15. November 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Arabische Straße – Sehnsuchtsort Sonnenallee

„Salam aleikum“ lautet die arabische Grußformel, die viele Türen öffnet. Auch auf der Sonnenallee helfen ein paar Brocken Arabisch, um Zugang zu finden zu Schischabars, libanesischen Kaffeehäusern und syrischen Konditoreien. Gut ein Jahr lang habe ich das arabische Leben auf der berühmt-berüchtigten Magistrale in Neukölln fotografiert – und dabei einiges über die Fotografie und meine Nachbarschaft gelernt.

1500 Meter „Arabische Straße“, wie sie hier viele nennen – verrufen und fremd für manche, Heimat und Sehnsuchtsort für andere. Seit ich in Berlin wohne, stillt die Sonnenallee mein Fernweh nach allem Arabischen. Sie weckt Erinnerungen an ein Auslandsjahr in der Altstadt von Sanaa, wo ich einst Arabisch lernte und das Leben meiner jemenitischen Nachbarn beobachtete.

Blumenstrauß im SchaufensterMann in der Tür eines Geschäfts

Wie schön, dass es frisches Fladenbrot aus dem Tandurofen und dicke Bohnen mit Hummus auch auf der Sonnenallee gibt. Lieder von Fairuz mischen sich hier mit kunstvoll intonierten Versen aus dem Koran, der Duft von Apfeltabak mit den Abgasen von Stadtbussen und hochmotorisierten Luxuskarossen. Was also liegt näher, als der Sonnenallee ein kleines fotografisches Denkmal zu setzen? Eine Hommage an das arabische Leben, an die Menschen, die der Straße zwischen Hermann- und Hertzbergplatz ihr Gesicht geben, die kleinen Details, die einen gedanklich wahlweise nach Syrien, in den Libanon oder den Irak versetzen.

Aus einer Seminararbeit an der Ostkreuzschule für Fotografie wurde eine Ausstellung, aus der Ausstellung ein Buch. „Arabische Straße“ steht – auf Arabisch – auf dem gold-blauen Cover, auf 64 fadengebundenen Seiten finden klassische Portraits samt Textprotokollen, bunte Details und sonnige Straßenansichten ihren Platz.

Mann steht vor einem Laden

Es kann nur eine Momentaufnahme sein, das wird mir im Laufe der Monate bewusst: Die Straße verändert sich noch immer rasant. Aus dem Schnellrestaurant mit dem sprechenden Namen „Sonnen City“ ist inzwischen „Mr. Grill“ geworden, die marmorierten rosa Fliesen im immer voll besetzten „Azzam“ wurden während des Lockdowns durch klinisches Weiß ersetzt, die beliebte Schischabar „Umm Kulthum“, in der eines der ersten Fotos meiner Serie entstand, ist seit einem Wasserschaden geschlossen.

Dafür gibt es von der Konditorei Damaskus, deren Verkäufer Amin mir von Nazi-Pöbeleien und treuen biodeutschen Stammkund*innen berichtet, mittlerweile eine zweite Filiale am anderen Ende der Straße. In den vergangenen Jahren habe sich so viel getan auf der Straße, dass er sich dort wie ein Fels in der Brandung fühle, sagt Said, der hier mit seinem Büro seit 20 Jahren für ein libanesisches Waisenkinderprojekt Spenden sammelt. Auch der aus Beirut stammende Bäcker Imad erinnert sich noch daran, wie er anfangs Schrippen und Hörnchen für die Berliner Kundschaft buk – heute sind eher Baklava gefragt.

Süßes GebäckMann sitzt vor einem Laden

Vor drei Jahrzehnten waren es vor allem Palästinenser*innen aus dem Libanon, die vor dem Bürgerkrieg flohen und den Nachwende-Leerstand in Neukölln für ihre Geschäfte nutzten. 2015 kamen dann die jungen Syrer*innen dazu und tauften die damals schon boomende Sonnenallee kurzerhand „Arabische Straße“. Wobei das Gendersternchen hier eigentlich nicht passt. Denn es sind natürlich vor allem Männer, die das Straßenbild prägen.

„Traditionen spielen eine große Rolle“, sagt die aus Syrien stammende Rascha, die in der Fahrschule Sonne arbeitet. Manchmal begleiteten die Männer ihre Frauen in die Fahrstunde, weil sie nicht wollten, dass sie allein mit einem männlichen Fahrlehrer im Auto säßen, erzählt Rascha. „Aber das ist zum Glück die Ausnahme.“

Straße im SonnenscheinFrau vor einem Laden mit der Aufschrift "Sonne"

In Bäckereien, Brautgeschäften und Büros arbeiten zwar durchaus auch Frauen und viele gehen mit ihren Familien oder Freundinnen auch auf der Sonnenallee essen – aber Rascha war die einzige, die sich spontan auch für ein Portrait bereit erklärt hat. Ganz spontan – so ist übrigens jedes einzelne Portrait aus der Serie entstanden. Meist hatten wir nur wenige Minuten Zeit für ein Bild.

Das lag zum einen daran, dass ich immer mit dem passenden Sonnenlicht arbeiten wollte, und auf die Sonne ist in unseren Breiten ja bekanntlich nicht recht Verlass. Irgendwann wusste ich ziemlich genau, zu welcher Jahres- und Tageszeit auf welcher Straßenseite gutes Licht herrschte – solange sich keine Wolken ins Bild schoben. Außerdem war mir klar, dass ich die Portraitierten aus ihrem (Arbeits-)Alltag riss, und mochte ihnen schon deshalb nicht mehr Zeit stehlen als nötig.

Und bei Weiten nicht alle wollten dabei sein – arabische Grußformel hin oder her. Auf jedes Portrait kamen sicherlich drei oder vier, die abwinkten, keine Zeit hatten oder kein Interesse, für mein Projekt zu posieren. Mehr als einmal war ich kurz davor, hinzuschmeißen – weil das Licht nicht passte, sich mal wieder niemand fotografieren lassen wollte oder weil die Pandemie gerade die ganze Straße leergefegt hatte.

Aber das ist ja das Schöne an der (freien) Fotografie, wie ich finde: Jedes neue Projekt stellt uns wieder vor neue Herausforderungen, von jeder neuen Idee ist es ein weiter Weg, bis am Ende ein (gerahmtes) Bild, eine Serie, ein Büchlein stehen. Ich lerne immer wieder: Es lohnt sich so sehr, die eigene Komfortzone zu verlassen. Einfach mal in eine arabische Schischabar zu spazieren und Leute anzuquatschen.

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7 Kommentare

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  1. Hallo,
    bisher kannte ich die Sonnenallee nur aus dem gleichnamigen Lied (2017) von Klaus Hoffmann (Album Aquamarin). Jetzt lerne ich eine ganz neue Seite dieser Straße kennen. Aber vielleicht sind die Beschreibungen des Liedermachers auch nur Erinnerungen aus seiner Kinderzeit? Aber eins ist gemeinsam und bleibt: Die Sehnsucht nach Veränderungen …

    Herzlichen Dank für diesen Bericht und die Geschichte dahinter.
    Schöne Grüße
    Elke

  2. Ich denke auch, man muss nicht nach Ost-Timor, Westsahara, Nordzypern oder Südsudan fliegen für eine etwas andere Fotoreportage. Mitten in Wuppertal, Wilhelmshaven, Würzburg oder Wermelskirchen findet man genug Neues, sogar Exotisches, und in Berlin sowieso.

    Man merkt, dass der Autor sich sehr für die arabische Sprache und Kultur interessiert, habe jedoch den Eindruck, dass die Personen auf den Bildern alle etwas reserviert und skeptisch blicken. Auch wenn manche(r) von euch widersprechen wird: ich finde die Street-Photography-Methode, Menschen zu fotografieren, ohne dass sie davon wissen, geeigneter, um ein realistisches Bild von ihnen und ihrem Leben zu machen. Auch mag ich an Streetfotos (sagen wir: Magnum-Style), dass dort meist die Interaktion mehrerer Menschen zu sehen ist, während ein Portrait die Kommunikation eines Menschen mit anderen nicht zeigt.

    Auf solchen politisch-korrekten Portraits wie in dieser Serie stehen die Personen meist etwas steif frontal zur Kamera, alle gleich. Das ist zwar schönes Fair-Play ihnen gegenüber, aber es spiegelt ihre Art sich zu bewegen, zu kommunizieren etc. nicht wider. Ist in gewisser Weise ja auch nicht authentisch, sondern gekünstelt.

    Trotzdem: eine wirklich schöne Serie, und ein interessantes Thema. Ich habe mal iim ebenfalls sehr arabischen Wedding gewohnt, war aber seit inzwischen 17 Jahren nicht in Berlin und bekomme sofort Lust, hinzufahren und mit der Kamera herumzulaufen.

    • Hallo Jürgen, du hast völlig Recht, die klassische Straßenfotografie verfolgt natürlich noch mal einen ganz anderen Ansatz. Mag ich auch sehr gerne, und hat ja auch beides seine Berechtigung. Was mir bei meiner Serie gefallen hat, war gerade dieses: die gemeinsame Arbeit an einem guten Portrait, also das bewusste Einbinden der Protagonist*innen. Spannend wäre jetzt tatsächlich die Kombination mit einem Reportage-Ansatz, der die Menschen auch länger begleitet und in ihrem Alltag beobachtet. Vielleicht in einem nächsten Schritt …

  3. Maşallah. Wirklich schöne Arbeiten, das Buch im Video wirkt auch ästhetisch gut. Die Portraits sind durchweg toll (besonders von Rascha). Licht ist schön und auch die Gestaltung gefällt mir.

    Inhaltlich finde ich es etwas schwierig zu deuten (normativ), weil für mich mit den Motiven bzw. der thematischen Klammer (arabische Straße) eine Exotisierung der Menschen dieses Ortes einhergeht, vergleichbar mit der gutmeinenden Differenzdebatte der 90er Jahre, in der Multikulturalismus und „interkulturelle“ Begegnung gefeiert wurden, was sich mittlerweile aber als unbrauchbares Konzept herausgestellt hat, weil dadurch kulturelle (in diesem Sinne verstanden als natio-ethnische) Heterogenitätskonstruktionen zwischen Menschen noch weiter verfestigt werden. Jetzt kann man natürlich einwenden – und das ist durchaus legitim! – dass die abgebildeten Menschen das Dargestellte auch abbildeten, allerdings wird mit dem gesamten Thema bzw. dem Fokus auf „das Arabische“ meines Erachtens an Diskurse des „Othering“ bzw. der „Befremdung“ angeknüpft.

    Ich bin wirklich hin- und hergerissen, denn du schreibst ja auch davon, dass die Menschen, die du abgebildet hast, teilweise kürzlich nach Deutschland migriert sind und damit natürlich ihr Erfahrungsrucksack entsprechend mit ihren Erfahrungen aus den jeweiligen Ländern gefüllt ist, die in Teilen abgebildet sind.

    Gleichzeitig wird hier in den Kommentaren bereits ausgelöst, was ich persönlich kritisch finde: Der exotisierende Faktor. Du merkst, ich bin indifferent und ich muss zugeben, dass meine Perspektive stark geprägt durch meine Arbeit in der rassismuskritischen Sozialforschung und durch die Antidiskriminierungsdiskurse der letzten 15 Jahre ist und ich damit sicher sensibler für diese Themen bin, als Leute, die sich nicht täglich damit auseinandersetzen.

    Es wird aus der Erfahrung der letzten Wochen und Monate sicher auch nicht wenige Kommentator:innen geben, die auf so eine Perspektive allergisch reagieren und vermutlich auch gleich losplärren werden. Ich hoffe aber, dass du meinen Kommentar als konstruktiven Beitrag verstehst, denn handwerklich finde ich deine Arbeit sehr gelungen und vielleicht tue ich ihr mit meiner kritischen Perspektive auch Unrecht.

    • Oh, und was besonders gut auf den Bildern erkenntlich wird und mir auch sehr positiv aufgefallen ist, ist deine wertschätzende Haltung den Menschen gegenüber. Das wollte ich nochmal betonen.

      • Guten Morgen Christopher, vielen Dank für deine kritischen und konstruktiven Zeilen. Ich muss gestehen, dass ich nicht ganz so tief im soziologischen Diskurs stecke – war und bin mir der Fallen aber durchaus bewusst, in die ein mittelalter weißer Mann tappen kann, der mal eben mit seiner Kamera bewaffnet über die Sonnenallee stolpert. Für mich ist die Serie ein persönliches Projekt – jede*r andere hätte sie ganz anders fotografiert, egal vor welchem Hintergrund. Umso wichtiger war es mir immer, die Menschen vor der Kamera einzubinden – respektvoll und wertschätzend, wie du schreibst. Ich bin froh, dass das auch so rüberkommt.