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08. November 2013 Lesezeit: ~4 Minuten

Kollision entscheidender Augenblicke

„The Corners“ – Ein fotografisches Archiv-Projekt in East London. 2009 – heute

Über die letzten 30 Jahre, in denen ich das östliche Ende Londons fotografierte, war eine konstante Herausforderung, den mir bekannten Teil der Stadt aus einer neuen Perspektive zu sehen. Nahezu meine gesamte Arbeit bezieht sich auf menschenlose Stadtlandschaften. Meine Serie re_shoots zeigt Sozialwohnungen, Shops, verlassene Krankenhäuser und Hilfs-Initiativen.

Mein älterer Bruder, der auch Fotograf ist, schaute sich vor ein paar Jahren meine Bilder an und stellte die Frage, warum es in meinen Bildern keine Menschen gibt. Das führte mich dazu, über ein allumfassendes Bild nachzudenken: Formal und architektonisch in der Struktur, aber mit Elementen, die eine Geschichte andeuten. Ein Genre-Mix.

Laburnam Street (2011) © Chris Dorley-Brown

2009 fing ich an, eine Serie von Bildern in den Straßen zu fotografieren, in denen meine Vorfahren mütter- und väterlicherseits über die letzten 200 Jahre gelebt hatten. Die Fotos wahren eigentlich dazu gedacht, mir bei der Familienforschung zu helfen. Der kulturelle und ökonomische Hintergrund wurde teilweise durch Volkszählungs-Dokumente aus dem Internet deutlich.

Meine Familie stammt aus Irland, Suffolk und Frankreich. Suizidale Hafenarbeiter, hugenottische Weber, hart arbeitende Witwen und verstoßene Söhne haben seither mein Unterbewusstsein eingenommen und mir geholfen, meine DNA zu verstehen. Meine Vorfahren können mich leider nicht mehr beraten – und würden auch nicht darüber reden wollen, wenn sie noch da wären.

Tyssen Road (2010) © Chris Dorley-Brown

Die Dokumente aus dem Netz verraten, wie die Immigranten langsam ihren Lebensraum innerhalb des östlichen Endes veränderten und wie ihr Wohlstand im Zusammenhang mit ökonomischen und sozialen Entwicklungen zu- oder abnahm. Als ich nun 150 Jahre später an den Straßenecken stand, verschob sich meine Neugier von den (manchmal noch stehenden) Gebäuden hin zu den laufenden, Rad oder Auto fahrenden Leuten.

Namenlose, anonyme Figuren, bewegliche Teile der endlosen Choregrafie der sozialen Beweglichkeit. Um diese Zeit sah ich auch die Fernsehserie „The Wire“. Jede Szene war wie ein ein kleines Gemälde, wunderschön komponiert und aufgebaut, sehr sinnbildlich.

Tyre dump (2009) © Chris Dorley-Brown

Und irgendwie löste das eine Verbindung zu meiner Arbeit aus, denn die meiste Action in der Serie findet an Straßenecken statt – und das war eine großartige Metapher: Der Knotenpunkt und Ort der Kollision unbekannter Größen.

Außerdem schaute ich mir wieder ein Gemälde des amerikanischen Hyperrealisten Richard Estes aus dem Jahr 1974 mit dem Titel Sumpreme Hardware an. Ich hatte es in einem Buch Jahre zuvor bei einem Freund gesehen und war von der Qualität des Lichtes und den Details dieser profanen Straßenszene wie weggeblasen. Das Bild wurde für mich zu einer Art Prüfstein während des Fotografierens der Straßenecken.

Walford Road (2010) © Chris Dorley-Brown

Ich wollte unbedingt wissen, ob das klamm-kalte Licht von Londons Straßen mit unspektakulärer Architektur und alltäglichen Szenen wirken würde. Die Bilder sind auf den ersten Blick konventionelle, urbane Schnappschüsse, die jedoch ein komplexes und detailliertes Portrait des modernen Stadtlebens darstellen.

Jedes Bild ist konstruiert und zusammengesetzt aus bis zu 60 unterschiedlichen digitalen Fotografien: Dem Hintergrund, einer komponierten Architektur-Studie und mit Menschen gefüllt von einer Matrix unterschiedlicher „entscheidender Augenblicke“. Die Fotos fangen die Aktivitäten einer Zeit von mehreren Stunden ein. Das Ergebnis ist beinahe filmisch.

Tudor Grove (2010) © Chris Dorley-Brown

Das Compositing (diese Art, zu arbeiten) half mir, mit Ideen innerhalb des Bildes zu spielen; doch was viel wichtiger ist: Es befähigte mich, jedem Individuum Zeit und Raum zu geben, um hineinzukommen und somit jede Person bedeutender, ja, signifikanter erscheinen zu lassen.

Paul Graham sagte einmal irgendwo in einem Interview, dass die Menschen in seinen Bildern „Ziffern“ wären. Mir gefiel die Idee, dass Menschen in Straßenaufnahmen auf eine Art Schauspieler sind, die ihre Rolle als Teile der menschlichen Art spielen und ihre spezifische Identität dabei unwichtig ist.

Für mich war es zufriedenstellend, die Disziplinen der Architektur- und mileubezogenen Fotografie zu kombinieren, dabei jedoch innerhalb der dokumentarischen Tradition zu bleiben.

Dieser Artikel wurde von Martin Gommel aus dem Englischen übersetzt.

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4 Kommentare

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  1. Innerhalb der dokumentarischen Tradition mit Bildern, die konstruiert sind und zusammengesetzt aus bis zu 60 unterschiedlichen digitalen Fotografien: hmm… Ansonsten durchaus sehenswerte Bilder, wenn gleich die Nähe zu Google Street View da ist.

  2. Stark! Erstens, weil ich London großartig finde und zweitens, weil ich schon beim zweiten oder dritten Bild das Gefühl hatte, hier stimmt was nicht. Irgendwie vage, aber für Street war es zu durchkomponiert. Gestellt wirkte es aber auch nicht. Als er dann erklärte, dass es Composings sind, habe ich die Bilder noch einmal betrachtet und in einem ganz anderen Licht gesehen. Tolle Arbeit, danke für den Beitrag!