Verschiedene Personen sind in einem Bild zu sehen. Melanie Einzig, Straßenfotografie.
10. Mai 2014 Lesezeit: ~4 Minuten

Was es bedeutet, Mensch zu sein

Beobachten. Das war schon immer meine Spezialität. Als ich aufwuchs, fühlte ich mich stets ein bisschen distanziert (und außerhalb) von Dingen. Vielleicht war es ein psychologisches Ploblem, vielleicht hatte ich von Geburt an eine Menge Spiegelneuronen und war somit vorherbestimmt, zu beobachten.

Über die Jahre haben die Leute immer wieder kommentiert, dass ich eine ganze Menge „bemerke“. Leute aufmerksam zu betrachten war tatsächlich meine Lieblingsbeschäftigung. Was ich mit meinen Augen aufnahm, war sehr laut. Ich nahm noch nie wirklich viel mit den Ohren auf und war stets schlecht im Zuhören.

© Melanie Einzig

Und so war die Fotografie ein sicherer Weg, näher heranzukommen, ja, mich dem Leben nah zu fühlen. Später wurde das sogar eine Form der Kommunikation für mich. Mittels der Fotografie konnte ich skurril-komplexe Gedanken und Gefühle ausdrücken.

Über die Tradition der Straßenfotografie war ich informiert. Schließlich hatte ich das Buch „Bystander“*, doch ich schien nicht zu realisieren, dass ich in der selben Tradition arbeitete. Das klingt nun etwas komisch, aber so war es wirklich.

Ein Postbote läuft am 11. September die Straße entlang, im Hintergrund brennen die zwei Türme.

Das änderte sich, als ich 2002 Ariel Meyerowitz über meine Freundin und Bildhauerin Zoe Siegel kennenlernte. Ariel zeigte meine Arbeit in einer Ausstellung mit drei weiteren Fotografen, die ebenfalls ungestellte Momente präsentierten.

Das geschah zu einer Zeit, in der inszenierte Narrative in der New Yorker Galerie-Szene besonders populär waren. Kurz darauf lernte ich Ariels Vater, Joel Meyerowitz, kennen. Er und Colin Westerbeck setzten meine Arbeit in die zweite Ausgabe der Bystander Edition. Es war ein Wunder!

Etwas später wurde ich dann eingeladen, Teil von iN-PUBLiC zu werden. Infolgedessen wurde meine Arbeit einem größerem Publikum vorgestellt.

Eine Kassiererin sitzt an der Kasse.

iN-PUBLiC boten mir auch eine Community, da die Form unseres Arbeitens eine einsame ist. Ich bekam zwei neue Freundinnen: Regina Monfort und Genevieve Hafner, mit denen ich ein lustiges Blog betreibe.

Was die Resonanz auf meine Arbeiten betrifft, habe ich Höhen und Tiefen erlebt. Jedoch habe ich nicht mit dem Fotografieren aufgehört, sondern bin unter anderem wie Robert Frank durch die USA gereist. Eines Tages habe ich ihn unterwegs sogar getroffen und ihm erzählt, dass ich wie er einen Road Trip mache. Er küsste meine Hand und wünschte mir Glück.

Einer riesigen Statue steht ein kleiner Mensch gegenüber.

Seither habe ich hart daran gearbeitet, meine Arbeiten von den Trips zu publizieren, hatte jedoch bisher kein Glück. Ich sammle eine ganze Menge Fotos, mit denen ich nichts tue. Digitale Fotografie ist wunderbar und – wie ich glaube – besser für unseren Planeten.

Es wäre grotesk, würde ich noch immer analog fotografieren, weiter massenhaft Chemikalien in die Erde schütten und Plastik anhäufen. Ich bin mir nicht sicher, ob eine Festplatte für die Erde besser ist – aber wenigstens braucht sie weniger Platz in meiner Wohnung. Außerdem hat mir das Digitale viel Geld gespart, obwohl ich gerade so meine Kosten decke.

Ein Mann erklärt einem anderen die Haltung eines Golfschlägers.

Meine Kamera ist immer bei mir, aber ich bin kein Technik- oder Leica-Nerd. Viele meiner Bilder habe ich mit einer Kompaktkamera aufgenommen.

In der Öffentlichkeit zu fotografieren hält mich präsent und aufmerksam. Ich finde menschliche Wesen unendlich geheimnisvoll, manchmal verblüffend und oft witzig.

Ein Mann telefoniert mit der einen und trinkt mit der anderen Hand einen Kaffee, Hände dabei überkreuzt.

Für mich ist Straßenfotografie die Kunst, ziellos herumzuwandern, der eigenen Intuition zu folgen. Intuitiv hier oder dort entlang zu laufen, hier oder da stehen zu bleiben, zusammenzupacken oder weiterzumachen.

Sie steht in enger Relation zu meiner Yoga- und Meditation-Praxis und der Möglichkeit, in das offene Feld der Achtsamkeit einzutreten.

Das Suchen nach Bildern ist oft Teil des Plans, aber meine besten Fotos scheinen mich zu finden. Meistens erscheinen sie auf dem Weg zur Arbeit oder der Post. Wenn ich am liebsten gar michts mehr machen möchte, öffnet sich etwas oder erscheint aus dem Nichts.

Eine Verkäuferin läuft den Strand entlang, ihr Gesicht ist vor lauter Körben nicht zu erkennen.

In Städten herumzuflanieren befreit mich von linearem Denken, eingeschlossenen Gefühlen und den neurotischen Beschäftigungen des modernen Lebens. Meine Hoffnung ist, dass ich ein interessantes Dokument, eine poetische oder historische Aufahme dessen mache, was es bedeutet, Mensch zu sein.

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Dieser Artikel wurde für Euch von Martin Gommel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt.

© Alle Rechte vorbehalten, Melanie Einzig, New York.

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