29. Juni 2021 Lesezeit: ~6 Minuten

Wer war Bertha Wehnert-Beckmann?

Wenn man in einem Buch mit dem Untertitel „Die Männer der ersten Stunden und ihre Verfahren“ am Rande von einer Frau liest, sollte man dringend weiterrecherchieren. Denn während sie in besagtem Buch als Gehilfin ihres Mannes abgehandelt wird, stellte sich bald heraus, dass Bertha Wehnert-Beckmann die erste Berufsfotografin Deutschlands mit eigenem Atelier war und einiges für die Fotografie in Deutschland und Amerika getan hat.

Geboren 1815 in Cottbus, lernte sie 1842 bei einem Aufenthalt in Prag im Atelier von Wilhelm Horn das damals gerade erst drei Jahre alte fotografische Verfahren der Daguerreotypie kennen. Anschließend arbeitete sie als Wanderfotografin in Cottbus, Gera, Dresden, Leipzig und Altenburg. 1845 heiratete sie den Fotografen Eduard Wehnert, mit dem sie ein Atelier in Leipzig eröffnete. Nach nur zwei Jahren verstarb ihr Mann plötzlich und sie führte das Geschäft allein weiter.

Altes Portraitbild

Eduard Wehnert zugeschrieben: Portrait Bertha Beckmann, ca. 1844

Bertha Wehnert-Beckmann war nicht nur eine der ersten Fotograf*innen, die half, das neue Medium in Deutschland zu verbreiteten, sondern auch eine sehr experimentelle Fotografin. Sie arbeitete nicht nur mit der Daguerreotypie, sondern auch mit der Talbotypie, dem Kollodium-Nassplatten-Verfahren und der Stereoskopie. Bald war ihr Leipziger Atelier ein florierendes Geschäft. Vielleicht auch, weil sie sich nicht auf den einfachen und lukrativen Aufnahmen ausruhte. Jochen Voigt schreibt im Vorwort seiner Biografie über Bertha Wehnert-Beckmann:

Das künstlerische Markenzeichen ihres Portraitstils bestand in der sorgfältigen Auswahl der Posen und einer individuellen Lichtsetzung, die mit dem stereotypen Erscheinungsbild der populären und finanziell einträglichen Visitenkarten-Fotografie wenig gemein hatten.

altes Kinderportrait

Portrait eines Mädchens, Daguerreotypie, 1851

altes Männerportrait mit Pflanze

Portrait von Peter Joseph Lenné, Daguerreotypie, ca. 1848

Wie viel Wagemut und Abenteuerlust diese beeindruckende Frau hatte, beweist auch die Reise nach New York. 1849 eröffnete sie dort als einzige Frau ein Fotoatelier am Broadway und trug zur Etablierung des in Amerika noch nicht verbreiteten Kalotypie-Verfahrens bei. Wie erfolgreich sie mit ihrem Atelier war, zeigt die Liste der Portraitierten: Zu ihrer Kundschaft in Amerika zählten hochkarätige Künstler*innen, Diplomaten und Politiker. Nicht zuletzt sogar der damalige Präsident Millard Fillmore.

New York war damals das weltgrößte Zentrum der Daguerreotypie. Um 1850 entstanden allein entlang des Broadway über 35 Fotoateliers. Um noch einmal ins Gedächtnis zu rufen: Die Fotografie war damals gerade einmal elf Jahre alt! Man kann sich heute kaum vorstellen, wie schnell das neue Medium sich verbreitete und mit welcher Geschwindigkeit es sich vor allem auch veränderte. Immer neue Techniken wurden entdeckt, die Belichtungszeiten kürzer, die Möglichkeiten vielfältiger.

Trotz des Erfolgs kehrt sie im Herbst 1851 kehrt nach Leipzig zurück und überlässt ihrem Bruder Rudolph die New Yorker Geschäfte. Ihr anderer Bruder Robert hatte in der Zwischenzeit das Atelier in Leipzig betreut und übergab es wieder in die Hände seiner Schwester.

Das Atelier wird dennoch bis 1852 unter dem Namen ihres bereits einige Jahre zuvor verstorbenen Mannes beworben: „Eduard Wehnerts Atelier“ heißt es noch in einer Anzeige im Leipziger Tageblatt und Anzeiger am 23. April 1852. Erst 1858 ändert sie den Namen in „Bertha Wehnert-Beckmann / Atelier für Daguerreotypie und Photographie an Papier und Glas“. Warum dies erst so spät geschieht, ist nicht ganz klar, denn als Fotografin hat sie mittlerweile einen sehr guten Ruf.

altes Portrait eines Mannes

Portrait des US-Präsidenten Millard Fillmore, übermaltes Kalotypiepositiv, 1850

Doch auf diesem allein konnte sie sich nicht ausruhen, die Konkurrenz war in der damaligen Zeit bereits sehr groß. Bis 1860 gab es allein in Leipzig 28 Fotoateliers. Aber Wehnert-Beckmann blieb im Geschäft und bildete sich immer weiter. Sie erlernte das neue Kollodiumverfahren und beschäftigte sich eingehend mit der aufkommenden Stereotypie.

Da das Medium der Fotografie sowohl für Frauen, als auch für Männer neu war, traten beide Geschlechter nahezu voraussetzungslos mit der Kamera an. Berufstätige Frauen waren im 19. Jahrhundert durchaus normal, auch wenn die meisten damals eher typische Frauenberufe annahmen. Die Daguerreotypie lag zum Großteil eher in Männerhand.

In den 1860er Jahren erwirbt sie ein großes Grundstück in der Elsterstraße im Leipziger Westen. Das Grundstück bestand nicht nur aus Wohnhaus, sondern bot auch Platz für ein neues und größeres Atelier. Bis 1882 portraitierte sie dort die großen Namen der damaligen Zeit. Die Adresse galt als Treffpunkt der feinen Gesellschaft. Erst 1882 im Alter von 67 Jahren gab sie das Atelier und ihre Arbeit auf. Am 6. Dezember 1901 starb sie im Alter von 86 Jahren in Leipzig.

Zwei Frauen und ein Junge, altes Bild

Mutter mit zwei Kindern, Daguerreotypie, ca. 1847

Etwa 4.000 Bildnisfotografien sind von ihr noch erhalten. Warum sie heute kaum bekannt ist, bleibt mir ein Rätsel. Sie war ohne Frage eine überragende Vertreterin der frühen Fotografie. Ihr Werk umspannt 40 Jahre und zeigt nicht nur eine hohe Qualität, sondern spiegelt auch die rasche fotografische Entwicklung der fotografischen Verfahren wider. Ein historischer Schatz, der die deutsche und besonders die Leipziger Elite abbildet.

Ein Dank gilt an dieser Stelle Jochen Voigt, ohne dessen Buch „A German Lady“ ich wohl kaum nachweisbare Fakten über die Fotografin hätte finden können und dessen akribische Recherchen unglaublich wertvoll waren.

Quellen

  • Cornwall, James E.: Die Frühzeit der Photographie in Deutschland 1839-1869. Die Männer der ersten Stunden und ihre Verfahren. 1979.
  • Philipp, Claudia Gabriele: Bertha Wehnert-Beckmann – eine Frau der ersten Stunde. Mit Fragen und Anmerkungen zur Photographiegeschichtsschreibung. In: von Dewitz, Bodo (Hg.): Silber und Salz. Zur Frühzeit der Photographie im deutschen Sprachraum 1839 – 1860. Köln 1989.
  • Voigt, Jochen: A German Lady. Bertha Wehnert-Beckmann. Leben und Werk einer Fotografiepionierin. Chemnitz 2014.

Ähnliche Artikel

1 Kommentar

Schreib’ einen Kommentar

Netiquette: Bleib freundlich, konstruktiv und beim Thema des Artikels. Mehr dazu.

  1. Blogartikel dazu: Umleitung: Kunst, Fotografinnen, Gendern, Wow Wau, Deutschland mal in Eile und mal mit Weile, Gendern, Bauern, Kartoffeln und mehr. | zoom