07. Juni 2019 Lesezeit: ~7 Minuten

Lavendelblüte in der Provence

Die Provence in Frankreich als fotografisches Reiseziel habe ich für mich im Spätsommer 2016 entdeckt. Damals verbrachte ich gemeinsam mit meiner Frau und unseren beiden Dalmatinern eine Woche im kleinen Örtchen Crestet in der Nähe von Vaison-La-Romaine im Département Vaucluse.

Vormittags und am frühen Abend unternahmen wir Ausflüge in die nähere Umgebung, um die Mittagszeit und am Nachmittag waren die Temperaturen so hoch, dass wir uns lieber schattige Plätzchen oder auch Abkühlung in einem der umliegenden Flüsse oder Canyons suchten. Wer Wein mag, kommt in dieser Region ebenfalls auf seine Kosten, besonders die Weißweine sind von hoher Qualität.

Mit dem Mont Ventoux, der nicht nur als regelmäßiges Bergetappenziel der Tour de France bekannt ist, hatten wir einen großartigen Ort für Fotos direkt vor der Haustür. 1.912 m ragt der alleinstehende Berg in den Himmel und sowohl zum Sonnenauf- als auch zum -untergang bieten sich hier großartige Ausblicke ins umliegende Land bis hin zu den französischen Alpen.

Sonnenuntergang

Auch das Durchwaten der „Gorges Du Toulourenc“, einer langgezogenen Schlucht, die von türkisfarbenem Wasser durchflossen wird, ist nicht nur ein erfrischendes, sondern auch aus fotografischer Sicht besonders attraktives Abenteuer.

Nachdem ich die eine oder andere Engstelle überwunden hatte, traf ich auf mehrere kleine Fallstufen und Wasserfälle, die sich gut unter Verwendung eines Graufilters fotografieren ließen – die umliegenden Felswände spendeten ausreichend Schatten, um auch tagsüber ausgewogen belichtete Fotos aufnehmen zu können, und das fließende Wasser verschwamm durch die lange Belichtungszeit.

Bei unseren weiteren Ausfahrten stießen wir dann in der Umgebung von Sault auch auf ausgedehnte Lavendelfelder – Ende August waren die Pflanzen leider schon abgeerntet oder verblüht, aber meine Fantasie war angeregt: Unbedingt wollte ich diese weiten Lavendelfelder einmal in voller Blüte erleben und auch fotografieren!

Bachlauf mit Felsen

So begann ich zuhause direkt nach der Rückkehr aus dem Urlaub mit der Recherche: Wo finde ich die schönsten Lavendelfelder und wann ist es am wahrscheinlichsten, sie in voller Blüte anzutreffen? Die Hochebene von Valensole schien mir wegen der Nähe zum Flughafen Marseille am besten geeignet. Als Zeitraum wählte ich Ende Juni bis Anfang Juli um einen Neumond herum – dazu aber später mehr.

So kam es, dass ich im Sommer 2017 in die Provence zurückkehrte, genauer gesagt ins Département Alpes-de-haute-Provence. An der Mietwagenstation am Flughafen von Marseille erzählte mir eine der Mitarbeiterinnen, dass in der Gegend um Valensole vor vielen Jahren eine sehr populäre taiwanesische Seifenoper gedreht worden sei, weshalb recht viele asiatische Gäste zu den Lavendelfeldern pilgern und Szenen der Serie für Fotos nachstellten – ich war gespannt!

Sonnenuntergang über einem Lavendelfeld

Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichte ich dann die wohl am häufigsten fotografierten Lavendelfelder der Provence – sie befinden sich unmittelbar entlang der Straße von Manosque nach Valensole und sind nicht zu verfehlen, bewirtschaftet werden sie von Lavandes Angelvin. Im hübschen, angeschlossenen Verkaufsraum werden allerlei Lavendelprodukte wie Seifen, Duftsäckchen oder Öle zum Kauf angeboten, schräg gegenüber gibt es vergleichbare Produkte aus ökologischem Lavendelanbau.

Was für ein Erlebnis für die Sinne: Der intensive Duft des Lavendels, die leuchtenden Farben, soweit das Auge reicht, und dazu dann das stetige Summen der Bienen, die den Lavendel bevölkern – ich kam mir vor wie in einer anderen Welt!

Haus am Horizont in einem Lavendelfeld

Warum sind ausgerechnet diese Felder bei Fotograf*innen so populär? Drei Aspekte, die so sonst selten zusammenkommen, geben hier aus meiner Sicht den Ausschlag: Erstens verlaufen die sehr gut gepflegten Lavendelreihen hier nicht einfach eben – das Land ist eher hügelig und der Lavendel ist in einer Senke gepflanzt, ehe er Richtung Horizont sanft ansteigt.

Zweitens stehen am Ende des Felds einige freistehende Bäume, die sich wunderbar als Fluchtpunkt in die Kompositionen einbauen lassen. Zu guter Letzt ist die Ausrichtung der Felder so, dass zum Zeitpunkt der Blüte im Sommer die Sonne genau hinter den Feldern untergeht, was zu besonders schönem Licht und einem bunten Himmel führen kann.

Was man auf den meisten Fotos dieser Felder allerdings nicht sieht, sind die Stromleitungen, die quer hinter dem Feld verlaufen – die meisten entfernen sie in der digitalen Nachbearbeitung, um die Idylle unberührt und perfekt erscheinen zu lassen.

Ebenfalls sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass man hier zum Sonnenuntergang in einsamer Abgeschiedenheit fotografieren kann: In der Regel verteilen sich die Teilnehmer*innen mehrerer Fotoworkshops zwischen den Lavendelreihen und lautstark werden andere Gäste, die im Bild stehen, aufgefordert, das Feld zu verlassen.

In einem Feld mit vielen Fotograf*inen

Und tatsächlich trifft man zu fast jeder Tageszeit auf asiatische Gäste, die sich mit wehenden Kleidern und Hüten inmitten der Lavendelfelder fotografieren lassen – die Dame bei der Autovermietung hatte nicht zu viel versprochen.

Um die weiten, hügeligen Lavendelfelder optisch zu komprimieren, verwendete ich bevorzugt eine Telebrennweite von etwa 100 bis 400 mm. Auch das Spiel mit Schärfe und Unschärfe unter Verwendung einer Offenblende funktioniert bei Detailaufnahmen sehr gut – überhaupt laden die vielen Lavendelfelder zum Experimentieren ein.

Beim Fotografieren der Lavendelfelder zum Sonnenuntergang bietet sich außerdem die Technik des „Time Blendings“ an: Zunächst erstelle ich unter Verwendung eines Stativs eine erste Aufnahme der Szenerie, so lange die Sonne den Lavendel noch direkt bescheint – die Farben leuchten dann besonders intensiv und auch der Farbton ist so, wie man ihn sich bei Lavendel vorstellt.

Lavendel

Anschließend lasse ich Kamera und Stativ ausgerichtet stehen und fertige kurz nach Sonnenuntergang in unveränderter Position eine zweite Aufnahme an, auf der der Himmel schöne Orange- und Rottöne zeigt – die Farbe des inzwischen im Schatten liegenden Lavendels wirkt bei dieser Aufnahme eher unnatürlich dunkelblau. In der digitalen Bildbearbeitung überblende ich dann beide Aufnahmen, so dass der lavendelfarbene Vordergrund mit dem bunten Himmel kombiniert wird.

Bei der Erkundung der näheren Umgebung passierte ich eine Vielzahl weiterer Lavendel- und Sonnenblumenfelder und schnell wurde mir klar, warum diese Gegend auch viele Kreative wie van Gogh oder Cézanne inspirieren konnte.

Dämmerung über einem Lavendelfeld

Immer wieder treffe ich auf einzeln stehende Bäume oder alte Steinruinen inmitten der Lavendelfelder. Nach Sonnenuntergang kehrte ich zurück und nutze sie als Vordergründe während der nächtlichen Milchstraßenfotografie. Bei Neumond ist die Gegend dafür um diese Jahreszeit perfekt geeignet.

Die Lichtverschmutzung hält sich in Grenzen und das galaktische Zentrum der Milchstraße ist für mehrere Stunden sichtbar. Zur Planung der Kompositionen verwendete ich Apps wie The Photographer’s Ephemeris oder auch PhotoPills.

Milchstraße über einem FeldMilchstraße über einem Feld

In den nächsten Tagen erkundete ich weitere mittelalterliche Städtchen in der Umgebung. Besonders gefiel mir die hart an die Felskante gebaute Ortschaft Moustiers-Sainte-Marie, auch das viel fotografierte, aber auch von Menschen überlaufene Kloster Abbaye Notre-Dame de Senanque in der Nähe von Gordes ist immer einen Abstecher wert.

Und dazwischen: Immer wieder finden sich wunderbare Lavendelfelder, weite Wiesen mit Klatschmohn oder auch von Platanen gesäumte Alleen, die sich als Fotomotive anbieten. Vermutlich habe ich bislang nur einen Bruchteil der Provence fotografisch entdecken können – Grund genug, wiederzukommen!

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2 Kommentare

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  1. Tsja, und mit jedem weiteren Artikel werden die Orte nur noch häufiger besucht. Aber schön, dass weiter eifrig Reiseberichte geschrieben und veröffentlicht werden.

    • Nun ja, die links führen auf offizielle Touristenseiten, die habe ich auch ohne ihn schon vorher gefunden. Es gibt keine einsame Orte mehr. Anfang der 80er Jahre bin ich ganz oben auf dem Pont du Gard gelaufen und mitten durch Stonehenge, ganz alleine, niemand um mich herum. Die Zeiten sind vorbei.

      Ich rate auch jedem ab, nach Venedig und Rom zu fahren. Das gleiche hat mir auch jemand bezüglich Barcelona geraten.

      Gefällt mir auch nicht, ist aber so.