05. September 2018 Lesezeit: ~5 Minuten

„Tage im Juli“ – Dokumentation der G20-Proteste

Mehr als ein Jahr ist seit den Ereignissen rund um den G20-Gipfel in Hamburg nun vergangen. Für mich waren die Tage in Hamburg mit das Anstrengendste, was ich in den letzten Jahren als Journalist mitgemacht habe. Wir waren mit rund einem halben Dutzend Kolleg*innen vor Ort, um über die Proteste zu berichten. Ich habe mich schon vor einiger Zeit für kwerfeldein dem Thema Fotografie und Gewalt gewidmet. Auch rund um den G20-Gipfel hat dieser Artikel wieder an Aktualität gewonnen.

Wirklich beendet sind die Debatten rund um die Geschehnisse noch lange nicht. Die Eskalation in diesen Julitagen im vergangenen Jahr wird wohl noch lange politische Debatten um Proteste und Gewalt bestimmen und scheint sich – wohl auch, weil ähnliche Ausschreitungen schon Jahrzehnte zurückliegen – tief in die aktuellen politischen Debatten einzubrennen. Nicht zuletzt liegt dies natürlich auch an den Bildern, die vom G20-Gipfel um die Welt gingen. Dies allerdings auf ganz verschiedenen Ebenen und mit ganz verschiedenen Themen.

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Polizei auf einer Demo

Da sind die Bilder der Ausschreitungen im Schanzenviertel am Freitagabend, die Bilder von Polizeigewalt und die Bilder der zahlreichen friedlichen Protestveranstaltungen und Demonstrationen, die leider aktuell wenig in Erinnerung zu bleiben scheinen. Insgesamt gab es rund 300 Protestveranstaltungen während des Gipfels. Und nach dem Gipfel hatten Bilder dann wieder eine ganz andere Funktion: Mit ihnen wurde europaweit nach vermeintlichen Straftäter*innen oder auch mal nach Unschuldigen gesucht.

Als einzelner Journalist oder Fotograf ist es mir und anderen kaum möglich, eine Gesamtschau der Tage mit all ihren Aktionen, Ereignissen und Eskalationen zu geben. Für den Fotoband „Tage im Juli“ haben sich insgesamt sechs Journalist*innen zusammengeschlossen, die während der G20-Proteste unabhängig und sehr unterschiedlich in Hamburg gearbeitet haben. „Analog und digital, schwarzweiß und farbig, mal mitten im Getümmel und mal mit etwas Abstand“, schreiben sie dazu im Vorwort.

Diese unterschiedlichen Perspektiven sind gewiss das Reizvolle am auch grafisch sehr gut gestalteten Fotoband. Auch die Berichterstattung über die Proteste war ein Anlass für sie, überhaupt ihre eigenen Arbeiten vorzulegen. „Nach dem Gipfel haben wir über die Ereignisse diskutiert und mit Entsetzen die unreflektierte Berichterstattung wahrgenommen“, sagt Daniel Nide, einer der Beteiligten. Ein wenig habe sich damit auch der Wunsch verbunden, „einen Teil zum kollektiven Gedächtnis beitragen zu wollen“, so Nide weiter.

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Demonstration

Gratwanderung zwischen Journalismus und Kunst

Ein konkretes Konzept gab es nicht von Anfang an, dies ergab sich mit der gemeinsamen Arbeit an der Publikation. Gewahrt werden sollte allerdings die „Gratwanderung zwischen Journalismus und Kunst“, erklärt Nide. Eine weitere Leitlinie sei gewesen, dass ausschließlich Bilder in den Band kommen, die den Autor*innen gefallen, auch wenn dadurch vereinzelt bestimmte Szenen nicht mehr vorkommen. Diese Entscheidung habe zur Folge, „dass journalistisch relevante Fotos nicht im Buch gelandet sind und für politische Fakten unrelevante, aber gute Fotos drin sind“, beschreibt Nide die Zusammenstellung der Bilder.

Dazu gehören auch teils skurrile und in der Presseberichterstattung nicht beachtete Aufnahmen. Auch wenn die Ereignisse in chronologischer Form angeordnet sind, soll der Band nicht als Chronik verstanden werden. Die durch die so vielfältigen Bilder dargestellten Momente mögen nicht den Anspruch einer Gesamtschau verwirklichen können, geben aber einen sehr guten Querschnitt durch diese ambivalenten Tage mit all ihren kleinen und großen Augenblicken.

Strukturiert sind die verschiedenen Abschnitte durch kurze einleitende Texte, die einen kleinen Überblick über die Ereignisse am jeweiligen Tag geben, die dann als Bilder folgen. Die fast berichtsartigen Texte sollten möglichst „wenig eigene Standpunkte einbringen“, erklärt Nide. So waren sich die Fotograf*innen selbst nicht in allen Einschätzungen zum Gipfel einig und wollten mit dem Buch keine einseitigen Positionen beziehen.

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Graue Gestalten

Dieser Anspruch setzt sich auch im letzten Teil des Bandes fort. Hier finden sich insgesamt 14 Interviews mit ganz unterschiedlichen Protagonisten, die teils an den Protesten beteiligt, für Sicherheitsbehörden tätig waren oder die Ereignisse politisch einordnen. Alle Interviewpartner*innen haben in unterschiedlicher Länge die gleichen Fragen beantwortet. Lediglich die Bundesregierung, Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), Innensenator Andy Grote (SPD), Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt und der CDU-Bundestagsabgeordnete Marcus Weinberg verweigerten die Interviews.

Insgesamt liegt mit „Tage im Juli“ ein wirklich gut gestalteter und sehr vielfältiger Fotoband vor, der die lediglich auf Gewalt fokussierte öffentliche Debatte um einen wichtigen dokumentarischen Teil erweitert. Besonders die große Varianz in Stil und Perspektive schafft es, die Geschehnisse gut abzubilden. Für mich, der die Tage in Hamburg vor Ort erlebte, ist die Lektüre des Bandes sehr lohnenswert gewesen.

Die kleine Schwäche des Bandes sind hingegen die Texte. Ihr berichtsartiger und neutral gehaltener Stil ist mit den tollen fotografischen Aspekten des Bandes kaum in Einklang zu bringen. Ein längerer Text, der den Betrachtenden eine etwas mutigere Erzählung der Ereignisse anbietet, hätte den Band sicher noch etwas bereichert. Aber auch diese kleineren Schwächen lassen keinen Zweifel am Band insgesamt aufkommen: Eine wirklich gelungene und lohnenswerte Fotodokumentation zum G20-Gipfel.

Informationen zum Buch

Tage im Juli
Sprache: Deutsch
Einband: Gebunden
Seiten: 238
Maße: 23 x 25 cm
Verlag: Gudberg Nerger
Preis: 29,90 €

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