Viele Portraits nebeneinander und untereinander.
03. November 2016 Lesezeit: ~4 Minuten

Persönlichkeit in der Portraitfotografie

Kann man mittels eines Portraits die inneren Werte und Einstellungen einer Person, eine Facette der wahren Persönlichkeit festhalten? Oder bildet die Fotografie nur die Oberfläche ab? Und ist es überhaupt noch spannend, wenn man die Persönlichkeit in einem Foto entschlüsseln kann?

Diese Fragen habe ich mir für meine Abschlussarbeit gestellt und daraufhin eine fotografische Untersuchung gemacht.

Natürlich ist es möglich, Persönlichkeit in einem Portrait darzustellen. Wenn man sich zum Beispiel die Portraitarbeiten von Richard Avedon ansieht, der es mit minimalen Attributen sowie durch die Kleidung oder die Gestik geschafft hat, einen Eindruck der abgebildeten Person zu vermitteln. Wenn auch nicht die ganze Persönlichkeit, so zumindest eine Facette davon.

Doch was passiert, wenn man die Kleidung, den Gesichtsausdruck und die Kulisse möglichst neutral hält? Thomas Ruff hat dies in seinen Portraits in den Achtzigerjahren getan. Ruff ist der Ansicht, dass die Fotografie nur die Oberfläche abbildet und dass es nicht möglich ist, zu erkennen, wer die abgebildete Person wirklich ist. Das wollte ich nicht hinnehmen und so entstand das Thema meiner Abschlussarbeit.

Ich kann Thomas Ruff nicht widersprechen, die Fotografie ist eine Momentaufnahme. Zu glauben, von diesem einen Moment etwas über eine Person zu erfahren, scheint doch sehr naiv. Daher entschied ich mich dazu, Portraitserien zu machen. Mehrere Personen portraitierte ich regelmäßig über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg. Durch den seriellen Aspekt gibt es die Möglichkeit, innerhalb der Serien nach Ähnlichkeiten und Unterschieden zu suchen.

Eine Frau mit roten Haaren und Zopf.Eine Frau, ungeschminkt.
Eine Frau mit Brille.Eine Frau mit Brille und offenen Haaren.

Die Bedingungen waren immer die gleichen: Ein neutraler Hintergrund, eine ausdruckslose Mimik und der gleiche Anschnitt der Fotos. Diese nahezu wissenschaftliche Herangehensweise schaffte Typologien, die eine direkte Vergleichbarkeit der einzelnen Bilder möglich macht.

Zuerst suchte ich Personen, die schon durch ihr Äußeres etwas über sich selbst verraten, beispielsweise jemanden aus der linken Szene mit Dreadlocks, jemanden, der regelmäßig Sport treibt und bei dem dies auch sichtbar ist, oder ein Modell, das durch mehrere Schönheitsoperationen zu ihrer eigenen Idealvorstellung geworden ist.

Es war nicht besonders schwer, diese Fotos zu entschlüsseln, schnell hatten die Betrachter*innen eine Idee davon, welche Werte und Einstellungen die abgebildete Person hat. Somit machte das die jeweilige Serie langweilig für die Betrachter*innen. Wozu eine ganze Serie ansehen, wenn sie nach dem ersten Bild alles verraten hat?

Ein Mann schaut in die Kamera.Ein Mann schaut in die Kamera.
Ein Mann schaut in die Kamera.Ein Mann schaut in die Kamera.

Also suchte ich meine Modelle nach anderen Kriterien aus. Es durften nicht zu viele Merkmale vorhanden sein, die auf die Persönlichkeit schließen lassen. Trotzdem achtete ich noch darauf, dass ich Personen fotografierte, die „das gewisse Etwas“ hatten und zumindest auf mich den Eindruck machten, dass ich eine starke Persönlichkeit vor mir habe. Ich schloss in diese Untersuchung Personen aus möglichst verschiedenen Altersklassen ein.

Insgesamt fertigte ich von 23 verschiedenen Personen Serien an. In meiner Endauswahl befinden sich allerdings nur noch fünf Personen. Teilweise lag das daran, dass ich – trotz der wissenschaftlichen Herangehensweise – auf ein harmonisches Gesamtbild achtete. Manche Personen sind neben anderen einfach untergegangen oder stachen zu sehr hervor. Bei anderen Personen gab es wieder das Problem des zu schnellen Entschlüsselns.

Eine Frau mit blauen Haaren.Eine Frau mit blauen Haaren.
Eine Frau mit blauen Haaren.Eine Frau mit blauen Haaren.

Selbst durch das Weglassen von möglichst vielen Anhaltspunkten bekamen die Betrachter*innen bei manchen Personen einen vermeintlichen Eindruck der Persönlichkeit, was die Portraitserie wieder langweilig machte. An diesem Punkt begann sich der Kontext meiner Arbeit zu verändern.

Zumindest bei einigen Personen konnte ich zwar beweisen, dass man auch mit möglichst neutralen Portraits eine Facette der Person erkennen kann, aber genau das machte die Serien nicht mehr sehenswert.

Spannend sind die Serien, die keinerlei Anhaltspunkte zur abgebildeten Person zeigen. Mit jedem neuen Bild der Serie wird eine Unterschiedsuche zum vorherigen Bild angeregt und trotzdem nicht genug verraten, um sich einen Eindruck von der wahren Persönlichkeit der abgebildeten Person zu machen.

Ein Mann mit Brille.Ein Mann mit Brille.
Ein Mann mit Brille.Ein Mann mit Brille.

Ich konnte beobachten, wie manche Betrachter*innen selbst nach 20 nahezu identischen Fotos ein und derselben Person nicht müde wurden, noch mehr zu vergleichen und fast schon verzweifelt nach Anhaltspunkten zur Person suchten. Es macht den Menschen Spaß, wenn sie beim Betrachten von Bildern gefordert werden. Nur belohnt wurden sie bei mir dafür nicht.

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