29. März 2021 Lesezeit: ~5 Minuten

Wer war Tina Modotti?

Wenn ich mir aussuchen könnte, über wen aus der Fotoszene ein Kinofilm gedreht werden sollte, dann würde ich ohne zu zögern Tina Modotti nennen. Das kurze Leben der Künstlerin war unfassbar turbulent und spannend. Und ihre Geschichte hat alles, was ein Blockbuster wohl so braucht: Liebesdramen, Intrigen, einiges an Prominenz und sogar Mord.

Tina Modotti sagt Euch nichts? Okay, bei den meisten Menschen würde an dieser Stelle des Textes jetzt ein kurzer Abriss der wichtigsten Lebenswege folgen. Ich könnte bei ihrer Geburt 1896 in Udine, Italien beginnen und dann mit der Emigration in die USA 1913 mit ihrem Vater weitermachen. Aber spätestens dann würde es zu kompliziert werden. Was ist wichtig von all den künftigen Ereignissen? Welche der vielen Begegnungen müssten erwähnt werden?

Treppenhaus

Stairs, Mexico City, 1924–26

In den Artikeln über sie klingt vieles, als habe sie nur wenig Einfluss auf ihre Entscheidungen gehabt. Als hätte sie nur zur Kamera gegriffen, weil sie sich zufällig in den Fotografen Edward Weston verliebte. Oder sich nur deshalb der linken politischen Bewegung angeschlossen, weil sie mit dem Maler und Anführer der kommunistischen Partei Mexikos Xavier Guerrero zusammenkam.

Sicher hat die Fotografie Edward Westons sie zu Beginn ihrer Karriere geprägt und lässt sich in ihren ersten Stillleben und Architekturaufnahmen erkennen. Und sicher kam sie durch ihre kommunistischen Liebhaber schneller in das politische Geschehen Mexikos. Aber sie auf die Begegnungen mit diesen Männern zu reduzieren, tut ihr unrecht. Tina Modotti muss in vielerlei Hinsicht eine unglaubliche Frau gewesen sein.

Hände des Puppenspielers, Mexico City, 1929

Rene d’Harnoncourts Marionette, 1929

Viele Männer verliebten sich in sie und noch mehr Menschen schätzten sie. Sie pflegte Freundschaften mit Dorothea Lange, Frida Kahlo, Manuel Álvarez Bravo, Lotte Jacobi, Anna Seghers und Pablo Neruda – um nur einige der vielen bekannten Namen zu nennen.

Tina Modotti war nicht nur unglaublich schön, sondern vor allem klug und engagiert. In Mexiko fotografierte sie die arbeitende, arme Bevölkerung. Besonders oft dokumentierte sie die Lebenssituation der Frauen im Land. Ihr Anspruch war es, mit ihren Bildern die Wahrheit zu zeigen und gleichzeitig wurden ihre Aufnahmen zu Symbolen der mexikanischen Revolution.

Patronengürtel, Maiskolben und Sichel

Patronengürtel, Maiskolben und Sichel, 1927

Ihr politisches Engagement und der Erfolg wurden ihr jedoch auch schnell zum Verhängnis: Man verdächtigte sie 1929 des Mordes an ihrem Geliebten, dem Kommunisten Antonio Mella und verhörte sie nach dem versuchten Mord am mexikanischen Präsidenten Pascual Ortiz Rubio 1930.

Für die mexikanische Presse waren die Anschuldigungen ein gefundenes Fressen. Sie berichtete über Modottis freizügiges, emanzipiertes Privatleben und bebilderte die Artikel mit Aktaufnahmen von Edward Weston. Kurze Zeit später wurde sie, wie viele andere linke Aktivist*innen, des Landes verwiesen.

Modotti sah sich gezwungen, ins ebenfalls von Krisen geschüttelte Europa zurückzukehren. In Berlin arbeitete sie für wenige Jahre im Atelier von Lotte Jacobi und fotografierte für die sozialistische Zeitschrift „Arbeiter-Illustrierte-Zeitung“, bevor sie beschloss, gemeinsam mit ihrem Geliebten, dem Politiker Vittorio Vidali über Frankreich nach Spanien zu ziehen. Dort arbeitete sie im Bürgerkrieg als medizinische Hilfskraft.

Frau trägt bemalten Kürbis auf dem Kopf

Workers’ Parade (Woman from Tehuantepec), 1926

Und damit kommen wir wieder zu einer Stelle ihres Lebens, die in vielen Biografien wild und vor allem sehr spekulativ behandelt wird. War ihr Geliebter Vittorio Vidali am Tod Leo Trotzkis beteiligt? War Modotti selbst eine russische Spionin, die im Auftrag Stalins arbeitete? Fragen, die man wohl nie klären wird und die am Ende vielleicht vor allem mehr über die Gesellschaft und Medienlandschaft aussagen, als über die Fotografin selbst.

Diese sah sich 1939, nachdem die USA ihr die Einreise verweigert hatte, gezwungen, nach Mexiko zurückzukehren. Dort lebte sie in den nächsten Jahren bis zu ihrem nicht weniger rätselhaften Tod, der zur Mythenbildung beitrug, sehr zurückgezogen. Im Alter von gerade einmal 45 Jahren erlag Tina Modotti nach einem Abend bei Freund*innen im Taxi einem Herzinfarkt. Wirklich geklärt ist ihr überraschender Tod bis heute nicht.

Frau trägt große Flagge

Woman with Flag, 1928

Warum diese spannende Frau in Deutschland so wenig Beachtung erfährt, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Vielleicht erscheint ja wirklich irgendwann einmal Kinofilm über sie und verhilft ihr so zu mehr Aufmerksamkeit. Vielleicht sollte ich mir das aber auch nicht wünschen, denn es gäbe so viele mögliche Versionen ihres Lebens. Und keine würde ihr wohl wirklich gerecht werden.

Das Titelbild zeigt Frida Kahlo und Tina Modotti. Wer hinter der Kamera stand, ist leider unbekannt.

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6 Kommentare

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  1. Sehr empfehlenswert ist das Buch „Tina Modotti“, herausgegeben von Reinhard Schultz erschienen im Zweitausendeins Verlag, 2005. Als Zugabe gibt es eine DVD mit dem Stummfilm „The Tiger’s Coat“ mit Tina Modotti in der Hauptrolle.

  2. Spannend! Ich selbst habe vor 30 Jahren eine Biografie über Tina Modotti gelesen (irgendein DDR-Verlag). Freunde haben nie verstanden, warum mich das so gefesselt hat. Dabei ist es eine tolle Fotografin mit einem sehr spannenden Leben.

    Hatte sie mittlerweile wieder verdrängt, und finde es umso beachtenswerter auf kwerfeldein über sie zu lesen. Daumen hoch!

  3. Es gibt (mindestens) zwei Graphic Novels, die das Leben Tina Modottis (mit)behandeln: eine von Ángel De la Calle (siehe hier: https://www.goodreads.com/book/show/13519350-modotti oder hier (mit langem Auszug!): https://www.wordswithoutborders.org/graphic-lit/modotti-a-woman-of-the-twentieth-century) – zu diesem Band kann ich nichts weiter sagen. Selber gelesen indes habe ich jüngst diesen; ein Zweiteiler ist es, um genau zu sein: „The Summer of Irreverence“ (https://www.amazon.de/gp/kindle/series/B06XXL9XX5?ie=UTF8&ref_=sr_1_3) – graphisch auf jeden Fall völlig anders als der andere Comic, und graphisch hat er mir auch wunderbar gefallen. Erzählerisch jedoch GAR NICHT, da die Geschichte, in der neben Modotti Edward Weston die zweite Hauptrolle und u.a. Diego Rivera eine Nebenrolle hat, aus der Perspektive eines totalen Unsympathen geschrieben ist; leider…

    Immerhin: So habe ich tatsächlich ERSTMALIG von Tina Modotti gehört – und bin im Nachklapp auf den vorliegenden Text gestoßen! ^^