Portrait einer Frau mit rotem Oberteil vor dunkler Wand, links ein Fenster.
08. Dezember 2015 Lesezeit: ~ 6 Minuten

Die Berlinerin von Ashkan Sahihi

Der amerikanisch-iranische Fotograf Ashkan Sahihi portraitierte über den Zeitraum von zwei Jahren 375 Berlinerinnen und legt damit ein feinfühliges fotografisches Forschungsportrait der deutschen Hauptstadt vor. Das Ergebnis ist noch bis zum 10. Januar 2016 in der Galerie im Körnerpark in Berlin zu sehen.

Der im Iran geborene Fotograf kam im Alter von sieben Jahren nach Deutschland. Seine Leidenschaft für die Fotografie hat er bereits im Jugendalter entdeckt und zunächst im Fotojournalismus gearbeitet. Seine Bilder waren in großen Magazinen wie der Zeit, der Süddeutschen, dem Spiegel und der GEO vertreten.

Im Jahr 1987 zog es ihn nach New York, in eine bewegte Metropole, die ihm die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen ermöglichte. Neben Auftragsarbeiten hat er sich immer wieder freien Projekten gewidmet, die im MoMA PS1 New York, in der Akademie der Künste Berlin und im Macro in Rom gezeigt wurden. Seit den 90er Jahren widmet sich Ashkan Sahihi ausschließlich freien Arbeiten wie etwa „The Hypnosis Series“ oder „The Drug Series“.

Für „Die Berlinerin – Das Porträt einer Stadt“ zog der Vater dreier Kinder im Jahr 2013 nach Berlin und verwendete seine gesamte Zeit ausschließlich auf die Konzeption und Durchführung des fotografischen Mammutprojekts.

Portrait einer Frau mit Hundeleine vor Betonwand, im Vordergrund ein grünes Fahrrad.Portrait einer jungen Frau in Freizeitkleidung, an einen Kicker gelehnt.

„Die Berlinerin“ ist ein umfangreiches Forschungsprojekt, das eine aktuelle Momentaufnahme der weiblichen Großstadtpersönlichkeit darstellt. In Zusammenarbeit mit zwei Ethnologen hat Sahahi 35 Suchbegriffe entwickelt, die den Betrachter durch die Ausstellung führen.

Neben jedem Foto wird ein handgeschriebener Fragebogen gezeigt, der die Portraitierte persönlich zu Wort kommen lässt. Neben dem Namen, dem Alter und der Berufsbezeichnung hatten die Frauen somit Gelegenheit, ihre individuelle Beziehung zu Berlin in einem kurzen Statement zu beschreiben.

Berlin, so meint Sahihi, sei eine facettenreiche Stadt, die sich ständig weiterentwickelt. Dieser Facettenreichtum, die stetigen Entwicklungen, aber auch die Umbrüche sind auch in den Bildern spür- und sichtbar.

Portrait einer Frau mit Kopftuch, in einem Geschäft für Damenkleider sitzend.Portrait einer Frau in weißer Bluse vor einem hellen Zimmer.

Jedes Bild ist ein Stück des Puzzles, das, als Ganzes betrachtet, feine Unterschiede zwischen den Portraitierten veranschaulicht, aber auch Abgrenzungen zu anderen geografischen Regionen markiert. „Diese Frau würdest Du niemals in Paris oder New York antreffen“, sagt eine Besucherin links neben mir. Die Berlinerin habe einen eigenen Stil, einen eigentümlichen Blick, den man nirgendwo anders fände, erklärt sie mir.

Verwundert stehen einige Besucher vor dem Portrait einer Diplomatin. Lange schauen sie auf das Portrait, legen die Stirn in Falten und tuscheln geheimnisvoll. Schräg hinter mir gestikuliert eine Gruppe junger Frauen und analysiert das Bild einer Hundefriseurin nach bildkompositorischen Aspekten. Das sind Besucherinnen vom Fach, meint meine Begleitung. Die Berlinerin lädt zum Nachdenken und zum Diskutieren ein.

Portrait einer Frau, an einem Fenster sitzend.Portrait einer Frau in Sportkleidung, hinter einer großen Hantel hockend.

Wer sind die Frauen auf den Bildern? In welche Kategorie würden ich und Du als Betrachtende passen? Gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Lebensentwürfen? Und warum sind da eigentlich nur Frauen zu sehen? Ashkan Sahihi will nicht erklären, sondern die Menschen dazu einladen, (genau hin) zu sehen. Seine Auswahl beschränke sich auf Frauen, da sie seiner Meinung nach wegweisend gesellschaftliche Veränderungen markieren und gestalten.

Die Berlinerin wirft auch Fragen zur Weiterentwicklung des Feminismus in unserer Gesellschaft auf. Ashkan Sahihi meint dazu:

Wir haben endlich eine größere Anzahl weiblicher Führungskräfte in Firmen und Professorinnen an Universitäten, eine deutsche Kanzlerin und eine amerikanische Präsidentschaftskandidatin. Aber wir sind immer noch mit ihren Frisuren und ihrer Kleiderauswahl beschäftigt.

Frauen seien ein Spiegelbild von Bewegung und Fortschritt. Frauen und Männer seien vergleichbar facettenreich, aber bei Frauen passiere auf gesellschaftspolitischer Ebene aktuell mehr als bei den Männern, erklärt Ashkan Sahihi.

Fränzi Kühne, 2015 © Ashkan SahihiHelene Schwarz, 2015 © Ashkan Sahihi

In den ersten Monaten fotografierte er bis zu vier Frauen pro Tag. Zum Schluss konnte er ein langsameres Tempo an den Tag legen. Geholfen habe ihm vor allem, sich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin zu bewegen. Er habe dadurch Stadtteilveränderungen bewusster wahrgenommen und sich so auf den Prozess des Kennenlernens, Einlassens und Fotografierens vorbereitet.

Die Porträtierten hat er digital und bei natürlichem Licht in ihren identitätsstiftenden Lebenswelten aufgenommen. Die Umgebung legte die Portraitierte selbst fest. Die Hintergründe können daher als indirekter Ausdruck der Persönlichkeit der Personen interpretiert werden. Ashkan Sahihi beschnitt im Nachhinein die Bilder nicht und bearbeitete möglichst wenig nach, um einen realistischen Querschnitt der Berlinerin zu erhalten.

Jede Person, die mitmachen wollte, wurde am Ende im Katalog gezeigt. Deshalb sei das Buch am Ende auch so umfangreich geworden, meint Ashkan, denn zu sehen sind Frauen jeden Alters, Profession oder Konfession: Die Arbeiterin, Rentnerin, Managerin, Hundefriseurin, Künstlerin, Soldatin, Migrantin oder Therapeutin.

Portrait einer in dunkelblau gekleideten Frau, an einer Säule lehnend.Josepha Aust, 2015 © Ashkan Sahihi

Die Ausstellung in der Galerie am Körnerpark bricht Rekorde. Aber „Die Berlinerin“ macht nicht nur auf die Besucher einen großen Eindruck. „Ich habe mich durch dieses Projekt verändert“, sagt Ashkan Sahihi. Er habe sich anders mit seiner Umgebung auseinander gesetzt und hatte auch Gelegenheit, um sich mit biografischen Erlebnissen und neugewonnenen Erfahrungen auseinanderzusetzen.

„Die Berlinerin – Das Porträt einer Stadt“ ist noch bis zum 10. Januar 2016 in der Galerie im Körnerpark (Schierker Straße 8, 12051 Berlin) zu sehen. Heute findet um 18 Uhr die letzte der drei Vernissagen statt, also schnell hin!

Portrait einer Frau, die auf einem Schubladenschrank sitzt, ringsherum ein Zimmer mit unterschiedlichen Einrichtungsgegenständen.Portrait einer Frau in einem Sessel sitzend in einem gehoben eingerichteten Zimmer.

Wer nicht nach Berlin reisen kann, aber mehr über Ashkan Sahahis Arbeiten erfahren möchte, besuche seine Webseite. Das 848-seitenstarke Buch „Die Berlinerin – Das Porträt einer Stadt“* der Serie ist für (unvorstellbare) 49,90 € erhältlich.

Alle Fotos © Ashkan Sahihi, mit freundlicher Genehmigung von Galerie Springer Berlin.

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4 Kommentare

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  1. Interessante Arbeit. Leider sehen wir hier die Fragebögen zu den Bildern nicht. Denn ich könnte mir vorstellen, dass diese einen wesentlichen Teil des Projekts ausmachen.

    Ich hatte gehofft ein paar Fragebögen zu den Bildern auf der Webseite von Ashkan Sahihi zu finden, die Seite ist aber ziemlich sparsam ausgefallen.

  2. Gefäält mir in dieser Vorschau sehr gut, macht neugierig, gehe ich auf jeden Fall mit meinen Fotokursen hin. Den wissenschaftlichen Aspekt brauche ich dabei eher nicht. Die Bilder wirken gekonnt einfühlsam und sind präsent genug. Wer wer ist, ist natürlich interessant und wichtig, muss aber nicht unbedingt im Gleichgewicht zum Bild stehen. Ich bin auf das Buch und die Texte darin gespannt. Folgt danach nur DER Berliner? Mit Gurß O.S.S.