03. Dezember 2021 Lesezeit: ~6 Minuten

Wer war Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski?

Ein Chemiker mit Interesse an der Kunst schickte sich an, sein Land in Farbe zu dokumentieren. Als die Farbfotografie noch in den Kinderschuhen steckte und dieses Land fast ein Sechstel des gesamten Festlands der Erde umfasste.

Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski wurde 1863 im russischen Kaiserreich in eine adlige Familie mit langer Militärtradition hineingeboren. Er studierte Chemie in Sankt Petersburg, Berlin und Paris unter anderem bei Dmitri Iwanowitsch Mendelejew, einem der zwei (unabhängigen) Erfinder des Periodensystems der Elemente.

Er studierte außerdem Musik und Malerei. So kam er wahrscheinlich über sein Interesse an der Kunst mit der Fotografie in Berührung und erkannte durch sein Fachwissen im Bereich der Chemie das noch lange nicht ausgeschöpfte Potential der Technik. Er sollte sie um ein paar Patente bereichern, aber für ein großangelegtes Fotoprojekt bekannt werden.

Zunächst heiratete der spätere Pionier der Farbfotografie im Jahr 1890 seine Frau Anna, mit der er drei Kinder bekam und eröffnete 1901 ein Fotostudio mit angeschlossenem Fotolabor in Sankt Petersburg. Etwa ab 1905 feilte er an der Idee, das gesamte russische Kaiserreich zu bereisen und zu dokumentieren.

Wenn man sich nicht tiefergehend mit der Geschichte der Farbfotografie beschäftigt hat, würde man wohl schätzen, dass diese eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Tatsächlich wurde eine mögliche Technik zur Umsetzung von Farbfotografien bereits im Jahr 1855 vom schottischen Wissenschaftler James Clerk Maxwell vorgeschlagen und 1861 von Thomas Sutton demonstriert.

Dabei fertigt man drei Belichtungen des gleichen Motivs an, die jeweils durch einen roten, grünen und blauen Farbfilter aufgenommen werden. Diese Schwarzweißbilder kann man nach dem Entwickeln wiederum durch drei mit roten, grünen und blauen Farbfiltern versehene Lichtquellen übereinander projiziert betrachten. Entsprechend der additiven Farbmischung ergibt sich ein buntes Bild.

Allerdings waren mit dem damals verfügbaren Material keine guten Aufnahmen zu erzielen und das Ausbelichten von Farbbildern noch nicht möglich, weshalb die Farbfotografie lange Zeit kaum Fortschritte machte. Der Amerikaner Frederic Eugene Ives verbesserte in den 1890er Jahren das Verfahren und entwickelte ein Chromoskop zum Betrachten der Bilder.

Sarah Angelina Acland war die erste Fotografin, die 1903/1904 ein größeres fotografisches Werk mit diesem neuen Verfahren schuf. Die Amateurin wurde von einem Treffen mit Julia Margaret Cameron, die sich ebenfalls erfolgreich als Amateurfotografin betätigte, inspiriert.

Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski verwendete für seine Farbaufnahmen eine Wechselschlittenkamera, die der deutsche Fotochemiker und ebenfalls Fotopionier Adolf Miethe entwickelt hatte und die von Wilhelm Bermpohl hergestellt wurde. Sie nahm die Belichtungen übereinander auf einer einzigen Glasplatte im Format 9 x 24 cm auf.

Diese Konstruktion ermöglichte es, die drei Belichtungen möglichst schnell hintereinander aufzunehmen, sodass als bunte „Geister“ im finalen Bild sichtbare Veränderungen zwischen den Einzelnaufnahmen minimiert wurden. (Die alternative Verwendung von Strahlteilern, die die zeitgleiche Aufnahme ermöglicht hätten, erwies sich in der Praxis als zu anfällig für Dejustierung.)

Bei Adolf Miethe, der mit seiner Kamera die praktische Umsetzung der Farbfotografie entscheidend vorangebracht hatte, studierte Prokudin-Gorski im Jahr 1902 für sechs Wochen. Erinnert Ihr Euch an Nadar, der 1858 die ersten Luftaufnahmen machte? Adolf Miethe wiederum machte die ersten Farb-Luftbilder. Ebenfalls aus einem Heißluftballon heraus, 1906.

Als Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski mit einigen seiner Fotografien von Landschaften und Denkmälern bei einem Vortrag den amtierenden Zar Nikolaus II. begeisterte, konnte er sein großes Projekt endlich in Angriff nehmen. Der Zar finanzierte das Vorhaben nicht nur, sondern stattete den Fotografen auch mit den nötigen Sondergenehmigungen zum Betreten von Sperrgebieten und einem zur Dunkelkammer umfunktionierten Eisenbahnwagen aus.

So bereiste Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski zwischen 1909 und 1915 das gesamte russische Kaiserreich und fotografierte dort Reliquien, Architektur, Infrastruktur, Fabriken, Pflanzen, Landschaften, Völker und das Alltagsleben. Ein einzigartiges geschichtliches Zeugnis, das umfangreich und detailliert den Zustand des russischen Kaiserreichs kurz vor dem Ersten Weltkrieg zeigt.

Diese Bilder wollte er vor allen in der Bildung von Kindern eingesetzt wissen, um sie über Geschichte, Kultur und Modernisierung des Landes zu unterrichten. Tatsächlich wurden wohl nur wenige der Aufnahmen reproduziert. Zu seinen Lebzeiten war Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski vor allem für das einzige Farbportrait von Leo Tolstoi bekannt, aufgenommen 1908.

Nach der Oktoberrevolution wurde Prokudin-Gorski zuerst für eine Professur nach Norwegen geschickt. Als er dabei seinen gesamten Fotobestand mitnehmen wollte, beschlagnahmten die neuen russischen Behörden allerdings fast die Hälfte der 3.500 Aufnahmen, da man die abgebildeten Inhalte als für den im Krieg befindlichen Staat zu sensibel erachtete.

Im Jahr 1920 heiratete Prokudin-Gorski erneut und hatte ein weiteres Kind mit seiner Assistentin Maria Fedorovna (geb. Schedrina). 1922 ließ die Familie sich in Paris nieder, wo sich auch seine erste Frau mit den Kindern einfand. Gemeinsam mit diesen drei nun bereits erwachsenen Kindern eröffnete er in Paris wieder ein Fotostudio.

Dieses überließ er im Laufe der 1930er Jahre dann allerdings ganz seinen Kindern und konzentrierte sich darauf, seine verbliebenen Farbaufnahmen aus Russland in Frankreich vorzuführen und Vorträge zu halten. Im Jahr 1944 starb Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski in Paris.

Die der Familie verbliebene Sammlung von 1.902 Negativen und 710 Abzügen wurde 1948 von der Library of Congress in den USA erworben und öffentlich zugänglich gemacht. Die Bilder wurden dafür digital aufwändig nachbearbeitet. Bisher sind leider keine weiteren Aufnahmen außer denen im Besitz der Library of Congress und zwei im Besitz der Familie befindlichen Bildern wieder aufgetaucht.

Quellen und weiterführende Literatur

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9 Kommentare

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  1. Hochinteressant, aber ich muss meckern!
    Ich will auch sagen warum. Ich habe das über dreihundertseitige, großformatige Buch „NOSTALGIA – Das Russland von Zar Nikolaus II. In Farbfotografien von Sergej Michailowitsch Prokudin-Gorski“ seit einigen Jahren und war auch auf einer dazugehörigen Ausstellung im Landesmuseum Bonn. Was ihr oben zeigt, hat den Charme der gewollt/nicht perfekten, mitunter fehlerhaften Abbildungen im Buch vollkommen verloren. Ich glaube, dass die Abbildungen im Buch nicht einfach nur miserabel repdroduziert wurden. Im Buch wirkt es authentisch, man kann die Schwierigkeiten und das Genie Prokudin-Gorskis erahnen. An den oben gezeigten Fotos wurde zu sehr „ge-photoshopt“.
    Ralf Jannke

    • Hallo Ralf, wie gesagt hat die Library of Congress die Bilder stark aufbereitet. Ich denke, das sind im Wesentlichen die Bildversionen, die verfügbar sind und auf die wir zurückgegriffen haben. In den weiterführenden Links ist auch eine andere Bilddatenbank verlinkt, die laut ihrer eigenen FAQ die Bilder selbst zusammengesetzt und dabei auf diese weitreichenden „Verbesserungen“ verzichtet hat.

      Die Frage ist auch, welche Auswahl man macht. Bei 1.900 Bildern, die man auf nicht einmal 20 reduziert, kann man nicht alle interessanten Aspekte zeigen. Liegt also möglicherweise auch einfach daran, welche Bilder mich ganz besonders angesprochen haben und die deshalb hier zu sehen sind. So eine Auswahl ist einfach immer subjektiv.

      • Ich habe die Bilder 1981 das erste Mal in Deutschland ausgestellt („Farbe im Photo“, Köln); damals mussten wir sehr schlechte Analogprints aus der Library of Congress verwenden. 2001-03 hat die Russische Akademie der Wissenschaften unter Leitung von Victor Menakhin eine neue Digitalisierung ausgearbeitet – ich durfte ihn seinerzeit beraten; die Probe-Prints dazu in meinem Besitz haben wir 2013 für die Bonner Ausstellung „Die Welt in Farbe“ verwendet – sie sind bis heute die besten Farb-Interpretationen des Materials (etwas Anderes gibt es bei diesem Verfahren nicht). Die Library of Congress hat seither ihre Digitalisierung an die neuen Normen angepasst, ist aber noch lange nicht fertig damit, alle Bilder entsprechend aufzuarbeiten. Gibt man sich etwas Mühe im leicht unübersichtlichen Angebot, dann findet man genaue Hinweise dazu, welches Bild wann neu digitalisiert wurde. Zum gesamten Thema habe ich eine Übersicht erstellt, die im Frühjahr 2022 in der Fachzeitschrift PhotoResearcher (Wien) erscheinen wird.

      • Liebe Aileen
        Die – natürlich subjektive – Bildauswahl würde ich nie bemängeln. Mir war es nur deshalb so ins Auge gesprungen, weil da gut (zu gut?) nachbearbeitet wurde. Was auch wieder (s)einen Reiz hat! Denn der/der eine oder andere Betrachter*In ahnt irgendwie: Mit diesen Bildern stimmt etwas nicht. Die Farben, Sättigungen und Kontraste, die wir heute gewohnt sind, wollen nicht so 100 Prozent zu den uralten Motiven und Situationen passen. Aber: Danke fürs Wiederentdecken! Ich musste gleich zum Regal eilen, um den dicken Wälzer endlich mal wieder durchzublättern!

      • Hallo Ralf;
        andererseits finde ich, dass gerade das auch den Reiz der Bilder ausmacht: Motive aus der Vergangenheit nicht in der üblichen, „verfallenen“ Bildästhetik zu betrachten, sondern wie „wir es heute gewohnt sind“. Denn die Bildqualität ist ja eben nur eine Sache des Abbildungsmaterials und gerade nicht der abgebildeten Motive. Die Vergangenheit in Farben, Sättigungen und Kontrasten „wie heute“ zu sehen – wie sie damals auch waren, die Beschaffenheit der Realität an sich ist ja unverändert – rückt sie ein ganzes Stück weiter an uns heran. So lange ist das eigentlich gar nicht her, es kommt uns nur so vor, weil wir es gewohnt sind, die ach so weit zurückliegende Vergangenheit in schwarzweiß zu sehen.

  2. Mir hat der Artikel gut gefallen. Wir leben doch heute im digitalen Zeitalter. Da geht es mir darum, Fotos so zu zeigen, dass der Inhalt rüberkommt. Wenn die Abzüge damals heute vergilbt und vergammelt sind, dann finde ich es wunderbar, wenn neue Technik dem Wald und den Farben der Kleidung auf den digitalisierten Fotos neues Leben einhaucht. Aus meiner Sicht gut gemacht !