31. März 2020 Lesezeit: ~6 Minuten

Wie aus Satellitenbildern Kunst wurde

Bei den Aufnahmen, die man aus Google Earth kennt, denkt man nicht unbedingt sofort an künstlerische Fotografie, doch die kuratierten Satellitenaufnahmen des Projekts Google Earthview ändern das. Bevor ich näher darauf eingehe, wage ich aber erst einmal einen Blick zurück.

Google hatte mit seinem Projekt Google Earth im Jahr 2001 eine Software veröffentlicht, die es uns normalen Endanwender*innen möglich gemacht hat, Satellitenaufnahmen von fast allen Orten der Erde anzusehen.

Eine Luftaufnahme von einem Straßennetzwerk

© DigitalGlobe

Damals hatte ich noch überhaupt nichts mit der Fotografie am Hut, weiß aber noch sehr genau, wie das Programm meinen Computer in die Knie zwang und sich die Bilder nur sehr langsam auf meinem Bildschirm aufbauten – wenn sie es überhaupt taten.

Trotzdem habe ich nicht wenig Zeit in Google Earth verbracht und war sehr fasziniert von dieser neuen Perspektive. Die Welt sah von oben irgendwie ganz anders aus, als ich sie mir immer vorgestellt hatte.

Sogar die Sicht auf meine unmittelbare Nachbarschaft hat sich durch das Programm verändert und wenn man dann mal ein bisschen hin- und her gescrollt hat, fand man Ästhetik an Stellen, an denen man sie nicht erwartet hätte.

Eine Luftaufnahme von Feldern neben Bergen

© CNES / Astrium, Cnes/Spot Image, DigitalGlobe

© DigitalGlobe, Getmapping plc, Infoterra Ltd & Bluesky, The GeoInformation Group

Ein Autobahnkreuz offenbarte erst von oben die Schönheit dieser eigentlich funktional durchgeplanten Symmetrie. Die klaren Linien von landwirtschaftlichen Feldern stechen aus der umliegenden Natur heraus wie ein bunter Hund.

Der Ort, an dem das Meer auf die Küste trifft, stellt den wunderbaren Kontrast der Elemente eindrucksvoll dar. Irgendwie scheinen alle Größenverhältnisse aus dieser Perspektive verzerrt zu sein und alles Menschengemachte ordnet sich der natürlichen Umgebung unter.

© CNES / Astrium, DigitalGlobe

Heute, fast 20 Jahre später, gehören Satellitenbilder zu unserem Alltag. Wir sehen sie nicht nur in Navigations-Apps sondern auch in unzähligen anderen Anwendungen und Webseiten. Durch die in den letzten Jahren immer zugänglicher gewordene Drohnenfotografie hat sich unser Konsum von Luftaufnahmen noch einmal verändert und die Vogelperspektive noch näher an uns herangebracht.

Auch für eben diese Drohnenpiloten spielen Satellitenaufnahmen eine große Rolle, weil sie eine fantastische Möglichkeit bieten, um Orte zu finden, die aus dieser Perspektive fotogen sind.

© Institut Cartogràfic de Catalunya, Maxar Technologies

© DigitalGlobe

Vermutlich inspiriert von beidem – Drohnenaufnahmen und Satellitenbildern – startete Gopal Shah, seines Zeichens Produktmanager bei Google, vor einigen Jahren das Freizeitprojekt Earthview, indem er gezielt Luftaufnahmen kuratierte, sie einer Bildbearbeitung unterzog und in einer Sammlung zusammenfasste.

Er selbst bezeichnet sich als Fotograf, der seine Arbeit nicht in der echten, sondern der virtuellen Welt mit der Hilfe von Google Earth vollbringt. Aus dem Ein-Mann-Projekt wurde bald ein größeres Team, es gab eine Erweiterung für den Chrome Browser, um durch die Galerie zu scrollen und die entstandenen Fotos wurden unter anderem als Hintergrundbilder für Android-Telefone verwendet.

Mittlerweile umfasst die Sammlung mehrere tausend Fotos aus allen Kontinenten der Erde und die Webseite wurde um einige Funktionen erweitert: So könnt Ihr zum Beispiel zu allen Bildern die genauen Geodaten einsehen, Euch auf einem Globus gezielt Orte aussuchen oder die Fotos nach Farben filtern.

© DigitalGlobe

© CNES / Astrium, Cnes/Spot Image, DigitalGlobe, Landsat

© Maxar Technologies

Das Team um Earthview sagt selbst: „Es ist Kunst, aber wir sind nicht die Künstler. – Die Natur ist der Künstler.“ Laut ihnen zeichnet sich ein gutes Bild des Projekts Earthview dadurch aus, dass nicht unmittelbar klar ist, was man gerade sieht. Man soll sich näher mit dem Bildinhalt beschäftigen müssen, um zu begreifen, ob es sich um ein Gewässer, einen Berg oder etwas ganz anderes handelt.

Das trifft tatsächlich auf einen großen Teil der Aufnahmen zu. Manchmal scheinen sie noch nicht einmal von der Erde zu stammen, was zum Teil auch an der gelungenen Bildbearbeitung liegt.

Es sind aber nicht nur diese abstrakten Aufnahmen, die einen in ihren Bann ziehen. Ein Bild vom Hafen von Palma De Mallorca konnte mich zum Beispiel genauso fesseln. Die vielen kleinen Straßen und die Muster, die sich durch die Dächer der Gebäude ergeben, wirken fast wie ein sehr feines und durchdachtes Gemälde. Ich musste sogar mehrfach in der Earthview-Slideshow zurückspringen und mir das Bild noch einmal anschauen, weil es mich nicht losgelassen hat.

© DigitalGlobe

© Maxar Technologies, Sanborn, U. S. Geological Survey, USDA Farm Service Agency

Die Abwechslung in den Aufnahmen ist überwältigend und man springt vom Abstellgleis eines Bahnhofs zu einer einsamen Insel im Meer zu einer Bergkette, zu einer Wüste zu einem See, zu einer Autobahn und so weiter. Und jedes dieser Motive hat auf seine ganz eigene Art und Weise seinen Charme und die Berechtigung, Teil dieser Galerie zu sein.

Als ich die Slideshow startete, ging ich davon aus, dass mich die immer gleiche Perspektive schnell langweilen und nichts auf Dauer Faszinierendes mehr mitbringen würde, aber die ganz große Mehrheit der Bilder entlockte mir tatsächlich ein „Wow!“ sowie ehrfürchtiges Kopfschütteln.

© DigitalGlobe

© CNES / Airbus, Maxar Technologies

Google Earthview gehört für mich zu einem dieser Projekte, die etwas anders machen als alle anderen, dabei aber ganz unaufgeregt und einfach zu konsumieren sind, gerade dadurch aber glänzen.

Was haltet Ihr von Google Earthview? Seid Ihr durch die vielen Drohnenfotos der letzten Jahre schon übersättigt oder kann Euch diese noch weiter erhöhte Perspektive genauso faszinieren wie mich?

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3 Kommentare

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  1. Ich muss zugeben, selbst auf meinen Seiten Google Maps zu benutzen, die Basis für dieses Projekt. Und ich tu dies mit gewaltigem Bauchweh. Denn es zeigt sich, wie abhängig wir mittlerweile von Google sind und wie wir nicht nur von Google diesbezüglich ausspioniert werden. Selbst das Bauamt nutzt das Programm, um in unsere Gärten zu schauen. Es wird also zur staatlichen Überwachung eingesetzt.

    Zudem nimmt uns die unbegrenzte Möglichkeit, Dinge schon im Vorfeld anzuschauen, RAum, Dinge zu entdecken. Wir können uns kaum noch überraschen lassen.

    Ich starte also nach solchen Bildern und nach Geodaten eine Drohne und kopiere einfach ein Motiv. Übrigens fatal für unsere Umwelt, denn ein großer Teil unseres umweltschädlichen Reisewahns besteht daraus, Orte auf der Welt aufzusuchen, um Bilder nachzumachen. Es gibt selbst Bücher mit Geodaten als Motivratgeber. Solche Entwicklung ist für mich dann keine Kunst, sondern eine Wohlstandskrankheit.

    Auch, wenn ich bisher etwa 2000 Karten angelegt habe, arbeite ich an einer Alternative, die ohne Datenspionage auskommt. Um dieser Monopolisierung etwas entgegen zu setzen.

    Und so denke ich auch hier, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt.

  2. Ich Stimme Kai zu. Ich halte das auch für eine Wohlstandskrankheit.

    Momentan freue ich mich über die Vorteile det drastischen Maßnahmen in der Coronakrise. Bin heute mirgen in wunnderbarer Ruhe soazietengegangen. Außer mir nur Fledetmäuse und zwei oder drei Hunde sowie zwei Jogger unterwegs, dazu das Klopfen einer Meise, das Schnattern einer Meise und Gurten von ein paar Tauben.

    Google Earth und Drohnen brauche ich nicht zum Glücklichsein. Eine alte Kamera mit 35mm Festbrennweite hatte ich jedoch dabei. Ganz ohne Technik will auch ich nicht Leben.