08. Juni 2015 Lesezeit: ~4 Minuten

Buchrezension: Anton Corbijn – 1-2-3-4

Bei seinen anhand der Fülle der Bilder und der Länge der Zusammenarbeit erkennbaren Lieblingskünstlern wie REM, Metallica und Depeche Mode ist Anton Corbijn schon seit den 80er Jahren heimliches Bandmitglied. Seine Schwarzweiß-Fotos und sein visueller Stil haben aber auch bei vielen anderen Bands und Solokünstlern maßgeblich das Image und die öffentliche Wahrnehmung über die Musik hinaus geprägt.

Anton Corbijn

Auch wenn das Buch seine gesamte Karriere umspannt und Bilder von sehr vielen unterschiedlichen Musikern aus vier Jahrzehnten zeigt, ist es vor allem der Rock der 90er, der in Anton Corbijns neuem Buch portraitiert und gesammelt wird: Mit massiven 352 Seiten im annähernd quadratischen Format von 30 x 25 cm wirkt „1-2-3-4“* wie eine Bibel, die alle großen Bands enthält, die in dieser Zeit aktiv Musik gemacht haben. Seien es Nirvana, Metallica, REM, Courtney Love, Marilyn Manson, aber auch alte Helden wie Depeche Mode, U2, Tom Waits und die Rolling Stones.

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Anton Corbijn macht es sich dabei nicht einfach mit seinen Bildern; im Gegenteil spielt er oft und gern mit dem Format des klassischen Portraits und verleiht ihm einen surrealen Dreh, der in Kombination mit seinem bekannten Schwarzweiß-Stil den typischen Corbijn-Look ergibt: Er stellt Johnny Cash mit Gitarre neben eine gigantische Steinstatue, setzt den Rolling Stones riesenhafte Turm-Hüte auf, inzensiert Marilyn Manson als Cowboy und Michael Stipe von REM bekommt gleich auf einer ganzen Reihe von Bildern merkwürdige und interessante Accessoires in die Hand und auf den Kopf oder steht nackt in einem ornamentverzierten Brunnen zwischen Statuen.

Anton Corbijn

Am besten ist Corbijn trotz seiner Spielereien und seinem Hang zum leicht entrückten Portrait, wenn er klassisch herangeht: Nick Cave sitzt musizierend am Klavier, Mick Jagger trägt einmal Anzug, einmal Pelzjacke, Tom Waits guckt uns aus einem heruntergekommenen Ledersessel vor einer Holzhütte an, Morrissey wird bei Nacht vor den Stadtlichtern gezeigt. Er schafft es, die Personen so abzubilden, dass man sich in sie als Menschen verliebt, ihren Charakter zu erkennen glaubt.

Was wir als Fotografen von Anton Corbijn und seinen Arbeiten lernen können, das wurde viel diskutiert, wird hier in seiner geballten Sammlung aber noch einmal deutlich: Habe keine Angst vor Schwarzweiß, keine Angst vor harten Kontrasten, solange Deine Bildideen und Deine Subjekte interessant sind. Gibt Deinen Bildern durchaus Ecken und Kanten, mach Experimente, aber konzentriere Dich auch auf das, was Du wirklich zeigen willst.

Anton Corbijn

Natürlich ist „1-2-3-4“ in Summe ein bisschen mehr ein Musik-Band als ein Fotografie- oder ein Kunst-Band und natürlich darf man Corbijn auch kritisieren: Nicht alle der Bilder sind herausragend und die Auswahl der Musiker ist vielleicht doch ein bisschen zu sehr ein Mainstream-Who-Is-Who und vergisst dabei auch wichtige Künstler. Ingesamt ist das Werk mit seinen vielen, vielen großformatigen und interessanten Bildern allerdings nicht nur das wichtigste Buch von Anton Corbijn und unbestreitbar relevant, sondern es ist vielleicht auch eines der essentiellsten Musik-Fotobücher überhaupt.

Wer sich für Musikfotografie auch nur am Rande interessiert, der kommt an Anton Corbijn nicht vorbei. Und wer an Anton Corbijn nicht vorbei kommt, der sollte auch „1-2-3-4“ kennen, denn es ist das definitive Corbijn-Buch.

Informationen zum Buch

„1-2-3-4“ von Anton Corbijn*
Sprache: Englisch
Einband: Gebunden
Seiten: 352
Maße: 30 x 25 cm
Verlag: Prestel
Preis: 69,00 €

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