sabine,

    sehr schöner Artikel und ein beeindruckendes Beispiel für „Selbstverwirklichung“. So nennt man wohl das, was du tust..(?)… Mich hat der Artikel neugierig auf Deine Bilder gemacht. Ich geh mal schnüffeln ;-).,…

  4. Hallo Sabine,

    danke für den tollen Artikel und den Blick „hinter die Kulissen“. Ich muss zugeben, dass auch ich einer der Leute war, die schonmal gedacht haben: „Aha, schon wieder ein Selbstportrait.“

    Da ich bisher nie die Gelegeheit hatte, mich mit Dir darüber zu unterhalten, find ich es toll hier zu erfahren, warum Du das tust.

    Da sieht man mal wieder, dass man sich immer auch mit dem Mensch hinter der Kamera auseinander setzen muss, um seine Bilder zu verstehen.

    Mach weiter so!

  5. Hallo Sabine,

    hat mir gut gefallen, dein Artikel.
    Habe deine Fotos schon des öfteren bei Flickr bewundert. Was ich mich allerdings immer bei Selbstportraits in dieser Qualität frage ist, wie diese gemacht wurden.
    Stativ, Funkauslöser (klar) und dann AF, MF? Wie sitzt die Schärfe möglichst oft? Vielleicht kannst du noch einen kleinen Einblick geben. Würde mich freuen.

    • Grundstätzlich mache ich die Selbstportraits mit Stativ, AF und Funkauslöser (Anfangs mit Selbstauslöser auf 10 sek um die Pose einnehmen zu können). Mit der Schärfe hatte ich bisher nur selten Probleme, obwohl die Lichtstärke bei meinem 50mm immer auf 1.8 steht. Außer in Bildern, auf denen vor mit ein Gegenstand war wie z.B. Blumen oder die Glasscheibe mit Wassertropfen. Dann mache ich so oft Fotos, bis die Fokusierung einfach stimmt :) Das ist der größe Nachteil am Selbstportraitieren. Es dauert sehr lange und man sitzt nach dem shooting erst einmal länger nur dran um auszusortieren.

  6. Tolle Erklärung und Selbstverständnis.toll wie man mit so wenig Ausgangsmaterial(Cam mit alten analoggläsern und sich) selbst solch faszinIerende Aufnahmen erstellen und selbstergründung betreiben kann. Thx sharing

  7. deine Fotos verfolge ich schon länger. Ich finde sie einfach richtig toll! Wie du diese tollen Selbstportraits machst, ist mir ein Rätsel. ;) Ich bekomm sowas nie hin.
    Ich hoffe auf noch viele viele weitere schöne Fotos von dir. :)

  8. sehr sehr schöne bilder, tolle portraits!
    mich würde interessieren, wieso alles portraits von dir in b/w sind? ich bin ein fan von b/w besonders bei portraits,aber warum du generell für jedes b/w nimmst, würde mich dann trotzdem intressieren?

  9. Hallo,

    ich finde Deine Selbstportraits wirklich beeindruckend schön! Das Make-Up auf den oberen Bildern finde ich richtig interessant! Ich glaube Dir auch gerne das Du nicht selbstverliebt bist nur weil Du Selbstportraits machst… Ich stelle es mir nur sehr schwierig vor…

    LG Alexander

  10. Das letzte Bild mit den Federn hat es mir angetan. Sehr gute Umsetzung! Für mich ist fotografieren auch eine Art mein Innerstes auszudrücken. Leider habe ich in den letzten Wochen kaum Zeit gefunden, meine Ideen und Gedanken in Bilder umzusetzen…

    Vielen Dank für deinen Beitrag,
    LG Helmut

  11. Sehr schöner Bericht und klasse Story wie du zur Fotografie und deiner Berufung gekommen bist. Auch die Fotos find ich hammer ! Die Portraits sind absolut einzigartig und haben für mich etwas unverwechselbares.

    Neulich hab ich irgendein Portrait aus deinem Portfolio auf einem Blog gesehen und dachte sofort, obwohl ich es noch nie gesehen hatte: „Aja, das ist doch von Sabine Fischer.“ Das kann man nicht von vielen Fotografen sagen.
    In der kurzen Zeit in der ich mich mit Fotografie beschäftigt habe, habe ich schon einige deiner Fotos auf Blogs gesehen und finde es klasse wie du dich weiterentwickelst.

    Ich wünsche dir auf jeden Fall weiterhin viel Erfolg bei deiner Arbeit und das dir die kreativen Gedanken nie ausgehen.

  12. klasse fotos!
    ich mache zeitweise auch selbstportraits, ich glaube gerade deswegen bewunder ich deine fotos so; ich finde es verdammt schwirig. und meiner meinung muss man nicht selbstverliebt sein um sich selbst zu fotografieren, man braucht nur selbstvertrauen (speziell wenn man die fotos veröffentlichen will)

  13. wow, was für ein starker und ehrlicher Beitrag. Schon länger „folge“ ich Deinen Posts via RSS, Deine Bilder finde ich extrem ausdrucksstark und authentisch. Dieser Beitrag nun gibt eine sehr persönliche Erklärung, finde ich echt gut.