Cover of „Touching Strangers"
14. März 2016 Lesezeit: ~4 Minuten

Rezension: Touching Strangers

Von großem Interesse sind für mich immer Dinge, die mir Unbehagen bereiten, bei denen ich aber Schwierigkeiten habe, dieses Unbehagen einzuordnen. „Touching Strangers“ von Richard Renaldi löst eine besondere Form des Unbehagens auf eine äußerst schöne Art und Weise in mir aus.

Es konfrontiert mich mit meinen eigenen stereotypen Denkmustern, ohne mit dumpfen Vorurteilen zu spielen. Letztlich hinterlässt es das im Laufe des Betrachtens greifbar gewordene Gefühl, etwas über den eigenen Bezug zu Menschlichkeit erfahren zu haben.

Touching Strangers

Renaldi arbeitet seit 2007 an dieser Serie. Mit einer Großformatkamera begibt er sich auf die Straßen verschiedener US-amerikanischer Großstädte und begegnet Fremden mit der Bitte, für ihn Modell zu stehen. Dabei portraitiert er Menschen gemeinsam, die einander völlig fremd sind. Er bittet sie, einander zu berühren. Die Berührungen zeigen eine Intimität zwischen Fremden, die sich sonst zwischen sich nahestehenden Menschen abspielt. Es sind Berührungen, die eine gewisse Vertrautheit voraussetzen.

Renaldis Auswahl seiner Subjekte spielt mal mehr, mal weniger mit Stereotypen und Vorurteilen. Betrachter kommen so nicht umhin, sich die Frage nach der Beziehung zwischen den abgebildeten Personen zu stellen. Trotz des Wissens um die Entstehung der Fotos im Hinterkopf beginnt eine faszinierende Analyse der Gesichter, der Körpersprache und der sozialen Codes.

Seiten in „Touching Strangers“

Seiten in „Touching Strangers“

Renaldi überschreitet bewusst Grenzen. Die Beziehung, die er zwischen den Menschen entstehen lässt, bewegt sich auf einer Ebene, die völlig autonom über Unterschiede in Klasse, Status, Kultur und Rasse hinweg besteht. Die Fotografien nehmen Menschlichkeit in den Fokus und klammern alles aus, was wir meinen, über Menschen zu wissen.

Sie überschreiten Grenzen, die wir gelernt haben zu wahren und zeigen so, welche Schönheit in grenzüberschreitenden Beziehungen einer vielfältigen Menschheit liegt. Der Auslöser für das Unbehagen liegt in der Erfahrung, dass Mensch gelernt hat, sich an diese Abgrenzungen zu halten. „Touching Strangers“ ist also auch das Abbild einer Utopie, einer Realutopie, einem „Was wäre wenn?“

Meine eigenen stereotypen Denkmuster lassen mich Szenarien im Leben der Protagonist*innen spinnen. Ich sehe Fremde, die einander auf der Straße ignorieren, die in völlig unterschiedlichen Welten leben und für einander wenig übrig haben. Die vielleicht den Arbeitsplatz oder die Nachbarschaft miteinander teilen, aber an ganz anderen Positionen in der Hierarchie angesiedelt sind.

Pages of „Touching Strangers"

„Touching Strangers"

Und doch zeigt mir Renaldis Bildband nicht diese pessimistische Sicht auf die Menschheit in all ihren Facetten, sondern lenkt den Blick auf die intimen Momente, die uns aufgrund unserer Menschlichkeit verbinden. Bei dem Versuch, hinter die Fassade der gestellten Portraits zu blicken, zeigt sich eine ungeheure Tiefe im Ausdruck der abgebildeten Personen. Es wird deutlich, wem die Situation vor der Kamera leicht fiel und wer sich überwinden musste.

Die Tatsache, dass jede*r von ihnen sich darauf eingelassen hat, gibt den Bildern noch eine weitere Bedeutungsebene. Wie würden Einzelportraits der abgebildeten Personen wirken? Ohne den Umstand, dass sie bereit waren, für die Dauer eines Fotos einen intimen Moment mit einer völlig fremden, gegensätzlichen Person zu teilen, würden Zuschreibungen über sie gänzlich anders ausfallen.

Rückseite von „Touching Strangers“

Cover von „Touching Strangers“

Der Fotograf bedient sich mit diesem Projekt einer einfachen, universellen Sprache. Unabhängig von Hintergrundwissen oder fotografischen Kenntnissen kann jede*r Betrachter*in sofort einen Zugang zu den Bildern finden. Die Zugänge mögen vielseitig und verschieden sein wie die Menschen selbst.

Renaldi wurde 1968 geboren und studierte Fotografie an der New York University. Er hat bereits mehrere Bildbände veröffentlicht. „Touching Strangers“ ist ein Langzeitprojekt, das sich durchaus noch lange weiterentwickeln könnte. Das Buch dazu ist beim Verlag Aperture erschienen und umfasst 128 Seiten mit 71 Farbfotografien.

Informationen zum Buch

Titel: „Touching Strangers“
Fotograf/Autor: Richard Renaldi
Seiten: 128
Sprache: Englisch
Erscheinungsdatum: 14. April 2014
Verlag: Aperture
Ausgabe: Gebunden
ISBN: 978-1597112499
Größe: 25,4 x 30,5 x 1,9 cm
Preis: 34,85 €

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5 Kommentare

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  1. Ich habe Fotos aus dem Bildband schon vor ein oder zwei Jahren in England gesehen, meine ich mich zu erinnern, und fand sie damals sehr interessant. Zusammen mit diesem Text noch besser. In Zeiten, in denen offenbar mehr und mehr Menschen wenig Utopien und Visionen zu haben scheinen und das Fremdartige wieder gern mit dem Bösen gleichgesetzt wird, ist so ein Buch … ich benenne es mal als Nichtreligiöser mit einem jüdisch-christlichen Begriff … „ein Segen“.