Ein Stapel Foto-Bücher und Bände sitzen auf einem älteren Sessel.
20. September 2015 Lesezeit: ~12 Minuten

Die 5 Fotobücher des Monats

Liebe Leserinnen und Leser, es ist wieder ein Monat um, in dem eine Menge neuer Fotobände auf den Markt erschienen sind. Um Euch die Auswahl einwenig leichter zu machen, haben Tilman Haerdle (th) und Martin Gommel (mg) fünf Bücher herausgesucht, die ihrer Meinung nach die wichtigsten sind.

Blick hinter die Kulissen: Wie findet man neue Fotobücher? Martin Gommel und Tilman Haerdle scannen jedenfalls kontinuerlich Neuerscheinungen, sind in ständigem gegenseitigen Austausch – auch mit den hier angepriesenen Buchverlagen. Außerdem führen sie eine (sehr lange!) Liste, die auch in die Zukunft spickeln lässt und haben alle möglichen Newsletter abonniert, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Dabei soll eines dazugesagt sein: Es gibt keine Fotobücher, die nur, weil bekannte Fotograf*innen auf dem Titel stehen, sofort „durchgewunken“ werden. Tilman und Martin bevorzugen nicht, sondern schauen sich genau an, was sie hier weitergeben. Aus dem Überfluss an Angeboten bleibt dann ein Destillat von maximal fünf Büchern, die Euch heute präsentiert werden.

 

Ausschnitt des Bildbandes Soviet Bus Stops von Christopher Herwig

Soviet Bus Stops*

Im Jahre 2002 fuhr der abenteuerlustige Fotograf Christopher Herwig mit dem Fahrrad von London nach St. Petersburg und stellte sich selbste eine Aufgabe: Er wollte jede Stunde ein gutes Foto machen. Dies zwang ihn, seine Umwelt aufmerksamer wahrzunehmen – und so kam Herwig an den erstaunlichen Bushaltestellen (nicht) vorbei.

Angefixt von seiner „kleinen Aufgabe“ machte er aus ihr ein „großes Fotoprojekt“. In den folgenden zwölf Jahren besuchte der Fotograf vierzehn (!) Länder der ehemaligen Sowjetunion, um dort oft mithilfe von ortskundigen Taxifahrern Bushaltestellen ausfindig zu machen.

Von Belarus über Goergien, die Ukraine bis hinunter nach Tadschikistan akkumulierte Herwig eine heterogene, mannigfaltige Mischung kleiner Architekturen. Die, gemessen an der eigentlichen Trivialität ihrer Bestimmung, eigenwilliger nicht sein könnten.

Nun stellen sich selbst gebildete Leser unter dem Stichwort „Sowjetunion“ einiges vor, jedoch wird „individuelles Design mit Liebe zum Detail“ eher nicht damit assoziiert. Umso verwunderlicher ist es, mit wie viel Eigengeschmack, Witz und Ideenreichtum diese täglichen Begleiter ausgestaltet wurden.

Zurück zum Buch. Mit seinen 21 x 15 cm handelt es sich kaum um einen gedruckten „Schinken“, so fällt „Soviet Bus Stops“ in die Kategorie der kleineren Bände. Jedoch hat sich der Fuel-Verlag Mühe bei der minimalen Ausgestaltung gegeben, die den Aufnahmen ebenbürtig ist, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Ein Buch, das ich allen empfehlen möchte, die an Zeitgeschichte, Architektur oder der ehemaligen Sowjetunion Freude haben. (mg)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Fuel Publishing
Größe: 15 x 2,2 x 21 cm
Preis: 27,85 €

 

Ausschnitt des Coverbildes vom Buch Havana Cabs von Thomas Meinicke

Havana Cabs*

Ich war wirklich baff. Als mir von Redaktionskollegen eine Vorabversion des Artikels Havana Cabs hier im Magazin vorgelegt wurde, konnte ich mich kaum vom Anblick der unikaten Karossierien losreißen. Vier Monate später zog ich ein Büchlein aus dem Karton, das ich freudig-blätternd im Gemeinschaftsbüro herumreichte.

Wie kam es zu diesem Projekt? Nun, Thomas Meinicke, seines Zeichens Fotograf aus Leipzig, besuchte die kubanische Hauptstadt Havanna und war begeistert von der Vielfalt der Oldtimer, die bis heute ein Relikt US-amerikanischen Einflusses darstellen.

Meinicke versuchte sich an unterschiedlichen Perspektiven, und entschied sich für die leicht angeschräfgte Draufsicht. Nach dem Klick stellte er die Umgebung der Autos frei und färbte sie triefend schwarz ein.

Ende Juli erschien nun das gleichnamige Buch, das Meinicke im eignen thm-Verlag publizierte und mit den Prädikaten „klein“ und „fein“ treffend beschrieben wird. Auf mattem Hardcover findet sich mit Effektlack ein aufgedruckter Oldtimer, der dem Band vorab einen edlen Eindruck verleiht, nochmals unterstrichen mit der goldenen Sonderfarbe der Schrift.

Das Papier ist matt, womit die schwarzen Flächen eine zusätzliche Tiefe bekommen und die Oldtimer in kräftiger Farbsättigung darstellt werden.

Bedrucktes Transparentpapier unterbricht die Gewohnheit des Blätterns mit Aufnahmen, die das städtische Umfeld mit einbeziehen. Ob dieses Mittel nun zum Vor- oder zum Nachteil des Buches wird, bleibt (für mich) offen, denn manche Aufnahmen wirken dadurch minimal überbearbeitet.

Dennoch bin ich angetan von der Umsetzung des Buches, das mit 19,95 € auch für den kleinen Geldbeutel eine Menge zu bieten hat. Am überzeugendsten (und wichtigsten) sind jedoch die Aufnahmen, die fotografisch-handwerklich eine Meisterleistung sind. Uneingeschränkte Empfehlung. (mg)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 80 Seiten
Verlag: thm-Verlag
Größe: 27 x 20 x 2 cm
Preis: 19,95 €

 

Ausschnitt des Bildsbands "Bauten/Buildings 1975-2015: Fotografien/Photographies Rainer Viertlböck"

Buildings 1975-2015*

Auch wenn dies in mancher Hinsicht die Verhältnisse umkehrt: Die von Helmut Jahn entworfenen Bauten sind die Partitur, auf deren Basis die Bilder entstehen, die Rainer Viertlböck im Buch „Bauten 1975-2015“ präsentiert und mit denen er Jahns Bauten immer wieder neu interpretiert.

Der deutsche Architekt Helmut Jahn, der seit 1966 in Chicago lebt, steht für Gebäude im großen Maßstab: Wolkenkratzer und Flughäfen entstehen nach seinen Plänen, und sie verändern das Bild des urbanen Raums, in dem sie in die Höhe wachsen, nachhaltig. Viele seiner Gebäude werden zu Landmarken, zu Wahrzeichen einer Metropole, wie beispielsweise der Frankfurter Messeturm, das Sony Center in Berlin, die Highlight Towers in München oder der neue Flughafen in Bangkok.

Rainer Viertlböck fotografiert diese Architektur seit mehr als 15 Jahren. In seinem umfangreichen, großzügig gestalteten Buch, erschienen bei Schirmer/Mosel, zeigt er die in Beton, Stahl und Glas geformte Arbeit des Architekten eingebettet in ihre Umgebung.

Anläßlich der Eröffnung einer Ausstellung mit Fotos aus dem Buch in der Architekturgalerie, die an die Räume der Buchhandlung Werner angeschlossen ist, hatte ich die Gelegenheit, mit Rainer Viertlböck über seine Herangehensweise zu sprechen. Viertlböck arbeitet mit Drohnen, Hochstativen und Kränen, er steigt auf Dächer, um seine allein in der Dimension oft schwer fassbaren Motive zu fotografieren.

Er zeigt sie in ihrer Umgebung und dokumentiert dadurch, wie sich Architektur entweder harmonisch in ein größeres Ganzes einfügt, oder wie sie, gut zu sehen am diamantenförmigen Hochhaus in Johannesburg, in starken Kontrast zu umgebenden Armutsvierteln steht.

In seinen Fotografien ist zu sehen, wie alte, gewachsene Strukturen durch moderne Glaspaläste verdrängt werden, zum Beispiel in Guangzhou. Die Bewertung dieses im Bild sichtbaren Prozesses überläßt Viertlböck dem Betrachter, aber der Verzicht auf Schönheitsretuschen in den Bildern ist ein Indiz für eine Haltung, die Architektur nicht isoliert betrachtet, sondern sich auch um ihre Auswirkungen kümmert.

Aus dem Grund ist das Buch für die Freunde moderner, oft sehr mutiger architektonischer Formgebung genauso zu empfehlen wie für Menschen, die in Architektur auch den entscheidenden Einflußfaktor auf urbanes Leben sehen, und die sich kritisch damit auseinandersetzen wollen. (th)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
Verlag: Schirmer/Mosel
Größe: 29 x 30 cm
Preis: 68,00 €

 

Ausschnitt des Bildbands "Jet Lag" von Chien-Chi Chang

Jet Lag*

Vor 10-15 Jahren war ich beruflich häufig unterwegs. In den Spitzenzeiten meiner Reisetätigkeit führten mich meine Reisen in 7 Tagen von Deutschland über China nach Neuseeland und wieder zurück.

An Jet Lag war nicht zu denken, weil ich direkt nach Ankunft am Zielort Schulungen durchzuführen hatte oder sehr speziele Softwareanpassungen durchführte. Was der Magnum-Fotograf Chien-Chi Chang in seinem Buch „Jet Lag“, erschienen bei Hatje Cantz, in Bild und Text beschreibt, kann ich also zumindest im Ansatz nachvollziehen.

Als ich mir Changs Buch ansah, mußte ich an die Bilder von Matthias Koch denken, die wir vor ein paar Monaten hier gezeigt haben. Chien Chi Chang überfällt uns in seinem Buch mit einer Bilderflut, die kaum Zeit zum Durchatmen läßt.

Die ersten Bilder, direkt nach dem Deckblatt, beginnen langsam, Innenansichten von Hotelzimmern, bevor dann in immer schnellerer Taktung Rollfelder, Terminals, Flugzeuge den Puls höher schlagen lassen. Chang treibt es auf die Spitze, indem die Bilder dann kleiner werden, mehr Bilder auf einer Seite, mehr Eindrücke, mehr Adrenalin.

Mit einem Essay in der Mitte des Buches scheint man zumindest optisch Ruhe zu finden. Doch der Text treibt den Leser wieder vor sich her. Eine Anekdote reiht sich an die nächste, Chang beschreibt seine Tätigkeit als Fotograf mit einer guten Portion an Selbstironie, und immer wieder klagt er über die Wirkungslosigkeit seiner Anti-Jet Lag-Medikamente.

Der Text endet mit der Ekstase eines Paars in einem benachbarten Hotelzimmer, und schon brechen die Bilder wieder über den Leser herein, fast alles schwarzweiß, bis auf Boardingpässe und „Nicht stören“-Schilder, hunderte. Bilder menschlicher Gliedmaßen in Hotelbetten, Schlafende, Wachträumende, Tascheninhalte, wie vom Zoll ausgebreitet.

Das letzte Bild zeigt zwei junge Männer, die entspannt über ein Geländer lehnen und in Richtung der Natur schauen. Endlich Ruhe.

„Jet Lag“ ist ein Buch, das ausgehend von der sehr persönlichen Erfahrung des Fotografen Chien Chi Chang die Brücke zu einigen allgemeingütigen Beobachtungen schlägt. Die Hektik, die im Buch zu spüren ist, ist Teil unserer Gesellschaft und findet sich so nicht nur im Umfeld internationaler Flughäfen wieder. Mit der Widmung an seine Familie, „das einzige Heilmittel gegen Jet Lag“, setzt Chang ein Zeichen, wo er seine Prioritäten sieht. Uneingeschränkt empfehlenswert. (th)

Informationen zum Buch

Gebundene Ausgabe: 116 Seiten
Verlag: Hatje Cantz
Größe: 28 x 22,5 cm
Preis: 39,80 €

 

Ausschnitt aus dem Buch "Rochester 585/716"

Rochester 585/716: A Postcards from America Project*

Schon wieder Chien Chi Chang, wenn auch in einer Nebenrolle. 2012 meldete das Traditionsunternehmen Eastman Kodak in den USA Konkurs an. Im selben Jahr noch machten sich 10 Magnum-Fotografen, Jim Goldberg, Bruce Gilden, Susan Meiselas, Martin Parr, Paolo Pellegrin, Alessandra Sanguinetti, Alec Soth, Larry Towell, Alex Web und Donovan Wylie, nach Rochester auf, um dort über einen Zeitraum von 3 Wochen die Stadt, ihre Kultur und ihre Menschen zu dokumentieren.

Chien Chi Chang begleitete das Projekt mit Audio- und Videoaufnahmen. Der Plan für dieses Projekt entstand unabhängig von den Vorgängen bei Kodak, aber es war fast prophetisch zu nennen, dass beides im selben Jahr stattfand.

Von Alex Webb hatten wir in diesem Magazin bereits das Buch „Memory City“ vorgestellt, das seine persönliche Sichtweise auf die Stadt wiedergibt. In „Rochester 585/716“ findet man jetzt in komprimierter Form das Resultat der intensiven Zusammenarbeit der Fotografen mit den Einwohnern, Studenten, und Fakultäten unter anderem des Rochester Institute of Technology.

Martin Parr fungierte als kreativer Kopf der Unternehmung, ursprünglich sollte jeder Fotograf 100 Bilder liefern, die dessen persönliche Sichtweise auf die Stadt wiedergeben sollten. Das Buch zeigt nun 1000 Bilder von insgesamt sogar 16 Fotografen (es kamen weitere Fotografen aus Rochester hinzu), außerdem enthält jedes Buch einen Abzug eines der Bilder. Da die Auflage genau 1000 Stück beträgt, liegt jedem der Bücher ein Unikat bei, eines der 1000 Bilder des Buchs.

Die Eckdaten dieses Buchs scheinen geradezu auf Sammler abzuzielen, Autoren wie Auflage und Sonderdruck sprechen eindeutig dafür. Die Herausforderung für die Macher bestand meiner Ansicht nach darin, die Beiträge der unterschiedlichen Fotografen zu einem funktionierenden Ganzen zusammenzufügen.

Dabei hatte die Sequenz und die Gegenüberstellung der Bilder Vorrang vor einer einfachen Aneinanderreihung der Bilder der einzelnen Fotografen. Erst mit Hilfe von Übersichten gelingt es, die einzelnen Bilder dann eindeutig ihren Fotografen zuzuordnen.

„Rochester 585/716″ ist ein Werk, das alleine auf die Macht der Bilder und ihrer Abfolge vertraut. Die Texte sind Ergänzung, sind für mich aber nicht im Mittelpunkt. Mit diesem Buch setzt Magnum die Reihe „Postcards from America“ fort, die sich zum Ziel setzt, einen aktualisierten Fundus an Bildern zu schaffen, die das zeitgenössische Amerika dokumentieren sollen. „Rochester 585/716“ leistet dazu seinen Beitrag, und setzt der Stadt, die so viel zur Entwicklung der Fotografie beigetragen hat, ein gewichtiges Denkmal. (th)

Informationen zum Buch

Taschenbuch-Ausgabe: 454 Seiten
Verlag: Aperture/Pier 24
Größe: 3,2 x 21,6 x 27,9 cm
Preis: 70,06 €

 

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