08. Juli 2020 Lesezeit: ~4 Minuten

Srebrenica – über das Leben nach dem Völkermord

Von Sarajevo, der pulsierenden Hauptstadt Bosniens, bis nach Srebrenica sind es knapp zweieinhalb Stunden mit dem Auto. Je weiter man fährt, desto häufiger sieht man zerstörte, verlassene Häuser. Manchmal sind es ganze Dörfer, in die auch 25 Jahre nach dem Krieg niemand zurückgekehrt ist.

Kurz vor Srebrenica, nahe dem Ort Kravica in der bosnisch-serbischen Republik Srpska, passiert man ein altes Lagerhaus, in dem heute wie damals Landwirtschaftsmaschinen stehen. Kein Denkmal, ja nicht einmal eine kleine Gedenktafel erinnert dort an die schrecklichen Ereignisse aus dem Juli 1995.

In nur wenigen Stunden wurden an diesem Ort bis zu 1.000 männliche Muslime auf abscheulichste Art und Weise ermordet. Nur bei genauem Hinsehen erkennt man die vielen Einschusslöcher, Brandreste und andere Spuren an den Außen- und Innenwänden des Gebäudes. Daneben hat jemand ein serbisches Kreuz in den Beton geritzt.

Kaputte Halle aus Beton von außen

Betonwand mit Einschusslöchern

Lagerhaus in Kravica

In einem engen Tal zwischen den Hügeln Ostbosniens gelegen, war Srebrenica früher eine Bergbaustadt und später ein beliebter Erholungsort. Heute ist der Name Srebrenica zum Synonym für das schlimmste europäische Kriegsverbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg geworden und markiert den blutigen Höhepunkt des Bosnienkrieges (1991–1995).

Beweise aus Exhumierungen, abgefangene Nachrichten, Dokumente sowie Zeugenaussagen von sowohl von Opfern als auch Täter*innen ließen den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien zur Schlussfolgerung kommen, dass bosnisch-serbische Truppen in Srebrenica einen Völkermord begangen hatten.

Es wurde festgestellt, dass sie im Juli 1995 insgesamt zwischen 7.000 und 8.000 bosnisch-muslimische Männer töteten. Die Opfer waren entweder Zivilisten oder Kriegsgefangene. Die Massenhinrichtungen fanden an neun Orten statt und die anschließenden Vertuschungsaktionen waren sorgfältig geplant und organisiert.

Eine alte verlassene Halle von innen

Eine Person vor Regalen mit Plastikbeuteln

Dragana Vucetic, forensische Anthropologin der Internationalen Kommission für vermisste Personen, Tuzla

In der Landschaft in und um die Gemeinde Srebrenica herum liegen viele dieser nicht gekennzeichneten Tatorte, wie das Lagerhaus in Kravica. Ahnungslose Reisende könnten leicht an einer beliebigen Anzahl Schulen, Wiesen und Gebäuden vorbeikommen, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, dass dies einst die Stätten von Folter, Völkermord und Massengräbern waren.

Einige dieser Orte werden langsam, aber sicher von der Natur zurückerobert. Andere werden immer noch für dieselben Funktionen genutzt, die sie vor dem Krieg hatten, als ob dort nie etwas Außergewöhnliches passiert wäre.

Während der Krieg um ein Territorium vor 25 Jahren mit dem Friedensabkommen von Dayton beendet wurde, tobt in großen Teilen Bosniens heute ein Kampf um das vorherrschende Narrativ der Vergangenheit. Ein Kampf um die konstruierte Wahrheit, der weitgehend auf den Kriegszielen der ethnischen Trennung und Dominanz beruht. Die Geschichten der Orte bleiben in der Landschaft verborgen, verloren, vergessen oder ignoriert und mit ihnen auch der Weg zur Versöhnung der Bevölkerungsgruppen.

Kreuze aus Stöcken auf einer Wiese

Nova Kasaba 1, primäres Massengrab

Wiese

Hodzici Road 2, sekundäres Massengrab

Die Fotoserie „Srebrenica“ dokumentiert Orte, an denen vor 25 Jahren die Verbrechen stattfanden, gibt einen Einblick in die forensische Arbeit der Internationalen Kommission für vermisste Personen bei der Identifizierung der Opfer und zeigt Menschen, die bis heute nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten oder nach der Rückkehr mit posttraumatischen Belastungsstörungen und der Leugnung des Völkermords zu kämpfen haben.

Ihr Ziel ist es, die Öffentlichkeit für die alltägliche Realität in Bosnien und die Komplexität von Versöhnungsprozessen in Post-Konflikt-Gesellschaften generell zu sensibilisieren. Auch, oder insbesondere dann, wenn die internationale Aufmerksamkeit und mit ihr Pressevertreter*innen sowie viele Hilfsorganisationen diese Ort längst wieder verlassen haben und die Aufarbeitung der von Gewalt geprägten Vergangenheit beginnt.

Frauenportrait

Devleta Omerovi, Flüchtlingslager Jezevac

Zwei Jugendliche mit Kostümen spielen

Jungen im Flüchtlingslager Jezevac

Anlässlich des 25. Jahrestages des Völkermordes in Srebrenica in Bosnien entsteht ein Fotobuch, das über die Crowdfunding-Plattform Startnext erworben werden kann. Das Fotobuch schafft Aufmerksamkeit für die Menschen, die in erster, zweiter oder mittlerweile dritter Generation unter den Folgen des Völkermordes und der ausbleibenden Versöhnung leiden.

Gleichzeitig werden die finanziellen Einnahmen, die über die Produktionskosten des Buches hinausgehen, direkt an die lokale Organisation Snaga Žene gespendet. Snaga Žene – „Die Kraft der Frauen“ – widmet sich der Unterstützung von Menschen, die innerhalb des Landes während des Krieges in den 1990er Jahren vertrieben wurden.

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2 Kommentare

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  1. In dem kleinen Film kann man gut das hochwertige Papier erkennen, und die Liebe, mit der dieses Fotobuch gemacht wurde.

    Inhaltlich finde ich die Verbindung von Text zu Bild schwierig. Es ist im Filmausschnitt die Rede von „Survivors“, und im Text bei denselben Bildern vom Flüchtlingslager Jezevac … sind das Bilder von damals oder von heute? Es sind auch kleine Jungen zu sehen, die können ja nicht dabei gewesen sein. Sind dort heute noch „Flüchtlingslager“, nach 25 Jahren? Sind das dann nicht inzwischen „Orte“ mit gewachsenen Strukturen, mit Institutionen, Hierarchien?

    • Danke für Feedback, Jürgen. Du hast Recht, das wird hier und in dem kurzen Video nicht ganz klar.

      Auf dem Bild sind zwei Jungen im ehemaligen Camp für Geflüchtete in Jesevac aus diesem Jahr zu sehen. Sie sind Kinder von Menschen, die vor 25 Jahren als Kinder mit ihren Müttern aus Srebrenica geflohen sind. Tatsächlich beschreibt die Bildunterschrift im Buch, dass Trauma über Generationen weitergegeben wird: „transgenerationale Trauma-Weitergabe“. Man spricht deshalb von zweiter und dritter Generation Opfer.

      Viele Grüße

      Sven