17. Juni 2014 Lesezeit: ~5 Minuten

Ein persönlicher Einblick

Kann es in einem Artikel, in dem nicht das Bild im Mittelpunkt steht, überhaupt um Fotografie gehen?

Im Folgenden wirst Du ein paar persönliche Einsichten in meine Art des Fotografierens erhalten. Lehn Dich zurück, gönn Dir noch einen Kaffee und nein, Du musst überhaupt nichts dafür bezahlen, es ist vollkommen umsonst. Los geht’s.

Oft lese und sehe ich, dass sich andere Fotografen durch andere Fotografien inspiriert fühlen. Ob sie diese nun in Büchern, bei Ausstellungen oder im Internet finden, ist hier nebensächlich. Sicher habe ich mich zu so einer Aussage auch schon einmal hinreißen lassen. Sei es aus Langeweile im Kopf, weil man nichts Besseres zu sagen hatte oder durch das Vergessen, dass es eigentlich doch ganz anders ist.

Natürlich ist es nicht verwerflich, sich durch andere Fotografen und ihr Schaffen zu inspirieren oder einfach zu wissen, was es um uns herum schon alles gibt.

Aber in meinem Fall sind sie nicht der Grundstein meines Handelns. Die anderen sind nicht der Grund, warum ich mich für eine Kamera als Werkzeug entschieden habe. Was mich mit all den Fotografen um mich herum verbindet, ist doch lediglich, dass wir alle das gleiche Medium benutzen.

Dieser Gedanke wuchs mit jedem Tag, und je öfter ich las oder erzählt bekam, dass man kürzlich dieses und jenes da oder dort gesehen hätte und es zu jenem oder diesem inspiriert habe, umso mehr spürte ich, dass es hier, in meinem ganz persönlichen Fall, einfach ganz anders war.

Eine Aufsicht von Materialien.

Eine Sammlung an Inspirationsmateralien – durchsichtiges Blatt, Äste, hölzernes Raumschiff

In einem Buch unter einem Stapel anderer Bücher liegen gepresste Blüten vom letzten Sommer. Sie stammen aus dem Hochland Schottlands oder aus dem Wald hinter meinem Elternhaus. Ich sammelte sie am Morgen, am Nachmittag und am Abend, wann immer ich etwas sah, das schön oder anders war.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass meine Eltern Botaniker waren und die Natur für sie aus seltsam klingenden Namen bestand, die ich als Kind kaum auszusprechen vermochte. Und genauso seltsam sollte diese Welt für mich werden.

Auf meinem Schrank türmt sich die Baumrinde. Abgefallen im Frühjahr, nahm ich sie mit, Birkenrinde. Ich erinnere mich an den Spaziergang, an die weißen und fast durchsichtigen Blätter auf dem Boden. Ich erinnere mich an den feinen Nieselregen, der scheinbar aus den Ästen der Bäume ronn und nicht vom Himmel fiel.

Ein Vogelkopf, ein Krabbenpanzer, Muscheln und eine Schnecke.

Hinterlassenschaften vom Leben selbst – Vogelkopf, Krabbenpanzer usw.

Mein Zimmer ist voller toter Dinge. Das klingt erst einmal recht scheußlich, ist es aber nicht. Es sind abgefallene Zeitschuppen. Ich erinnere mich durch sie an die Jahreszeiten, an mein Leben.

Sie sind Hinterbliebene: Die Blüten meines mittlerweile toten Hibiskus, der kleine Vogelschädel, auf den ich im Wald fast getreten wäre, dieses merkwürdige Geäst mit den durchsichtigen Blättern, die ausgehöhlten Krabbenkörper, das ausgewaschene Holz, das uns im Urlaub an ein vergessenes Raumschiff erinnerte, die Muscheln in den seltsamsten Farben, grüne Steine, lustig geformte Sandsteine aus der Wüste und so weiter.

Birkenrinde mit Moos und ein Ästlein mit durchsichtigen Blättern.

Birkenrinde und das klingende, singende Bäumchen

Manchmal sitze ich da und zeichne diese Dinge. Im Urlaub kann ich mich oft stundenlang in einen Perlmuttschneckenkörper verkriechen und alle Einzelheiten mit einem Graphitstift ans Tageslicht zeichnen. Ich habe schon immer gern gezeichnet und irgendwann sogar mal beruflich. Es liegt mir also im Blut, mich mit den Dingen um mich herum lange zu beschäftigen; vor allem, wenn sie schon tot sind.

Aber wenn ich das für mich mal so überblicken und zusammenfassen darf, dann ruht in all dem eine tiefe Faszination für das Leben. Wir haben zwar für viele Dinge Namen gefunden, aber sprich den Namen einer Sache ganz oft hintereinander aus und Du wirst merken, wie seltsam das ist.

Alte und vergilbte Fotografien vom Flohmarkt

Flohmarktgeschichten

Für mich ist das alles immer wieder so unglaublich. Das wir atmen, sprechen und sehen, dass wir lieben und hassen und begehren, dass wir Kriege führen und zu den Sternen reisen können. Dass wir Wüsten durchwandern und auf Berge steigen.

Das alles ist für mich einfach nicht in Worte zu kleiden, aber mit der Kamera hier in meiner Hand kann ich allein oder mit anderen zusammen diese unaussprechlichen Dinge zusammenführen. Für mich sind Bilder Sprache und meine Inspiration ist das Leben selbst und das, was übrig bleibt, wenn das Leben die Dinge verlässt.

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11 Kommentare

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  1. Wow.. einfach nur wow!
    Danke für diesen ausdrucksstarken Artikel, Marit.

    Vor allem der letzte Absatz bietet fast schon eine perfekte Antwort auf die ungestellte Frage, warum man denn eigentlich fotografiert. (Geht mir zumindest so..)

    Danke.

  2. Danke, Marit für diesen wunderbaren und erholsam ehrlichen Artikel, den ich so gut nachempfinden kann! Oft fragte ich mich schon, wie viele doch von anderen Künstlern inspiriert wurden und werden, von ihren Bildern, Werken, und insgeheim dachte ich mir, wieso ist das bei mir nicht so? Was läuft da schief? Nichts. Denn jeder findet seine Inspiration woanders und das ist gut so. Danke für die Erinnerung!

  3. Für mich sieht es so aus, als würden Sie den Bildern die Kraft zusprechen, die Gottfried Benn dem Wort (eigentlich aber der „Form“) zugestanden hat : “ Die Dinge magisch bannen durch das Wort…“ Wenn Sie Lust haben, dann lesen sei einmal das Benn-Gedicht „Ein Wort“. Dort heißt es u.a. ; “ …aus Chiffren steigen, erkannte leben, jäher Sinn….“
    Ich gebe zu, dass diese Analogie etwas gewagt ist, z.B. weil (gegenständliche) Bilder im Gegensatz zu einer Chiffre in ganz anderer Weise analysierbar und interpretierbar sind. Aber wurscht: Immer geht es um: „Ich sehe ‚was, ‚was Du nicht siehst…oder siehst Du es vielleicht auch? “

    Ich finde Ihren / Deinen Beitrag in der bisherigen und „gewohnten“ Beitragslandschaft außerordentlich wichtig und bedaure es zum x-ten Mal, dass die Beiträge nach wenigen Stunden schon wieder in der zweiten Reihe verschwinden. Ihr statement rührt an die fundamentale Frage, warum wir überhaupt etwas abbilden, festhalten und oder gestalten wollen. (Nils hat es ja schon gesagt) Ob mit dem Fotoapparat, dem Zeichenstift oder der Schreibfeder.
    Ach ja, – es könnte so interessant sein…

    • Hallo Andreas,

      danke für deinen Beitrag und deine Gedanken. Gottfried Benn habe ich vor ein paar Jahren auch noch mit glühendem Herzen gelesen. Unser Menschsein besteht scheinbar darin den Dingen Namen zu geben, sie zu begreifen, sie in unser Bewusstsein zu holen und zu analysieren. Sie begreifen. Das können wir mit den unterschiedlichsten Medien. Und mit jedem Sichtbarmachen machen wir uns auch selbst sichtbar und zeigen dem Anderen unser Universum. Kommunikation ist hier das Schlüsselwort.