27. Mai 2020 Lesezeit: ~4 Minuten

Heimat – Ansichten über ein Gefühl

#wirbleibenzuhause ist ein aktuell ein vielgeteilter Hashtag. Wohl allen, die wissen, wo ihr Zuhause ist und sich dort wohlfühlen. Für manche ist es Heimat. Für andere ist Heimat ein schwieriger Begriff. Ich habe mich in den letzten Jahren auf die Suche nach vielschichtigen Heimatbildern gemacht. Meine Idee war, dass Heimat auf einem Gefühl basiert, das sich nicht leicht beschreiben lässt.

Darüberhinaus ist es geprägt von der Landschaft. Fotos können helfen, schwer Erzählbares darzustellen. Mein Ziel war es, die Artikel und Fotos in Buchform zu veröffentlichen. Zwischen 2015 und 2019 traf ich 36 Männer und Frauen aus vier verschiedenen Ländern sowie verschiedener Alters- und Berufsgruppen. Es eint sie, dass sie profilierte Ansichten von ihrem persönlichen Heimatbegriff haben.

Frau in einer Landschaft

Meine Reisen führten mich unter anderem in das Pitztal (Tirol), nach Hoorn (Niederlande), Hooksiel am Jadebusen, List auf Sylt, Cottbus, Finsterwalde, Stuttgart, Köln, in Dörfer im Westerwald und in den Vinschgau (Südtirol). So gesehen wurde das Projekt zum Roadtrip über Jahre, dessen Konzept anfänglich festgelegt und dann ausschließlich verfolgt wurde. Die Bilder werden begleitet von Texten, die auf den Interviews basierten. So entstand eine Sammlung von vergleichbaren Heimatbildern.

Die Arbeit erforderte Disziplin, Zeitmanagement und die Entschlossenheit, frühzeitig eine eigene Bildsprache zu entwickeln, die sich über Jahre verfolgen lässt. Für die Publikation habe ich die Grafikerin Anke Schabacker aus Bremen mit dem Entwurf des Layouts beauftragt, den ich anschließend mit Inhalt füllte. So entstand eine bezahlbare Druckvorlage mit einem, wie ich finde, ästhetisch ansprechenden Design.

Person an einem Hafen

Erfahrungen

Organisatorisch war die größte Aufgabe die Akquise von Teilnehmer*innen, die Terminplanung und die Übung in Geduld. So gelang es, ein Jahr nach dem ersten Kontakt mit der viel beschäftigten WDR-Journalistin Christine Westermann zu sprechen. Rückwirkend war es ein beeindruckendes Gespräch, in dem nicht immer klar war, wer wen interviewt.

Wie gern denke ich an das Gespräch mit dem Sternekoch Vincent Klink in seinem kleinen Büro neben der Küche zurück, wo Maultaschen und Gaisburger Marsch zubereitet wurden. Mit Pater Benedikt Michels durchstreifte ich bei leichtem Schneefall den Wald im Dämmerlicht, mit Fährkapitän Thorsten Wilke dampfte ich durch das winterliche Wattenmeer.

Der Dombaumeister Wolfgang Zehetner führte mich auf das Dach des Wiener Stephansdoms, Prof. Beate Mitzscherlich durch ihr heimatliches Cottbus. Irmgard Eberle zeigte mir im Bregenzerwald ihre in Truhen gelagerten Trachten, Thilo Kraneis sein vom Verschwinden bedrohtes Pödelwitz nahe Leipzig. Mit Dr. Friedrich Geyken fuhr ich durch Ostfriesland und in Wien unterhielt ich mich mit Prof. Julio Mendivil über peruanische Folklore, deutsche Schlager und andere musikalische Heimaten.

Portrait auf einer Straße

Der Wert eines Langzeitprojekts

All diese Erlebnisse, Gespräche und Fotos verstehe ich als Gewinn, der auch dazu beitrug, mein Gefühl für Heimat zu konkretisieren. Mit Geld ist so etwas schwer aufzuwiegen. Die Frage nach dem Wert eines fotografischen Langzeitprojekts darf sich nicht auf den Bucherlös beschränken. Es galt, Fotos von und Texte über die Personen anzufertigen, die beide Parteien bestenfalls begeistern.

Portrait in den Bergen

Herausforderungen

Als Herausforderung stellte sich fotografisch nicht die Technik heraus, sondern die Aufgabe, vor Ort im Gespräch mit den Interviewpartner*innen eine Situation zu schaffen, die Teil einer Geschichte sein kann. Welche Lichtsetzung ist am förderlichsten?

Die Sammlung verschiedener Ansichten von Heimat ist keine Handlungsanweisung, sondern regt an, sich über das eigene Zuhause Gedanken zu machen. Die renommierte Heimatforscherin Prof. Beate Mitzscherlich konnte ich gewinnen, ein übergreifendes Vorwort zu schreiben.

Vielleicht hilft das Buch in Zeiten von #wirbleibenzuhause, Heimat individuell zu identifizieren und zu gestalten. Die Gesprächsbereitschaft vieler Menschen zeigt mir, dass das Thema Heimat noch lange nicht erschöpft ist.

Buchcover mit Wolken und einem Leuchtturm in der Ferne

Informationen zum Buch

„Heimatbilder – Geschichten und Ansichten über ein Gefühl“ von Hauke Bietz
Sprache: Deutsch
Einband: Hardcover
Seiten: 92
Verlag: buch.one Verlag Offsetdruckerei Grammlich GmbH
Preis: 29,90 €

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4 Kommentare

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  1. Eigenartig, dass so viele Menschen finden, Heimat sei da, wo sie allein mit viel Landschaft als Dekoration und ohne lästige Mitmenschen sind. Nicht einmal der Partner oder die Kinder kommen mit aufs Bild.

    • Ja, das stimmt zum Teil. Heimat scheint ein existentieller Begriff zu sein, der sich in letzter Konsequenz über die einzelne Person definiert. Landschaft ist dabei ein prägender Faktor neben anderen. Der Begriff ist viel diskutiert und dennoch nicht eindeutig – aber deshalb so interessant.

  2. Vielleicht müsste ich das Buch mal wirklich lesen, um die Absicht tatsächlich zu begreifen. Das gelingt mir hier mittels Beitrag nicht. Die Problemstelle dazu markiert dieser Satz:

    „…Die Sammlung verschiedener Ansichten von Heimat ist keine Handlungsanweisung, sondern regt an, sich über das eigene Zuhause Gedanken zu machen…“

    Mag sicher nicht jedem so gehen , aber Zuhause und Heimat sind für mich völlig verschiedene Dinge. Ohne das zu berücksichtigen, ist Heimat nicht erklärbar.