Rote und blaue Kabel liegen auf einem Arm.
18. Juni 2016 Lesezeit: ~4 Minuten

Über die erste Liebe

Ich bin mit der Fotografie vor einigen Jahren in Berührung gekommen, als meine Eltern mir zum Geburtstag meine erste Spiegelreflexkamera geschenkt haben. Ich habe sofort begonnen, sie auch zu benutzen, war aber nie wirklich zufrieden mit den Ergebnissen. Ich konnte einfach mit Bildern noch nicht ausdrücken, was ich fühlte.

Während meines Fotografiestudiums an der Spazio Labò in Bologna habe ich dann die analoge Fotografie kennengelernt. Plötzlich begann ich, sehr viele Selbstportraits zu schießen: Wenn ich morgens im Bett aufwachte, während ich Mittag gegessen habe, während ich mir abends die Zähne putze und sogar, wenn ich mal ins Badezimmer musste.

Es war damals eine schlimme Zeit in meinem Leben, ich musste mit einer verflossenen Liebe kämpfen und körperlich ging es mir einfach schlecht, sodass die Fotografie zum einzigen Medium wurde, das anderen Menschen einen Zugang zu mir geben konnte, indem sie sehen konnten, wie ich mich im Inneren fühlte.

Oft betrachteten Menschen meine Bilder und erzählten mir dann „Du siehst traurig aus“ oder „Du siehst einsam aus“. Es fühlte sich in meinem Kopf an, als sei ich völlig allein mit meinem Schmerz und nur die Fotografie gab mir die Kraft, mich wieder ins Leben zurück zu wagen.

Eine Kaktuspflanze liegt auf einem nackten Rücken.

Fotografieren bedeutet für mich, auszudrücken, wer ich bin, und wenn mich etwas anzieht, muss ich es festhalten. Wenn Fotografie eine Farbe hätte, wäre sie Rot für mich, denn in meinen Bildern geht es um Gefühle, die wir alle in uns tragen, die ganze Bandbreite von Schmerz bis Leidenschaft.

Meine Modelle sind junge Frauen, wie ich es selbst bin, gewöhnlich sind sie zierlich, denn ich versuche mich selbst in meinem Gegenüber vor der Kamera zu sehen oder wiederzufinden. Ich suche nach etwas wie einem leichten Unbehagen, denn das finde ich spannend.

Eine Frau fält einen Spiegel und eine Orange zwischen ihren Beinen.

Kondome, aufgeschnittene Passionsfrüchte und Blutorangen liegen auf einem Bett.

Vor Kurzem habe ich begonnen, über die Dimensionen von Liebe und Sexualität nachzudenken. Auf der einen Seite gibt es da die harte und auch explizitere Seite von Sex, die sich den Menschen durch Fernsehen und Magazinen in verschiedenen Varianten zeigt, und auf der anderen Seite steht die junge Liebe, diese erste Liebe, die für immer zu halten scheint, unendlich stark, trotz allererster Versuche, Fehler und Unwissenheit.

Ein Bild von nackten Brüsten liegt auf einem Frauenoberkörper.

Eine Frau hält einen Kaktus vor ihren nackten Unterkörper.

Eine Frau hat zwei Spiegeleier auf ihren Brüsten liegen.

Um die explizite Seite zu portraitieren, versuche ich alle Dinge, was mich entfernt an Sexualität erinnern, mit dem menschlichen Körper zusammenzuführen oder ich nehme einfach Stillleben auf.

Für das Konzept der zarten, jungen Seite der Liebe arbeite ich stattdessen an meinem Projekt „Bologna Lovers“, für das ich junge Paare aus meiner Heimatstadt in ihrem Zuhause oder an verschiedenen Orten portraitierte, um dieses Gefühl der Unbeschwertheit, das so typisch für dieses Alter ist, festzuhalten.

Ein Pärchen sitzt auf einem Bett und umarmt sich.

Ein schmusendes Pärchen spiegelt sich in einem kleinen Spiegel.

Dafür suche ich nach jungen Pärchen; manchmal treffe ich sie einfach beim Herumschlendern in der Stadt, in der Uni oder auf einer Party. Ich versuche, bei den Fotosessions immer ich selbst zu bleiben und lasse die beiden einfach machen und es ist tatsächlich so einfach, weil sie immer so verdammt verliebt sind!

Die Beine eines Paares liegen auf einem Bett.

Ein Pärchen liegt verschlungen auf einem Bett.

Ich frage mich immer, ob es einen bestimmten Fotografen oder eine bestimmte Fotografin gibt, zu der ich aufblicke und ich weiß es immer noch nicht, aber ich finde, Nan Goldin ist eine der besten, denn sie steckt unglaublich viel Leidenschaft und Energie in ihre Arbeiten und ihre ganz eigene Interpretation des Lebens. So möchte ich auch arbeiten.

Dieser Artikel wurde für Euch von Anne Henning aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

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2 Kommentare

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  1. Eine beeindruckende und für mich ergreifende Sicht auf die Fotografie. Ich glaube irgendwie möchte sich jeder Fotograf in seinen Bildern auch selbst darstellen. Manche auf offensichtlichere Weise, manche eher verborgen. Ich glaube in meinen Bildern spiegelt sich oft mein großes Harmoniebedürfnis und ein gewisses „Mädchen sein“. Schon interessant wie mich solch ein Artikel anregt, über meine eigenen Arbeiten nachzudenken. Auch wenn ich noch nicht so lange fotografiere, ist der künstlerische und emotionale Anspruch, den ich an mich selbst stelle schon hoch.

    http://www.facebook.com/annesophiearndt