21. Februar 2019 Lesezeit: ~4 Minuten

Cyanotopia – Im Rausch der Variation

Ich war nie ein großer Dunkelkammerfan. In der Hochschule habe ich nicht verstanden, was Leute treibt, sich freiwillig stundenlang in einen muffigen dunklen Raum zu hocken. Für Cyanotypien sollte es beim Ausstreichen der Chemie schon etwas abgedunkelt sein, aber viele Schritte sind im Hellen möglich.

Das war einer der Hauptgründe, mich für dieses Verfahren zu entscheiden. Und ich suchte nach einem günstigen Edeldruckverfahren, bei dem man nicht gleich Tausende Euro ausgeben muss, bis spannende Ergebnisse möglich sind.

Natürlich ist der Anfang auch frustrierend gewesen, das verdrängt man im Nachhinein gern. Es hat schon einige Tage gedauert, in denen ich mit meinen Cyanos auf dem Dach saß und sie in die spärliche Hamburger Sonne hielt, nur um dann in der Badewanne das schöne Motiv komplett wieder in den Abfluss rinnen zu sehen.

Ein schöner UV-Gesichtsbräuner von Ebay hat das Problem später dauerhaft gelöst. Der Prozess wanderte also von der Sonne wieder in den Schatten, aber dafür wurde es endlich möglich, kontrollierter an den einzelnen Belichtungen zu feilen. Einige Motive brauchen mehr Licht, andere weniger. Das Hamburger Wolkenroulette war da zum Verständnis wenig hilfreich.

Frau vor BlumenwandFrauenportrait in Cyan

Frauenportrait in cyan

Was kickt mich an diesem Verfahren? Im Grunde wird der Prozess des Fotografierens für mich komplett erweitert. In einer Fotosession erschaffen wir viele Motivvarianten und reduzieren uns dann auf die eine Version, die uns am besten darstellt oder am ehrlichsten trifft.

Diese Entscheidung wird beim Erschaffen der Cyanotypien wieder aufgebrochen und plötzlich hast Du eine ganze Bandbreite verschiedener Versionen, die aus einem einzigen Motiv entstanden sind. Einige Motive sind pflegeleicht und dankbar, andere zieren sich am Anfang und es braucht Zeit und Geduld, bis etwas Konstruktives und Spannendes entsteht. Wie beim Fotografieren selbst.

Je nach Belichtung ist ein Motiv ganz hell und leicht, freundlich und angenehm, bis hin zu düster und schwermütig, je nach Aufpinselung der Chemie ist es friedlich und fein bis wild und brutal. Die Portraits verändern sich und die Menschen erscheinen manchmal in einem ganz anderen Licht. Bilder, die ich schon gut zu kennen glaubte, geben plötzlich andere Geheimnisse preis.

Frauenportrait in cyannackte Frau

Frau mit Tulpe im Mund

Dieser Prozess gibt dem Wort Lieblingsbild eine neue Bedeutung. Nicht nur dieses eine Motiv unter vielen weiteren, sondern genau diese eine Variation muss es sein. Einmal vergoss ich vor dem Belichten etwas Bier auf dem Papier, was in der Ecke merkwürdige kleine Sterne entstehen ließ, und in dieses Detail hat sich gleich ein Fotograf verliebt. Und einmal kam eine Frau extra aus Heidelberg hergeflogen, um ihr persönliches Lieblingscyano abzuholen. Weil es zu ihr sprach.

Seit etwa 2007 mache ich Cyanotypien, mal mehr, mal weniger, aber es brauchte den Vorsatz dieses Buches, um in den letzten zwei Monaten so richtig schön auszuflippen. Über 150 Negative ließ ich belichten und über acht verschiedene Papiersorten probierte ich aus, von denen ich zwei erst kurz vor Druckschluss schätzen lernte. All diese Faktoren führten zu weit über 600 gelungenen Variationen. Und der Ausschuss wurde zu Visitenkarten-Unikaten recycelt.

Ausstellung

Bücher und Arbeitsmaterialien auf einem Tisch

Am Ende sind es 111 Cyano-Hauptmotive im Buch geworden, die bei der Releaseparty am Freitag auch alle im Artspace hängen. Das Buch gibt es (solo oder als Special Edition mit Lieblings-Original-Cyano) im Shop. Und wer sich ein Bild über den kompletten Wahnsinn der Variationen machen möchte, kann hier stöbern.

Das Erleben dieser analogen Varianz hat mich mit ihrer geballten Kraft in den Bann gezogen und jetzt kann ich sehr viel besser verstehen, was die Leute in die Dunkelkammern treibt.

Informationen zum Buch

„Cyanotopia“ von Rüdiger Beckmann
Einband: Gebunden
Seiten: 128
Maße: 21 x 21 cm
Preis: 30 € / 25 € Einführungspreis

Ausstellung: Cyanotopia
Zeit: 22. Februar – 3. März 2019
Ort: Enfants Artspace, Pilatuspool 19, 20355 Hamburg

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8 Kommentare

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  1. In meinen Augen ist es genau das, was aus Fotografie einzigartige Kunst macht.
    Und es ist genau das, was zeigt, warum gerade die analoge Fotografie der digitalen in Bezug auf Kunst mit weitem Abstand überlegen ist.