28. April 2020 Lesezeit: ~8 Minuten

Rezension: Untold Stories – Peter Lindbergh

Peter Lindbergh wurde am 23. November 1944 im heutigen Leszno (Polen) als Peter Brodbeck geboren. Er wuchs mit seinen Eltern und zwei Geschwistern in Duisburg mitten im Ruhrgebiet auf. Nachdem er zunächst Schaufensterdekorateur wurde und anschließend Malerei studierte, wandte er sich 1971 der Fotografie zu und nahm den Künstlernamen Lindbergh an.

1978 zog er nach Paris und wurde international bekannt. Er arbeitete für die Vogue, das Rolling Stone Magazin und weitere bekannte Magazine. 1990 brachte Peter Lindbergh mehrere international bekannte Modelle zu einem Shooting zusammen und lichtete sie für ein Titelbild der britischen Vogue ab. Das war der Anfang des sogenannten Supermodel-Phänomens.

Das Modell mit ihrer individuellen Persönlichkeit bekam Raum und Bedeutung, es konnte sich vor der Kamera entfalten. Die Mode trat etwas in den Hintergrund, ohne ihre Präsenz gänzlich zu verlieren. Peter Lindbergh kam in der Folge nicht nur in die angesehensten Galerien und Museen der Welt, sondern es zahlte sich auch finanziell für ihn aus.

Er war zu diesem Zeitpunkt sicherlich einer der Top-Verdiener in der Fotobranche. Wenn ich mir Videos anschaue, die Peter Lindbergh on Location oder mit den Modellen bei gemeinsamen Terminen zeigen, sehe ich da mehr als eine rein professionelle Pflichtveranstaltung. Es scheinen eher ein sehr vertrautes, freundschaftliches Verhältnis und ehrliche Wiedersehensfreude zu sein.

Frau an einer Maschine

Seine zumeist schwarzweißen Fotos erzählen Geschichten, sowohl bei Einzelbildern aber natürlich erst recht bei Serien, wie beispielsweise dem Marsmännchen-Shooting mit Helena Christensen für die italienische Vogue.

Inspirationen und Adaptionen für seine Shootings nahm Peter Lindbergh auch aus dem filmischen Expressionismus der 20er Jahre sowie aus den Locations in Stadtzentren, Industrieanlagen, Häfen und Hinterhöfen. Er ließ Modelle auf den Straßen New Yorks im normalen Strom der Personen und Fahrzeuge mitlaufen und fotografierte sie dabei.

Sie sollten sich frei und natürlich bewegen und ihn und die Kamera ignorieren. Eine Art teilinszenierter Straßenfotografie im Gegensatz zur Studio-Laufsteg-Fotografie. Keine Regieanweisungen, kein gekünsteltes Posing für die Kamera, Mode als eine Art Reportage in und aus der realen Welt.

Was mich interessiert, ist diese gewisse Wirklichkeit hinter der Fassade. (Peter Lindbergh)

Ein Picknick in einer alten Hafenanlage, das Glas in der einen, die Zigarette in der anderen Hand, offene Jacketts, gelockerte Krawatten. Vier Frauen am Tisch, Essen, Geschirr – im Hintergrund vier unscharfe Personen, vermutlich Männer. Auch wenn die Grundzüge der Szenerie vielleicht noch klassischen, konservativen Sichten entsprechen könnten – Frauen am Essenstisch und Männer etwas abseits bei der Unterhaltung – verraten erst die Details, dass es eine eher neue, ungewohnte Darstellung bzw. Sicht auf die Inhalte ist.

Vier Frauen essen an einem Tisch

Weiter kann man sich von der klassischen Modefotografie à la nachgeordnete, gestylte und aufwändig, fast maskenhaft geschminkte „menschliche Kleiderpuppen“ auf Laufstegen mit extremem Fokus auf Kleidung und Körper, kaum entfernen.

Der Freiraum in der Bildmitte lässt den Blick auch den hinteren Bildbereich erkunden, um dann wieder zum Hauptmotiv zurückzukehren und sich in den Details zu verlieren. Dieses Bild hat mich im Buch und in der Ausstellung sehr nachhaltig angesprochen, ich bin froh es zur Illustration in dieser Rezension nutzen zu dürfen.

Spuren in Gesichtern, die das Leben für ihn ausmachen, ungeschminkte natürliche Bilder, die tief in die Persönlichkeit der abgebildeten Person blicken lassen. Diese Bilder von Personen, gestandenen Modellen wie Naomi Campbell und Schauspielerinnen wie Helen Mirren, hat er neben einigen Landschaftsbildern und Stillleben für die Ausstellung und damit für das Buch selbst ausgewählt.

Frauenportrait

Durch die Bilder im Buch „Untold Stories“ aus dem Verlag Taschen, die für mich in Größe und Drucktechnik sowie dem ausgewählten Papier den Eindruck der Ausstellung gut wiedergeben, kann man mit dem Buch in heimischer Umgebung den Besuch der Ausstellung, der ja in kurzer Zeit eine Vielzahl von Eindrücken auf einen einwirken lässt, später in Ruhe nochmals Revue passieren lassen.

Details entdecken, die vor Ort nicht wahrgenommen worden sind, oder sich in Ruhe Gedanken über die Geschichte im Bild und die beabsichtigte Aussage zu machen, genau dafür ist das Buch, das ja gleichzeitig der Katalog zur Ausstellung ist, gemacht.

Die Ausstellung „Untold Stories“ ist die erste von Peter Lindbergh selbst kuratierte. Sie war ihm sehr wichtig und er nahm sich Zeit. Über zwei Jahre dauerten seine Auswahl und die Planung der Hängung der etwa 140 Bilder. Er wählte normales, nicht entspiegeltes Glas. Reflexionen sind Teil des fotografischen Erlebens und Sehens im Raum. Ein kleiner Schritt nach rechts oder links und schon ändert sich die Sicht auf das Bild gravierend, man entdeckt Neues, anderes tritt zurück.

Daneben in einem anderen Raum oder auf der gegenüberliegenden Wand überlebensgroße Abzüge auf einfachem Papier mit einem deckenhohen Übereinander von Bildern ohne trennende Abstände. Das Übereinanderhängen nehme den Bildern den Louvre-Stil, wie Peter Lindbergh selbst sagte. Peter Lindbergh hat sich sehr intensiv und detailliert mit der geplanten Ausstellung beschäftigt. Drei Tage vor seinem Tod war er mit seiner Arbeit fertig, womit die Ausstellung und das Buch „Untold Stories“ sein sehr persönliches Vermächtnis an die Fotografie wurden.

Menschen mit Masken

Das Buch ist in bewährter Taschen-Qualität mit Fadenbindung und tiefgeprägtem Leinenrücken ausgeführt. Je drei Textseiten, auf Deutsch, Französisch und Englisch, geben sehr persönliche Erinnerungen von Wim Wenders an den verstorbenen Peter Lindbergh wieder. Weitere je sechs Textseiten, ebenfalls mehrsprachig, sind einem Interview von Felix Krämer, dem Generaldirektor des Kunstpalastes in Düsseldorf, mit Peter Lindbergh gewidmet, das er 2019 im Zusammenhang mit „Untold Stories“ geführt hat.

Die Wahl von mattem Papier für das Buch hat mich zwar zunächst etwas irritiert, aber auch in Verbindung mit dem Ausstellungsbesuch empfinde ich die Wahl als richtig und passend. Bei der Betrachtung der Fotos, die häufig größere Schattenanteile oder unscharfe Objekte im Vorder- oder Hintergrund enthalten, sollte man sich Zeit nehmen. Anders als bei anderen bekannten Schwarzweißdrucken, wie beispielsweise in den Salgado-Büchern aus dem Verlag Taschen, springt der Inhalt, oder besser gesagt der Inhalt neben dem eher schnell erkennbaren Hauptinhalt, nicht sofort ins Auge, wird vom Sehzentrum manchmal nicht sofort erfasst.

Besonders ein Bild ist mir da sehr deutlich vor Augen: Ein Modell, halbwegs zentral angeordnet, Gesicht, Haare und Kleidung in Abstufungen gut erkennbar und ein größerer, aus feinen Graustufen herauskommender Schattenbereich auf der rechten Seite. Erst beim wiederholten und dann auch längeren Betrachten des Bildes bemerkte ich die männliche Person im Schattenbereich. Nach dieser Entdeckung habe ich mir auch andere Bilder nochmals länger angeschaut und in vielen Fällen Details oder bewusst eingesetzte Gestaltungselemente gefunden, die ich als Anhaltspunkte auch in meine eigenen fotografischen Arbeiten einzubinden versuche.

Mann lachend an einer Straße

Zu seinem möglichen Tod hat sich Peter Lindbergh einmal sehr pragmatisch geäußert: „macht kein großes Theater … dann kann ich endlich ein bisschen länger schlafen.“

Im Zusammenhang mit der besuchten Ausstellung und dieser Rezension habe ich mich sehr intensiv mit Peter Lindbergh beschäftigt. Über ihn gibt es sehr viele Berichte und Videos mit Interviews, Informationen über Ausstellungen und Projekte, Informationen von und über ihn. Diese sehr lohnenswerte und spannende Recherche kann ich nur allen empfehlen, ich habe bewusst auf Links verzichtet, um Euch das Abenteuer der Suche und des Entdeckens nicht vorwegzunehmen.

Ich konnte in all dem keinerlei Anzeichen für Extravaganz, Selbstinszenierung oder Starallüren entdecken. Für mich ergab sich das Bild eines gereiften, sehr freundlichen, empathischen und ehrlichen Menschen. Ich denke, ich hätte ihn wirklich gern einmal persönlich kennengelernt.

Buchcover

Informationen zum Buch

„Peter Lindbergh. Untold Stories“
Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch
Einband: Gebunden
Maße: 27 x 36 cm, 1,91 kg
Seiten: 320
Verlag: Taschen
Preis: 60 €

Informationen zu den Ausstellungen

(Wegen derzeitiger Schließungen prüft bitte die Termine auf den Webseiten der jeweiligen Museen.)

Zeit: 5. Februar – 1. Juni 2020
Ort: Kunstpalast, Düsseldorf

Zeit: 20. Juni – 1. November 2020
Ort: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Zeit: 4. Dezember 2020 – 7. März 2021
Ort: Hessisches Landesmuseum, Darmstadt

Zeit: März – Mai 2021
Ort: Madre, Museo d’Arte Contemporanea Donnaregina, Naples

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5 Kommentare

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  1. Vielen Dank für den sehr guten Artikel über diese Ausstellung, die ich das Vergnügen hatte auch noch zu sehen. Übrigens soll sie in anderer Form Ende des Jahres nochmal in Darmstadt zu sehen sein.

    Nur eine kleine Anmerkung zu „Die Wahl von mattem Papier für das Buch hat mich zwar zunächst etwas irritiert….“ Die Irritation entstand durch die mangelhafte haptische Qualität des Papiers. Ein einfaches Offsetpapier, dass zudem unerwartet leicht und dünn ist, ist für einen Katalog mit diesem Verkaufspreis überhaupt nicht angemessen.

    Als langjähriger Einkäufer und Produktioner/Verlagshersteller von Printmedien muss ich sagen, dass der Kollege des Taschen-Verlags bei der Papierauswahl versagt hat. Die einschlägigen Papierhersteller bieten eine große Auswahl an gleichzeitig matten und besseren Papieren an. Ich hoffe dieser Fehler wird in der Buchhandelsausgabe oder Zeiten Auflage korrigiert.

    just my 2 cents

  2. Ich selbst habe seit vielen Jahren einen kleinen Bildband von ihm. Immer wieder schaue ich hinein. Die Aufnahmen sind noch aus analogen Zeiten und haben nichts an ihrem Charme verloren. Lindbergh ist einer der wenigen, denen ich gerne persönlich begegnet wäre.

    In einem Atemzug kann man sicherlich auch Jim Rakete nennen, der einen ähnlichen Stil hat und im übrigen mit Lindbergh befreundet war. Er hat Lindbergh bei seiner Arbeit mit den echten Models hin und wieder portraitiert.

    Von der Bildsprache her kann man diesen Bildband blind kaufen, man kann gar nicht enttäuscht werden. Aber die Haptik ist schon wesentlich bei einem Buch. Schade, wenn diese nicht zu passen scheint.

  3. Auch von meiner Seite: Vielen Dank für den Einblick, den du hier gibst. Ich kenne Lindbergh natürlich, hatte mich aber bislang noch nicht tiefgründiger mit ihm beschäftigt. Dein Artikel macht in der Tat Lust auf mehr.

    Grüße, Wilhelm

  4. Peter Lindbergh ist ein ganz Großer. Er ist für mich der Miles Davis der (Mode)Fotografie. Stilbildend, eine wirkliche Legende. Vor ein paar Jahren habe ich die Ausstellung From Fashion to reality in München gesehen und war begeistert. Deshalb werde ich mir auch diesen Band zulegen, darin blättern, und dazu von Miles ‚Just Squeeze Me’ hören. Papier hin oder her. Wer gerne dickeres Papier mag, sollte sich – ebenfalls von Taschen – A Different Vision on Fashion Photography zulegen.
    No conflicts of interest! Danke für die Rezension!

  5. Lindberghs Fotografie hat mir schon immer gefallen, wollte mir das Buch direkt bestellen, aber die von vielen bemängelte Qualität und vor allem der Geruch haben mich abgehalten. Jetzt da man wieder in Buchhandlungen kann, muss ich erst mal daran schnuppern.