Frauenportrait im einfallenden Sonnenlicht.
11. November 2014 Lesezeit: ~3 Minuten

Metanoia

Draußen färben sich die Blätter bunt, wehen, fallen, die Blumen am Straßenrand haben längst den Sommer hinter sich gelassen, senken ihre Blüten in Richtung Herbst. Die warmen Tage sind passé und Veränderung liegt in der Luft. Mit den fallenden Blättern beginnen wir, zu erinnern. Und das, was war und sein wird, zu hinterfragen.

Die Idee hinter Metanoia, im philosophischen Sinne bedeutend die Änderung der eigenen Lebensauffassung oder der Gewinn einer neuen Weltsicht, ist der Versuch, jenen aufkommenden Prozess des Aufbruchs und des Umdenkens festzuhalten.

Junge Frau vom Sonnenlicht angestrahlt.

Junge Frau liegt auf einem Teppich und blickt in die Kamera.

Acht junge Frauen, alle unter 20 Jahre alt, die gerade den Aufbruch in eine neue Lebensphase wagen und dabei zwangsläufig in einen losen Zustand des Hin-und-her-gerissen-Seins zwischen zwei Lebensabschnitten geraten. Zwischen Schule und Universität. Zwischen Verinnerlichen und Abschiednehmen. Zwischen Vorstellung und Realität. Zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Sie sind die, die sich lossagen von ihrem sicheren Hafen, einer Stadt, die eine Mischung aus Wohlbefinden und Beengung darstellt. Ein kleiner, vertrauter Kosmos aus einer Handvoll geliebter Menschen, Alltag und Erinnerungen. Sie verlassen all das, für etwas, dessen Umrisse sie nur schleierhaft erahnen können. Doch trotzdem suchen sie das Neue, das Unbekannte.

Eine junge Frau steht vor einem Spiegel in dem sich verschiedene Spiegel und sie selbst immer wieder spiegeln.

Junge Frau auf dem Bett liegend.

Wie diese jungen Frauen befand auch ich mich beim Entstehen des Projekts genau in diesem Prozess. Einer Schwebephase, in der Erinnerungen verblassen und in Fragmente zu zerfallen drohen, während der Blick auf das Neue, auf die Zukunft gerichtet ist. Wenn mir auf diese Weise das Hier und Jetzt entgleitet, berufe ich mich auf die Fotografie, um der Vergänglichkeit des Augenblickes entgegenzutreten.

Für „Metanoia“ portraitierte ich diese jungen Frauen, fast alle aus meinem nahen Umfeld, in ihrem eigenen Zuhause. Denn von Zuhause brechen sie auf, dort werden die Sehnsüchte ihrer Zukunft gesät und dort nährt sich der Boden ihrer Erinnerungen. Kombiniert sind die Fotos mit Gedankenfragmenten von Charlotte Dresen und Marlene Simmig, zwei der portraitierten jungen Frauen, zu Heimat und Aufbruch.

Frau auf einem Dach stehend und in die Ferne sehend.

Eine junge Frau in einem Zimmer reibt sich mit einer Hand das Auge.

Beim Entwickeln des Projekts sagte eine Freundin zu mir, sie fände es toll, dass ich mich auf junge Frauen konzentriere. Sie entdecke immer mehr eine Souveränität unter ihnen, eine Art Verbundenheit und spüre von Zeit zu Zeit immer mehr Bewunderung für einige von ihnen. Genau das spürte ich auch beim Fotografieren.

Denn egal, wie sehr sich die Mädchen unterscheiden mögen, in unseren Gesprächen kehrten wir doch meistens zu den gleichen Gedanken zurück. Ähnliche Ängste, ähnliche Ideen vom späteren Ich, ähnliche Träume, Wünsche, Vorstellungen. Und das, obgleich unserer vielfach so verschiedenen Ausgangspunkte und Ziele.

Portrait einer jungen Frau. Das Gesicht halb im Licht, halb im Schatten.

Junge Frau hinter einer Fensterscheibe.

Bezeichnend ist die Ambivalenz unserer Gefühle. Gleiche Fragen bei den Gedanken an morgen, an das, was kommt. Heute hier, morgen dort. Was passiert dazwischen?

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8 Kommentare

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  1. Sehr schön geschriebener Text! Das Thema von Text und Bildern ist ziemlich Aktuell und gleichzeitig währt es schon ewig. Ich habe einmal ein von der Emotion her ähnliches Projekt gemacht – damals hat mich der Film „Die Reifeprüfung“ dazu inspiriert, in dem es genau um die Emotion geht. Um dieses Hin- und Hergerissen sein.
    Ich denke, dass sich dieser Zustand in Zeiten des Internets auch noch sehr stark weiterentwickelt und ausgedehnt hat, weil wie ständig über alles informiert sind, dass wir nicht haben, aber gern hätten. gleichzeitig aber vergessen zu handeln und nur vor dem Bildschirm sitzen und träumen. Vor einer Weile habe ich einen Blogbeitrag verfasst, der sich mit dem Thema auseinander setzt: http://positiviphy.wordpress.com/2014/09/26/the-one-where-i-feel-really-small-sometimes/

  2. Hallo Paulina,

    dein Artikel gefällt mir gut.
    Vielleicht kennst du sie, sonst kann ich dir nur wärmstens die großartige Rineke Dijkstra empfehlen. Die niederlänische Künstlerin ist u.A. bekannt geworden durch ihre internationalen Strandportraits von Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, oder auch eine spätere Serie die im Berliner Tiergarten entstanden ist und wieder junge Erwachsene dokumentiert. Die Unsicherheit steht ihnen ebenso ins Gesicht geschrieben wie deinen jungen Frauen, auch wenn sie eine völlig andere Herangehensweise an das Thema hat als du hier. (und ihre Arbeiten aus den 90ern rein zeitlich nochmal einer anderen Rezeption bedürfen als eine aktuelle Serie wie deine)
    Einfach mal suchen, findet man sehr viel zu.

    Danke fürs Teilen,
    Anne

  3. „Bezeichnend ist die Ambivalenz unserer Gefühle…“
    Jo, genauso geht es mir bei dem Text und den dazu passenden (?) Bildern auch. Aber vielleicht ist das eine Saches des Alters…

  4. Ich finde ein sehr gelungener, poetisch geschriebener und vor alledem feinfühliger Text. Und tolle Porträts dazu! Gerade mit denen auf deiner Homepage in Verbindung gesetzten Worten.

  5. Die Fotos gefallen mir ausgesprochen gut. Das hätten gerne noch mehr sein dürfen. Sowohl von der Stimmung her, als auch das man ihnen PS nicht sofort ansieht. Sehr schön.

    Was mir nicht gefällt ist der Text. Tut mir leid. Das klingt für mich wie eine Kombination aus Vampir-Romantik und Laienpsychologie. Trefft euch mal mit jungen Frauen in diesem Alter die echte seelische Probleme haben. Mit 19 darf man ambivalente Gefühle haben, weil die Erfahrung fehlt um Gefühlssicherheit erlangt zu haben. Ebenfalls normal ist es durch Ausbildung, Arbeitslosigkeit und Schule ein paar Veränderungen zu erfahren. Da ist es wirklich kein Kunststück Gemeinsamkeiten finden zu wollen. Da muss man nicht einmal Gruppendynamik bemühen.

    Aber was was kommt, kann ich beantworten: arbeiten bis mindestens 70. Überbevölkerung, Klimawandel. Die Liste kann ich noch fortsetzen. Ich bin dann schon längst in der Kiste. Ihr nicht.

    Lass die Bilder sprechen. Das reicht.