© Christian Meermann
31. Januar 2014 Lesezeit: ~ 8 Minuten

There’s no key like low key

In der Regel gilt für Fotografen die Regel, dass für ein gutes Foto möglichst gutes Licht gebraucht wird, am besten noch durch Lampen, Blitzgeräte und Reflektoren kontrolliert und gesteuert. Mich interessiert aber oft der diametral entgegengesetzte Zugang: Ich frage mich, mit wie wenig Licht ein Bild auskommen kann.

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Dark is beautiful

Wie dunkel darf ein Bild sein, bevor es als zu dunkel empfunden wird? Trotzdem ist das, was ich betreibe, nicht wirklich Low-Light- oder Low-Key-Fotografie im traditionellen Sinne. Die unbearbeiteten Originalfotos meiner Bilder sehen – was die Belichtung angeht – meistens wie ganz normale Fotos aus.

Die Umwandlung in ein Low-Key-Bild geschieht vollständig bei der Nachbearbeitung am Rechner. Der Hintergrund wird oft völlig schwarz und auch ansonsten dominieren die dunklen Töne. Aber: Ich versuche bei allem Hang zur Dunkelheit stets, wenigstens einen kleinen Teil sehr hell zu belassen. Andernfalls ist schnell der Punkt erreicht, an dem ein Bild zu dunkel erscheint.

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Lioness

Dieses Foto ist in der Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen aufgenommen worden. Das Originalbild ist von mäßiger Qualität, was durch die dicke Glasscheibe bedingt ist, die mich von der Löwin trennte – zum Glück.

Das Tier hatte gerade etwas bemerkt und deshalb von seinem Knochen abgelassen, der wohl seine Mahlzeit für den Tag war. Es schaute und regte sich nicht. Aber dann sah es irgendetwas besonders Interessantes. Der Körper spannte sich ein wenig, der Kopf senkte sich ein wenig und die Löwin wirkte ungemein fokussiert – so, wie es nur Raubkatzen sein können. In diesem Moment drückte ich ab.

Dieses Bild ist mein erstes schwarzweißes Tierportrait vor schwarzem Hintergrund. Die Idee, hier überhaupt in schwarzweiß umzuwandeln, war ursprünglich aus dem Wunsch geboren, dadurch die ziemlich ekligen Blutreste am Maul der Löwin verschwinden zu lassen. Ich hatte noc keine Ahnung, wie faszinierend das Fell der Löwin ohne Farbe aussehen würde.

Die Idee, den Hintergrund zu schwärzen, entstand aus dem Wunsch, den Knochen zu entfernen, der vom unteren Bildrand aus ins Bild lugte. Das Schwärzen des Hintergrundes erledigte ich damals mit Kontrollpunkten in Nik Silver Efex sowie mit einem einem ganz weichen Nachbelichten-Pinsel in Apple Aperture.

Auf diese Weise blieben die Haare beim Schwärzen erhalten. Um eine völlige Schwärzung des Hintergrundes zu erreichen, musste ich den Pinsel mehrfach anwenden. Dieses Verfahren ist zwar je nach Motiv ziemlich viel Arbeit, jedoch bietet es eine ziemlich genaue Kontrolle, besonders, wenn man den Pinsel nur auf die dunkle Töne anwendet.

Diese Form der Nachbearbeitung eignet sich hervorragend dazu, Fellstrukturen nicht nur hervorzuheben, sondern überhaupt erst als interessantes Motiv sichtbar zu machen. Mal ehrlich: Wer achtet beim Originalfoto schon auf das Fell? Ich jedenfalls nicht. Außerdem wird der intensive Blick des Tieres hervorgehoben. Auf diese Wiese wird aus einem eigentlich ziemlich langweiligen und belanglosen Profilfoto ein spannendes Tierportrait.

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Minimalismus – Stepping Down

Echte Künstler haben schon vor dem Beginn der Arbeit eine Vorstellung davon, wie das fertige Produkt am Ende aussehen soll. Previsualization nennt man das auf Englisch. Bei der Tierfotografie ist dies fast immer ausgeschlossen. Wer kann schon sagen, was ein Tier als Nächstes macht – wohin es sich dreht, wie es schaut, ob es noch etwas länger stillhält.

Als Tierfotograf nimmt man, was man bekommen kann und ist dabei nicht wählerisch. Was aus den Fotos wird, entscheidet sich oft erst bei der Nachbearbeitung am Rechner, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich beim Fotografieren im Zoo oft gar nicht abschätzen lässt, inwiefern sich die zahlreichen Störfaktoren, die Zoos so mit sich bringen, überhaupt entfernen oder ausgleichen lassen.

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Dieses Foto ist eines der ganz wenigen, bei denen ich schon beim Abdrücken wusste, wie es aussehen sollte. Die Glasscheibe war sehr blind bzw. schmutzig und würde viele Details verschlucken. Die Sonne stand sehr ungünstig und schien außerdem sehr grell, so dass sie sehr helle Glanzlichter auf dem Fell des Gorillas erzeugte. Außerdem hatte sich der Gorilla von mir abgewandt.

Aber weil es mir schon beim Fotografieren dieses Mal nur auf die Umrisse des Tieres ankam, drückte ich trotzdem ab. Ursprünglich war der Arbeitstitel des Fotos beim Abdrücken „A Shoulder To Cry/Lean on“. Nachdem das Bild fertig war, sah mir der Gorilla aber eher aus wie ein geschlagener Boxer, der den Ring verlässt, oder wie ein abgewählter Politiker, der sich, nunmehr bedeutungslos, von seinem Publikum abwendet.

So taufte ich das Bild letztlich „Stepping Down“ und benutzte es auf Flickr, um auf die Bedrohung der Tiere in der freien Wildbahn durch den Menschen aufmerksam zu machen. Es war außerdem das erste in einer kleinen Serie weiterer Stepping-Down-Fotos, die andere, ebenfalls bedrohte Tiere in Posen zeigt, in denen sie besiegt, geschlagen, mut- und kraftlos aussehen.

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Simuliertes Licht – Watusi On Black

Um Tierportraits interessanter zu machen, muss man sie manchmal ein wenig aufpeppen – zum Beispiel, indem man bei der Nachbearbeitung eine Beleuchtungssituation nachempfindet, die eigentlich gar nicht gegeben war. Auf diese Weise löst man auch ein ganz anderes Problem, das sich durch die völlige Schwärzung des Hintergrundes ergibt: Scharf freigestellte Umrisse vor schwarzem Hintergrund wirken oft eher unrealistisch, wie ausgeschnitten und aufgeklebt. Als Beispiel für einen solchen Fall mag das Foto „Watusi On Black“ dienen. Hier zunächst das unbearbeitete Original:


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Im nächsten Schritt übergab ich das Bild an Silver Efex Pro für die Umwandlung nach schwarzweiß und die anfängliche Abdunkelung des Hintergrundes.

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Danach benutzte ich den Nachbelichten- sowie den Kurven-Pinsel in Apple Aperture für die vollständige Schwärzung des Hintergrundes. 


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Dieses Bild ging nun wieder an Silver Efex, das mittels seiner Kontrollpunkttechnologie unvergleichlich weiche Übergange von vollständig schwarzen zu belichteten Bereichen schaffen kann. Durch das Hinzufügen von Schattenbereichen wurde hier eine Belichtungssituation geschaffen, die das Bild gleich deutlich realistischer und interessanter wirken lässt:

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A Spoonfull of Colour

Ich bin ein ausgesprochener Anhänger des Colour Keying, auch wenn mir klar ist, dass viele Fotografen eine fast schon dogmatisch anmutende Ablehnung gegenüber dieser Technik hegen. Dies mag daran liegen, dass sie allzu oft auf ziemlich grässliche Weise missbraucht worden ist.

Im richtigen Maß – und vor allen Dingen: subtil – eingesetzt, kann ein farbiger Akzent ein Schwarzweißbild ungemein aufwerten. Bei monochromen Tierportraits sind es zumeist die Augen, die ein wenig Farbe sehr gut vertragen und zwar besonders dann, wenn diese Augen den Betrachter gezielt anschauen, also quasi ein Blickkontakt besteht.

Dafür hier drei Beispiele ohne weitere Kommentare, wohl aber mit der Absicht, eine legitime und faszinierende Ausdrucksform der Fotobearbeitung vor ihrer unverdienten Ächtung zu bewahren.

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There’s no key like low key.
Dark is beautiful.

Diese beiden Sätze sind mir ein Motto bei meiner fotografischen Arbeit. In Zukunft möchte ich mir irgendwann ein Makroobjektiv anschaffen und mich in diesem Gebiet versuchen. Fast allen meinen Tierfotos ist ohnehin gemein, dass sie möglichst „nah ran“ wollen.

Der Schritt zur Makrofotografie liegt demnach auf der Hand. Die meisten Blüten- und Insektenmakros im Netz sind allerbestens ausgeleuchtet. Es gibt also noch allerhand zu tun, wenn es darum geht, die dunkle Seite dieses Genres zu erforschen.

Im Sommer werde ich eine Woche lang den Hadrian’s Wall entlang wandern und dabei hoffentlich ein paar schöne Landschaftsaufnahmen mitnehmen können. Ohne die Gelegenheiten schon jetzt zu kennen, die sich auf diesem Weg vielleicht auftun, ist jetzt schon eines sicher: Es werden sicher auch einige Low-Key-Schwarzweißfotos dabei sein.

Die beiden Sätze sind aber auch ein Plädoyer an andere FotografInnen, sich der Dunkelheit anzunähern und sie als kreatives Betätigungsfeld zu erkunden.

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45 Kommentare

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  1. Hallo Christian, deine Bilder und der Artikel sind sehr inspirierend. Ich habe auch einen Faible für diese dunklen Bilder, weil sie auf das Wesentliche reduzieren. Ich habe irgendwann eine kleine Serie in meinem Garten erstellt http://www.lichtbildwerkerin.de/p805882680 und mir ging es da wie dir, ich sah auch schon vor der Aufnahme, wie die Bilder am Ende aussehen würden. Auf die Idee, dies bei Aufnahmen von Tieren umzusetzen, bin ich bisher nicht gekommen, aber nun habe ich deine Bilder im Kopf :-).
    Color Key passt , wenn es so unaufdringlich angewendet wird, sehr gut ! Und dogmatische Haltungen sollten in der Kunst eh keinen Platz haben. LG, Conny

  2. Wow. Deine Art der Tierfotografie finde ich sehr beeindruckend. Besonders die reinen schwarz-weiss Bilder sind äusserst gelungen. Ich mag, wie reduziert und dadurch fast abstrakt die Tierportraits wirken.

      • Wo der Mehrwert eines Objekts am PC entsteht, geht das bei mir unter Digitalkunst. Ist übrigens überhaupt nicht abwertend gemeint.

      • … na dann wären es selbstverständlich “ehrliche”, “natürliche”, “echte”, “warme” Fotos! (Was auch immer damit gemeint sein soll …)

        Mir gefallen die Bilder mal abgesehen von den Bildern mit “Colour Keying” ganz gut. Allerdings sind mir diese Art von Portraits von Tieren – sei es mit Low- oder High-Key – schon sehr häufig begegnet.

        Hier z.B. High-Key auf sehr hohem Niveau von Andrew Zuckerman: http://creaturebook.com/

    • Alles kann, nichts muss. Wer sagt, dass die Fotografie höherwertig ist als die Bildbearbeitung? Wichtig ist in meinen Augen, dass letztendlich genau das Bild heraus kommt, dass Christian vorher im Kopf gehabt hat. Auf welche Weise er sein Ziel erreicht, ist in meinen Augen völlig unerheblich und wenn dann die Ergebnisse letztendlich sogar die Betrachter überzeugen, ist doch alles wunderbar. :-)

  3. Ein sehr interresanter Artikel zu einfach grandiosen Fotos! Vielen Dank auch für den Einblick in die vorgehensweise bei dem Watusi. Das würden sicher viele für sich behalten.

    Im ganzen ein sehr inspirierender Artikel.

    Danke für einen guten Start ins Wochenende!

  4. Hallo Christian,

    vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht.
    Mich haben solche Bilder schon oft in den Bann gezogen, habe mich aber nie weiter beschäftigt. Das sollte man wohl ändern :-)

    VG
    Manuela

  5. Das sind so ziemlich die beeindruckendsten Schwarz/Weiß Tierfotos die ich seit langem gesehen habe. Danke auch vor allem für den imposanten Vorher/Nachher Vergleich. Da würde mich tatsächlich mal ein Video-Tutorial interessieren.
    Ich hoffe auf dem flickr Profil dann demnächst Bilder der Waldwanderung zu finden:)

  6. Hallo Christian,

    vielen Dank für diese ausdruckstarken Bilder. Als SW-Fan liebe ich solche Darstellungen. Ich kann mich deiner Meinung zu Color Keying nur anschließen. Das Bild des Gorillas zieht mich in den Bann. Alleine bei diesem Bild könnte ich Stunden verweilen. Vielleicht sollte ich es auch mal damit versuchen.

    LG
    Günther

      • Lustige Idee? Wenn man Fotos produziert mit einer klaren Vorstellung, wie sie am Ende aussehen sollen und diese dann so aus der Kamera kommen, dann ist das eine lustige Idee? Da muss ich wohl meine Vorstellung von Fotografie noch ein wenig überarbeiten und mehr mit Photoshop arbeiten. Nichts gegen Photoshop und nichts gegen Deine Bilder, Color Key ist halt echt schon ein wenig ausgelutscht, wobei es mir bei manchen Deiner Bilder sehr gut gefällt, weil es die Aussage angenehm unterstreicht.
        Es war keine Rede davon, das in einem Löwenkäfig zu probieren, wobei die Gefährlichkeit eines Pferdes nicht unterschätzt werden darf. Ich möchte nicht von 600+kg Fluchttier überrannt werden.
        Nun ja, “tolle Bilder, sollte ich auch mal überlegen…” das sind die Kommentare, die sich kwerfeldein wünscht…nun denn; Dr. Heinemann, übernehmen Sie!

  7. Wow! Ganz großes Fotokino. Gefällt mir wirklich sehr gut sowohl der Artikel wie auch die Bilder dazu.
    Ich werde mich auf jeden Fall auch mal auf diesem Gebiet versuchen.

    Vielen Dank und lieben Gruß
    Chris

  8. Also beim Absatz mit der Previsualization und den “echten Künstlern” musste ich kurz schlucken. Denn der Tierfotograf muss keinesfalls meistens nehmen, was er bekommt, der Zoofotograf dagegen schon. Wir hatten hier ja auch schon Berichte von Fotografen, die sich dem Leben der Tiere angenähert haben und halt so lange gewartet haben, bis sie bekommen haben, was sie auch wollten. Ein Tierfotograf entscheidet eben nicht anschließend erst am Rechner, was aus dem Foto wird.

    Deswegen fielen mir die Fotos von Alexander von Reiswitz ein, der Tiere wie Menschen inszeniert und ablichtet und dabei beeindruckende Portraits entstehen lässt:

    http://www.lumas.de/artist/alexander_von_reiswitz/

  9. – die reduzierung auf das Wesentliche ist wunderschoen umgesetzt
    – viele Dank, dass Du uns die Zeit fuer ein kleines making-of mit dem Weg zum Ergebnis geschenkt hast.
    Danke,

    Philipp

  10. Hammer Fotos wie ich finde. Eins sehr gutes Beispiel um aus eher langweiligen Bildern echte Kunstwerke zu machen. Das werde ich auf jeden Fall auch mal ausprobieren. Danke für den tollen Artikel.

  11. Wow, die Bilser sind unwahrscheinlich toll. Sie haben eine unglaubliche Wirkung. Toll, finde ich auch, dass du uns in deine Geheimnisse einweihst.

    Vielen Dank für diesen besonderen Beitrag.

    Viele Grüße Jürgen

  12. Sehr schöner Artikel und wirklich gelungene Fotos. Gerne hätte ich mehr vorher/nachher-Bilder, da ich dabei begeistert war, was Du aus dem Bild herausgeholt hast. Danke auch für den Verrat des Geheimnisses der Nachverarbeitung und der verwendeten Software.

  13. Das Macht macht einen guten Fotografen aus!

    Seinen eigenen Stil finden und die Bilder so authentisch wie möglich zu gestalten.
    Du machst das was du findest sieht gut aus und das macht deine Bilder zu deinen Bildern!

    Starke Sache!

  14. Blogartikel dazu: 4 + 1 Fotothemen zum Wochenende 5. Woche 2014 | blog.tbfw.de – Das Fotoblog

  15. Blogartikel dazu: Links vom Rhein, 3. Februar 2014 | Hendryk Schäfer

  16. Blogartikel dazu: Die Evolution des Tigers | docarzt's Linsengericht

  17. Blogartikel dazu: Die 50mm Reise #6/52 | [ʃchm'æpl.de]

  18. Blogartikel dazu: Die Evolution des Tigers - Reisezoom.com